Die lange Geschichte der Zusammenarbeit mit Verbrechern: Demonstration am 21. März 1986 in Zürich. Keystone

«Die Frage ist: Mit welchen Verbrechen hängt unser Reichtum zusammen?»

Die Credit Suisse und ehemalige Kredit­anstalt ist bald Geschichte. Ein Grund zur Trauer? Nein, sagt Historiker Hans Fässler. Die Geschichte der Bank und ihrer Vorläuferin sei geprägt von einer Kontinuität der Kriminalität und fortlaufender Kooperation mit den schlimmsten Verbrechern.

Von Daniel Ryser, 02.05.2023

Vorgelesen von Miriam Japp
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Schuld am Niedergang der Credit Suisse, das haben wir in den letzten Wochen häufig gehört, sei die Amerikanisierung der Bank in den 1980ern gewesen. Die Kombination von angel­sächsischem Investment­banking und schweizerischer Vermögens­verwaltung habe auf Dauer nicht funktioniert, auch wenn man die hohen Boni natürlich gerne genommen habe. Die Schweizer hätten in einem Kultur­kampf den Kürzeren gezogen, und deswegen sei die ruhmvolle Credit Suisse schliesslich kollabiert.

Ohne die Amerikanisierung in den Achtzigern, so das Narrativ, hätte es also gar keine Probleme gegeben, und wir hätten noch viele weitere unbekümmerte, glanzvolle Jahre der Grossbank als Sponsorin von Tennisstars und unseres Fussball­nationalteams erleben können.

In St. Gallen trafen wir den Historiker Hans Fässler zum Gespräch. Sein Spezialgebiet: die Verstrickungen der Schweizer Wirtschaft in Kolonialismus und Sklaverei. Ein Mann, der unerbittlich den Finger auf die wunden Punkte der grossen Erzählung legt, die Schweiz sei von innen heraus und allein durch Ehrlichkeit und Fleiss so reich geworden.

Die schwerwiegenden Probleme der Bank, sagt der St. Galler Sklaverei­forscher, begannen nicht in den Achtzigern des 20. Jahrhunderts, sondern schon 120 Jahre vorher, bei ihrer Gründung.

Hans Fässler, als Historiker, der sich intensiv mit den Abgründen der Credit Suisse beschäftigt hat: Teilen Sie die Einschätzung der letzten Wochen, dass die Probleme der Credit Suisse erst begannen, als sie sich auf das Amerika-Geschäft zu fokussieren begann?
Wenn ich zum Beispiel auf die Flucht­gelder des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos blicke, der sein Land ausplünderte und diese Millionen bei der Kreditanstalt unter dem Decknamen William Saunders versteckte, was der Bank angeblich nicht auffiel, frage ich mich, ob der Geschäfts­bereich der gutschweizerischen Vermögens­verwaltung wirklich so unproblematisch war. Ich habe aus vielerlei Gründen Mühe zu glauben, dass die Credit Suisse erst mit dem angelsächsischen Kapitalismus zu einer üblen Bank geworden sei und vorher der anständige nicht-amerikanische Kapitalismus am Werk war. Was denken Sie, wann die Kreditanstalt ihre erste US-Filiale eröffnete?

Sagen Sie es mir.
Im Jahr 1870. Vierzehn Jahre nach Gründung der Bank in der Schweiz. Die Kreditanstalt war von Anfang an global, international und kolonial verhängt und hat sich nie gescheut, Geschäfte zu machen, die mit der Ausbeutung des Globalen Südens zu tun hatten. Eine lange Liste von Skandalen deutet darauf hin, dass es nicht die amerikanische Kultur brauchte, um aus dieser anständigen Bank eine schweinische Bank zu machen.

Reumütige Nachrufe auf die anständige Bank lasen wir in den letzten Wochen genug. Reden wir bitte über die schweinischen Geschäfte.
Gerne.

