Die gigantische Reform, die keine wird
Die nächste Agrarreform sollte den Landwirten den Weg ins Jahr 2050 weisen. Davon übrig geblieben ist fast nichts. Was ist passiert?
Von Angelika Hardegger, 24.11.2025

Die Agrarpolitik ist Traum und Trauma der Bauern, ihr ausformulierter Vertrag mit dem Staat. 2,8 Milliarden Franken erhalten sie jedes Jahr, das waren im Jahr 2024 durchschnittlich um die 82’000 Franken pro Betrieb. Ein unteres bis mittleres Einkommen, für das der Staat eine Gegenleistung verlangt.
Die Agrarpolitik bestimmt, was diese Leistung ist. Zum Beispiel beantwortet sie die Frage: Sollen Landwirtinnen hauptsächlich Essen und damit Kalorien produzieren? Oder sollen sie Blumenwiesen säen für die Biodiversität?
Allein aus dieser Frage folgen fast endlos viele weitere Fragen.
Wo genau sollen die Bauern Biodiversitätswiesen anlegen? Wie viel Geld sollen sie dafür erhalten? Und: Was genau sollen sie vorweisen müssen, damit sie den Beitrag kriegen?
Anders gefragt: Kommt eine Kontrolleurin auf den Hof – was kontrolliert sie?
Soll der Bauer der Kontrolleurin beweisen müssen, dass er alles Verlangte getan oder unterlassen hat, um auf der Wiese Biodiversität zu haben? Dass er zum Beispiel auf das Güllen verzichtet hat? Zählt also das Handeln?
Oder zählt das Ergebnis? Soll der Bauer der Kontrolleurin auf der Wiese jene Pflanze vorzeigen müssen, die beweist, dass dies eine artenreiche Wiese ist? Zählt diese Zeigerpflanze für das Geld?
Jede Diskussion über Agrarpolitik endet bei der Zeigerpflanze und beim Geld.
Bei irgendeinem Klein-Klein, das für den Bauern aber von grosser Bedeutung ist. Das ist das Schwierigste an der Agrarpolitik – ihre Gleichzeitigkeit der Grössen.
Die Agrarpolitik ist so riesig, dass man permanent AGRARPOLITIK in Grossbuchstaben schreiben müsste. 2,8 Milliarden Franken Bundesbudget für Direktzahlungen? AGRARPOLITIK. Eine Politik, die über die Böden und das Essen bestimmt, also wortwörtlich grundlegend ist? AGRARPOLITIK.
Die Agrarpolitik formt ein Drittel der Fläche der Schweiz, sie hat weitreichende Auswirkungen auf das Klima und die Biodiversität. Gerade weil sie so bedeutend ist, ist die Agrarpolitik des Bundes rund 3000 Seiten Gesetze, Verordnungen und Richtlinien gross und eine Unsumme von Paragrafen klein.
So betrachtet war es wohl naiv zu glauben, die nächste Reform der Agrarpolitik, die in Bern gerade geschrieben wird, werde die Reform. Die eine grosse, die den Weg ebnet in die Zukunft, den «Reset» bringt, zeitweise meinte man: die Erlösung.
In der Gesamtschau
Was von Anfang an verdächtig war: Die Reform sollte eigentlich nicht sein.
Der Bundesrat machte im Jahr 2020 einen Vorschlag für die Agrarreform, der dem Bauernverband missfiel. Er kam ihm auch zeitlich ungelegen. Vier Initiativen aus Umweltkreisen waren hängig, auf der Landwirtschaft wurde von allen Seiten «herumgehackt», wie es ein Bauernpolitiker sagte. In dieser Stimmung 2,8 Milliarden Franken neu verhandeln? Für den Bauernverband war das gefährlich.
Die Landwirtinnen beantragten dem Parlament eine Vertagung. Man benötige erst einmal eine Auslegeordnung, eine «Gesamtschau», sagten sie zum Vorwand. In einem Bericht solle der Bund darlegen, was denn überhaupt das Ziel der Agrarpolitik sei. Welche langfristige Perspektive sah er für die Bauern im Land? Und angesichts des «Herumhackens» auf den Landwirtinnen: Wie könnte eine Politik aussehen, in der alle Verantwortung übernehmen würden für die ökologischen Folgen des Essens, «nicht nur einseitig die Bauern»?
