Sympathie mit dem Bösewicht

Die US-Autorin Nell Zink beschäftigt sich mit den Wunden und Verfehlungen der amerikanischen Gesellschaft. Eine Begegnung.

Von Jan Wilm (Text) und Jelka von Langen (Bilder), 26.06.2023

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Vorgelesen von Dominique Barth
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«Ich finde Wider­sprüche und Paradoxe viel interessanter als einfache Sachverhalte»: Nell Zink.

Verschlafen, betulich, unaufgeregt. Zur Beschreibung der Prosa der US-amerikanischen Autorin Nell Zink sind diese Worte völlig ungeeignet. Bestens beschreiben sie aber das Elftausend-Seelen-Dorf Bad Belzig, in dem Zink seit 2013 ihre irre komischen, Haken schlagenden Romane schreibt.

Die im ländlichen Virginia aufgewachsene Autorin lebt bereits seit 2000 in Deutschland, seit zehn Jahren südwestlich von Berlin. Nach einer Promotion an der Universität Tübingen, Stationen in Stuttgart und Tel Aviv, Jobs bei Colgate-Palmolive und der Reporter­gemeinschaft Zeiten­spiegel debütierte Zink 2014 im Alter von fünfzig Jahren mit dem Roman «Der Mauerläufer» (auf Deutsch 2016 erschienen). Das kurze Buch über eine zerbrechende Ehe, Patriarchats­kritik, Ornithologie und Öko­terrorismus sorgte sofort für Aufregung und erlaubte Zink, fortan vom Schreiben zu leben.

In nur neun Jahren folgten die noch unübersetzten, brillanten Erzählungen aus dem Band «Private Novelist» sowie die Romane «Virginia», «Nikotin», «Das Hohe Lied» und zuletzt «Avalon», soeben in der Übersetzung von Thomas Überhoff auf Deutsch erschienen. Das Buch geht in Form und Inhalt zu Zinks Anfängen mit dem «Mauerläufer» zurück; «Avalon» ist aber auch eine Reise nach Kalifornien, wo Nell Zink 1964 geboren wurde.

Mir bietet der Roman Gelegenheit für meine erste Reise nach Bad Belzig. Vermutlich wäre ich im Leben nicht hierher­gekommen, in dieses von leer stehenden Läden mit graffiti-verschmierten oder eingeworfenen Scheiben geprägte Dorf, voll aufgebrochenem Kopfsteinpflaster und Kohlenofenluft – würde da eben nicht eine der aufregendsten Stimmen der US-amerikanischen Gegenwarts­literatur leben.

Zum Autor

Jan Wilm ist Schrift­steller und übersetzt aus dem Englischen, unter anderem Werke von Arundhati Roy und Frank B. Wilderson III. 2016 erschien sein Sachbuch «The Slow Philosophy of J. M. Coetzee», 2019 der Roman «Winterjahrbuch», 2022 sein Freundschafts­buch «Ror.Wolf.Lesen». Seine Übersetzung von Adam Thirlwells neuem Roman «Die fernere Zukunft» erscheint im August.

Serviert bekomme ich Kaffee in einer Tasse mit Berner Wappen. Nell Zink spricht mit mir über ihren aktuellen Roman, über Faschismus und Kultur­kritik, die USA und, eben, die Schweiz, die nicht nur Schauplatz ihres ersten Romans war, sondern eine Zeit lang auch ihr Arbeitsort. Im Herbst­semester 2022 hatte Zink die Friedrich-Dürrenmatt-Gast­professur für Welt­literatur an der Universität Bern inne, wo sie ein Seminar mit dem Titel «Poetik der Verkäuflichkeit» gab. Das Seminar­thema prägt längst ihr Gesamtwerk, immer wieder kehrt sie zu Kapitalismus­kritik und Patriarchats­zerschlagung zurück. «Es hat richtig Spass gemacht», resümiert sie kurz und knapp ihre Zeit im Berner Seminar.

