Victoria Amelina/Facebook

Die Spurensucherin

Die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina ist durch einen russischen Raketen­angriff getötet worden. Zur Erinnerung an die Autorin, die auch russische Kriegs­verbrechen dokumentierte, veröffentlichen wir fünf ihrer Gedichte.

Von Victoria Amelina (Gedichte) und Claudia Dathe (Begleittext), 08.07.2023

Synthetische Stimme
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Victoria Amelina, die ukrainische Autorin und Menschenrechts­aktivistin, die am 27. Juni bei einem Raketen­angriff auf ein Restaurant in Kramatorsk lebens­gefährlich verletzt wurde und am 1. Juli 2023 ihren Verletzungen erlag, war eine Spurensucherin – im literarischen wie im direkten Sinne. In ihrem Roman «Ein Haus für Dom» verfolgt sie die Spuren einer sowjetischen Familie im Lwiw des 20. Jahr­hunderts und geht den Prägungen nach, die die Gewalt­geschichte des östlichen Europas in den Menschen hinterlassen hat.

Die Autorin wurde 1986 in ebendiesem Lwiw geboren, doch ein Grossteil ihrer Familie stammte aus der Sloboda-Ukraine im Osten des Landes. Amelina war zweisprachig – in ihrer Familie wurde Russisch gesprochen, in ihrem Umfeld Ukrainisch. Damit setzte sie die Mehrsprachigkeit, die über viele Jahrhunderte die ostgalizische Lebenswelt gekennzeichnet hat, bis in unsere Zeit fort. Aus ihren familiären und lebens­weltlichen Erfahrungen speiste sich das Anliegen, das Victoria Amelina in ihren literarischen und zivil­gesellschaftlichen Aktivitäten verfolgte: die Ukraine in ihrer Geschichte und Gegenwart als kontrovers, vielschichtig und heterogen wahrzunehmen und darzustellen. Sie lenkte den Blick auf die Menschen mit ihren fragmentierten Biografien, die von Totalitarismus und Gewalt, aber auch dem Streben nach Freiheit geprägt waren, und wollte ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Dieses Anliegen vertrat sie auch in ihren beiden Romanen «Das November­syndrom oder Homo Compatiens» (2014) und «Ein Haus für Dom» (2017), die bislang nicht auf Deutsch vorliegen.

2021 gründete sie das Literatur­festival New York, das nichts mit der amerikanischen Megacity zu tun hat, sondern mit einer gleichnamigen, im 19. Jahr­hundert von deutschen Mennoniten gegründeten Siedlung im Donbass. Amelina hatte also einen Ort nahe der damaligen Frontlinie gewählt und ging dort mit Autorinnen, Vertretern der örtlichen Zivil­gesellschaft und Besucherinnen unter dem Thema «Echte Namen, echte Geschichten» auf Spurensuche. Das Festival sollte den Menschen in Frontnähe kulturelle Teilhabe ermöglichen, aber auch in anderen Teilen der Ukraine dem dominierenden Narrativ über die Ostukraine als einer Region der Mitläuferinnen und Befehls­empfänger das Bild einer aktiven Zivil­gesellschaft entgegensetzen.

Victoria Amelinas zivil­gesellschaftliches Engagement beschränkte sich jedoch keineswegs auf den kulturellen Bereich.

Im letzten Jahr war sie als Freiwillige mit der NGO Truth Hounds an verschiedenen Orten der Ukraine unterwegs, um von Russlands Armee begangene Kriegs­verbrechen zu dokumentieren. Eine dieser Reisen führte sie nach Kapytoliwka im Kreis Isjum. Dort grub sie das Tagebuch des von russländischen Soldaten erschossenen Kinderbuch­autors Wolodimir Wakulenko aus, das dieser in dunkler Vorahnung der Verfolgung in seinem Garten vergraben hatte, und übergab es dem Literatur­museum Charkiw, um es der Nachwelt zu erhalten.

Der Beginn der Grossinvasion am 24. Februar 2022 hatte Victoria Amelina zum Verstummen gebracht, ihr die Sprache genommen. Anfangs äusserte sie sich ausschliesslich auf Englisch, weil, wie sie sagte, nur die Fremd­sprache ihr die nötige Distanz zum Geschehen verschaffe.

Erzählerisch fiktionalisieren liesse sich diese Erfahrung nicht, weshalb sie begann, Lyrik zu schreiben. Hier finden Sie die Gedichte, die sie für das deutsch-ukrainische Kooperations­projekt «Translating the War: Poetry Readings from Ukraine» im Frühjahr und Sommer 2022 auf Ukrainisch verfasste, in deutscher Übersetzung.