«Die Schweizerische Kreditanstalt betrieb regelrechte Propaganda für das Apartheidregime in Südafrika»: Hans Fässler. Ladina Bischof

Zur Person

Hans Fässler ist Historiker, Sklaverei­forscher und Anti-Apartheid-Aktivist aus St. Gallen. Recherchen zum politischen Kabarett­programm «Louverture stirbt 1803» für die 200-Jahr-Feier des Kantons St. Gallen führten Fässler zur Beschäftigung mit der Geschichte Haitis, der Sklaverei und der schweizerischen Beteiligung daran. Daraus entstand 2005 sein Buch «Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine zur Sklaverei», das 2007 ins Französische übersetzt und bei Duboiris in Paris veröffentlicht wurde. Seither beschäftigt sich Hans Fässler publizistisch und als Referent hauptsächlich mit den Themen Sklaverei, Kolonial­geschichte, Wiedergut­machung und Rassismus. Im Zusammen­hang mit der Debatte über die Schweiz als eine koloniale Gesellschaft ohne Kolonien, die Ende der 1990er-Jahre einsetzte, initiierte er zahlreiche politische Vorstösse auf Bundes-, Kantons- und Gemeinde­ebene. Fässler ist zudem Gründungs­mitglied des Vereins «Gerechtigkeit für Paul Grüninger», den St. Galler Polizei­kommandanten, der im Zweiten Weltkrieg hunderten jüdischen Menschen das Leben rettete, indem er ihre Einreisevisa fälschte und damit die Einreise in die Schweiz ermöglichte. Grüninger wurde für diese Handlung entlassen, von der offiziellen Schweiz fallen gelassen und starb in den Siebzigern verarmt. Der Verein half in den 1990er-Jahren bei der Rehabilitierung des Flüchtlings­retters mit, die schliesslich 1998 zur Gründung der Paul-Grüninger-Stiftung führte.

Kürzlich sagten Sie auf einem Podium zum Niedergang der Credit Suisse: «Die Schweizerische Kredit­anstalt stammt mitten aus einem kolonialen Zusammen­hang.» Was meinten Sie damit?
Der Mann, der den Anstoss für die Gründung dieser Bank gab, hiess Hans Caspar Hirzel. Er war ein Zürcher Kaufmann in Bordeaux, dem grossen französischen Atlantik-, Sklaverei- und Welt­hafen. Als Grossbritannien 1842 als Folge des Opiumkrieges die Öffnung der Häfen Chinas erzwang, war Hirzel vor Ort auf Erkundungs­mission, um die geschäftlichen Möglichkeiten zu prüfen. Hirzel war ein Schweizer Pionier des Handels mit Indien und China und ab 1851 persönlicher Berater von Alfred Escher, dem Gründer der Kredit­anstalt. Gemeinsam sassen sie im ersten Verwaltungsrat der Bank. Zusammen mit vielen Unter­nehmern und Industriellen, die man als «Baumwollene» bezeichnet hat.

Baumwollene?
Leute, die in der Baumwoll­industrie tätig waren.

Das Pflücken von Baumwolle war im 19. Jahrhundert ein Synonym für die Arbeit versklavter Menschen.
«Ohne Sklaverei keine Baumwolle, ohne Baumwolle keine moderne Industrie.» Dieses Zitat von Karl Marx ist wahrscheinlich für die Schweiz noch wahrer als für den Rest Europas, weil die Industrialisierung der Schweiz im 19. Jahrhundert auf der Textil­industrie beruhte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ging man von der Baumwolle aus dem östlichen Mittelmeer­raum zur amerikanischen Baumwolle über: von Ägypten, der Türkei, Griechenland, Mazedonien weg hin zur Karibik, Brasilien, Nordamerika. Im 19. Jahrhundert stammte die Schweizer Baumwolle fast ausschliesslich aus den Südstaaten der USA. Schliesslich entwickelte sich in der Schweiz aus der Textil­industrie die Maschinen­industrie. Auf der Baumwolle beruhte die Industrialisierung der Schweiz.

Die Baumwollenen und die Bank: Was hat das mit der Gründung der heutigen Credit Suisse zu tun, der Schweizerischen Kreditanstalt?
Kreditanstalt-Gründer Alfred Escher steckt wegen seiner Familien­geschichte mitten im schwarzen Atlantik. Wenn ich schwarzer Atlantik sage, meine ich jenen transatlantischen Wirtschafts­raum, der seit dem 17. Jahrhundert geprägt war durch den Dreiecks­handel zwischen Europa, Afrika, Amerika. Die Verwicklung in diese Kolonial­geschichte lässt sich bis zu Alfred Eschers Grossvater dokumentieren.

