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Auf Trophäen­jagd im Museum

Manche Kunstwerke sind so beliebt, dass sie in ihrem Ruhm beinahe untergehen. Wie jetzt ein sehr teures Gemälde von Gustav Klimt.

Von Kia Vahland, 25.11.2025

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Wie geht es der Kunst? Nun, an Bewundernden mangelt es ihr nicht. Die Leute stürzen in die Museen – und leider immer öfter auch in die dortigen Kunstwerke. Unfälle in Ausstellungs­sälen nehmen zu.

Ab und an sind es Kinder, die ihre Glied­massen noch nicht im Griff haben. Viele Tollpatsche aber sind erwachsene Bilder­jägerinnen, die mit ihren Handys unbedingt einem Gemälde, einer Statue, einem ausgestellten Objekt auf die Leinwand oder die Marmor­haut rücken müssen, und zwar im Rückwärts­gang, damit das eigene Gesicht mit auf dem Foto ist. Das sieht oft aus, als wollten die Menschen sich die Werke körperlich aneignen. Was an einen geradezu kannibalistischen Akt erinnert: Das Gegenüber, hier ein Kunstwerk, wird sich symbolisch einverleibt, um die fremden Energien zu absorbieren. Und dann damit anzugeben: Seht her, ich war da. Mona Lisa and me.

Doch die Zeiten, in denen man Kunstwerke berühren, ja umarmen und küssen durfte, sind vorbei; Museen wollen und sollen ihre Schützlinge bewahren und nicht verbrauchen. Und sie müssen abwägen, wie sie den Zauber des Originals zelebrieren.

Einerseits will niemand zurück zum Museum als Trutzburg von und für Connaisseurs. Also müssen Fotos als Andenken grundsätzlich erlaubt sein, wenn auch nicht von ganz Nahem und nur ohne Blitz. Schliesslich generiert jedes gepostete Selfie weitere Aufmerksamkeit für ein Haus.

Andererseits ist es nicht Sinn der Sache, dass sich am Ende mehr Kamera­linsen als Augen­paare auf ein Werk richten und kaum noch jemand die Musse aufbringt, hinzuschauen. Was eben heisst: zu verweilen, verschiedene Malschichten auszumachen, Farbverläufe zu studieren, sich in Kompositionen hinein­zuversetzen und Unsicherheiten auszuhalten.

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Grosse Kunst stellt grosse politische und persönliche Fragen. Und bewegt damit die Menschen zu allen Zeiten. In ihrer Kolumne erzählt die Kunst­historikerin und Autorin Kia Vahland von der Aktualität ausgewählter Meisterwerke. Einmal im Monat jeweils am Dienstag.

Es wirkt, als bräuchte die so bild­gesättigte Gegenwart Vehikel, um den Kontakt aufzunehmen mit den Bild­welten der Vergangenheit.

Manchmal leistet ein Popstar Nachhilfe wie jüngst Taylor Swift, die das Schicksal von Shakespeares Ophelia (und ihr eigenes) besang und in ihrem Video zum Song ein Gemälde aus dem Museum Wiesbaden adaptierte. Nun freut sich das Museum über sehr viele swifties, die ihre Kenntnisse vor Ort vertiefen möchten. Oder ein paar Selfies brauchen.

Viele Werke wären sehr teuer, stünden sie zum Verkauf. Das verführt dazu, materiellen und ideellen Wert zu verwechseln. Statuen, Zeichnungen, Gemälde, auch Videos und manche Performances unterscheiden sich ganz grund­sätzlich von anderen Dingen, die man für denselben Preis erstehen kann, wie etwa Häuser, Jachten oder Autos.

Denn zum einen sind Werke der Kunst gar nicht oder nur sehr begrenzt reproduzierbar, weil die Schaffens­kraft ihrer Schöpferin nun einmal endlich ist, spätestens mit dem Tod. Zum anderen suggerieren gute Kunst­werke etwas Unverwechselbares, Individuelles und beinah schon Beseeltes, sodass Betrachtende tatsächlich mit ihnen in Austausch treten können – auch wenn natürlich jeder weiss, dass ein Gemälde, eine Fotografie, eine Skulptur nicht lebt. Diese Art des stummen Dialogs bieten ein neues Paar Schuhe oder ein Motorrad nicht.

Wo aber ein Dialog ist, kann nicht nur eine Seite die Regeln bestimmen. In der Renaissance waren etliche Meister stolz darauf, dass ihre Stücke etwas Unverfügbares ausstrahlen. Der Besteller eines erotischen Gemäldes etwa mag sich dem Kunst­wesen lustvoll nähern, doch dann weist das Bild ihn zurück, weil die Malerei sich aus der Nähe betrachtet in Tupfer auflöst oder weil ein gemalter Unterarm sich wie eine Barriere zwischen Mensch und Figur schiebt.