Komische Käuze überall

In Zinks ruhiger, durchsonnter Altbau­wohnung stehen Gitarren­koffer und Bücher­kartons neben den zahlreichen Beleg­exemplaren ihrer Romane, dazu Stapel mit Werken von China Miéville, Elif Batuman, Adalbert Stifter und Pierre Bourdieu. Bern sei wunderschön, sagt Zink: «Die Stadt ist das totale Kontrast­programm zur norddeutschen Tiefebene.»

Nell Zink verkörpert selbst ein totales Kontrast­programm: entlegene branden­burgische Provinz trifft auf englisch­sprachige Autorin. Und die wiederum nimmt die vielleicht schärfsten und komischsten literarischen Obduktionen am Kadaver der spät­kapitalistischen Gesellschaft vor. Ihre Schauplätze reichen von Florenz bis Berlin, doch ihr literarisches Sezier­besteck schneidet am tiefsten ins Fleisch ihres Heimat­landes.

In «Avalon» erzählt sie nun von einer Gruppe kalifornischer Millennials zu Beginn des 21. Jahrhunderts – ein Roman wie die Ruhe vor dem Sturm. Es ist die Zeit vor Trump, vor Covid, vor dem Krieg in Europa.

Im Zentrum der Millennial-Gruppe und des Romans steht die junge Frau Bran. Nach der Highschool treibt Bran perspektivlos durchs Leben und beäugt skeptisch ihre Umgebung und ihre Zeit. Trotz des Schmerzes, die Zinks Figuren in dem Roman erfahren, wirkt die geschilderte Welt seltsam paradiesisch. So zeigt die Autorin ex negativo die Schrecken der aktuellen Tages­politik, ohne sie reisserisch zum Roman­thema zu machen. Zugleich unterstreicht sie so die Möglichkeit der Literatur, auch aus unserer jüngeren Gegenwart eine regelrechte Gegenwelt zu machen.

«Avalon» bietet ein Charles-Dickens-haftes Figuren­ensemble schrulliger und liebevoll schräger Vögel auf. Da ist zum Beispiel Brans Bekannter Jay, der Rudolf Steiners Eurythmie mit Flamenco kreuzt, beim Tanzen allerdings «ein Gesicht macht, als müsste er dringend aufs Klo». Nicht ganz zufällig spielt die Geschichte in einem der amerikanischen Zentren seltsamer und faszinierender Käuze, nämlich der Region Los Angeles. Zink sucht aber weder das Beverly Hills der grün gesprenkelten Rasen­flächen noch das Hollywood der Film­studios und Illusionen. Sie bevorzugt die sonnen­gebleichten Kulissen des Punkrocks der 1980er-Jahre oder der Filme von Robert Altman, das vorstädtisch anmutende und doch herunter­gekommen wirkende Torrance in L.A. County.

Wie einige frühere Zink-Figuren hat Bran eine unkonventionelle Jugend durchgemacht. Ihre Mutter hat die Familie verlassen, als Bran ein Kind war, um in «ein tibetisch-buddhistisches Kloster» zu gehen. So wuchs Bran bei der Familie ihres Stiefvaters auf, in dessen familien­eigener Baumschule sie seit jeher mitarbeitet. Bran kommentiert mit der ihr eigenen Ironie:

Wie bei vielen Familienbetrieben ist der Schlüssel zur Rentabilität dieses Geschäfts unbezahlte Arbeit von Frauen, Kindern und unlängst Geflüchteten, die einen Schlafplatz brauchen.

Nell Zink: «Avalon».

Während Brans Freundinnen und Freunde nach der Highschool College- und Karriere­pläne aushecken, treibt Bran ziellos durchs Leben und schneidet formvollendet wie niemand sonst Liguster­pflanzen. Wie schon in früheren Romanen kristallisiert Zink auch in Brans Stieffamilie deren Dysfunktionalität heraus: «Ich bin nie als Familien­mitglied betrachtet worden, es sei denn, sie wollten was von mir», denkt Bran einmal.

