Der Tommy, der zahlt das

Grossbanken können untergehen, aber die Banker bleiben. Zum Beispiel SVP-Nationalrat Thomas Matter. Welche Rolle spielt er in seiner Partei? Besuch in Matters Bank und seinem Villenkomplex.

Von Daniel Ryser (Text) und Agnès Ricart (Illustration), 22.04.2023

Vorgelesen von Egon Fässler
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1. Thomas Matter hat Geburtstag

An seinem 57. Geburtstag stand Thomas Matter morgens vor dem Kornsilo im denkmal­geschützten Kulturareal Mühle Tiefen­brunnen, rauchte drei Parisienne, trank zwei Cafés crème und sagte, den neuen Bericht des Weltklima­rates, den lese er gar nicht, weil wir würden ja alle nur depressiv werden deswegen, und die Jungen müssten immer häufiger in die Psychiatrie und würden sich inzwischen schon Last Generation nennen – die letzte Generation.

Nun ja, sagte ich, wenn man den Bericht lese, der einige Tage vor unserem Treffen erschienen war, dann könne man mit gutem Grund betrübt sein.

«Ich sehe diesen Trend nicht», sagte Matter. «Da steckt viel Ideologie in diesen Berichten.»

In den Sendungen seines Youtube-Kanals «In den Sümpfen von Bern» äussert sich der SVP-Politiker regelmässig zu klima­politischen Themen. Als er im Februar 2023 merkte, dass er damit viele Klicks generieren kann, folgten drei Klima­schwerpunkte aufeinander. Tenor: «Waldbrände, Stürme, Extremwetter – und schuld ist immer – wer wohl? Natürlich der sogenannte menschen­gemachte Klima­wandel. Das behaupten jedenfalls die Medien und gewisse Wissenschaftler.»

Ein Politiker, der sich laut zur Klima­thematik äussert, müsste doch eigentlich die Berichte des Welt­klimarates lesen, sagte ich. Im neusten Bericht des IPCC kamen weltweit führende Forscherinnen zum Schluss, dass der Mensch den Planeten aufheize, dass es heute auf dem Planeten wärmer sei als je in den letzten 125’000 Jahren, dass die Temperatur seit zweitausend Jahren im Rekord­tempo steige.

«Was entgegnen Sie diesen Leuten?», fragte ich Matter.

«Sie können Statistiken anschauen, zum Beispiel auf Wikipedia, Hurricanes von 1850 bis 2020», sagte er. «Da sehen Sie für jedes Jahrzehnt die Anzahl Hurricanes und ihre Stärke. Da sehen Sie: keine Zunahme. Es gibt keinen Trend.»

Dasselbe bei den Gletschern, sagte der SVP-Politiker: Die würden mal schmelzen, mal nicht. Einen Trend könne er nicht erkennen.

Vielleicht, sagte ich Matter, sollte er auf Wikipedia noch mal genauer nachlesen. Dort nämlich war der von ihm in Abrede gestellte Trend gestützt auf eine Studie der ETH ummissverständlich beschrieben: dass sich das Volumen der Gletscher in der Schweiz zwischen 1931 und 2016 halbiert hat und sich weiter rasend verringert mit einem neuen Rekord­schwund im Sommer 2022.

«Was ist Ihr stärkstes Argument gegen all diese wissenschaftlichen Erkenntnisse?», fragte ich.

Matter bot mir eine Parisienne an. Dann sagte er: «Ich behaupte ja nicht, dass es keine Erwärmung gibt. Aber das Ausmass wird übertrieben. Dazu kann ich Ihnen Bücher schicken, seriöse Bücher von ehemaligen Forschenden des Weltklimarates, die das belegen. Im Jahr 1540 beispiels­weise regnete es in der Schweiz ein Jahr lang nicht. Null Niederschlag. Stellen Sie sich vor, das würde heute passieren. Wir hätten Klima­notstand. Man würde uns alles verbieten und Milliarden verschleudern für staatliche Massnahmen. Und da kommt eben die Ideologie ins Spiel. Aber ein neues 1540 wird kommen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.»

Was ihn am meisten schmerze, sagte Matter, sei die allgegenwärtige Untergangs­stimmung.

Wir zogen an unseren Zigaretten und liefen von der Mühle Tiefenbrunnen ein paar Schritte zur Helvetischen Bank, eine private Gesellschaft, die Matter 2010 zusammen mit dem CEO Daniel Hefti gegründet hatte.

