Egal, worum es geht, um ihn geht es immer: Benjamin von Stuckrad-Barre. Screenshot/Instagram

Beef im Boys Club

Lange ist kein Buch mehr so gehypt worden wie der #MeToo-Schlüssel­roman von Benjamin von Stuckrad-Barre über das Springer-Universum. Literarisch ist das Ganze am Ende vor allem eines: hilflos.

Von Johannes Franzen, 05.05.2023

Vorgelesen von Regula Imboden
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Dieser Text muss mit einem Geständnis beginnen: Über Monate habe ich ziemlich gierig auf den neuen Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre gewartet.

Schon vor der ersten Ankündigung verbreitete sich im Flurfunk des Literatur­betriebs, dass es ein grosser Roman über die Führungs­ebene des Axel-Springer-Konzerns werden sollte. Da wusste man bereits, dass Stuckrad-Barre, jahrelang selbst Autor der Springer-Medien, und Springer-Chef Mathias Döpfner einst seltsame SMS ausgetauscht hatten.

Ich bin Skandal­forscher und habe ein Buch über Schlüssel­romane geschrieben. Die Ankündigung von Stuckrad-Barres Roman – sein Titel «Noch wach?» war bereits als Anspielung auf Julian Reichelts #MeToo-Affäre erkennbar – klang also in meinen Ohren ausgesprochen verheissungsvoll. Wo sich Klatsch und Literatur berühren, das Ästhetische und Profane aufeinander­treffen, da besitzt die Gegenwarts­kultur oft die nervöse Energie, die ihr im Hochkultur­segment inzwischen häufig abhanden­kommt. Das Buch von Stuckrad-Barre, dafür sorgte das Marketing des Verlags mit aller Macht, sollte ein Ereignis werden. Versprochen wurde ein Roman, über den alle reden und der die Gemüter erhitzt. In der offiziellen Programmvorschau für das Frühjahr 2023 war übrigens nur das ernste Gesicht des Autors zu sehen gewesen, neben einem weissen Buchdeckel, auf dem lapidar zu lesen war: «Benjamin von Stuckrad-Barre: Neuer Roman».

Natürlich diente die Geheimnis­krämerei dazu, die Gier auf «Noch wach?» weiter zu verstärken. Auf mein zweites Drängeln bei der Presse­stelle teilte man mir höflich mit, dass ich mein Rezensions­exemplar wie alle anderen erst am Tag des Erscheinens bekommen werde.

Was hatte es damit auf sich? Sollten mögliche Klagen der Akteure verhindert werden? War der Roman so brisant, so gefährlich, dass er vor seinen eigenen Figuren geschützt werden musste? Die Vermutung erschien naheliegend. Immerhin gibt es mit Klaus Manns «Mephisto» und Maxim Billers «Esra» zwei bekannte Fälle der jüngeren Geschichte, in denen ein Roman von den Menschen, die sich darin wieder­erkennen mussten, juristisch aus dem Verkehr gezogen wurde. Auf die Erinnerung an solche Fälle konnte das Buch­marketing zählen.

Als die Druck­fahnen dann pünktlich am Erscheinungs­tag in mein Postfach flatterten, hatte ich aber plötzlich keine Lust mehr. Der Text war da, aber was hatte der Text überhaupt noch mit dem Ereignis zu tun? War ich gierig auf den Roman oder nicht eher auf das Drumherum von Gerüchte­küche und Skandal?

Zum Autor

Johannes Franzen ist Literatur­wissenschaftler und Kultur­journalist. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen sowie Redaktor des digitalen Feuilletons 54books und betreibt den Newsletter «Kultur & Kontroverse». Sein Buch «Indiskrete Fiktionen» widmet sich dem deutsch­sprachigen Schlüssel­roman 1960–2015.

Kurz vor dem Erscheinen hatte die «Zeit» grosszügig aus den schlimmen privaten Nachrichten Mathias Döpfners zitiert, in denen er Muslime als «Gesochs» (sic) bezeichnete und den «Ossis» unterstellte, sie könnten nur Faschisten oder Kommunisten sein. Diese Enthüllungen reicherten einen längst bestehenden Diskurs an, der sich in der Öffentlichkeit um die Wirrungen des Springer-Verlags gebildet hatte. Was unter Julian Reichelt als Chefredaktor der «Bild» geschehen war, darüber konnte man seit längerem in der Zeitung lesen, und zwar in horrender Detail­fülle. Der fast vierhundert­seitige Roman, der jetzt auf meinem Schreib­tisch lag, wirkte vor diesem Hintergrund auf einmal ziemlich schwer.

