Strassberg

Können Dinge böse sein?

Die moderne Wissenschaft macht einen Unterschied zwischen Natur­gesetzen und moralischen Wert­urteilen. Dem modernen Menschen aber fällt das schwer.

Von Daniel Strassberg, 24.01.2023

Vorgelesen von Jonas Gygax

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Im Jahre 1643 trafen sich in der Bibliothek des Klosters der Paulaner an der Place des Vosges in Paris zwei Männer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der Gastgeber war ein umtriebiger, selbst­bewusster und lebens­froher Mönch, der mit praktisch allen grossen Geistern seiner Zeit korrespondierte, erfüllt von der Mission, den christlichen Glauben auf die Basis der Vernunft zu stellen. Der Gast war ein mittelmässiger, aus England entflohener Mathematiker, der es trotz seiner autobiografisch verbürgten Ängstlichkeit geschafft hatte, zwischen alle Fronten zu geraten. Den Anti­royalisten galt er als Royalist und den Royalisten als gottloser Materialist.

Trotz der ideologischen Gräben lassen die Schrecknisse des Dreissig­jährigen Kriegs und des Englischen Bürger­kriegs den Mönch Marin Mersenne und den Materialisten Thomas Hobbes alle ihre Differenzen vergessen.

In Kontinental­europa wütete seit beinahe drei Jahr­zehnten ein verheerender Religions­krieg, der an Zerstörung, Leid und Grausamkeit alles Bisherige in den Schatten stellte. Leichen erschlagener, gefolterter und vergewaltigter Menschen hinterliessen eine blutige Spur durch ausgebrannte Städte, verwüstete Dörfer, kahl gefegte Äcker und entleerte Landstriche. Der Krieg hatte, begleitet von Hungers­nöten und Seuchen­zügen, die Bevölkerung Europas um fast ein Viertel dezimiert.

Die Erfahrungen des Kriegs erfüllen den frommen Mersenne und den ungläubigen Hobbes mit derselben Sorge: Wie kann eine solche Barbarei in Zukunft verhindert werden? Beide stimmen darin überein, dass die grösste Gefahr für den Frieden von den Schwärmern, Sektierern und religiösen Fanatikern ausgeht. Wer sich auf die Existenz unsichtbarer Kräfte beruft, entzieht seine Behauptungen der inter­subjektiven Überprüfbarkeit. Das persönliche Erleben wird zur göttlichen Inspiration verklärt und gegen jede Kritik immunisiert. Weder die Wissenschaft noch die Erfahrung anderer Menschen vermögen etwas gegen die Autorität der inneren Erfahrung und der göttlichen Offenbarung. Wo aber die Möglichkeit fehlt, Behauptungen nach einem von allen anerkannten Standard zu überprüfen, entstehen Gewalt und Krieg.

Das Treffen an der Place des Vosges ist verbürgt; worüber die beiden Männer gesprochen haben, jedoch nicht. Aber es liegt nahe, dass Mersenne und Hobbes sich an jenem Nachmittag über die Frage unterhielten, wie den Fanatikern und Fundamentalisten – sie hiessen damals Schwärmer und Enthusiasten – beizukommen sei. Es wäre vorstellbar, dass das Ergebnis ihrer Gespräche ein Pakt gewesen ist, dessen Präambel etwa so hätte lauten können: «Trotz unserer fundamentalen Differenzen bezüglich der unsterblichen Seele erkennen wir die Notwendigkeit einer universalen und überprüfbaren Wissenschaft an, um Frieden und Wohlfahrt in Europa zu sichern. § 1: Materielle Dinge wollen nichts, denn sie haben keine Seele.»

Ein solcher Pakt hätte der Kirche gedient, die dadurch die Oberhoheit über die Seele behalten hätte, aber auch den Wissenschaften, denen gewährleistet worden wäre, dass die Kirche sich nicht mehr in die Physik und die Astronomie einmischt.

Allerdings: Damit diese Absprache funktionieren kann, müssen sich die Dinge ohne Wenn und Aber den Natur­gesetzen unterziehen. Stellen Sie sich vor, einen Stein überkäme eines Tages die unbändige Lust, auf das Gravitations­gesetz zu pfeifen und nach oben zu fliegen, wenn er losgelassen wird. Es wäre das Ende aller Natur­wissenschaft und der Beginn oder vielmehr Wieder­beginn des inneren Erlebens als Wahrheits­kriterium.

«Wir sind nie modern gewesen», betitelte der französische Philosoph Bruno Latour das Buch, das ihn berühmt machen sollte. Der Vertrag der Moderne, der Wünsche und Abneigungen, Absichten und Gedanken nur dem Geist zuspricht und von der Materie verlangt, sich den von Gott gegebenen Natur­gesetzen zu unterwerfen, habe sich nie ganz durchgesetzt, so Latour. Unwillkürlich schreiben wir den Dingen Absichten zu: Wir brüllen Computer an, die nicht funktionieren, werfen Bildschirme aus dem Fenster, wenn die eigene Mannschaft verloren hat, oder fühlen uns vom Navi getadelt, wenn wir von der vorgeschlagenen Route abweichen.

Zudem werden Dingen schädliche, ja geradezu moralische Eigenschaften zugesprochen: Kortison ist schlecht, natürliche Essenzen sind gut, Handys sind schlecht, Holz­spielzeuge gut, Antibiotika schlecht, Zwiebel­wickel gut, genetisch verändertes Saatgut ist schlecht, unverändertes gut. Es wird, wenn wir solche Urteile fällen, weder nach den konkreten Umständen gefragt, unter denen die Dinge ihre Wirkung entfalten, noch was sie tatsächlich bewirken.

Die Dinge selbst sollen böse sein, wobei böse meist durch ungesund und gut durch gesund ersetzt wird, um den modrigen Geruch des Moralisierens zu überdecken. Manchmal führt dies zu grotesken, ja grausamen Auswüchsen: Ich habe Eltern erlebt, die ihren sich vor Schmerz krümmenden Kindern keine Schmerz­mittel verabreichen lassen wollten, weil Chemie schlecht sei. Aber auch das Gegenteil ist manchmal der Fall: Eines Tages beschloss irgend­jemand, dass Quinoa gesund sei – was immer das auch heissen mag. Die Nachfrage wuchs, die Preise schnellten in die Höhe, und die Bauern der Anden, wo das meiste Quinoa herkommt, konnten sich ihr eigenes Grundnahrungs­mittel nicht mehr leisten. Sie mussten Quinoa aus China importieren, das inzwischen zu viel tieferen Preisen riesige Mengen davon produzierte.

Die Bauern in den Anden wurden dadurch buchstäblich ruiniert, dass jemand die Idee hatte, Quinoa sei gesund.

Wie ist es so weit gekommen? Als unsere Vorfahren den Urwald verliessen und aufrechten Ganges die Steppe durch­streiften, mussten sie lernen, welche Beeren giftig, welche essbar und welche sogar schmackhaft sind. Da sie noch keine Apps zur Verfügung hatten, auf denen sie sich über giftige Beeren informieren konnten, verpackten sie, wie der einst an der ETH lehrende Wissenschafts­theoretiker Paul Feyerabend zeigte, ihr Wissen in kleine Erzählungen. «Einer unserer Ahnen starb auf der Jagd und wurde nicht gemäss dem richtigen Zeremoniell beerdigt. Deshalb ist sein Geist in diese rote Beere geschlüpft, um sich an unserem Stamm zu rächen.»

Eine Geschichte dieser Art konnte sich jedes Kind merken, und es würde nie mehr eine dieser roten Beeren kosten – nicht weil sie giftig sind, sondern weil sie eine böse Seele haben. Später wurden all die kleinen Erzählungen, die die Welt erklärten, zu einer einzigen grossen Erzählung zusammen­gefasst, die nun Religion hiess. Darin wurden die bösen Dinge für unrein und die guten für heilig erklärt.

Schon Montesquieu, der grosse Aufklärer und Erfinder der modernen Demokratie, wehrte sich – aus ganz ähnlichen Gründen wie Hobbes und Mersenne – gegen die sakrale Aufladung der Dinge. In seinem Roman «Persische Briefe» lässt er die Hauptfigur Usbek, einen nach Europa reisenden Perser, seinen Mullah fragen:

Warum nimmt uns unser Gesetzgeber das Schweine­fleisch und alles Fleisch, das er als unrein bezeichnet? Warum verbietet er uns, tote Körper zu berühren, und warum schreibt er uns vor, ständig, um die Seele zu reinigen, den Körper zu waschen? Nach meiner Ansicht sind die Dinge weder rein noch unrein. Ich kann keine dem Gegenstand innewohnende Eigenschaft erkennen, die sie dazu machen würde. Der Dreck scheint uns nur deshalb als schmutzig, weil er unser Auge oder einen anderen unserer Sinne verletzt, aber an sich ist er es ebenso wenig, wie das Gold oder Diamanten sind.

Montesquieu: «Persische Briefe», 17. Brief (1721).

Dinge sind weder gut noch schlecht, meinte Montesquieu, schlecht sind höchstens die Bedingungen, unter denen, oder die Zwecke, zu denen wir sie verwenden. Doch Montesquieus Bemühungen, den Dingen geistige oder psychische Eigenschaften abzusprechen, sind ebenso gescheitert wie diejenigen seiner Vorgänger Hobbes und Mersenne. Mindestens teilweise.

Vor allem in Gebieten, von denen Laien wenig Ahnung haben, obschon sie Tag für Tag mit ihnen konfrontiert sind, also vor allem in Technik und Medizin, scheint sich der Pan­psychismus, die Vorstellung also, Dinge seien beseelt und hätten (böse) Absichten, hartnäckig zu halten. Auf Gegenstände solcher Art projizieren wir gern menschliche Eigenschaften, weil wir uns damit die Illusion bewahren können, die Dinge zu verstehen (da sie ja wie Menschen funktionieren) und dadurch auch beeinflussen zu können.

Ein besonders eklatantes Beispiel ist der Säure-Basen-Haushalt: In gewissen (pseudo-)medizinischen Ratgebern wird empfohlen, durch die Einnahme von Blattsalat (sic!) den Körper zu entsäuern. Basisch ist nämlich gut und sauer schlecht. Tatsächlich jedoch reguliert der Körper selbst den pH-Wert, also den Säure­gehalt von Körper­flüssigkeiten, auf das Hundertstel genau, weil überlebens­wichtige biochemische Reaktionen nur bei einem bestimmten pH-Wert ablaufen. Selbst wer hundert Zitronen isst, kann den Säure­gehalt seines Körpers nicht verändern. