«Wenn ich nachts nicht schlafen kann, suche ich freie Wohnungen»

Wir haben den begnadeten Satiriker Gabriel Vetter getroffen. Einfach so, ohne Anlass.

Ein Interview von Ronja Beck (Text) und Agata Nowicka (Illustration), 18.02.2023

Synthetische Stimme
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Gabriel Vetter, gibst du gerne Interviews?
Ja. Ich spreche gerne mit Menschen. Deshalb mag ich auch Podcasts. Eigentlich. Aber vor einigen Jahren fiel mir auf, dass viele von diesen Laber­podcasts einfach zwei Dudes sind, die sich eines Tages dachten: «Hey, was du da gerade gesagt hast, war gar nicht so dumm. Das war sogar schlau! Wir nehmen das auf, machen ein Schleifli drum und verkaufen es den Leuten als Produkt!» Das ist so weird und männlich-dumm. Worüber reden wir heute eigentlich?

Meine Idee war ja, dass wir völlig unvorbereitet miteinander plaudern und dann schauen, ob wir am Schluss ein Schleifli drumbinden können.
Probieren wirs!

Welche Podcasts findest du gescheit?
Fussball-Podcasts mag ich sehr. Dann spricht der Florian Raz vom «Tages-Anzeiger» eineinhalb Stunden darüber, warum der FC Basel 4-4-2 spielt, und ich verstehe überhaupt nichts. Das ist super! Und wenn ich mein Hirn abstellen will, hör ich Teleblocher.

Warum?
Teleblocher ist ja einfach wuobblob­wubble, unterbrochen von Matthias Ackeret mit seinem Schaffhauser Dialekt, und dann wieder bloub­wubble­woub. Es geht mir nur um dieses blubble­woubblob. Das ist wie ASMR, es beruhigt mich.

Ich höre zum Einschlafen gerne Aufnahmen der Talkradio­sendung von Jürgen Domian. Da rufen Menschen an und erzählen während einer Stunde Abgründiges aus ihrem Leben. Einer meiner Lieblinge ist Uli, der seine Katzen kocht.
Das beruhigt dich?

Auf eine sonderbare Art und Weise tut es das, ja.
Wenn ich nachts nicht schlafen kann, suche ich freie Wohnungen. In Basel, wo wir jetzt sind, oder in Schaffhausen, wo ich herkomme. Nicht dass wir jetzt gerade nach Schaffhausen ziehen würden. Aber ich mach das jetzt schon ein paar Jahre so. Und würde behaupten, eine Eigentums­wohnung in Schaffhausen war vor fünf Jahren noch halb so teuer. Als ich noch auf Twitter war, hab ich dazu einen Tweet abgesetzt: wieso es eigentlich legal sei, dass man eine Wohnung besitzt, in der man nicht selber drin wohnt. Dutzende deutsche FDP-Jünger versammelten sich in den Kommentaren, die waren richtig wütend. Dabei ist es so eine einfache wie berechtigte Frage: Wieso darfst du etwas, das alle brauchen (haut auf den Tisch), besitzen und anderen Leuten für viel zu viel (haut auf den Tisch) Geld ausleihen (haut auf den Tisch), nur weil du weisst, dass sie es brauchen (haut auf den Tisch). Das ist so absurd. (haut auf den Tisch)

Du bist seit letztem Frühling auf Twitter gesperrt, weil du dich als Fussball­trainer Jürgen Klinsmann ausgegeben hast und so getan hast, als würdest du neuer Trainer des FCB. Wann kommst du zurück?
Es war schon ein sehr guter Stunt, oder? Ich meine, gesperrt zu werden, weil man sich als Klinsmann ausgibt, der in einem Hotel im Europa­park wohnt? Jetzt bin ich halt auf Lebens­zeit mit dem Account gesperrt. Aber ist nicht so schlimm. Ist nur Twitter.

Wo findest du heute deinen Ausgleich?
Manchmal falle ich auf Youtube in rabbit holes. Dann schaue ich stunden­lang Leuten in den USA dabei zu, wie sie mit einer Go-Pro-Kamera auf der Stirn auf Floh­märkten herum­stöbern: Was schaut er sich da an? Ach, ein altes Buch. Und dann fragt der Youtuber: «How much you want for that? 2,50? Would you make 2 on that?», und geht weiter. Oder in den Aldi zu gehen, das finde ich auch gut.