Roberto Zanetti, damals Ständerat der SP, nannte den Bericht des Bundesrats eine «Beschäftigungstherapie» für Beamte. Er fasste die Lage in die Anekdote, wie ihm ein Bundesrat einmal geraten habe: «Wenn du Ruhe haben willst, musst du eine Gesamtkonzeption entwickeln lassen.»
Doch der Bauernverband durfte auf die Stimmen der Bürgerlichen zählen, weil er seinerseits den Bürgerlichen geholfen hatte, die Initiative für mehr Konzernverantwortung abzuwehren. Die Gesamtschau wurde vom Parlament bestellt. Doch als sie im Juni 2022 dann kam, gefiel sie den Linken viel besser als den Rechten.
Die Grünen waren begeistert, wie umfassend der Bund die Sache anging. Die Agrarpolitik sollte erweitert werden zu einer Ernährungspolitik. Der Bericht skizzierte für das Jahr 2050 eine Vision, in der die Bevölkerung sich «gesund, ausgewogen und nachhaltig» ernährt. Die knappe Ackerfläche, auf der heute zu über 50 Prozent Tierfutter wächst, müsse vermehrt dazu dienen, den Menschen direkt zu ernähren, hiess es im Bericht.
Linke Politikerinnen hoben lobend hervor, man wolle neu «von der Heu- bis zur Essgabel» denken. Die grüne Biobäuerin und Ständerätin Maya Graf sagte stellvertretend für das ganze linksbäuerliche Spektrum, der Bericht zeige einen Pfad auf, «den ich schon seit vielen Jahren verfolge».
Jetzt richteten interessierte Gremien gross an, Podien, Panels, Tagungen fragten: Wie machen wir das konkret? Der Bund finanzierte mit 400’000 Franken einen Bürgerinnenrat mit, in dem 80 per Los ausgewählte Menschen Vorschläge für eine «umfassende Ernährungspolitik für die Schweiz» erarbeiten würden.
Der Schweizer Bauernverband sah das Bürgerprojekt kritisch, schliesslich betrachtet er die Ernährung als sein Hoheitsgebiet. Doch der Gesamtschau stimmte der Verband im Grundsatz zu. Er konnte kaum anders, hatte er sie doch selbst bestellt. Der Zielhorizont 2050 lag weit genug in der Zukunft, um nicht unmittelbar zu schmerzen. Und die Konsumentinnen in die Pflicht nehmen? Das hatte der Bauernverband zu oft gefordert, als dass er es jetzt hätte ablehnen können.
Anfänglich als «Beschäftigungstherapie» bestellt, wurde die Gesamtschau für alle zur Referenz. Ein Dozent für Agrarpolitik sagte 2022, dies sei nun «der Meilenstein für die Agrarpolitik heute, morgen und in der Zukunft».
Doch das war ein Trugschluss, wie sich herausstellen würde.
«Aus Gründen der Besitzstandswahrung»
2023 begann das Bundesamt für Landwirtschaft die Agrarreform auf der Basis der Gesamtschau zu planen. Es berief eine Begleitgruppe ein, die seine Ideen laufend diskutieren würde. Kritische Stimmen sagen heute, schon die Zusammensetzung sei schief gewesen: Eingeladen wurden die hergebrachten Akteurinnen der Agrarpolitik. Die Konsumentenseite hingegen war schwach vertreten. Die agrarpolitisch konservativen Kantone entsandten einen Vertreter, die Städte hingegen, die am ehesten Ernährungspolitik machen, blieben aussen vor.
Der mächtigste Akteur aber war das Bundesamt für Landwirtschaft, das die Sitzungen vorbereitete und moderierte. Ansonsten wurde der Ton angegeben vom Bauernverband, den das Bundesamt zusätzlich zur Begleitgruppe in «Ad-hoc-Sitzungen» konsultierte.
Der grosse Geist der Gesamtschau? Er war rasch verflogen. Das berichten mehrere Leute, die der Gruppe angehörten. Jemand sagt: «Alle fanden das grosse Ziel 2050 gut. Aber sobald es um irgendeine Konkretisierung ging, kam die Bremse.» In der Begleitgruppe sassen neben dem Bauernverband die gewichtigen Branchenorganisationen IP Suisse und Bio Suisse, der Fleischverband, der Milchverband, der Getreideverband, die Jungbauern oder die Landwirtinnen. Das mache Reformen sehr schwierig: «Du kannst niemandem etwas wegnehmen. Du musst bei jeder Änderung beweisen, dass alle danach mindestens gleich viel in der Kasse haben wie zuvor.»
