
«Ich bin im besten Sinne des Wortes grössenwahnsinnig»
Nemo träumt gross. Jetzt erscheint das lang erwartete erste Album des Schweizer ESC-Stars und funkelt wie eine Achterbahn. Eine Begegnung im höchsten Gebäude Zürichs.
Von Nina Hurni, 09.10.2025
Nemo taucht nicht einfach so auf. Nemo schlägt ein.
Der letzte grosse Auftritt mit «Unexplainable» am Eurovision Song Contest 2025 war ein verletzlicher und berührender Moment, der kurz die polierte Oberfläche der Show zerriss.
Der Song beginnt als ruhige Ballade, baut sich dann langsam auf zu grosser Grandezza und fällt schliesslich wieder in sich zusammen. Er erzählt vom Schmerz queerer Menschen, nicht verstanden und akzeptiert zu werden: «What if I’m unexplainable?» – «Was, wenn ich unerklärbar bin?»
Viele Schweizer Kommentatoren waren unzufrieden. Sie wollten keine gebrochene Stimme und heruntergerissene Perücke, sondern lieber die Zuversicht und den Glitzer von «The Code», dem Song, mit dem Nemo Mettler den ESC 2024 gewann. Seither ist in Nemos Leben und auf der Welt viel passiert.
Jetzt erscheint Nemos erstes Album «Arthouse». Es klingt wie eine feierliche Fahrt auf einer Achterbahn und zelebriert Lebensfreude und Selbstbestimmung. Die Songs leben von Kontrasten und der grossen Bandbreite von Nemos Stimme, die von tiefer Lage bis in Sopran-Höhen reicht.
Das Album zeigt einmal mehr: Nemo liebt grosse Gesten und Glamour – und blendet gleichzeitig die Schwierigkeiten der Welt nicht aus. Angetrieben von grossen Erwartungen an sich selbst, sprengt Nemo immer wieder äussere Zwänge.
Im eigenen Universum glitzern die Sterne
Mein Treffen mit Nemo findet in den Räumen des Labels Universal Music im schwindelerregenden Prime Tower in Zürich statt. Nemo, heute 26 Jahre alt, fragt als Erstes: «Vo wo chunnsch du?» Trotz Weltstarstatus eine Verortung in der Schweiz am Beginn des Gesprächs.
Nemo spricht sehr offen, gibt einem nicht das Gefühl, alle Antworten schon im Voraus zu kennen. Nur selten entstehen längere Pausen, Nemo schaut in die Luft, überlegt und lacht ab und zu laut. In Bluejeans und Pullover wirkt Nemo filigraner als auf der Bühne. Nur ein paar übrig gebliebene Anklebenägel geben Hinweis auf den Glanz, den man mit der öffentlichen Figur Nemo verbindet.
Die Entscheidung, am ESC 2025 mit «Unexplainable» aufzutreten und nicht mit einem Partysong, hängt mit der Weltlage zusammen. Nemo wollte der grossen Öffentlichkeit mit dem Lied von der Angst und dem Schmerz queerer Menschen erzählen in einer Welt, in der ihre Rechte unter Druck stehen und der Hass off- wie online immer präsenter wird: durch Hasskommentare auf Social Media, durch körperliche Angriffe auf Einzelpersonen, durch Störungen von queeren Veranstaltungen.
Die Performance brauchte viel Mut, weil sie so naheging. Doch Nemo hoffte, dass Leute damit etwas nachvollziehen können, das sie noch nicht versucht haben zu verstehen. Wie es sich anfühlt, wenn die Welt ständig zu sagen scheint: Was du fühlst, ist falsch. Wenn die eigene queere Existenz nicht anerkannt wird, weder von der Politik noch in der Sprache noch durch die Gesellschaft.
Nemo packte die Gelegenheit, vor vielen Leuten aufzutreten, für diese Botschaft und sagt heute: «Es gibt nicht mehr viele Bühnen, wo man mit etwas konfrontiert wird, das anders ist, als man schon denkt.» Die Leute würden eher konsumieren, was sie schon kennen, insbesondere online.
Neben den irritierten und auch queerfeindlichen Reaktionen gab es auch viele, die dankten und sich gesehen fühlten. In den Kommentarspalten fällt immer wieder ein Zitat, das durch den Street-Art-Künstler Banksy Berühmtheit erlangte: «Art should disturb the comfortable and comfort the disturbed» – «Kunst sollte die Bequemen stören und die Verstörten trösten».
Auf dem neuen Album bekommt «Unexplainable» selbstverständlich einen Platz, doch die allermeisten der 14 Songs machen überaus gute Laune.
Es beginnt mit dem halb musikalischen, halb gesprochenen Skit «Front Door», der sogleich in den Song «Ride My Baby» übergeht: «You say you want to take off / Do you mean space or your top».
Mit Flirten und sexueller Aufladung geht es weiter: Im Song «God’s a Raver» tanzt Gott (eine sie, natürlich) befreit in einer Gaybar, dazu passt das wundervoll karnevaleske Musikvideo.
Die geradlinigen Beats und Synth-Melodien dieser ersten Songs verströmen Disco-Vibes, die Kopfstimme klingt eher nach Achtziger-Pop als nach Oper.
Mit «Casanova» wird es chorischer und majestätischer. So geht es auch mit «Eurostar» weiter, das als erste Single nach dem ESC-Sieg letzten Herbst erschien und Nemos Umzug nach London ankündigte. Das feierliche Intro gleitet über zur Strophe, in der ein schneller Beat pumpt und die von der Dekadenz eines Popstarlebens erzählt:
I’m that hottie in the lobby taking cute pictures
Sweet and twisted, come and kiss this cherry red lipstick
I’ll call Dodo, clear my wardrobe, want it all princess
I’m so pop queen, everyone’s watching, screaming, «Who is this?»
Ich bin das Hottie in der Lobby, das hübsche Fotos macht.
Süss und verrückt, komm und küss den kirschroten Lippenstift.
Ich ruf Dodo an, räum den Kleiderschrank aus, will alles prinzessinnenhaft.
Ich bin so Pop-Queen, alle schauen mich an, schreien: «Wer ist das?»
Es ist das Statement einer Diva, die in der Öffentlichkeit steht und sagt: Ich geniesse das, verdammt noch mal! Der Sound geradezu überschäumend, das macht beim Hören richtig Spass. Doch woher kommt all diese Freude, von der das Album nur so sprudelt?
Für Nemo ist das die zentrale Frage unserer Zeit. Es gab Momente, in denen es schwerfiel, die Welt auszuschalten und kreativ zu sein. Es sei, sagt der Star, vielleicht auch gut, dass es nicht so einfach ist, aus der Wirklichkeit da draussen rauszukommen. Trotzdem: Sie steht im grossen Kontrast zur eigenen Sphäre. «In meinem Universum bin ich so glücklich und so aufgehoben wie noch nie.»
Diesem Glück und dieser Freude Platz zu lassen und sie in die Welt zu tragen, trotz allem, was passiert, sei erstens ein Privileg und zweitens: eine bewusste Entscheidung.
Das Album ist nicht aus Ignoranz entstanden, sondern aus einem grossen frechen Trotzdem. «Ich denke immer: Wenn die Freude wegfällt, dann haben die gewonnen, die das auch wollen.» Es ist klar, wer da angesprochen wird: rechtsextreme Regierungen, Populisten und andere Menschen, die queere Stimmen immer mehr zum Verstummen bringen.
Die Musik kommt aus der Stille
Das Album hat auf sich warten lassen. Nach dem ESC-Sieg machte Nemo erst mal Promo, war an Festivals und an Pride-Demonstrationen, sang unzählige Male «The Code». Nichts wurde abgesagt, alles mitgemacht, noch hierhin, noch da- und dann dorthin.
Nach einem halben Jahr war die Musik in dem lauten Trubel untergegangen und nur ein Song entstanden. Wenn es keinen Raum mehr gibt für die Musik, stirbt sie leise.
Also verschob Nemo die geplante Tour im Frühling in den Herbst und kündigte an, das Album komme später – mit einem Instagram-Post in zusammengekauerter Pose auf einem Stuhl im Studio.
Eine Katastrophe fürs Business sei das, hiess es danach in der Presse. Weil der ESC ein Jahr später noch einmal einen Moment im Rampenlicht bot, forderten sie Schnelligkeit und neue Songs.