Der SVP-Nationalrat drückte die letzte Zigarette im Aschenbecher vor dem Eingang aus und führte mich durch die Bank.

Vom Empfang im Parterre vorbei an zwei verschlossenen Türen, dahinter – «wegen der Finma durch eine Chinese wall getrennt» – Compliance und Corporate Finance. Die Treppe hoch in den ersten Stock in die «Werkstatt», wie Matter den Handels­raum nannte. Ein schlichter, trister, weisser Raum, wo ein Dutzend Männer kurz von den Trading-Bildschirmen hochsahen, als Matter vorbeiging.

Es folgte das Büro der persönlichen Assistentin und dann Matters eigenes Büro, knappe zwölf Quadrat­meter gross. Im Gegensatz zu seinem CEO Hefti, dessen Büro doppelt so gross war, ohne Seeblick, dafür mit «Weltwoche»-Karikaturen an den Wänden, und ständig klingelte an diesem Morgen Thomas Matters Handy, denn die Leute wollten ihm zum Geburtstag gratulieren, und sein Klingelton war «We Are Family» von Sister Sledge.

2. Das Portemonnaie der Partei

«Man weiss ja, wer bei uns zahlt», sagte der «Weltwoche»-Redaktor und ehemalige SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, als er mich in seinem 70’000-Franken-Elektro-Jaguar geräuschlos durch Zollikon fuhr.

«Wer zahlt bei der SVP?», fragte ich.

«Christoph Blocher, Walter Frey, Thomas Matter», sagte er.

«Was Matter anreisst, finanziert er im Wesentlichen auch», sagte Mörgeli. «Nicht so viel wie Christoph Blocher kann und konnte, aber er hat mehr Möglichkeiten als die meisten Politiker.» In seiner Liga spiele im Nationalrat momentan nur FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Aber der sei leider in seiner Partei isoliert, weil zu sehr auf SVP-Linie.

Matter hingegen sei nicht isoliert, im Gegenteil, sagte Mörgeli. Er sitze im Parteileitungs­ausschuss, dem wichtigsten Gremium der Partei, wo die Strategien festgelegt würden. Matter verstehe sich gut mit SVP-Partei­präsident Marco Chiesa und mit Thomas Aeschi, SVP-Fraktions­chef im Nationalrat, und er bilde eine Brücke in die Zürcher Kantonal­partei. (Aeschi ist auch Verwaltungsrat von Matters Bank.) Matter sitzt zudem im Stiftungsrat der Stiftung für bürgerliche Politik, deren Ziel «die Finanzierung der politischen Arbeit der Schweizerischen Volkspartei» ist.

«Bei Blocher hatte man die einmalige Situation, dass er Kopf und Portemonnaie der Partei war», sagte Mörgeli. Als Blocher dann Bundesrat war, habe man sich vier Jahre zurück­lehnen können. «Der Laden lief praktisch von allein.» Eine vergleichbare Position gebe es in der Partei nicht mehr. Und vielleicht sei das auch gar nicht mehr nötig, wenn man sich inhaltlich einig sei.

Worin sich Blocher und Matter ähnlich seien: Matter sei nicht nur Portemonnaie der Partei, der Banker habe eigene politische Ideen, die er auch umsetze. Er reisse Projekte an wie die Privat­sphären- oder die SRG-Initiative und sei bereit, sich einzusetzen und sie durch­zuziehen, sodass man in der Bank staune, wie viel Zeit der Mann in die Politik investiere.

«Und natürlich ist er auch bereit, sich diese Projekte etwas kosten zu lassen», sagte Mörgeli. «Allein das Verschicken der Unterschriften­bögen, die man frankieren muss, kostet ja Hundert­tausende Franken. Er hat bei der SRG-Sache auch noch andere Geld­quellen, aber er ist sicher nicht der, der dann sagt: Von mir gibt es nichts.»

Matter habe zudem die SVP-Werbefilme bezahlt und «sehr erfreuliche Summen in die SVP investiert».

«Das hat Mörgeli gesagt?», fragte Matter ungläubig, als ich ihn an seinem Geburtstag mit der Einschätzung des «Weltwoche»-Mannes konfrontierte, dass er, Matter, das Partei-Portemonnaie sei. «Das kann ich mir nicht vorstellen», sagte er.

«Hat er aber gesagt. Was lassen Sie sich die SVP kosten?»

«Das kann ich nicht sagen. Wenn es ein Projekt ist, das mir am Herzen liegt, helfe ich mit. Man muss sehen: Im Gegensatz zu anderen Parteien haben wir bezüglich Wirtschaft ein Handicap in Sachen Finanzierung, weil wir gegen die Personen­freizügigkeit sind. Das passt einigen wichtigen Konzernen nicht. Entsprechend müssen wir versuchen, Abstimmungen anderweitig zu finanzieren.»

«Was kostet Sie persönlich die Abstimmung zur SRG-Initiative beispielsweise? Können Sie das beziffern?»

«Das Sammeln ist nicht so teuer. Bogen und Briefmarken sind teuer. Aber ich habe die Zahlen nicht im Kopf.»

«Ich glaube keinem Banker, der behauptet, er habe seine Kosten nicht im Kopf.»

«Wir sind ein ganzes Komitee. Am Ende muss man bei einer solchen Initiative mit 200’000 Franken rechnen.»

«Und das bezahlen bei der SRG-Initiative alles Sie?»

«Nein, wir haben viele Spenden erhalten. Am Anfang meldeten sich täglich zwanzig Leute. Ich habe sicher auch etwas reingegeben. Aber wir sind breit abgestützt.»

3. Auf der Flucht vor Roger Köppel

Bevor ich Matter in seiner Bank im Zürcher Seefeld besuchte, sassen wir an einem Montag­nachmittag in der Wandelhalle des Bundes­hauses. Wenige Tage später würde die Credit Suisse zusammen­brechen und von der UBS übernommen, aber das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Also sprachen wir über das, was Matter mit Blick auf die Wahlen konsequent «Bevölkerungs­explosion» nannte. Oder wir versuchten es zumindest. Bis Roger Köppel uns entdeckte und um uns herum­zuschleichen begann und Selbst­gespräche führte, die offensichtlich mich betrafen. Es waren Anspielungen auf meine Recherchen für die nicht autorisierte Köppel-Biografie, die ich 2018 publiziert hatte.

«Wenn man mit Ryser redet, muss man alles wegschliessen. Der psychologisiert alles. Kein Dokument ist vor ihm sicher», flüsterte Köppel, drehte eine Runde im Saal, kam zurück: «Alles wegschliessen muss man, wenn man mit Ryser redet. Scannt jedes Papier, das irgendwo herumliegt.»

Matter erklärte gerade, warum er die Klima­bewegung für abgehoben halte, als ich wegen Köppels irrem Gemurmel unvermittelt zu lachen begann. Matter war empört. «Wenn Sie mich auslachen, kann ich auch gehen», sagte er. Und ich antwortete, ob er denn nicht höre, wie Köppel ständig über mich rede. Das irritiere mich total, also flüchteten wir auf den Raucher­balkon. Dort zündete sich Matter eine Parisienne an und sagte: «Wenn Sie ein Porträt über mich schreiben, bleiben Sie bitte fair.»

«Warum ist das Ihnen wichtig?», fragte ich.

«Dass man den politischen Einschlag nicht merkt», sagte er.

«Aber warum ist Ihnen das wichtig?»

«Die vierte Gewalt muss dafür sorgen, dass der Leser eine objektive Bericht­erstattung bekommt. Alles andere kann man in Meinungs­kolumnen abhandeln.»

«Über Sie sagt man Folgendes: dass Sie Stammtisch sind. Stammtisch mit Geld. Und zwar, weil Sie selbst nicht immer fair sind. Einmal haben Sie eine linke Politikerin als Michelin-Männchen bezeichnet. Und kürzlich, in der NZZ, unterstellten Sie SP-National­rätin Jacqueline Badran ‹fast schon Korruption›. Was also verstehen Sie unter fair?»

«Das mit dem Michelin-Männchen war ein Witz. Es war die erste Folge meiner Youtube-Sendung ‹In den Sümpfen von Bern›. Am Ende mache ich dort manchmal einen Witz. Ich brauchte zudem etwas Aufmerksamkeit für die Sendung. Das mit Badran hingegen meine ich auch heute noch so. Die SP hat vor einigen Jahren vor den Wahlen in der Stadt Zürich an alle Mietenden in verbilligten Wohnungen einen Brief verschickt, den Badran unterschrieben hat: ‹Wenn ihr weiterhin vergünstigt wohnen wollt, dann müsst ihr SP wählen.› Die Linke verspricht Dinge mit fremdem Geld, und damit korrumpieren sie die Wähler. Badran hat im Übrigen schon viel schlimmere Dinge über mich gesagt. Manchmal gehe ich während der Session mit ihr eins trinken. Ich sage immer: Immerhin ist sie selber hundert Prozent überzeugt von dem, was sie sagt.» (Den Nachweis für einen Brief mit diesem Text blieb Matter auch auf zweimalige Nachfrage schuldig; bei der SP der Stadt Zürich vermutete man, dass Matter mit «fast schon Korruption» womöglich unter anderem die SP-Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» meinte.)