Alarm

Luftalarm im ganzen Land
als führte man alle gleichzeitig
zur Erschiessung
und zielte doch nur auf einen,
meistens auf den am Rande.

Heute bist das nicht du. Entwarnung.

5. April 2022

Verluste der ukrainischen Streitkräfte

Die Verlustzahlen unserer Armee werden geheim gehalten
Bis zum Ende des Krieges wird es keine Zahlen geben.

Es wird jener Nachbar sein,
dessen merkwürdige Frau rote Blumen pflanzte
Der Freund, der keinem Bescheid gab
Der Dozent, den wir so gern hatten
Das junge Mädchen, das alle nervte
Der Künstler, den alle mochten
und der das Mädchen offenbar verehrte.

Im Namen der staatlichen Geheimhaltung
schwöre ich, dass ich die Gefallenen nicht zählen werde
Ich werde sie unablässig
und bis zum Ende des Krieges nicht zählen

(Tatsächlich habe ich angefangen und mich verzählt)

7. Mai 2022

Eine Geschichte für die Heimkehr

Als Mira das Haus verliess, nahm sie eine Perle aus der Schatulle
Als Tim die Stadt verliess, hob er ein Steinchen von der Strasse auf
Als Jarka den Garten verliess, nahm sie einen Aprikosenkern
Als Wira das Haus verliess, nahm sie nichts mit
Ich komme bald zurück, sagte sie
und wollte überhaupt nichts mitnehmen.

Mira hat aus der Perle eine Schatulle gezüchtet
und lässt in der Schatulle ein neues Haus wachsen
Tim hat aus dem Steinchen eine neue Stadt gezogen
eine Stadt wie daheim
nur ohne Meer
Jarka hat den Aprikosenkern in die Erde gelegt
und jetzt wächst um den Aprikosenkern Jarkas Garten

Und Wira
die nichts mitgenommen hat
erzählt folgende Geschichte

Wenn man von zu Hause flüchtet,
erzählt sie
wird das Haus hinter dem Rücken immer kleiner
damit es sich schützen kann

Aus dem Haus wird
            ein graues Steinchen
            eine Perle
            ein vorjähriger Aprikosenkern
            ein Glassplitter, der in der Hand steckt und schmerzt
            ein Legostein
            eine Muschel von der Krim
            ein Sonnenblumensame
            ein Knopf von Vaters Uniform

Dann passt das Haus in die Tasche
und dort schläft es

Wenn es fertig ist
wird das Haus an einem sicheren Ort
aus der Tasche geholt

Nach und nach wächst das Haus
Und dann wirst du nie
merk es dir, nie
ohne Haus sein

Und du, was hast du mitgenommen?

Ich nahm nur diese Geschichte
von der Heimkehr
Da, ich habe sie ans Licht geholt
Sie wächst

8. Mai 2022

Beste Wünsche zum Tag der Erinnerung und Versöhnung
Luftalarm
Ukrainer und Ukrainerinnen, gehen Sie in den Schutzraum
alle anderen können weiter
über nie wieder
sprechen

8. Mai 2022

Keine Lyrik

Ich bin keine Lyrikerin
Ich schreibe Prosa
Die Realität des Krieges
verschlingt die Satzzeichen
die Erzählung
die Zusammenhänge
verschlingt sie
als hätte ein Geschoss
die Sprache getroffen

Gesplitterte Sprache
klingt nach Lyrik
ist aber keine

Und auch das hier ist keine
Sie ist als Freiwillige
im Einsatz in Charkiw

Alle fünf Gedichte aus dem Ukrainischen von Chrystyna Nazarkewytsch und Claudia Dathe.

Zum Weiterlesen

Bücher von Victoria Amelina gibt es bisher nicht auf Deutsch. Die fünf hier publizierten Gedichte sind das Einzige aus ihrem literarischen Werk, was in deutscher Übersetzung vorliegt. Es gibt aber einen Text von ihr mit dem Titel «Cancel Culture gegen Execute Culture», der bei der Edition FotoTapeta in dem Sammelband «Alles ist teurer als ukrainisches Leben. Texte über Westsplaining und den Krieg» erschien. Amelinas Beitrag stammt vom 31. März 2022 und setzt sich kritisch mit der damaligen Debatte unter westlichen Intellektuellen über den Umgang mit der russischen Kultur auseinander.

Claudia Dathe übersetzt Literatur aus dem Russischen und Ukrainischen, unter anderem von Andrej Kurkow, Serhij Zhadan und Yevgenia Belorusets. Für die Republik hat sie bereits über Marianna Kijanowskas Gedichtzyklus «Babyn Jar. In Stimmen» geschrieben und Auszüge daraus erstmals ins Deutsche übersetzt.

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