Ich gehe nie in den Aldi. Wie ist es dort?
Dort herrscht immer ein eigenartiges Brummen. Vielleicht sind es die Kühl­truhen. Vielleicht lassen sie auch nur ein Band laufen.

Ein Brummen ab Band?
Keine Ahnung, vielleicht hat das Brummen ja einen wissenschaftlich erwiesenen Effekt. Womöglich hat es dieselbe Frequenz wie das Teleblocher-Gebrabbel. Jedenfalls gehst du rein, es läuft keine Musik, es brummt, irgendwo raschelt es und der ganze Laden ist voller Scheiss, den du nicht brauchst.

Das ist …
Wellness ist das!

Wie riecht es im Aldi?
Nach Industrie­bäckerei. Manchmal. Eine klassische Bäckerei riecht sehr gut. Aber eine Industrie­bäckerei? Das ist wie bei Comedy: Gute Comedy ist das Beste, und schlechte Comedy das Aller­schlimmste.

Hattest du mal einen Job in der Industrie? Irgendwo in der Produktion, am Fliess­band?
Das nicht. Aber ich habe mal in der Kehricht­abfuhr gearbeitet. Das war mein Schüler- und Studenten­job in Schaffhausen. Das war super. Da war ich zwischen sechzehn und neunzehn. Vielleicht fänd ichs heute scheisse.

Du warst einer von denen, die sich hinten ans Sammel­fahrzeug hängen?
Genau. Sehr geil.

Gibs zu: Das ist so ein Männlichkeits-Ding.
Vielleicht. Du kriegst eine Stadt­rundfahrt und stehst dabei auf einem Podest. Wenn du es dann noch schaffst, einen schweren Sack mit Schwung hinten reinzu­schleudern, ist das richtig empowering. Das Aller­geilste ist aber, wenn du genau in dem Moment aufs Podest steigst, wenn der Last­wagen losfährt. Dann wirst du für eine Milli­sekunde schwerelos.

Du fliegst mit dem Abfall davon.
Du musst das mal ausprobieren. Man schafft es eben nicht jedes Mal.

Wo wir schon über Güsel reden: Sind die Leute beim SRF, die darüber entscheiden, ob etwas lustig ist oder nicht, eigentlich lustig?
Kommt drauf an, wen du fragst. Aber was die Frage nach Qualität angeht, da funktioniert die Schweiz generell relativ pragmatisch: Als gut gilt immer das, worauf man sich bei einer Budget­sitzung einigt, wenn es Viertel nach zwölf ist und alle Hunger haben.

Du verbringst privat gerne Zeit mit Journalisten, habe ich mir sagen lassen. Steckt da professionelles Kalkül dahinter oder hast du einfach keine Freunde?
Beides wahrscheinlich. Aber im Ernst, das ist einfach mein Umfeld. Meine Mutter war ja Lokal­journalistin in Schaffhausen. Und ich habe selber relativ lange bei der «Basler Zeitung» gearbeitet, nicht nur als Kolumnist, sondern auch als Journalist. Es gab damals ein neues Recherche­team im Lokal­teil. Da habe ich richtig viel gelernt.

Aber?
War halt anstrengend.

Du wolltest nicht im Journalismus bleiben?
Doch, irgendwie schon. Auch jetzt noch.

Oh.
Ich habe es nie ernst genug genommen. Ich glaube, als Journalist musst du dich mit dem Journalismus wirklich identifizieren. Du bist Journalistin, Journalist! Du informierst dich, hast ein gewisses Arbeits­ethos. Integrität und so. Ich finde es lustiger, wenn man einfach irgendeinen Scheiss macht.

Kann man auch im Journalismus.
Kann man? Neben ihrem Job im Journalismus war meine Mutter Beiständin für Familien, die Ärger hatten mit den Behörden. Als Kinder haben wir ständig Leute besucht und geschaut, wie es ihnen geht. Meine Mutter sagte immer, sie wolle ihr Leben leben wie ein grosses Gebet.

Das heisst?
Ich habe das erst kürzlich verstanden. Vielleicht ist das die Essenz von gutem Lokal­journalismus? Dass man ihn praktiziert wie ein Gebet am Abend, wo du überlegst: Wie geht es mir? Wie geht es der Nachbarin? Was läuft gerade richtig, was falsch? Was kann ich tun?

Dieser Gedanke gefällt mir. Wie geht es denn dir?
Gut. Ausser, dass ich bald vierzig werde. Ich hätte nie gedacht, dass es mich so fertigmachen würde.

Mir wurde gesagt, mit dreissig fühlt man sich endlich erwachsen. Und mit vierzig alt.
Das stimmt, dreissig fand ich lustig. Aber wenn du mit vierzig in der Zeitung liest: Auto­unfall, Schweizer (40) tot, dann denkst du dir doch: He’s had a good run, aber jetzt ist auch okay. Es ist eben nicht mehr: Ou, nünezwänzgi, dä arm Siech!

Was ist das erste globale Gross­ereignis, an das du dich erinnerst?
Mauerfall. Da war ich sechs. Oder der Zweite Golf­krieg. Damals zeichneten wir in der Schule amerikanische Kriegs­flugzeuge und dachten: Yeah, die machen jetzt die Iraker mit ihren Scheiss­flugzeugen fertig!

Das war in Schaffhausen, ja?
Im Thurgau. Auf dem Land halt. Die Zeichnungs­hefte habe ich heute noch im Keller. Die Haltung hat sich mit der Zeit dann geändert. Woran erinnerst du dich?

Bei mir ist es 9/11. Ganz schlimme Frage: Wo warst du an 9/11?
In Stein am Rhein.

O je.
Ich habe dort halt gewohnt. Ich war daheim in der Stube. Das weiss ich noch ziemlich genau, weil ich mal ein Stand-up-Bit geschrieben habe über diese Wo-warst-du-Frage. An den Tod von Lady Di 1997 erinnere ich mich auch noch gut. Ich weiss noch, wie meine Mutter hoch­gekommen ist mit dem «Blick», und dort stands drin. Am Tag zuvor war im «Sonntags­Blick» ein Foto von Lady Di und ihrem Freund Dodi al-Fayed abgedruckt, das sie auf einem Speed­boat zeigte, und da stand: «Mit Vollgas in eine gemeinsame Zukunft.»

Kümmern dich die Royals?
Nicht wirklich. Also, die bisherigen Staffeln von «The Crown» hab ich schon geschaut. In der letzten Staffel entwickelte ich sogar Sympathien für die Queen. Das hat mich richtig geärgert. Ist mir doch so scheiss­egal, ob ihr selbst­gerechten Imperialisten euch einsam fühlt! Dann wiederum habe ich kürzlich ein Interview gehört im Radio mit Lukas Bärfuss, der sein neues Buch über das Erben vorstellte. Da dachte ich: Okay, vielleicht hat das Ganze doch ein Shakespeare-Element. Die Nachkommen erben den ganzen Scheiss und kommen nicht raus – egal, was sie tun. Was für ein Drama.

Ich habe mich nie für die Royals interessiert. Als die Queen starb, hab ich trotzdem stunden­lang den Live­stream vom Eingangs­tor von Balmoral Castle geschaut.
Das hat sicher mit der Sehn­sucht nach diesen grossen Momenten zu tun. Diese seltenen Lagerfeuer­momente, die die Gesamt­gesellschaft erlebt.

Ein Tor in Schottland?
Ja! Das ist noch sympathisch, finde ich. Da muss ich meinen rant von vorhin fast schon revidieren. Auch wenn es einen nervt, ist es nicht ignorierbar. Ich bin mit Papst Johannes Paul II. aufgewachsen, er war sozusagen mein Papst. Auf der Ministranten­reise sind wir sogar nach Rom in den Vatikan. Und als er starb, war das schon so: O Gott, der Papst ist tot! Zugegeben, mittler­weile ist es eher: Jetzt hat es halt wieder einen gelitzt.

Du warst Ministrant?
Ja. Meine Mutter stammt aus einer Inner­schweizer Familie, die hardcore katholisch war: sieben Kinder, und die meisten haben sehr darunter gelitten. Meine Mutter ist zwar nie ausgetreten, hat aber mit der Kirche gebrochen. Und trotzdem hat sie meine ältere Schwester ins katholische Mädchen­internat Ingenbohl geschickt. Und ich hätte eigentlich aufs Jungen­internat in Immensee gehen sollen.

Ins Internat?
Das war immer klar: Wenn du vierzehn wirst, gehst du ins Internat.