4. Der Strohmann

Stammgast auf TeleZüri, in der SRF-«Arena», in der SRF-Spezial-«Arena», Print-Interviews: Der Fall der Credit Suisse beförderte Thomas Matter kurzzeitig zum gefragtesten Politiker seiner Partei. «Ich bin vermutlich der einzige Banker im Parlament», sagte er, während er bei einem Kaffee über den Crash des Schweizer Banken­platzes nachdachte, den er zwar grauenhaft fand, schlimm, unerträglich und so weiter – aber Regulierungen seien auf jeden Fall der falsche Weg (so stimmte Matter mit seiner Partei beispielsweise im Parlament dagegen, dass den system­relevanten Banken die Boni-Millionen gestrichen werden).

Matter ist letztlich Teil jener Machtelite, die er seit dem Sturz der Credit Suisse öffentlich angreift.

Der «Club zum Rennweg» zum Beispiel, an teuerster Zürcher Monopoly-Adresse. Das Vereinslokal wurde vom Club-Gründer Philippe Gaydoul gemietet, eine weitere Figur aus dem heutigen SVP-Universum, deren Leistung in erster Linie darin bestand, ein riesiges Vermögen beziehungs­weise eine Firma zu erben.

Matter, bei dem das Thema Erben ebenfalls eine zentrale Rolle spielt, war von Anfang an im «Club zum Rennweg» dabei. Mitglieder­beitrag: 12’000 Franken, Eintritts­gebühr: 15’000 Franken.

Unter Freunden: Rennweg-Gaydoul war mit 9,5 Prozent Beteiligung zweitwichtigster Aktionär von Matters Helvetischer Bank, Matter wiederum hielt 10 Prozent an Gaydouls Luxusschuh-Flop Navyboot. Gemeinsam versenkten sie 6 Millionen bei den Kloten Flyers allein in der ersten Saison.

Im «Club zum Rennweg» begegnete Matter auch dem langjährigen Credit-Suisse-Verwaltungsrats­präsident Urs Rohner, dem ehemaligen UBS-Konzern­chef Marcel Rohner, dem Swiss-Re-CEO Stefan Lippe, der Swiss-Life-Verwaltungs­rätin Franziska Tschudi oder dem Swiss-Life-Präsidenten Rolf Dörig, der als ehemaliger «Freund der FDP» vor ein paar Jahren zuerst der SVP-Stiftung für bürgerliche Politik beitrat und kürzlich auch der SVP mit den Worten: «Mich stört dieses Mainstream-Woke-Gehabe.»

«Die neue Elite»: So bezeichnete der «Tages-Anzeiger» 2010 Matters Machtnetz, als dieser gegen die Steuer­gerechtigkeits­initiative kämpfte.

Und obwohl es Matters ideologisches Umfeld war, das die Credit Suisse gegen die Wand fuhr, titelte die SVP-Medien­mitteilung, an deren Ende Matters Handy­nummer stand: «Die Credit-Suisse-Krise ist eine Folge von Misswirtschaft und FDP-Filz.»

Wie geht denn so was? Was sagen dazu die Kumpel vom Rennweg?, fragte ich.

«Wenn ich vom FDP-Filz spreche, dann meine ich die alte FDP», erklärte Matter, was auch immer das bedeuten mochte.

Das SVP-Communiqué begann mit dem Satz: «Bereits 2014 hatte Christoph Blocher gefordert …» und las sich dann auch weiter, als wäre es nicht in Meilen oder auf dem Partei­sekretariat der SVP verfasst worden, sondern in Herrliberg, vom 82-jährigen Blocher persönlich.

Das Communiqué verhandelte Blochers grosses Trauma: Sein Aufstieg vom Bauern bis nach ganz oben, bis in den Verwaltungsrat der Schweizerischen Bank­gesellschaft, wo er schliesslich von der FDP-Machtelite nach dem EWR-Nein verstossen wurde (eine Geschichte, die sich 2007 wiederholte, als Blocher, als Bundesrat in der Politik ganz oben angekommen, vom Parlament abgewählt wurde).