Was war das Problem?

Literaturwissenschaftlich könnte man vielleicht sagen: Dieser Roman litt schon am Anfang akut unter para­textueller Überfrachtung. Als Paratext bezeichnete der französische Literatur­wissenschaftler Gérard Genette das Beiwerk eines Buches – all die Texte und Informationen, die sich um ein Buch herum versammeln und die Rezeption beeinflussen: Klappen­texte, Werbe­broschüren et cetera. Ein Roman tritt uns nie nackt entgegen, sondern steht immer schon im Kontext einer Reihe von Nachrichten, die die Art, wie wir lesen, massgeblich und zwangsläufig beeinflussen. Die Publikation von «Noch wach?» ging nun mit einem regelrechten Exzess von Para­texten einher. Und diese wiederum bauten Erwartungen auf, die der Roman niemals erfüllen konnte.

Rasende Rezensenten

Es ist hier vielleicht der Moment, einmal einen Schritt zurück­zutreten und sich die Frage zu stellen, wie der Kultur­journalismus mit einem solchen Ereignis umgehen könnte. Das Feuilleton hat ja, stärker vielleicht als die anderen Ressorts, das Privileg einer gewissen Langsamkeit. Aktualität im Nachrichten­sinne muss hier meist kein Faktor sein. News über den Rücktritt eines Politikers sind schon Stunden nach Veröffentlichung wieder veraltet – ein Roman von mehreren hundert Seiten dagegen ist als Gegenstand nicht verdorben, wenn man ihn eine Woche oder einen Monat nach seinem Erscheinen bespricht.

Im Fall von «Noch wach?» allerdings liessen sich die Redaktionen vom Verlag ein Speed­reading aufzwingen, um so schnell wie irgend möglich berichten zu können – also am besten noch am selben Tag, an dem man morgens um 10 Uhr das Manuskript in den Post­eingang bekam. So wurde mit grosser Eile ein Buch besprochen, als handle es sich um einen Wahlsieg oder eine Natur­katastrophe – der Rezensent als rasender Reporter. Gleichzeitig wurde auch klar, dass ausgewählte Medien den Roman dann doch schon vorher bekommen hatten. So liess sich ein Spektakel der Feuilletons veranstalten, die den Roman quasi vor den Augen des Publikums in aller Eile verschlangen und dabei unbedingt ein Stündchen schneller sein wollten als die Konkurrenz.

Hätte man sich die Ungleich­behandlung gefallen lassen, das Wett­rennen mitmachen sollen?

Vielleicht zeigt die Publikation von «Noch wach?» auch das mangelnde Selbst­bewusstsein eines Kultur­journalismus, der Debatten und Skandalen hinterher­schreibt, um zu kompensieren, was nicht nur Medien­manager gerne behaupten: einen angeblichen Mangel an Relevanz von Kultur und Kunst. Die Gefahr, die in einem solchen Spektakel­feuilleton entsteht, ist, dass man sich selbst zum Komparsen im Marketing­theater von Verlag und Autor macht.

Der Diskurs um «Noch wach?» erinnert in dieser Hinsicht an einen thematisch anders gelagerten Fall: den Roman «Der Schlaf in den Uhren» von Uwe Tellkamp. Auch da wurde das Buch als zeitkritischer Enthüllungs- und Skandal­roman angekündigt, der den politischen «Mainstream» von rechts heraus­fordern sollte. Und auch da schrieben die Kritiker pflicht­schuldig dem Provokations­marketing hinterher.

So unterschiedlich die Intentionen und Welt­anschauungen im Falle von Tellkamp und von Stuckrad-Barre sein mögen: Beide Male haben sich die Feuilletons ein Buch­ereignis aufdrücken lassen und sich in den Dienst eines aufmerksamkeits­ökonomischen Kalküls gestellt, das sie eigentlich hinter­fragen sollten. Die Eile und konzertierte Ballung, die dabei herrschten, sind Teil des Problems. Einem Ressort, das sich Zeit lassen kann und sollte, wurde die Zeitlichkeit der News­rooms aufgezwungen.