Welche Rolle spielte die Familie?
Der Grossvater Hans Caspar Escher war Bankier und Offizier in russischen Diensten. Über eine Firma in Marseille und Cádiz finanzierte er ein Sklaven­schiff mit. Dieses Schiff, die Olympe, stach von Bordeaux aus in See, entführte 264 Männer und Frauen in Westafrika. Die Menschen, Sklavinnen und Sklaven, wurden nach Cap Français in Saint-Domingue deportiert, dem heutigen Haiti. Der Historiker und Sklaverei­forscher Michael Zeuske stellte die Faustregel auf, dass ein einziger Sklave damals so viel wert gewesen sei wie heute ein Mittelklasse­wagen. Ein versklavter Mensch war ein respektabler Besitz mit respektablem Wert. Die Mutter von Alfred Escher, Lydia Zollikofer, stammte aus einer reichen St. Galler Familie. Wie die Eschers waren die Zollikofers stark in die Kolonial­geschichte verstrickt, in Nordamerika, in Ostindien. In der holländischen Kolonie Berbice in Südamerika trug eine Plantage den Namen Altenklingen.

Wie das Schloss im Thurgau?
Ja, die Sklaven­plantage in Berbice wurde nach dem Stamm­schloss der Zollikofers benannt. Das Schloss befindet sich noch immer in Familien­besitz, ein sehr schönes Schloss – wenn man Schlösser schön finden kann, die aus Geld finanziert wurden, das gestohlen wurde.

Das schöne Schloss Altenklingen im Thurgau, Heimstätte der Zollikofer-Dynastie …
… deren Reichtum stark vom Kolonialismus profitierte. akg-images

Sie haben jetzt vom Grossvater und von der Mutter gesprochen. Was war mit dem Vater von Alfred Escher?
Heinrich Escher hat zuerst für eine Pariser Bank gearbeitet, die auch Zürcher Wurzeln hatte: Hottinguer & Co. Diese Bank half der französischen Regierung, die Expedition von 1802 nach Saint-Domingue zu finanzieren, um den Sklaven­aufstand, der 1791 begonnen hatte, die Revolution auf Haiti, niederzuschlagen. Das war eine der grössten Expeditionen von See­streitkräften der damaligen Zeit. Aber Frankreich verlor diesen Krieg.

Und danach?
Heinrich Escher wurde Agent von Hottinguer in den USA, spekulierte mit Grund­stücken, mit Kolonial­waren, wurde unglaublich reich, besass einen Anteil an einer der besten Tabak­plantagen in Virginia. In seiner Brief­korrespondenz sieht man, dass er mit Politikern vom Kaliber eines Kriegs­ministers John Armstrong, mit George Washington und Thomas Jefferson Kontakt hatte. Und da muss man den französischen Soziologen Pierre Bourdieu ins Spiel bringen, der sagte, man muss nicht nur das Finanz­kapital betrachten, sondern auch das soziale und kulturelle Kapital. Denn diese drei Sorten Kapital sind konvertierbar. Wenn man die richtigen Verbindungen hat, kann man damit auch Finanz­kapital generieren. Das hat mit Bildung zu tun, mit Wissen, mit Bibliotheken und Atlanten, die man besitzt. Im Fall Eschers beispiels­weise das Wissen, wie man im schwarzen Atlantik geschäftet.

Man könnte entgegnen, dass man sich im Fall von Alfred Escher auch ohne koloniale Bezüge das kapitalistische Handwerk aneignen kann.
Alfred Escher schaffte es mit unglaublichem Tatendrang, Politiker zu sein in Zürich und auf nationaler Ebene eine Bank zu gründen, eine Versicherungs­gesellschaft, Eisenbahn­linien, die ETH und den Gotthard­tunnel zu initiieren. Escher war eine Zeit lang unangreifbar, weil er auf sämtlichen Ebenen tätig war und relativ undemokratisch handeln konnte. Das kam nicht aus dem Nichts. Sondern weil er aus einer extrem vernetzten, extrem reichen Geschäfts­familie stammte, die mit allen atlantischen Wassern gewaschen war.