«Blocher war für mich eine zentrale Inspiration», sagte Matter. «Ich war damals Banker in London und beobachtete, wie er im Alleingang den Schweizer EU-Beitritt verhinderte. Es war inspirierend.» In London lernte Matter damals bei Merrill Lynch das Aktien­geschäft, ab 1993 vom alten beziehungs­weise neuen UBS-Chef Sergio Ermotti, mit dem er ebenfalls befreundet ist.

Inspiriert hat Blocher Matter vermutlich aber vor allem wegen etwas anderem: dem Geld.

Vater Peter Matter nämlich verwaltete in Basel die Pensions­kasse des Pharma­unternehmens Roche und arbeitete geschäftlich mit Christoph Blocher zusammen – man dealte mit Pharma-Wertpapieren – sowie dem Investor und Blocher-Vertrauten Martin Ebner. Bei dessen BZ-Bank richtete Vater Matter Ende der 1980er-Jahre das Konto einer Familien­stiftung ein mit Sitz in Liechtenstein. Ebner wurde, so sagte es Matter später immer wieder, eine wichtige Inspiration für ihn.

Vom Vater erbte Thomas Matter das Geld und die Beziehungen. Von Christoph Blocher erbte er 2014 den Nationalratssitz.

Schliesslich kaufte Matter 1999 für 31 Millionen Franken die Privatbank August Roth und galt bald als Aushänge­schild einer neuen Generation von Wirtschafts­führern beziehungs­weise Bankern, die zur SVP tendierten und den alten Freisinn ablösten.

Matter gründete die Swissfirst-Bank und wurde schweizweit bekannt, als er 2002 in einem rechten Übernahme­coup den bis dahin als links geltenden Jean-Frey-Verlag und die darin enthaltene «Weltwoche» für 83 Millionen Franken kaufte (und dabei als Strohmann des rechten Tessiner Milliardärs Tito Tettamanti agierte, wie mir der Basler Medien­anwalt Martin Wagner, der den Deal eingefädelt hatte, 2018 in einem Interview darlegte).

2006 trat Matter als Chef der Swissfirst ab als Folge anhaltender Kritik, dass es im Vorfeld der Fusion von Swissfirst und der Bank am Bellevue zu Insider­handel gekommen sei. Einzelne Aktionäre seien bevorzugt worden, lautete der Vorwurf.

Das britische Nachrichten­magazin «The Economist» schrieb über die Swissfirst-Affäre im Nachgang zu Matters Abgang: «Löchrige Insider­handel-Gesetze bedeuten, dass in der Schweiz Firmen­übernahmen, wie betrügerisch auch immer sie erscheinen mögen, einfach durchgewinkt werden. Diesmal nicht.» Das Blatt schrieb weiter, dass die Schweizer Geschäfts­kultur ihre Eigenheiten habe: «Aktionäre so ungleich zu behandeln, wäre unter britischer oder amerikanischer Gesetz­gebung nicht möglich gewesen.»

2008 wurde eine Straf­untersuchung gegen Matter wegen Betrugs, Veruntreuung, ungetreuer Geschäfts­besorgung, Insider­handels, Nötigung und Verletzung des Bank­geheimnisses eingestellt, und Matter gründete 2010 zusammen mit Daniel Hefti die Neue Helvetische Bank, heute Helvetische Bank.

Die Gründung fiel in die Zeit, als das Schweizer Banken­wesen wegen fragwürdiger und illegaler Geschäfte international so stark unter Druck geriet wie nie zuvor. 2008 war die UBS vom Staat gerettet worden, 2009 musste sie zugeben, dass sie ihren Kunden in den USA jahrelang geholfen hatte, Steuern zu hinter­ziehen, und zahlte dafür 780 Millionen Dollar Busse. Gleichzeitig drohte der deutsche Finanz­minister Peer Steinbrück mit der Kavallerie, die in die Schweiz einmarschieren müsse, das Bank­geheimnis flog dem Banken­platz um die Ohren.

Vor der Gründung suchte Matter nach möglichen Investoren. Ich sprach für diesen Artikel mit einer Person, der das Projekt der neuen Bank im Vorfeld präsentiert worden war.

Sie sagte mir: «Für unsere Kreise war klar, dass nur eine Weissgeld­strategie infrage kommt.» Das Geschäft mit Schwarzgeld war für diese Person ausgeschlossen. «Deswegen wurde auch schnell klar, dass diese Bank nicht der richtige Ort war, einzusteigen. Matter wollte nicht kategorisch ausschliessen, mit Schwarz­geld zu arbeiten.»