Das hat allerdings dann doch auch mit der literarischen Gattung von «Noch wach?» zu tun. Stuckrad-Barres Buch ist ein typischer Schlüssel­roman, ein Roman, der sich zwar offiziell auf seine Fiktionalität zurückzieht, inoffiziell aber zahlreiche Andeutungen macht, sodass hinter den Figuren reale Vorbilder entschlüsselt werden können. Es geht also darum, den Roman als Waffe zu nutzen, mit der sich unmittelbar in Debatten und öffentliches Geschehen eingreifen lässt.

Stuckrad-Barre verfolgt das Ziel, die sexualisierte Ausbeutung und den Frauenhass, der offenbar bei Springer herrscht, anzuklagen und die Geschichte, die zur Entlassung von Julian Reichelt geführt hat, aus einer Insider­perspektive noch einmal zu erzählen. Damit unterliegt das Buch allerdings auch der kurzen Halbwerts­zeit von Nachrichten.

In Sachen Verkaufs­zahlen und maximale Aufmerksamkeit ist das Kalkül des Verlags voll aufgegangen; das Buch landete, wie nicht anders zu erwarten, direkt auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Allerdings leidet «Noch wach?» unter dem klassischen Problem eines Romans, der so offensichtlich eine Realität erzählen will: Er steht in Konkurrenz zu dieser Realität. Und die besitzt am Ende oft einen viel höheren Schauwert als die mühsame Fiktionalisierung.

Die privaten Nachrichten Döpfners, die die «Zeit» veröffentlicht hatte, kamen mit einer schmutzigen Authentizität daher, die ihre Protagonisten unmittelbar plastisch machte. Ein Roman wie «Noch wach?» hingegen muss sich die Frage stellen lassen, ob er mit der Realität, die er aufgreift, mithalten kann, und die Antwort muss in diesem Fall lauten: Nein, kann er nicht. Stuckrad-Barre hat sich an der Heraus­forderung, einen Enthüllungs­roman über Medien und Macht­missbrauch zu schreiben, gründlich verhoben.

Enthüllungs­roman ohne Enthüllung

Mit den grossen Schlüssel­romanen und ihren Skandalen der letzten Jahrzehnte lässt sich «Noch wach?» ohnehin kaum vergleichen. Stattdessen erinnert das Buch an Fälle, in denen mit grossem Aufwand ein Schlüssel­roman­ereignis inszeniert wurde, nur um dann schnell zu verpuffen – weil die entsprechenden Bücher einfach nichts Neues zum Diskurs beizutragen hatten und den Mangel an Enthüllungen auch nicht durch aufregende formale Strategien kompensieren konnten.

Im Jahr 1996 etwa veröffentlichte ein ehemaliger Funktionär des baden-württembergischen Staats­ministeriums, Manfred Zach, einen Roman mit dem Titel «Monrepos oder die Kälte der Macht», in dem Insider­informationen über seine Zeit in der grossen Politik geliefert werden sollten. Der Roman produzierte grosses mediales Interesse, da der Autor sich erfolgreich als Besitzer eines besonderen Wissens inszenieren konnte. Das Buch selbst, ausgesprochen langweilig und trocken erzählt, enthielt allerdings kaum echte Enthüllungen, die man nicht vorher schon aus der Zeitung erfahren hatte. Heute gilt der Roman nur noch als Kuriosum.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Roman «Das Magazin», den der damals bekannte Literatur­kritiker Hellmuth Karasek 1998 veröffentlichte. Das Buch wurde als Schlüssel­roman über den «Spiegel» vermarktet, wo Karasek das Kultur­ressort geführt hatte – und so versprach man sich eine Abrechnung mit jenem Medium, mit dem der Autor unter problematischen Umständen auseinander­gegangen war.

Die Ankündigung eines solchen Medien- und Rache­romans übte auf das Feuilleton eine ähnlich grosse Faszination aus wie heute «Noch wach?». Karaseks Buch selbst erwies sich dann aber als schockierend schlecht geschriebene Mischung aus Herren­witzen und mässig spannenden Anekdoten. Vor allem hatte der Autor, trotz seiner Insider­position, kaum echtes Insider­wissen zu bieten. Was übrig blieb, waren billige Lästereien. Etwa die, dass der Chef­redaktor, der im Roman Bernhard B. Schwab heisst und in fast allen Rezensionen mit dem tatsächlichen Chef­redaktor des «Spiegels» Erich Böhme gleichgesetzt wurde, als ein Mann bezeichnet wird, der «in seinem Fett wabbelt wie einer, der zu viel Süssigkeiten frisst – ganz und gar nicht der erwartungs­gerechte Erfolgstyp und in der Redaktion daher als ‹gemütlich› eingeschätzt».