Nemo trennte sich dazu noch vom lokalen Management und gab den Schweizer Medien eine Weile lang keine Interviews mehr, unter anderem wegen eines Eklats mit dem «Bieler Tagblatt», als Nemo ein Gespräch nach 15 Minuten abbrach – wegen politischer Fragen nach seiner Unterschrift unter einem Boykottaufruf für den Ausschluss von Israel vom ESC, durch die sich Nemo in die Ecke gedrängt fühlte.
Heute hadert Nemo immer noch damit, wo und in welcher Form die politischen Anliegen in oder neben der Musik Platz bekommen sollen – und zögert im Gespräch länger als sonst mit Antworten.
Gerade weil als nonbinäre Person schon die eigene Existenz ständig verhandelt wird, wuchs es Nemo irgendwann über den Kopf, nur noch auf politisches Engagement angesprochen zu werden.
Dabei will Nemo vor allem Musik machen – und über Musik reden.
Anfang dieses Jahres dann endlich die Rückkehr ins Studio. Dieses Album sei enorm wichtig, deshalb auch die Entscheidung, nichts zu überstürzen: «I want to create the best body of work I have ever made» – «Ich will das beste Werk schaffen, das ich je gemacht habe», liess Nemo wissen.
Wie kann man mit so grossen Erwartungen an sich selbst überhaupt arbeiten?
Nemo lacht erst einmal herzlich und sagt: «Ich bin im besten Sinne des Wortes megalomaniac» – grössenwahnsinnig. Das rufe keine Blockade hervor, im Gegenteil, es sei der Antrieb.
Verschiedene Menschen begleiteten Nemo auf diesem Weg. Intensiv mitgearbeitet hat beispielsweise die Songwriterin Mia Gladstone, die auch als einzige andere Person auf dem Album singt – in «Frog Swamp»: Der unaufgeregte Song – deutsch etwa «Froschmoor» – mit seinem ironischen Ton kommt ohne grosse Pracht aus und ist gerade deswegen erfrischend anders. Er thematisiert die Schadenfreude über den Sturz nach dem Höhenflug:
Ain’t it funny
How you crash
It all comes down on you
Life is honey
Till it’s bad
Throw a penny in this hat, in this hat, in this hat
Ist es nicht lustig
Wie du abstürzt
Es fällt alles zurück auf dich
Leben ist Honig
Bis es schlecht wird
Wirf einen Penny in diesen Hut, in diesen Hut, in diesen Hut
Fast alle Menschen, die das Album prägten, fand Nemo durch Zufall – Sacha Rudy etwa in Paris. Rund um den ESC in Basel in diesem Jahr war plötzlich alles zu viel: zu viel Rummel und zu viele Leute, die alle etwas wollten. Nemo beschloss, mit dem TGV für zwei Tage nach Paris zu fahren und einen Song zu schreiben, dazu war gerade noch Zeit, bevor die Show anstand. Auf Instagram postete Nemo eine Story und fragte, ob jemand einen Jazzpianisten in Paris kennen würde, der Lust auf eine Zusammenarbeit hätte.
So traf Nemo Sacha Rudy. Sie redeten zuerst sechs Stunden über Politik. Dann schrieben sie einen Song. Es machte so Spass, dass Nemo nach dem ESC eine Wohnung zur Untermiete in Paris suchte, von London dorthin zog und mit Rudy das Album fertig schrieb. Nemo wohnt bis heute dort.
Während des ganzen Prozesses war ausserdem der junge Songwriter und Produzent Liam Maye an Nemos Seite, der bei verschiedenen aufstrebenden Bands aus der Schweiz mitwirkt und für träumerischen Sound sorgt.
Hört man sich das fertige Album an, leuchtet sicher «Hocus Pocus» in der zweiten Hälfte als weiterer Höhepunkt des Glampops hervor. Mit hoher Stimme und nach Atem ringend singt Nemo von einem lyrischen Ich, das von seinem Gegenüber verzaubert wird.