Die Person sagte weiter, dass sie das aber auch gar nicht erstaunlich fand. Denn: «Matter ist ein Mann, der eigentlich keinen Staat will. Oder nur einen Nachtwächter­staat, einen total zurück­gefahrenen Staat, der keine oder kaum Steuern erhebt. Für jemanden, der eine solche Ideologie vertritt, hat es eine ganz andere Bedeutung, Geld vor dem Staat zu verstecken.»

Thomas Matter bestritt mir gegenüber diese Darstellung. «Wir nehmen kein Schwarzgeld», sagte er auf dem Bundeshaus-Raucher­balkon. «Zumindest nicht wissentlich. Natürlich kann es passieren, dass dich einer versecklet. Aber fast alle unserer Kunden verlangen Ende Jahr einen Steuer­nachweis. Warum sollten sie diesen Aufwand betreiben, wenn sie ihr Geld verstecken wollen?»

5. «Matter spielt keine Rolle»

Mit Cédric Wermuth sass ich in der Wandel­halle, damit mir der SP-Co-Präsident sagen konnte, was er vom SVP-Wahlkampf hält, als uns Roger Köppel erblickte. Der Mann, als Nationalrat in Auflösung begriffen, schien ob seines ein paar Tage zuvor verkündeten Rücktritts erleichtert und gleichzeitig ein bisschen wahnsinnig geworden zu sein.

Er war schon fast vorbei­gegangen, als er umdrehte und sagte: «Ihr zwei zusammen, Ryser und Wermuth, das ist wie Zwei-Komponenten-Sprengstoff. Da bringe ich mich besser in Sicherheit.» Dann steckte er etwas umständlich einen grossen Umschlag in die Innentasche seines Jacketts, und Wermuth fragte: «Hast du wieder Geld bekommen von anonymen …?»

«Dazu sage ich nichts», sagte Köppel grinsend.

«Für wen kandidierst du im Herbst: Für die Freisinnigen?», fragte Wermuth.

«Für die ‹Weltwoche›», sagte Köppel. «Dienstpflicht erfüllt.»

Was ich vor dieser Recherche nicht erwartet hätte: dass niemand, mit dem ich im Bundeshaus sprach, verstand, was mich so brennend an Thomas Matter interessierte. Über politische Lager hinaus sagten National­rätinnen und Nationalräte praktisch immer dasselbe: Man könne nicht beurteilen, welche Rolle Thomas Matter in der eigenen Partei spiele, aber in seiner Kommission, der wichtigen Wirtschafts­kommission (WAK), «spielt Matter keine Rolle».

Wenn er sich einbringe, dann vor allem wegen Eigen­interesse. Wenn politische Einschläge die eigene Welt betreffen würden: die globale Vermögens­elite.

Kürzlich zum Beispiel, als man in der Kommission die Einführung der Taskforce für russische Oligarchen­gelder verhandelte, habe Matter gefragt, ob man bereit wäre, jene, die verdächtigt würden, Putins Vertraute zu sein, anzuhören. Damit sie schildern könnten, was mit den Sanktionen falsch laufe.

Klar, habe man gesagt.

Fünfzehn Minuten später sei Matter zurück­gekommen und habe gesagt, er habe gerade mit dem Milliardär Andrei Melnitschenko telefoniert, der in der Schweiz lebt. Er sei bereit, in die WAK zu kommen.

Die Bankgeheimnis-Initiative von 2016 sei sein grosser politischer Erfolg gewesen: Da habe er in der WAK geweibelt, habe sich eingebracht. Aber seither sei es still um ihn geworden. Man höre von Matter in der Kommission nur, wenn es um sein Eigen­interesse gehe, um die Banken, Regulierungen des Finanz­marktes. Das sagen mehrere Quellen. Ansonsten sei er zweite Reihe, er sei kein Dossier­führer in der Partei und nehme keine strategische Rolle ein. Er halte in erster Linie die Pfote hoch, wenn der Chef gesprochen habe.

«Wer nimmt denn in der WAK eine strategische Rolle ein bei der SVP?», fragte ich jeweils.