Karaseks Roman zeigt eindrücklich, dass der Insider­status eines Autors noch lange keinen erfolgreichen Enthüllungs­roman garantiert. Die Kritiken klagten über «bleierne Lange­weile», und im «Spiegel» wurde Karasek abwinkend als «Schlüssel-Schummler» bezeichnet, der ausser ein paar Pannen nichts wirklich Skandalöses über das Magazin zu berichten hätte. Schlüssel­romane sind, gerade weil sie in Konkurrenz zu der Realität stehen, die sie angeblich enthüllen sollen, anfällig für diese Art der Enttäuschung.

Diesem Problem entgeht auch der Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre nicht. Er ist zwar weniger langweilig als «Monrepos» und besser geschrieben als «Das Magazin», aber aufregende oder bedeutende Enthüllungen hat auch er nicht zu bieten. Und so stellt sich bei der Lektüre schnell das Gefühl ein, dass hier hilflos einer Realität hinterher­geschrieben wurde, die dem Roman ständig davonläuft.

In einer unseligen Tradition

Stuckrad-Barre erzählt aus der Perspektive eines Schrift­stellers, der mit dem realen Autor assoziiert werden soll. Er verbringt die Hälfte des Jahres im «Chateau Marmont» in Los Angeles, um der Kälte und Dunkelheit des deutschen Winters zu entfliehen. Dort lernt er die Schauspielerin Rose McGowan kennen, die ihn wie eine magische Mentorinnen­figur dazu motiviert, zum Helfer unter­drückter Frauen zu werden. Während sich in den USA aber der Weinstein-Skandal und #MeToo ankündigen, darf in Deutschland bei einem grossen Fernseh­sender, der unschwer als Stellvertreter für die «Bild» zu erkennen ist, ein scheusslicher Chefredaktor ungestraft sein Unwesen treiben und reihenweise die weiblichen Angestellten des Senders sexuell ausbeuten und tyrannisieren.

Der Chef des Senders – und hier treffen die beiden Stränge der Erzählung aufeinander – ist der beste Freund des Schrift­stellers, und ihre Freundschaft schliesst ein, dass man alles miteinander bespricht und durchaus auch manchmal zusammen weinend im Bett liegt.

Diese Freundschaft hat allerdings sehr gelitten, seit der Sender­chef sich von dem bösen Chef­redaktor politisch und professionell beeinflussen lässt. Der Schriftsteller dagegen wird von immer mehr Frauen aus dem Sender ins Vertrauen gezogen und muss mit Erschrecken feststellen, dass sein Freund eine Kultur sexualisierter Gewalt in seinem Sender nicht nur zulässt, sondern auch deckt. Am Ende steht die Entscheidung zwischen der Freundschaft und der moralischen Anforderung, den Frauen zu helfen.

Es gehört zu der transparenten Schlüsselroman­strategie dieses Buches, dass die Vorbilder der Haupt­figuren leicht zu erkennen sind (und doch immer juristisch der Rückzug auf den fiktionalen Charakter bleibt). Der Senderchef, die Figur des Freundes, verweist auf Springer-CEO Mathias Döpfner, die Figur des Chef­redaktors auf den ehemaligen Chefredaktor der «Bild», Julian Reichelt.

Aber was erfährt man eigentlich über diese Menschen? Dass bei der «Bild» kein vorbildliches journalistisches Ethos herrscht, dass der Chef­redaktor zahlreicher Vergehen beschuldigt wird, dass der Unternehmens­chef nichts dagegen getan hat – all das wusste man schon vorher. Und ausgerechnet das Herzstück des Insider­berichts, der Kampf des Schrift­stellers und der betroffenen Frauen gegen den Sender, erscheint seltsam irreal und erfunden, weil der Autor diesem Stoff ästhetisch nicht gewachsen ist.

So ist alles, was von «Noch wach?» am Ende übrig bleibt, ein Dokument der stilistischen und politischen Überforderung.

Der Roman steht in der unseligen Tradition von ehemals hyper­ironischen Pop­literaten, die nun auf einmal ernst werden. Dazu gehört, neben dem unter der Büchnerpreis­würde zum Gross­schriftsteller gereiften Rainald Goetz, auch Christian Kracht, sicher der einfluss­reichste Autor dieser Bewegung, der in seiner zweiten Werkphase als bildungs­beflissener Autor historischer Romane noch einmal erfolgreich wurde. Und dazu gehört Heinz Strunk, der als komischer Autor von Büchern mit dem Titel «Fleisch ist mein Gemüse» bekannt wurde, bevor er sich über den Frauenmörder­roman «Der Goldene Handschuh» zu einem Autor wandelte, über den man Aufsätze und Doktor­arbeiten schreiben kann.