Nur zwei Songs später ist mit der Freude Schluss, nicht aber mit dem Pomp: Zum Heartbreak-Song «Black Hole» lassen sich an den Konzerten sicher gut Feuerzeuge (mittlerweile eher Handytaschenlampen) schwingen. Auch dieses lebt wie viele andere Lieder von der grossen Transformation. Es beginnt reduziert und baut sich zum hymnischen Refrain auf, der immer mehr zu schweben beginnt. Ganz am Schluss steht der selbstbewusste Siegessong «The Code», in seiner Epik unübertroffen.
Mit dem Eurostar den Erwartungen davon
Nemos Sound lebt von grossem Aufbau und Zusammenbruch. Nemo will viel, in der Musik und daneben. Das ist der Antrieb, den es für dieses verrückte Leben braucht.
Die Musik war schon immer da und immer wichtig. Gegen Ende der Oberstufe, damals noch in der Geburtsstadt Biel, findet Nemo durch den Rap eine Möglichkeit der Zugehörigkeit, die sonst verwehrt blieb. «Ich war immer schwierig zu verstehen für andere Kids», sagt Nemo dazu.
Ein Höhepunkt: Ein Junge, vor dem sich Nemo fürchtete, forderte zum Rapbattle. Wie in einem Film standen alle auf dem Pausenplatz um die beiden herum und feuerten sie an. Der Bully war immer noch gemein, doch im Kampf hatte das seine Berechtigung. «Es war das erste Mal, dass wir uns auf Augenhöhe begegneten.»

Nemos Musikkarriere glich schon mit 16 Jahren einer ungewöhnlichen Steilkurve: Ein Auftritt beim SRF-Format «Bounce Cypher» ging viral. Darauf nahm das Berner Mundart-Duo Lo & Leduc das Rap-Nachwuchstalent mit auf Tour, und 2017 gewann Nemo als jüngste Person überhaupt den Swiss Music Award für «Best Talent». Es folgt ein Ritt auf der Hype-Welle, bis Nemo irgendwann merkt: Ich weiss gar nicht, was ich will.
Der Rap begann Nemo schnell zu langweilen: Es fühlte sich an wie in einem Feedbackloop. Immer grösser wurde das Gefühl, dass in der Schweiz alle zu wissen meinten, wer Nemo war und was für Musik Nemo machen sollte.
Erst in Berlin kam dann die Erkenntnis, dass vor lauter Jubel und Trubel sehr viel unaufgearbeitet geblieben war, insbesondere die Fragen nach der eigenen queeren Identität: «Ich habe mich selbst auf die Seite gestellt für das Projekt Nemo.» Nebst der queeren Selbstfindung lotete Nemo im neu gewonnenen Raum auch musikalisch neue Richtungen aus.
Heute blickt Nemo dankbar auf diese Zeit zurück. Es war gewissermassen eine Vorbereitung für den Wahnsinn, der nach dem ESC losbrach. Trotzdem wiederholte sich das Muster: Auf den Spass am Hype folgt die Handbremse, als es nicht mehr anders ging. «Ich sollte Ferien so fix einplanen wie eine Tour», lautet die simple und doch schwierig umsetzbare Einsicht.
Kleine Momente bringen Ruhe, beim Tagebuchschreiben am Abend oder beim Velofahren. Oder beim Unterwegssein, denn das ist ein Dauerzustand: Auf Berlin und Los Angeles folgen London und Paris. Biel bleibt ein Zuhause, doch Nemo ist fast nie dort.
Denn Nemo ist angetrieben von der Begeisterung fürs Neue: «Ideen sind mein Benzin.»
Jetzt beispielsweise steht die Tour vor der Tür: «Mir gö scho vou dri» – «Wir gehen voll rein». Musik ist für Nemo nie genug, es geht darum, einen Moment zu schaffen, in dem die Community sich selbst mal richtig feiern kann. «Es ist eine Stunde lang Action. Und es ist das, was ich mir immer wünsche an Konzerten, weil mir selbst megaschnell langweilig wird.»
Das Album haben viele Menschen aus der Ukraine mitgeprägt, unter anderem Alex Ostrohliad, der als Fotograf und Filmer den Prozess begleitete und die Musikvideos drehte. Die Tour beginnt deswegen mit einer Listening-Party in Kyjiw. Ein Statement ganz nemoscher Art.