

Medienhäuser finanzierten E-ID-Kampagne, Initiative für Anerkennung Palästinas kommt – und Bevölkerung will schärfere Regeln für die UBS
Das Wichtigste in Kürze aus dem Bundeshaus (336).
Von Philipp Albrecht, Adrienne Fichter und Yves Wegelin, 09.10.2025
Kurz vor der Abstimmung am 28. September tauchten zwei ungewöhnliche Zuwendungen im Politik-Transparenz-Tool der Eidgenössischen Finanzkontrolle auf. Dieses listet alle Spenden von Organisationen, Privatpersonen und Unternehmen auf, die mehr als 15’000 Franken betragen.
In den neuen Einträgen vom 24. und 26. September steht: Die Medienkonzerne Ringier und TX Group haben zusammen 163’000 Franken an nicht monetären Zuwendungen für die Allianz Pro E-ID aufgewendet.
Bei dieser Sachleistung handelt es sich um Gratisinserate für das Ja-Lager. Die Pro-Seite durfte online und im Print auf Kanälen wie «20 Minuten», Tagesanzeiger.ch, «Der Bund», Blick.ch oder dem «Beobachter» kostenlos Kampagnenwerbung schalten. Der Nein-Seite stand dieses Angebot nicht zur Verfügung.
Eine Anfrage der Republik bei den Medienhäusern zeigt, warum: Die Unternehmen TX Group und Ringier sind Mitglieder des Wirtschaftsverbands Digitalswitzerland, der stark für die Ja-Seite weibelte. Ringier-CEO Marc Walder warb (wie bereits bei der ersten E-ID-Abstimmung von 2021) sogar persönlich auf Social Media für ein Ja.
TX Group bestätigt, dass sie nur dem Pro-Lager eine Gratisplattform bot. Ringier reagiert zurückhaltender und argumentiert: «Das Gewähren von Rabatten bei politischer Werbung ist gängige Praxis in der Branche.» Die redaktionelle Unabhängigkeit der Ringier-Medien bleibe gewahrt.
Dennoch: Hätte man dem Nein-Komitee denselben Rabatt gewährt? Ringier antwortete, das Nein-Komitee habe gar nicht angefragt, deshalb sei die Frage hypothetisch.
Dass zwei der grössten Medienkonzerne des Landes selbst zu Akteuren in einem Abstimmungskampf werden, ist zwar nicht verboten, aber demokratiepolitisch bedenklich. Noch bedenklicher ist dies vor dem Hintergrund, wie knapp das Ergebnis (50,4 Prozent Ja-Stimmen) ausgefallen ist. Die 30’000-Franken-Spende der Swisscom wirkt fast schon irrelevant angesichts der grossen Werbepräsenz des Ja-Lagers.
Medienwissenschaftler Linards Udris von der Universität Zürich sagt dazu: «Wenn sich ein Medienunternehmen politisch engagiert, sollte es sich umso mehr erklären, warum es das tut. Und warum trotzdem gewährleistet ist, dass die Redaktionen unabhängig berichten können.»
Das Nein-Komitee ist erzürnt. Kampagnenleiterin Monica Amgwerd sagt: «Wenn Medienkonzerne in Abstimmungen selbst zur Partei werden, unterlaufen sie ihre demokratische Funktion.» Die Organisation Mass-voll legte beim Kanton Zürich deswegen eine zweite Abstimmungsbeschwerde ein.
Und damit zum «Briefing aus Bern».
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben, was in Parlament, Regierung und Verwaltung läuft? Das Wichtigste aus dem Bundeshaus gibt es jeden Donnerstag kompakt im «Briefing aus Bern».
Armee reagiert auf Drohnensichtungen
Worum es geht: Die Armee hat das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) beauftragt, Abwehrsysteme gegen Mikro- und Minidrohnen zu beschaffen. Damit sollen künftig die Truppen und die eigene Infrastruktur geschützt werden. Die Armee reagiert damit auf die zunehmenden Sichtungen ausländischer Drohnen über europäischem Gebiet, wie sie in einer Mitteilung schreibt.
Warum das wichtig ist: Seit Anfang September wurden in insgesamt neun europäischen Ländern, darunter Polen, Deutschland und Frankreich, Drohnen gesichtet. Teilweise konnten diese mit abschliessender Sicherheit Russland zugewiesen werden. An mehreren Flughäfen wurde der Betrieb wegen Drohnensichtungen vorübergehend eingestellt. Polen schoss gemeinsam mit Nato-Partnern solche Drohnen ab, nachdem 19 davon auch in den polnischen Luftraum eingedrungen waren. Einzelne Regierungen werfen Russland hybride Kriegsführung vor. Es wird vermutet, dass Russland damit die Funktionsfähigkeit der Nato und die Reaktion des Westens testen will.
Wie es weitergeht: Armasuisse hat eine Taskforce eingerichtet, die prüfen soll, was ein solches Abwehrsystem genau können muss. Die Schwierigkeit liegt darin, ein System zu beschaffen, das gegen möglichst viele Arten von Drohnen einsetzbar ist, deren Innovation in rasantem Tempo voranschreitet.
Neue Initiative zur Anerkennung Palästinas
Worum es geht: Ein Komitee aus der Zivilgesellschaft steht kurz vor der Lancierung einer Initiative zur Anerkennung Palästinas als Staat. Die Bundeskanzlei hat laut Recherchen des Westschweizer Rundfunks RTS den Initiativtext gutgeheissen.