Das deutschsprachige Feuilleton liebt solche Geschichten, in denen sich einstige Clowns der ernsthaften Literatur zuwenden, also endlich erwachsen werden. Allerdings hatte Stuckrad-Barre diese Transformation schon in seinem letzten Buch «Panikherz» vollzogen. Hier ging es um einen geläuterten Pop­autor, der sich aus einer Sucht- und Krankheits­geschichte rettet. Ein wichtiger Teil dieser Geschichte war, dass sich dieser ehemals coole Typ einer wenig coolen Retterfigur, dem Alt­deutsch­rocker Udo Lindenberg, unterwirft – eine Abbitte dafür, einer der Protagonisten im toxischen Kult der zynischen Coolness gewesen zu sein.

«Panikherz» funktionierte deshalb, weil Stuckrad-Barre sich auf das beschränkte, was er am besten kann: über sich selbst schreiben. Der Sound, den der Autor in seinen Romanen und Artikeln kultiviert hatte – schnoddrige Alltags­beobachtungen, umgangs­sprachlich, aber pointiert vorgetragen –, funktionierte in dieser oft auch erschreckenden Sucht- und Läuterungs­geschichte gut. Die tiefe ängstliche Verunsicherung, für deren Kompensation die ausgestellte Coolness des jüngeren Popliteraten offensichtlich vor allem da war, kam hier in einer oft rührenden Melancholie zum Ausdruck. Gleichzeitig war «Panikherz» aber auch angenehm frei von hoch­kulturellen Prätentionen.

Halbironische Bescheid­wisserei

Dem neuen Roman allerdings wird es ästhetisch zum Verhängnis, dass Stuckrad-Barre wirklich nur diese eine Sache kann.

Nun ist es natürlich gut für einen Autor, wenn er einen Sound beherrscht. Aber nicht jeder Sound passt zu jedem Thema.

Zwar hat man zu Beginn des Romans noch die Hoffnung, dass die Aufzählung von Phrasen, für die Stuckrad-Barre immer ein feines Gespür hatte, als Waffe gegen das visionäre Gerede eingesetzt wird, das ein Unternehmen wie Springer legitimieren soll. So gibt es etwa eine Szene, in der der Erzähler die Baustelle des neuen Senderhaupt­quartiers besichtigt und penibel all den Blödsinn dokumentiert, den die unternehmerische Sprache aus dem messianischen Umfeld des Silicon Valley produziert. Da ist dann die Rede vom «fluiden Arbeitsplatz» oder vom «Projekte enhancen».

Allerdings bekommt dieser halb­ironische Bescheidwisser­ton bald etwas Ermüdendes, zumal diese Kritik an der Sprache des Spät­kapitalismus auch nicht mehr taufrisch erscheint. An einer Stelle macht sich der Erzähler darüber lustig, dass jedes Skandal­ereignis heute in Anlehnung an Watergate benannt werden muss:

Das war so eine weitere Abstrusität dieses Trashsenders, dass sie jede Kleinigkeit, die sie zum MEGASKANDAL aufpumpten, völlig sinnbefreit mit einem Kompositum betitelten, dessen zweiter Teil immer GATE war. Dass WATERGATE einst einfach nur der Name eines Büro und Hotel-Gebäudekomplexes in Washington D. C. gewesen war – ach, Details, egal: BENZINGATE! ABSEITSGATE! ÖKOGATE! BUSENGATE! DIENSTWAGENGATE! SCHNITZELGATE!

Dieser gemütliche Kolumnen­ton mit den anstrengenden ständigen Gross­schreibungen, die Anführungs­zeichen andeuten sollen, steht in einer irritierenden Spannung zur ethischen Dringlichkeit des Themas. Immer wieder schiebt sich der launige Alltags­beobachter, der in den anderen Büchern gut funktioniert haben mag, vor die Erzählung einer #MeToo-Geschichte, die der Roman ja vordergründig sein will. Man ahnt die moralische Integrität, die das literarische Vorhaben motiviert haben mag. Das Vorhaben wird durch die ästhetische und intellektuelle Hilflosigkeit, mit der das Buch geschrieben ist, allerdings beschädigt.