Die St. Galler Nationalrätin Esther Friedli beispielsweise, hiess es, die breiter engagiert sei und bei verschiedenen Geschäften den Lead habe. Oder Fraktionschef Thomas Aeschi, «Typ Kanonenfutter», der in alle Richtungen weible und grossen Einfluss auf FDP und Mitte habe. Wie stark er intern sei, bleibe allerdings unklar, weil man sich auf Absprachen mit ihm nicht wirklich verlassen könne. Mal würden sie gelten, mal nicht. Wenn Magdalena Martullo-Blocher anwesend sei in der WAK, übernehme sie automatisch die Chefinnen-Rolle. Wenn sie etwas sage, dann gelte das in der Fraktion. Das Problem bei ihr aber sei: Sie fehle die Hälfte der Zeit.

Matter und überhaupt die ganze SVP-Fraktion in der Wirtschafts­kommission lese man eher als Sinnbild einer Partei, die sich in einem Vakuum befinde vor dem Nachfolge­kampf, heisst es. Der Alte ist noch nicht weg und die Tochter noch nicht richtig da. Aber was, wenn er dann weg ist?

Matter werde, wenn auch nur mit kaufmännischer Ausbildung, als Teil der Harvard-Elite in der SVP wahrgenommen. Deswegen habe es 2021 mit dem Partei­präsidium auch nicht geklappt, mit dem der Banker geflirtet habe: Matter habe zwar eine gewisse Stammtisch-Attitüde, aber am Ende sei er im Gegensatz zu den erfolgreichsten Partei­präsidenten, Ueli Maurer und Toni Brunner, halt eben doch ein Goldküsten-Banker.

Und einer, der sich bei Trump anlehnt: Seine Youtube-Sendung «In den Sümpfen von Bern» erschien erstmals 2017, ein knappes Jahr nachdem Donald Trump «den Sumpf austrocknen» zu einem zentralen Motiv erhoben hatte.

Man dürfe nicht unterschätzen, wie wichtig Thomas Matter die Selbst­darstellung sei, sagen politische Gegner, die ihn schon lange kennen. Er will jemand sein, der Tommy. So nennen sie ihn in der Partei. Der Tommy, der zahlt das. «Welcome to SVP» beispielsweise, der Film, der 2015 grosse Beachtung erhielt. Der Erfolg des Films sei Matters Erfolg, heisst es in der SVP, weil es sein Projekt gewesen sei.

Christoph Blocher, der Übervater, habe ein politisches Projekt gehabt: die reaktionäre Schweiz bewahren. Und habe dafür auch eine inner­bürgerliche Auseinander­setzung geführt. Das politische Projekt von Thomas Matter sei schwer zu erkennen. Es handle sich in erster Linie um eine Selbst­verwirklichungs­kampagne, heisst es aus der Wirtschafts­kommission.

Operation Eigeninteresse: Eigenmietwert, Bankgeheimnis, Steuern senken, Parkplätze für seine Privatbank­kunden und freie Fahrt vom Bellevue an die Goldküste, wider den rot-grünen Ökoterror.

Das sei im Übrigen auch die Schwäche von Martullo-Blocher und womöglich Sinnbild der Degeneration der jetzigen Partei­spitze: Am Ende gehe es auch bei Martullo-Blocher immer irgendwie um die Ems-Chemie.

6. «Leben Sie hier auch oder ist das eine Bank?»

Thomas Matter sagte von sich, dass er glaube, als Wirtschafts­politiker bringe er seiner Partei in der WAK am meisten. Aber was ihn je länger, je mehr am allermeisten umtreibe, sei die «Bevölkerungs­explosion».

«Weil ich merke, wie sich das Land verändert», sagte mir Matter.

Sein Traum als Politiker sei, «dass ich meinen Gross­kindern die Schweiz überlassen kann, wie ich sie selbst erleben durfte». Wir seien dabei, durch immer stärkere Regulierung unsere Freiheit zu verlieren. «Die Wurzel vieler unserer Probleme ist das Bevölkerungs­wachstum», sagte Matter.

Und da begann es mich zu interessieren, wie dieser Mann eigentlich lebt. Ein Mann, den die vermeintliche Enge in unserem Land mehr beschäftigte als die meisten anderen.

In einer ehemaligen Autowasch­anlage am Bahnhof Tiefenbrunnen, die teilweise zu einer Filiale der Baur-Au-Lac-Weinhandlung umgebaut worden war, kaufte ich an einem Freitag­nachmittag, schräg gegenüber von Matters Helvetischer Bank, mit Kollegin A. eine Flasche Champagner, die wir im Eiltempo leerten. Schliesslich konnte man nie wissen, was einen bei den Reichen erwartete. Besprudelt bestiegen wir die S6 Richtung Zürcher Goldküste, nach Meilen, und eine halbe Stunde später standen wir vor einem grossen grauen Eisentor und dem Eingang zum Domizil der Matter Group.