Anders gesagt: Bei einem Direktzahlungsbudget von 2,8 Milliarden Franken haben alle viel zu verlieren.
Und zu gewinnen?
Das gab es nur auf Kosten der anderen. Und genau das suchte der Bauernverband zu verhindern.
Die Macht des Bauernverbands beruht darauf, dass die 47’000 Höfe, die es noch gibt, zusammenhalten gegen den Rest der Schweiz. Darum fürchtet der Verband bei jeder Agrarreform, dass sich seine Mitglieder über die 2,8 Milliarden zerstreiten. Sobald der Bund das Geld zur Neuverteilung auflegt, kämpfen die Talbauern gegen die Bergbäuerinnen, der Ackerbau gegen die Milchwirtschaft, die Säueler gegen den Obst. Darum ist ein Hauptziel des Bauernverbands bei dieser Reform ein Nichtziel: nicht Direktzahlungen umverteilen – oder zumindest möglichst wenig.
Das schränkt den Spielraum natürlich beträchtlich ein bei einer Politik, die neben Zöllen hauptsächlich aus Direktzahlungen besteht.
Das Bundesamt für Landwirtschaft hatte das Problem vorausgesehen. Es schrieb schon in die Gesamtschau: Einfache, wirksame und einschneidende Massnahmen seien selten mehrheitsfähig – «angesichts vielfältiger Partikularinteressen» und «aus Gründen der Besitzstandswahrung».
Doch das Bundesamt stand unter Druck. Sein erster Vorschlag für die Reform war gescheitert. Und in der Unzufriedenheit, die viele Landwirtinnen seit dem «Herumhacken» verspürten, erschien das Bundesamt bald selbst als Täter. Von allen Seiten wurde das Amt bedrängt, die Bauern vom «Bürokratie-Wahnsinn» zu befreien.
Das Bundesamt versuchte die Befreiung mit einem neuen Instrument: einer Lenkungsabgabe auf Dünger und Pflanzenschutzmittel, die mehrere Direktzahlungsprogramme mitsamt deren Auflagen, Dokumentationspflichten und Kontrollen ersetzen würde. Nun machten in der Begleitgruppe auch ökologische Kräfte die Rechnung für sich: Weil die Abgabe mehrere Ökobeiträge ersetzen würde, die viele Kleinbauern oder Biobäuerinnen heute lösen, verlöre diese Klientel Geld.
Damit war die Lenkungsabgabe, die für den Bauernverband sowieso eine rote Linie ist, faktisch gestorben.
Es zeigte sich: Nicht die grosse Gesamtschau war der «Meilenstein für die Agrarpolitik heute, morgen und in der Zukunft», wie es jener Dozent für Agrarpolitik sagte. Nein, der Meilenstein für die Agrarpolitik von morgen war die Agrarpolitik, die schon besteht.
Und je krisenhafter die Stimmung im Land wurde, desto mehr sogar: die Agrarpolitik von gestern.
Die K-I-T-I-L-O-P-R-A-R-G-A (im Original, vorwärts: A-G-R-A-R-P-O-L-I-T-I-K)
Die Gesamtschau war entwickelt worden in einer Zeit, in der scheinbar alles auf das Jahr 2050 zulief. Dann griff Russland die Ukraine an, Olaf Scholz sagte «Zeitenwende» – und die Politikerinnen im Parlament buchstabierten Agrarpolitik zurück.
Produzieren. Produzieren. Produzieren. Das war der neue Ton im Parlament, das am Ende über die Reform entscheiden würde. Das Parlament lockerte diverse Vorschriften zum Düngen und zum Pflanzenschutz, die es erst kurz zuvor verschärft hatte. Die internationale Lage schien all jene zu stützen, die auf einen hohen Selbstversorgungsgrad drängen. Dazu gehörte die Bauernprotestbewegung, die ab Februar 2024 sichtbar wurde.