Das zeigt sich nirgends so deutlich wie in der Darstellung der Frauen, deren Kampf dieser Roman doch eigentlich unterstützen sollte. «Noch wach?» ist ein gutes Beispiel dafür, dass es gründlich schief­gehen kann, wenn ein Mann versucht, Frauen eine Stimme zu geben. Denn die Stimmen der jungen Frauen erklingen vor allem in einer von Anglizismen durchsetzten überspannten Jugend­sprache, die im Modus des Romans vor allem so wirkt, als wolle der Autor sich über sie lustig machen:

Unfit for office, Alder. Das weiss auch jeder im Sender, das kriegen ja alle täglich mit – und trotzdem greift aus der Führungs­spitze niemand ein! Ich check’s nicht.

Selbst wenn die Menschen, um die es geht, so reden, hätte man sie im Roman nicht so reden lassen sollen. Eine Autorin mit mehr Gespür für sprachliche Idiosynkrasien hätte aus diesen linguistischen Mustern etwas machen können: Figuren, die, bei aller Gebrochenheit, auch Empathie erzeugen. Aber unter den Händen des wenig subtilen Humoristen Stuckrad-Barre werden daraus ungewollt Schiessbuden­figuren.

Dazu passt die politische Naivität, die den Roman durchzieht.

Ein gelungener Medien- und Gesellschafts­roman muss toxische Strukturen individualisieren, um die konkreten Figuren zum Instrument sozialer Kritik zu machen. Bei Stuckrad-Barre ist aber alles Individualität. Wäre der Chef­redaktor nur etwas weniger böse, wäre der Freund nur etwas mutiger, wäre der Sender nur etwas netter – dann gäbe es kein Problem.

Dass der Springer-Verlag seit Jahrzehnten das politische und kulturelle Leben vergiftet und unzählige Menschen in den Ruin getrieben hat, erscheint in diesem Buch nicht als Resultat einer reaktionären spätkapitalistischen Struktur, die gesellschaftliche Ressentiments bedient und verstärkt, sondern als individuelles Versagen von Menschen, die sich nicht genug Mühe gegeben haben. Hoffnung besteht dieser Logik zufolge dann, wenn einzelne Menschen ihre Fehler einsehen, so wie die Figur Sophia, ein Opfer des Chef­redaktors: Gerade hat sie noch erfolgreich Sendungen gegen den Feminismus gemacht, und im nächsten Moment steht sie an der Spitze des Widerstands.

Diese politische und moralische Hilflosigkeit betrifft auch das Herz­stück des Romans: die Freundschaft des Erzählers zum Sender­chef.

Den naheliegenden Einwand, warum man überhaupt mit dem Chef eines Springer-ähnlichen Unternehmens befreundet sein sollte, lässt Stuckrad-Barre seinen Erzähler harsch unter Verweis darauf wegfegen, er wolle sich nicht einem «PEER-GROUP-Reinheitsgebot» unterwerfen. Hier soll das Drama um das Zerbrechen dieser Freund­schaft angelegt werden. Allerdings bleibt dieses Drama wie der Rest des Romans seltsam blass, weil an keiner Stelle wirklich begründet wird, warum diese Menschen überhaupt jemals befreundet waren.

Von Anfang an redet der Erzähler mit genervter intellektueller Verachtung über den Freund, der als ahnungsloser Schwätzer erscheint. Nur an wenigen Stellen wird die tiefe Nähe angedeutet, die diese Männer einst miteinander verbunden haben soll.

Einmal, schon gegen Ende des Textes, als sich eine Aussöhnung kurz andeutet, tanzen sie gemeinsam zu ihrem Song. In solchen Szenen deutet sich an, was der Autor wirklich hätte schreiben können: den persönlichen Roman einer Freundschaft, die auf finanzieller und professioneller Abhängigkeit beruht und die ihren eigenen heftigen Schmerz erzeugt hat. Statt am Versuch zu scheitern, ein grosses Buch über sexuelle Ausbeutung von Frauen am Arbeits­platz zu schreiben, hätte Stuckrad-Barre sich auf die Geschichte einer unrettbar vermachteten Freundschaft beschränken können. Dann wäre womöglich ein aufregender Roman dabei heraus­gekommen. Aber wohl kein lukratives mediales Gross­ereignis.

Zum Buch

Benjamin von Stuckrad-Barre: «Noch wach?» Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 384 Seiten, ca. 34 Franken.

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