Warum?
Im Internat in Immensee gabs offenbar ein paar Jesuiten. Für meine Mutter waren das die Guten in der katholischen Kirche. Die, die ein bisschen menschlich und schlau sind. Sie hatte immer den Arche­typus im Kopf von der guten Nonne oder dem guten Mönch, von dem alle meinen, er sei verklemmt, aber eigentlich ist er ein megacooler Dude. Aber: Man muss ja nicht in der katholischen Kirche sein, um ein cooler Dude zu sein.

Es hilft nicht zwingend.
Nein. Jedenfalls bin ich ministrieren gegangen, sobald ich konnte … Wobei! Es steckte auch eine Geschäfts­überlegung dahinter. Als Ministrant bekamst du nämlich an Weihnachten 30 Franken geschenkt, that’s a lot für einen Elfjährigen. Zumindest damals. Zu Ostern gabs dann einen riesigen Schoggi­hasen und im Sommer eine Reise in den Europa­park.

Damit hätten sie mich gehabt.
Eben! Da ist die Sache doch einfach klar. Du meldest dich fünf-, sechsmal im Jahr für die Messe an, dreimal davon bist du krank – da lohnt es sich schon. Ausserdem erlebst du eine lustige Bühnen­situation, in der du recht viel lernen kannst.

Ach, das Ministrieren ist also der Ursprung von allem?
Vielleicht. Das Ministrieren hat etwas sehr Komisches. Es ist ein aufgeladenes, filigranes Gebilde. Du merkst, du müsstest bloss mit der Hand auf den Tisch knallen und der ganze Flan kollabiert. Ich glaube, der österreichische Kabarettist Josef Hader hat mal gesagt: Alle Kabarettisten, die er kenne, hätten bei den Ministranten angefangen.

Hast du mal versucht, die Bibel von Anfang bis Schluss zu lesen?
Ich habs versucht, war aber sehr schnell fertig.

War dein Umfeld früher sehr religiös?
Ich bin unter anderem in einem Freikirchen­nest zur Schule, in Schleitheim, im Klettgau, Kanton Schaffhausen. Gerhard-Blocher-Country quasi. Lustiger­weise ging dort Qaasim Illi mit mir in die Klasse, der heutige Islamist. Er ist dort in einer freikirchlichen Pflege­familie aufgewachsen. Irgendwo gibt es noch ein Video von einem Schul­anlass, in dem Qaasim Illi, der jetzige Trainer der zweiten Mannschaft des SC Freiburg und ich zusammen zu den Backstreet Boys tanzen. Good times!

Bitte schick mir das!
Ja ja, genau. (lacht, hat das Video bis heute nicht geschickt)

Bist du eigentlich noch in der Kirche?
Ich bin vor gut zwei Jahren ausgetreten.

Was war der Auslöser?
Das weiss ich nicht mehr. Irgendeiner der hundert­tausend Gründe. Schaus dir mal an! Wieso sollte ich denen mein Geld geben? Meine Mutter sagte immer: «Weisst du, sie machen viel Gutes.» Aber es gibt ja auch andere Leute, die viel Gutes machen. Für die Entscheidung habe ich dann trotzdem richtig lange gebraucht.

Warum?
Ich glaube, es hat viel mit Folklore zu tun. Ich gehe sehr gerne in katholische Kirchen. Ich fühle mich dort wohl. Wahrscheinlich, weil es für mich überhaupt nicht bedrohlich ist. Das hat natürlich mit meiner Position zu tun: als Mann; als Schweizer Mann; als Schweizer Mann, der den katholischen Grund­sätzen nicht komplett widerspricht. Für meine Mutter hingegen war die Kirche krass bedrohlich. Und für meine Schwester und alle anderen Leute, die diesen weirden Grund­sätzen zufälliger­weise nicht entsprechen. Es war das erste Mal, dass ich mich so richtig mit mir selbst beschäftigen musste. Warum kann ich nicht austreten? Weil ich Angst habe, nicht mehr dabei zu sein? Ist das Gefühl, wenn ich danach eine Kirche betrete, noch immer dasselbe?

Vielleicht gehst du in Flammen auf.
Genau. Ich habe mich wirklich eine lange Zeit mit vielen verschiedenen Leuten ausgetauscht. Und in dem Moment, als ich ausgetreten war, dachte ich: Scheisse – meine ganze Austritts­geschichte wäre ein super Podcast­thema gewesen, was für eine verpasste Gelegenheit!

Jesus Maria!
Ja, ich weiss! Aber es wäre wirklich ein spannender Podcast geworden.

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