Die Proteste hatten sich in der Westschweiz entzündet, anfangs fuhren viele Klein- und Biobauern mit. Sie forderten mehr Geld für die Milch, mehr Wertschätzung für den Beruf. Mit der Zeit wurde die Bewegung radikaler und konservativer. Irgendwann zitierte ein Protestführer die Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs und kündigte an, man werde vor dem Bundesamt für Landwirtschaft eine Blumenwiese pflügen und stattdessen Kartoffeln pflanzen.
Die Proteste waren erstaunlich wirkmächtig. Sie veränderten die Debatte. Das Parlament, überfordert und ratlos, überwies immer mutiger Rückschritte.
Das ging so weit, dass National- und Ständerat irgendwann sogar dafür stimmten, die Planwirtschaft bei der Milch wieder einzuführen, die man 1999 abgeschafft hatte. Die Bauernwelt wusste selber kaum, wie ihr geschah. War das ein Unfall gewesen? Oder doch die «Zeitenwende»?
Die überrumpelte Milchbranche suchte einen abgeschwächten Vorschlag, den das Bundesamt für Landwirtschaft in der Agrarreform nun wohl irgendwie berücksichtigen muss. Das Zielbild 2050? Man habe das immer wieder zitiert, sagen Leute aus der Begleitgruppe. Aber das Parlament lief auf die 1980er-Jahre zu.
Und nicht nur bei der Milch, sondern auch beim Schutz der Gewässer oder bei der Zulassung von Pestiziden. Hatten die Umweltverbände ganz zu Beginn, als die Reform vertagt worden war, den Stillstand beklagt, müssen sie heute froh sein, wenn sie das bisherige ökologische Niveau halten.
Wo jede agrarpolitische Diskussion endet
Anfang nächsten Jahres wird der Bundesrat eine erste «Aussprache» zur Agrarreform machen. Danach wird man genauer wissen: Was bleibt übrig?
Was bleibt übrig von diesem Geschäft, an dessen Anfang «ganz klar im Raum stand: Jetzt braucht es einen totalen Wandel. ‹Auf der grünen Wiese›, ‹Reset des heutigen Systems›»? So sagte es Christian Hofer, Chef des Bundesamts für Landwirtschaft.
Was bleibt übrig von dieser Agrarpolitik, die «für fast eine ganze Generation Bäuerinnen und Bauern» gelten wird, wie es Martin Rufer sagte, Direktor des Bauernverbands?
Nach dem, was aus der Begleitgruppe zu hören ist, haben bis hierhin drei Neuerungen überlebt:
Die Lenkungsabgabe (die allerdings niemand will. Spätestens das Parlament wird sie voraussichtlich streichen).
Neue Grundlagen für die Daten, die Landwirtinnen dem Bund liefern. Das soll erstens den administrativen Aufwand mindern. Zweitens arbeiten Organisationen aus der Branche an einem Programm, mit dem Bauern ihre Nachhaltigkeit messen können. Das soll sie anspornen, Fortschritte zu machen.
Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel, eingebracht von ökologischen Kräften: Die Idee dahinter ist, dass der Detailhandel den Konsum über Aktionen oder die Platzierung von Produkten im Laden beeinflusst. In der Theorie wäre das eine grosse Neuerung, in der Praxis sieht es danach aus, dass der Detailhandel zum Beispiel mehr krankheitsrobuste Apfelsorten im Sortiment anstrebt, weil diese seltener gespritzt werden müssen.
Der Chef des Bundesamts für Landwirtschaft, Christian Hofer, fasste das, was übrig bleibt, in einem Podcast in folgende Formulierung: Der agrarpolitische Rahmen werde «gezielt optimiert». Es droht also viel Klein-Klein.
Aber dieses Klein-Klein hat, wie eingangs gesagt, für die einzelne Landwirtin Gewicht.
So strebe die Reform etwa vermehrt «ergebnisorientierte» Programme an, verriet der Chef des Bundesamts im besagten Podcast.
«Zum Beispiel bei der Biodiversität.»
Das würde bedeuten, erklärte Hofer, dass der Bund den Bauern nicht länger vorschreibt, was genau sie auf ihren Wiesen zu tun oder zu unterlassen haben.
So viel kann man über diese Agrarreform also sagen: Was zählt für das Geld, ist die Zeigerpflanze!