Als Bran das intellektuelle Grossmaul Peter kennenlernt, rät er ihr, sich von dieser Pseudo­familie abzunabeln, und er ermutigt sie, ihre Kreativität ins Schreiben von Dreh­büchern zu stecken.

Beim Lesen geht es einem dann genau wie Bran: Man findet Peter interessant – ein nettes Kerlchen. Doch Zink ist eine ausgekochte, schlitzohrige Erzählerin: Weil Peter für Bran bald von Vorteil ist, wird es immer schwieriger, ihn unsympathisch zu finden, obwohl er mit der Zeit ungeheuer nervt. Und schliesslich wird der Problem­löser Peter selbst zum Problem. Denn die Liebe, die zwischen den beiden keimt, wird völlig überraschend zurück­geschnitten, als Peter beichtet, dass Bran zwar seine grosse Liebe sei, er allerdings leider schon eine Verlobte habe.

Um Brans emotionale Zerfetztheit einzufangen, schreckt Nell Zink, die brillante Gattungs­zerstörerin, nicht vor Sentimentalitäten zurück, die an einen Kitsch­roman erinnern. Doch das Kitschig-Sentimentale ist ja gerade für die Liebe unter Teenagern nicht nur wichtig, sondern mitunter entscheidend. Es ist also ganz folgerichtig, dass Bran voll sehnsüchtiger Begierde denken kann:

Warum fiel es mir so schwer einzusehen, dass wir unser Leben nicht zusammen verbringen würden? Wie definiert man «ein Leben zusammen verbringen»? Warum konnte ich meine Hand nicht von der heissen Herd­platte nehmen? Ich kann Ihnen sagen, warum: Weil es so verdammt schön ist, sich die Finger zu verbrennen.

Was Zink neben ihrem ironischen Stil und ihrem unvergleichlich beissenden Humor aber zu einer der interessantesten Autorinnen ihrer Generation macht, ist die mühelos anmutende Komplexität ihrer Figuren­zeichnung: Für Figuren wie Lesende ist nie eindeutig zu entscheiden, wer Sympathie und wer Antipathie verdient hat.

Glücklich in der brandenburgischen Provinz: Nell Zink in Bad Belzig.

Ausgerechnet Peter, der gegenüber Bran pausenlos über die Zerstörungs­kraft des «Zombie-Kapitalismus» und des Patriarchats doziert, ist selbst unentwirrbar im kapitalistischen und patriarchalen System gefangen. Sein Ziel, erfolgreicher Professor an einer Ivy-League-Uni zu werden, steht im Widerspruch zu seinem abgebrühten Blick auf alles Institutionelle. Und seine kritische Meinung über Maskulinität hindert ihn nicht daran, selbst toxische Männlichkeit zu verbreiten. Es sträubt einem die Haare, als er Bran eines Tages ein Nackt­foto seiner Verlobten zeigt. Zum Glück nimmt Bran einem beim Lesen aber die Worte aus dem Mund: «Scheisse.»

Im Gespräch mit mir erzählt Zink, es gebe eine Leerstelle unter den Figuren der Gegenwarts­literatur: den jungen, intellektuellen Burschen, der «eine gewisse Vorliebe für weibliche Aufmerksamkeit hat, ohne dass er wirklich weiss, was er eigentlich will, und dann mit einer jungen Frau spielt». Meistens, sagt Zink, würden ihr Frauen von diesem Phänotyp erzählen: «Vor allem Frauen, die an Unis gearbeitet haben, kennen diese Typen. Ich dachte immer, die gibt es nur bei den Germanisten, aber die gibt es scheinbar in allen Fächern, auf der ganzen Welt.» Lachend schiebt sie nach: «Sie sind unter uns.»

Der «faschistische Unterton»

Es wäre verlockend, Peter, zuweilen ein unerträglicher mansplainer, ganz stereotyp als den grossen bösen Wolf zu sehen und Bran als die arme verfolgte Unschuld. Doch Nell Zink liegen einfache Verurteilungen oder Heroisierungen fern. Zwischen ihren Bücher­kisten und Gitarren­koffern sitzend sagt sie: «So etwas wäre völlig uninteressant zu schreiben, und ich schaffe es nicht. Auch wenn ich Bösewichte schreiben will, sind die mir sofort sympathisch, weil sie meine Bösewichte sind. Und ich finde Wider­sprüche und Paradoxe viel interessanter als einfache Sachverhalte.»

Widersprüchlichkeit und Komplexität prägen auch die Art und Weise, wie Zink ihr Heimat­land zeichnet. Ihre Texte sind durchpulst von Faszination und Schrecken gleicher­massen, wenn sie auf die USA blickt.

In «Avalon» sickert dies in die Überlegungen ihrer Figuren ein, etwa wenn diese diskutieren, ob die Medien und die Populär­kultur in den USA faschistoide Züge angenommen hätten. Auch im Gespräch beklagt die Autorin die Normalisierung eines «faschistischen Untertons in der Populär­kultur». Sie meint damit, «dass man zum Beispiel Leuten gerne beim Leiden zusieht, ganz zu schweigen von offen faschistischen Erzeugnissen wie ‹The Walking Dead›». Und sie spricht davon, wie eine «gewöhnliche Todes­verliebtheit in der modernen Kultur während der Corona-Zeit noch einmal potenziert» worden sei. «Es wurde ganz offen gesagt, dass wir alle früher oder später sowieso einmal sterben und dass die Wirtschaft brummen müsse, weil Menschen unter Geld­mangel potenziell genauso leiden wie jene Menschen, die an Covid sterben.»

Dieser scharfe Blick auf die Welt macht auch den kultur­kritisch gesträhnten Roman «Avalon» aus. Das Buch ist ausserdem gespickt mit Legenden und Mythen, die vom Rolands­lied bis zu König Artus reichen. Der Titel lockt mit der magischen Insel der Artus-Sage, auf die der sagenhafte König, getrennt von seiner Geliebten Guinevere, nach seiner letzten Schlacht gebracht wird, um Heilung zu finden.

Auch bei Zink ist Avalon ein Ort der Zuflucht, obwohl hier ein realer Ort gemeint ist, das «Touristen­fallen-Kaff auf Santa Catalina Island» mit demselben Namen «südlich von L.A.». Mit diesem Ort verbindet Bran die einzigen schönen Kindheits­erinnerungen, hierhin ist sie einst als Zehnjährige mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater gereist, nicht ins paradiesische Avalon. Kann Bran auch nicht direkt ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter und einer heilen Familie ausdrücken, so lebt in ihr immer die Sehnsucht nach einem magischen Ort, an dem die Wunden der Vergangenheit geheilt werden können.

«Avalon» ist ein kurzes, niemals seichtes Werk über Liebe in Zeiten einer Richtung Trump gleitenden Gesellschaft, ein kluges Buch über eine kluge junge Frau, ein Roman über Faschismus und Mythologie. Es ist bezeichnend, aber folgerichtig, dass die Figuren in Zinks neuem Roman niemals nach Avalon reisen, an den Ort, der vor der Küste von L.A. liegt. Avalon bleibt Sehnsucht, König Artus bleibt Mythos, und die Heilung, die nicht nur Zinks Figuren, sondern auch die Gesellschaft der USA und vielleicht die ganze Welt so nötig hätten, ist am ehesten zu finden in der Literatur.

Zum Buch

Nell Zink: «Avalon». Roman. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Rowohlt, Hamburg 2023. 272 Seiten, ca. 34 Franken.

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