Sie erwähnten den deutschen Sklaverei­forscher Michael Zeuske. 2017 publizierte «Das Magazin» einen Text über Zeuskes Forschung und belegte, was der Escher-Biograf und Credit-Suisse-Firmen­historiker Joseph Jung ein paar Jahre zuvor als «Schlamm­schlacht» abgetan hatte: dass Alfred Eschers Erbe auf Sklaven­arbeit gründete.
Der Kölner Sklaverei­forscher Zeuske fand im National­archiv von Havanna ein Dokument, eine Steuerliste von 1822, die belegte, wovon man lange ausgehen musste, nämlich den Sklaven­besitz der Familie Escher auf Kuba.

Worin bestand dieser Besitz?
Es geht um die Sklaven­plantage Buen Retiro. Diese Plantage war lange bekannt. Schon im 19. Jahrhundert wusste man, dass sie in den Händen der Familie Escher war, zuerst von Alfreds Onkel Friedrich Ludwig Escher. Es war sehr wahrscheinlich, dass auf einer Kaffee­plantage auf Kuba zu jener Zeit Sklaven arbeiteten. Aber es gelang bis 2017 nicht, diesen Nachweis zu erbringen.

Was weiss man heute?
Alfred Eschers Onkel und danach Alfreds Vater Heinrich besassen auf Kuba eine Plantage mit 87 versklavten Menschen. 82 Feldsklavinnen und 5 Haussklaven. Als der Onkel 1845 starb, ging die Plantage, die einen beträchtlichen Wert von 40’000 Silberpesos hatte, an Heinrich, Alfreds Vater. Die Plantage lag in Cuba Grande, in der Nähe von Matanzas, und das war Mitte des 19. Jahrhunderts eine der modernsten, am weitesten entwickelten Sklaverei-Plantagen-Landschaften der Welt. Eine Plantage an so einem Ort hatte einen immensen Wert. Schliesslich verkaufte Heinrich die Sklaven­plantage mit Alfreds Hilfe. Welche beträchtliche Summe dadurch in Alfreds Taschen landete, weiss man nicht. Die betreffenden Dokumente wurden bis heute noch nicht gefunden.

Historiker Joseph Jung verteidigt Alfred Escher bis heute: «Wir müssen klarstellen, dass Alfred Escher nie auf Kuba war und auch keine Sklaven hatte», sagte er 2020.
Als ob Profite aus dem Kolonialismus nur dann gemacht werden könnten, wenn man im entsprechenden Land lebt und selbst Sklaven besitzt … Das ist ein seltsames Argument. Es erinnert mich an den bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt, der in einer seiner Nummern einen rechts­extremen Bayern auftreten lässt, der sagt: «Jo, dieses Auschwitz, das waren ja gar nicht mir. Das war ja gar nicht in Deutschland. Das lag in Polen.»

Vorbild? Das Denkmal für Alfred Escher steht seit 1889 vor dem Hauptbahnhof Zürich. Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung: Sammlung Grafikansichten Schweiz

Wie lautete denn Alfred Eschers Position bezüglich der Sklaverei?
Alfred Escher vertrat während des Bürger­kriegs in den USA, der ja ein Krieg um die Abschaffung der Sklaverei war, also eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit, die Position, in einem solchen Konflikt müsse man «rückhaltlose Neutralität» bewahren. Eine solche Position konnte nur den Süd­staaten helfen. Alfred hatte übrigens eine Cousine, deren Mutter eine Sklavin der Eschers war.

Wie bitte?
Friedrich Ludwig Escher, Alfreds Onkel, der Plantagen­besitzer auf Kuba, zeugte mit seiner Haussklavin und Waschfrau Serafina eine Tochter. Nach allem, was ich durch meine Beschäftigung mit der Sklaverei weiss, war sexualisierte Gewalt von weissen Plantagen­besitzern gegenüber afrikanisch­stämmigen Sklavinnen eher der Normal­fall als die Ausnahme. Vielleicht gab es damals auch das, was man im weitesten Sinne als Liebes­beziehung bezeichnet, das will ich nicht ausschliessen. Die Norm aber war: Gewalt. Man weiss nicht, wie Alfreds Cousine gezeugt wurde. Man weiss aber, dass Serafina, die Sklavin, 300 Pesos wert war, und die Tochter, die afro-kubanische Cousine von Alfred, dann nur noch 100 Pesos.