Gute Kunst lässt sich nie wirklich besitzen, auch wenn das rechtlich der Fall sein mag. Sie ist ja in der Regel nicht für den einen Menschen da, der sie bezahlt hat, sondern soll über viele Generationen wirken. Wer ein wichtiges Werk in seiner Obhut hat, übernimmt damit eine Verantwortung, die über die eigene Person und die eigene Zeit hinausgeht.

Wenn nun, im Spät­kapitalismus nicht verwunderlich, der Trophäen­charakter der Werke immer selbst­verständlicher ins Zentrum der Betrachtung rückt, dann werden auch Kunst­verbrechen anders bewertet als andere Verbrechen. Eine Trick­betrügerin oder jemand, der Kreditkarten­informationen stiehlt, wird kaum so viele Interviews geben dürfen wie Wolfgang Beltracchi, der jahrelang Meister­werke fälschte.

Selbst Verbrechen wie die zunehmenden Überfälle auf schlecht gesicherte Museen werden vom Publikum schnell ins Elegisch-Literarische gezogen. Und dies, obwohl doch oft der Schaden für das kulturelle Erbe bleibt, weil zwar manchmal Einbrecher gefunden werden, selten aber die entwendeten fein verarbeiteten Gold- und Juwelen­schätze, die natürlich viel mehr wert sind als ihr blosses Material. Nach dem jüngsten Raub im Pariser Louvre interessierte in den sozialen Netz­werken vor allem ein gut angezogener junger Mann, der bei der Polizei am Rand stand und aussah wie ein Detektiv oder ein betuchter Gauner aus alten Filmen. Er war aber nur ein Hut tragender Schüler, der mit seiner Mutter den Louvre besuchen wollte.

Die allermeisten Menschen können sich nicht auf den hochpreisigeren Auktionen mit Wand­schmuck eindecken. Erst recht geben sie keine Diebstähle in Auftrag. Ihre Trophäen sind – neben den Selfies – Merchandising-Beutestücke aus dem Museums­shop, und wenn sie besonders interessiert sind, die Angebote von Galerien, Kunst­vereinen, Messen und mittel­ständischen Auktions­häusern. Überall dort können Durchschnitts­verdienende bezahlbare Kunst erstehen.

Wird dann einmal ein Werk für eine mehrstellige Millionen­summe versteigert, ist der erste Reflex oft: so eine Verschwendung. Was hätte man mit dem Geld nicht alles Gutes tun können, Hungernden helfen, Bäume retten, Kriegs­flüchtlinge versorgen. Das ist richtig. Die Empörten übersehen aber, dass man mit dem Geld auch sehr viel mehr Unfug hätte anstellen können. Böden versiegeln für Einkaufs­zentren etwa, klima­schädliche Kreuz­fahrten unternehmen, noch mehr Urwald roden, Rechts­radikale finanzieren. Da ist das Geld besser in kunstvoll arrangierter Farbe auf Leinwand angelegt, auch wenn die meisten von uns sich mit sehr viel kleineren Trophäen begnügen müssen als einem Original Pablo Picassos oder Maurizio Cattelans.

«Bildnis Elisabeth Lederer» von Gustav Klimt. Privatsammlung/Sotheby’s

In der vergangenen Woche feierte das Auktions­haus Sotheby’s in New York einen Rekord: Ein Frauen­porträt Gustav Klimts aus den 1910er-Jahren hatte mit Gebühren 236,4 Millionen Dollar erbracht (wer den Zuschlag erhielt, ist noch nicht bekannt). Es ist damit das zweit­teuerste je versteigerte Gemälde. Das teuerste hat keinen guten Ruf, es handelt sich um einen «Salvator Mundi», der angeblich von Leonardo da Vinci stammen soll. Dagegen spricht aber kunst­historisch so viel, dass der Preis von 450,3 Millionen Dollar nur als Beschwörung zu verstehen ist: Was so teuer ist, muss doch aus Leonardos eigener Hand stammen.

Diese Umkehr von Ursache und Wirkung spielt beim Klimt-Gemälde keine Rolle. Zu sehen ist die Industriellen­tochter Elisabeth Lederer. Die Provenienz ist exzellent. Die Kontakte zwischen der Auftraggeber­familie und dem Maler waren so eng, dass das Modell während der NS-Zeit mit der Notlüge durchkam, ihr biologischer Vater sei Gustav Klimt und nicht der jüdische Unternehmer, der sie mit seiner ebenfalls jüdischen Frau gross­gezogen hatte.