Man konnte zweifellos festhalten, dass hier, oben am Berg in Meilen an der Zürcher Goldküste, von der sogenannten «Bevölkerungs­explosion» noch nichts angekommen war.

Eigentlich sah man hier zuerst einmal weit und breit nichts ausser dem Anwesen der Familie Matter, das von Hecken und dem Eisentor mit Familien­wappen abgeschirmt wurde. Dahinter erkannte man ein grosses Haus, daneben ein noch viel grösseres Haus, einen Turm, den Swimming­pool konnten wir nur erahnen, aber wir wussten wegen der Satelliten­bilder, dass er da sein musste. Der grüne Rasen war auf ein paar Millimeter gestutzt und wirkte unberührt. Die Sicht über den Zürichsee und die Alpen war frei. Eine Traum­landschaft. Man wohnte ja nicht irgendwo in Meilen, sondern ganz oben. Nur ein altes Wasser­reservoir lag noch ein bisschen höher.

«Ob ihn das wurmt?», fragte meine Begleiterin.

Der Mann, der als Dossier­verantwortlicher für die Anti-Städte-Kampagne der SVP mit Blick auf die kommenden Wahlen Stadt­bewohnende als neues Feindbild positionieren wollte, weil die Menschen in der Stadt offenbar abgehoben seien und nur vom Staat profitierten und sich gönnten, während die einfachen Leute auf dem Land schufteten und keine Zeit hätten für Genderstern-Debatten.

Der Mann, der dann, als die Kampagne nicht zündete, umgehend umschwenkte zu Menü 1, um mit seiner Partei wieder die offensichtlich erfolg­versprechendere «Bevölkerungs­explosion» zu bewirtschaften.

Dieser Mann des Volkes lebte in einem schloss­ähnlichen Villenkomplex.

Von aussen sah das Anwesen gänzlich unbewohnt aus, shiny, wie ein Airbnb-Luxus­resort, das jeden Tag neu geputzt und vermietet wird. «Als hätte man die beiden Stühle auf der Terrasse für ein Wir-leben-hier-Cosplay hingestellt», sagte meine Begleiterin. Oder um zu beweisen, dass hier im Fall wirklich jemand lebe.

Wir klingelten bei «Matter Group», und nach nur ein paar Sekunden öffnete sich das schwere Eisentor automatisch und geräuschlos.

Eine Frau, die sich als Frau Matter vorstellte, die Bank­kauffrau Marion Matter also, die im Februar überraschend für die SVP in den Zürcher Kantonsrat gewählt worden war, stand im Eingang des kleinen Hauses und hielt mit der einen Hand einen bellenden Hund zurück.

«Leben Sie hier auch oder ist das eine Bank? Der Sitz der Matter Group? Ein grosser Tresor?», fragten wir.

«Nein, nein, wir leben hier», versicherte Marion Matter, auf deren Homepage steht: «Ich bin stolz auf unsere Schweizer Werte und Kultur, die durch die Bevölkerungs­explosion der letzten Jahre mehr und mehr gefährdet sind.»

Die kleinere Villa, sagte Kantonsrätin Matter, sei der Sitz der Gruppe und die grosse Villa sei das Wohnhaus. Aber der Herr Matter sei gerade nicht daheim. Der Hund bellte und Frau Matter strahlte und wir strahlten zurück, der Champagner tat in der Sonne seine Wirkung und wir verabschiedeten uns winkend. Das Tor schloss sich hinter uns, und für den Rest des Nachmittags dachten wir an den Mann, der hier oben lebte, unfassbar reich und mit endlos viel Platz und allen Möglichkeiten dieser Welt, der in Gesprächen die Klima­bewegung als abgehoben bezeichnete, der in einem Villen­komplex lebte und von «Bevölkerungs­explosion» sprach und zurück in eine Schweiz von früher wollte.

Wir verstanden den Mann nicht, und er uns vermutlich auch nicht.

Hinweis: In einer früheren Version haben wir Christoph Blocher als Bauernsohn bezeichnet. Er ist zwar ausgebildeter Landwirt, aber nicht Sohn eines Bauern. Sein Vater war Pfarrer in Laufen, Kanton Zürich. Wir haben die Stelle aktualisiert.

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