Warum das wichtig ist: Ende September haben sich Grossbritannien, Kanada, Australien und Frankreich der grossen Mehrheit jener Länder angeschlossen, die Palästina als Staat anerkennen. Sie wollen damit den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu zu einem Frieden mit den Palästinenserinnen und zu einer Zweistaatenlösung drängen. Zwei Jahre dauert der Krieg im Gazastreifen bereits an, den die Mehrheit der Genozidforscher als Völkermord bezeichnet. In der Schweiz sprechen sich sowohl der Bundesrat als auch die Parlamentsmehrheit aus SVP, FDP, Mitte-Partei und GLP trotz allem gegen eine Anerkennung aus. Das Initiativkomitee will die Regierung nun per Volksentscheid zu diesem Schritt zwingen.
Wie es weitergeht: Die Unterschriftensammlung könnte laut RTS noch in diesem Monat starten. Das Komitee hat anschliessend 18 Monate Zeit, um die nötigen 100’000 Unterschriften zusammenzubringen.
Republik erhält Einsicht in Rahmenverträge von Big-Tech-Konzernen
Worum es geht: Die Republik hat 2023 ein Öffentlichkeitsgesuch bei der Bundesverwaltung gestellt für die Herausgabe der Public-Cloud-Rahmenverträge mit fünf Big-Tech-Konzernen: Microsoft, Alibaba, Amazon, Oracle und IBM. Amazon legte gegen den Entscheid der Bundeskanzlei Beschwerde ein und blockierte damit den Zugang zu allen fünf Verträgen. Das Bundesverwaltungsgericht entschied diesen Sommer zugunsten der Republik. Inzwischen ist klar: Amazon hat das Urteil nicht weitergezogen, es ist damit rechtskräftig.
Warum das wichtig ist: Die Bundeskanzlei erteilte 2021 den Zuschlag an die fünf genannten amerikanischen und chinesischen Big-Tech-Unternehmen für den Betrieb der Public Cloud. Wegen des medialen und politischen Aufschreis waren die Bundesämter sehr zurückhaltend beim Bezug dieser Cloud-Leistungen. Das Zollamt verwendet die Leistungen von Amazon für seine Apps, und das Bundesamt für Gesundheit betreibt verschiedene Programme auf Microsoft. Die Bundeskanzlei entschied im September 2025, die Rahmenverträge um fünf weitere Jahre zu verlängern (das Genfer IT-Unternehmen Infomaniak hat Beschwerde gegen die Entscheidung des Bundes eingelegt). Deshalb ist der Zugang zu den Dokumenten relevant: In den Verträgen sind Fragen rund um Datenschutz, Haftung, IT-Sicherheit und Gerichtsstand geregelt. Transparenz darüber schafft Rechtssicherheit für die Schweizer Bevölkerung.
Wie es weitergeht: Die Bundeskanzlei wird ab dem 20. Oktober geschwärzte Rahmenverträge der vier Big-Tech-Unternehmen an die Republik herausgeben. Parallel wird das Verfahren «Republik versus Amazon» fortgesetzt, in dem der Zugang zu den Vertragsinhalten des IT-Konzerns verhandelt wird. Die Analyse der Vertragsinhalte ist auch relevant für die kommende Swiss-Government-Cloud-Ausschreibung.
Bevölkerung befürwortet schärfere UBS-Regeln
Worum es geht: Der Bund soll die Eigenkapitalregeln für die Grossbank UBS verschärfen, selbst wenn diese behauptet, die Regeln seien strenger als im Ausland. Dieser Meinung sind 61 Prozent der rund 24’000 Befragten, die bei einer Umfrage des Instituts Leewas im Auftrag von «20 Minuten» und Tamedia mitgemacht haben.
Warum das wichtig ist: Der Bundesrat will den Schweizer Finanzplatz stabiler machen. Aus diesem Grund plant er eine Verschärfung der Eigenkapitalregeln für die letzte verbliebene Schweizer Grossbank. Obwohl der aktuelle Vorschlag deutlich weniger schmerzhaft für die UBS ist als frühere Varianten – inzwischen verlangt der Bundesrat lediglich noch, dass die Bank ihre Auslandstöchter mit mehr Eigenkapital unterlegt –, wehrt diese sich dagegen und droht mit Wegzug ins Ausland. Das wäre ein Verlust für die Schweiz, findet ebenfalls eine Mehrheit der Befragten der Leewas-Umfrage (65 Prozent).
Wie es weitergeht: Am 3. November beschäftigt sich die Wirtschaftskommission des Nationalrats mit dem aktuellen Reformvorschlag des Bundesrats und befragt dafür gleichentags UBS-Chef Sergio Ermotti und Finanzministerin Karin Keller-Sutter.
Der rechtsnationale Ausrutscher der Woche
Anders als in völkischen Ideologien ist in der Schweiz jemand Schweizerin, wenn sie einen Schweizer Pass besitzt – egal welcher Herkunft sie ist oder welche Religion sie hat. Im Staatssekretariat für Migration (SEM) scheint dieses Prinzip des liberalen Bundesstaats jedoch nicht mehr allen klar zu sein. Wie SP-Nationalrätin Céline Widmer in einer Interpellation schreibt, hat das SEM von einem Gesuchsteller die Angabe von Referenzpersonen verlangt, die Schweizer «Bürger durch Abstammung» seien – mit vermeintlich schweizerisch klingenden Namen. Das SEM hat sich in einer Stellungnahme an den «Tages-Anzeiger» von der Praxis distanziert. Man habe die Mitarbeitenden darüber informiert, dass diese nicht zulässig sei.
Illustration: Till Lauer