Zuletzt besass das Werk der Sammler Leonard Lauder, und das rechtmässig, denn das Gemälde war zwar von den Nazis enteignet worden, wurde aber schon 1948 an die Familie des Modells zurück­gegeben, die es später verkaufte. Es ist also kein strittiges Werk, auf ihm lasten weder offene Restitutions­ansprüche noch der Verdacht einer Fehl­zuschreibung oder Fälschung.

Warum aber ist gerade dieses Gemälde im Jahr 2025 unter allen Trophäen die wertvollste?

Dabei ist etwas Zufall im Spiel: Gerade dieses Bild war eben jetzt verfügbar. Andere Gemälde Klimts sind wilder, elaborierter und fangen das Selbst­quälerische der Wiener Moderne besser ein. Darunter befinden sich viele Frauen­porträts, etwa «Adele Bloch-Bauer I», ein Stück, das Lauders Bruder Ronald im Jahr 2006 für vergleichs­weise günstige 135 Millionen Dollar erwerben konnte.

Die Figur Bloch-Bauers schwelgt in goldenem Ornament und verknotet dann doch die Finger: Leidenschaft und Konvention treten in Widerstreit. Im Vergleich dazu wirkt das Gemälde Elisabeth Lederers ruhig. Zwar knickt die Figur in der Hüfte ein, steht etwas unsicher auf Stöckel­schuhen und greift unbeholfen nach ihrem Rock, doch richtet sich ihr Blick frontal auf die Betrachtenden. Ihr ornamentales, fast schon fliegendes Gewand, auch der mit asiatischen Figuren geschmückte Wand­behang geben der jungen Frau Aufwind. Der Körper ist noch in den alten Konventionen verhaftet, der Kopf aber richtet sich schon frei und stolz auf.

Mit einer solch stimmigen Komposition machte der Maler sich keine Feindinnen. Während er früher noch oft dem Mythos der Femme fatale erlag, gesteht er seiner Frauen­figur nun viel Eigensinn zu. Damit stellt er sich in die europäische Tradition, die im Bild einer schönen Frau den Beweis höchster Malkunst sieht.

Und auch heute verstört wenig an dem Gemälde. Das Ornamentale funktioniert kultur­übergreifend; asiatische oder arabische Sammler schätzen diese Bild­sprache ebenso wie europäische und amerikanische.

Der Markt hat sich zudem beruhigt: Es gibt Geld, das angelegt werden muss, und zwar in Werte, die einzigartig und beständig sind sowie am besten auch mobil, für den Fall von politischen Krisen.

Klimts Kunst ist derweil, auch durch geschicktes Marketing der Stadt Wien, zur Weltmarke aufgestiegen. Sie verkörpert zugleich den vermeintlichen Glanz der Moderne im frühen 20. Jahrhundert wie auch deren Zerrissenheit. Es war schliesslich Klimt, der, wie der Historiker Carl E. Schorske heraus­gearbeitet hat, das rebellische Lebens­gefühl der Generation Sigmund Freuds visualisierte. Hier tobt sich neben einem starken Ich auch ein farben­reiches Es aus. Die Brüche des Jahrhunderts deuten sich vor und im Ersten Weltkrieg schon an, aber Klimt findet immer noch Formen, die auch schwierige Affekte zum Ausdruck bringen und diese am Ende einhegen.

Dies als Kitsch abzutun, wäre ein grober Irrtum. Es ist Gestaltung in unruhigen Zeiten, der künstlerische Versuch, Innen- und Aussenwelt in Einklang zu bringen.

Oftmals sind es ja die tatsächlich grossen Malenden der Vergangenheit, deren Werke bis heute beliebt sind – so auch Frida Kahlo, deren Gemälde «El sueño (La cama)» gerade für 54,7 Millionen Dollar unter den Hammer kam, als bisher teuerstes verauktioniertes Gemälde einer Frau (der Gender-Pay-Gap ist auch hier frappierend).

Bloss kommt der Ruhm manchmal eben aus den falschen Gründen.

Wenn irgendwann Kunst nur noch der Trophäen­jagd dient, wird in Vergessenheit geraten, was ihre Schöpferinnen einst antrieb und was sie über alle Zeiten hinweg mitzuteilen haben.

Literatur

Tobias G. Natter u. a. (Hg.): «Klimt und die Frauen». DuMont, Köln 2000 (antiquarisch).

Carl E. Schorske: «Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle». S. Fischer, Frankfurt am Main 1982 (antiquarisch).

Hito Steyerl: «Duty Free Art». Verso Verlag, London / New York 2017.

Wolfgang Ullrich: «Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie». Wagenbach, Berlin 2022.

Illustration: Alex Solman

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