Joseph Jung ist nicht der einzige Historiker, der Alfred Escher vehement verteidigt. Ein anderer ist Markus Somm, der im Buch «Warum die Schweiz so reich wurde» die These aufstellt, der Reichtum der Schweiz habe nichts mit Bank­geheimnis oder Sklaverei zu tun.
Ich zweifle nicht daran, dass die Schweiz eine leistungsfähige Volks­wirtschaft war, weil hier auch sehr viel und sehr hart gearbeitet wurde. Man muss ja nur mal schauen, wie wenig Ferien wir haben, wie lange wir arbeiten. Und die Dinge sind immer kompliziert. Ich würde Markus Somm zum Beispiel recht geben, dass die Reformation für unseren Reichtum eine gewisse Rolle spielte, die Klein­räumigkeit, die Unterschiede zwischen den Kantonen, die hugenottische Immigration. Aber daraus zu schliessen, Bankgeheimnis und Sklaverei hätten deshalb keine Rolle gespielt, ist eine ideologisch verblendete Verkennung historischer Tatsachen.

Eine extreme Minderheiten­position?
Es ist wichtig, zu betonen: Was ich beschreibe, anerkennt die überwiegende Mehrheit der historisch Forschenden. Aber es gibt natürlich, ähnlich wie beim Klimawandel, einzelne laute Exponenten der rechts­konservativen Schweiz, denen das gegen den Strich geht. Sobald man nicht mehr sagen kann, dass wir alles selbst geschaffen haben, öffnet das neue Diskurse und – aus ihrer Perspektive – gewisse Gefahren. Man müsste sich fragen: Wer hat es eingefädelt? Wer hat profitiert und auf Kosten von wem? Mit welchen Verbrechen hängt unser Reichtum zusammen? Sind wir haftbar?

Mit welchen Verbrechen hängt unser Reichtum zusammen?
Das Konto des korrupten nigerianischen Diktators Sani Abacha beispielsweise, betrügerische Kreditgeschäfte mit Mosambik, die das arme Land an den Abgrund brachten und Millionen Menschen in die Armut stiessen oder die nachrichten­losen Vermögen jüdischer Personen, die von den Nazis geraubt und in der Schweiz parkiert worden waren: Die Liste von Skandalen ist lang. Gerade bei Apartheid, Sklaverei oder Holocaust geht es ja nicht um Kleinigkeiten. Es geht um schlimmste Massaker, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Geschichte der Credit Suisse ist auch eine Geschichte der Kooperation mit schlimmsten Verbrechern?
Ja, das würde ich so sagen. Und man könnte über vieles sprechen, aber ich würde gerne über die Apartheid sprechen. Die Apartheid Südafrikas ist in meinen Augen eine ganz zentrale Epoche im üblen Geschäften der Schweizerischen Kredit­anstalt. Hier spielt auch die Sklaverei­geschichte hinein, denn Südafrika war eine Sklaven­halter­gesellschaft. Die Apartheid war ein staatlich etabliertes rassistisches System nach dem Zweiten Weltkrieg, nach den Schrecken des Holocaust, dem Anti­semitismus. Und in diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit mischte die Kreditanstalt mit. Sie war wichtig für das Fortbestehen des Apartheid­systems.

Wie das?
1968 gründeten Bankverein, Bank­gesellschaft und Kredit­anstalt den sogenannten Goldpool. Über dieses Einkaufs­kartell wurde zeitweise mehr als die Hälfte der süd­afrikanischen Gold­produktion abgewickelt. Der Geschäfts­mann Pio Eggstein war langjähriger Leiter des Schweizer Komitees der South Africa Foundation. Er bot 1977 an, für die Schweizer Handels­förderung diskrete, heimliche Geschäfts­beziehungen einzufädeln. Eggstein war der Meinung, ohne weisse Führung gebe es in Südafrika keine Entwicklung. Und sein Kollege, der Kreditanstalt-General­direktor Robert H. Lutz – die NZZ nannte ihn einen «Bankier alter Schule» – schrieb derart begeistert über seine Südafrika-Eindrücke, dass die südafrikanische Regierungs­presse, das Apartheid­regime, seine Artikel in Südafrika verbreitete. Die Kreditanstalt betrieb regelrechte Propaganda für das Apartheidregime. Und die geheime Anti-Terror-Einheit «Vlakplaas», die Apartheid­gegner umbrachte, gab später an, sie habe ihre Operationen aus einem geheimen Fonds finanziert. Das Konto hatte sie bei der Kredit­anstalt. Aber das Wichtigste habe ich noch nicht erwähnt.

Das wäre?
Dass in den 1980er-Jahren, als das Apartheid­regime weltweit unter Druck kam, die Schweizer Banken die Umschuldung des Regimes organisierten und ihm somit das wirtschaftliche Überleben sicherten. Der Soziologe Jean Ziegler sagte einmal: «Südafrika würde nicht vierzehn Tage überleben ohne die Schweizerische Bankgesellschaft, den Schweizerischen Bankverein, die Schweizerische Kreditanstalt und wie die philanthropischen Gesellschaften auch alle heissen.»

Ein anderer, der das Apartheid­regime unterstützte, war Christoph Blocher.
Blocher war mit seiner «Arbeitsgruppe südliches Afrika» tatsächlich einer der zentralen Unterstützer des rassistischen Apartheid­regimes. Wenn Blocher heute erzählt, er habe immer vor den bösen USA-Geschäften gewarnt und dass die Bank ohne diese Geschäfte sauber geblieben wäre, dann heisst das doch: Für Blocher war die Unter­stützung der Apartheid kein Problem.

Protest im Jahr 1986 in der Basler Innenstadt gegen die Marcos-Gelder auf Schweizer Banken. Keystone
Thomas Borer, damals noch Botschafter, erklärt 1998 die Einigung der US-Kläger und der Schweizer Banken im Streit um die nachrichtenlosen Vermögen. Alessandro della Valle/Keystone
Dorothy Molefi hat 1976 ihren Sohn durch die Apartheid in Südafrika verloren, mit ihrem Anwalt Ed Fagan kämpft sie um Entschädigung. 2002 geben sie eine Presskonferenz auf dem Zürcher Paradeplatz. Michele Limina/Keystone

Wir wissen heute, dass die damalige Kreditanstalt im Zweiten Weltkrieg aus Hitlers Juden­verfolgung Profit schlug. Und trotzdem gewann man in den letzten Wochen den Eindruck: Alle in diesem Land liebten diese Bank.
Offenbar haben all diese Skandale nie dazu geführt, dass das Vertrauen in diese Bank verlustig gegangen ist. Diese Gleich­gültigkeit in einer breiten Bevölkerung in der Schweiz ist mir ein Rätsel.

Haben Sie keine Erklärung?
Die Kreditanstalt beziehungs­weise die Credit Suisse haben ihr Image mit Sport­sponsoring, Kultur­sponsoring immer wieder geschickt aufpoliert. Mit Roger Federer, mit der Fussball­nationalmannschaft. Die Credit Suisse sponserte im Kanton Ausserrhoden, wo ich viele Jahre als Lehrer arbeitete, jedes Jahr einen Fussball­anlass für die Jugend, den CS-Cup. Ich stellte an einer grossen Lehrer­konferenz den Antrag, dass die Schulen an dem CS-Cup nicht mehr mitmachen sollten, weil es nicht angehe, dass wir mit den Kindern das Image einer kriminellen Skandal­bank immer wieder aufpolierten. Ich bin mit dem Antrag gnadenlos gescheitert. Die Gegenseite schob sogar noch zwanzig, dreissig Kinder auf die Bühne, um zu zeigen, wem der böse alte Mann hier den Spass verderben wolle.

Am Ende scheiterte die Credit Suisse aber nicht an den sport­begeisterten Schweizerinnen.
Aus meiner Perspektive als Historiker ist das ein interessanter Punkt: dass eine Schweizer Bank, die mit Mitteln aus der Sklaverei entstanden war, sich so entwickelte, dass eine Aussage, ein Gerücht aus der nicht europäischen Welt, der Peripherie, wie man früher gesagt hätte, diese Bank zum Einsturz bringen kann. Eine koloniale Umkehr sozusagen, eine Umkehr der Verhältnisse. Ein Vertreter eines Petro-Staats hat mit der Aussage an einer Tagung, dass man kein Geld mehr einschiessen werde, das Ende der Credit Suisse besiegelt. Ein Satz, und die Schweiz erzitterte.

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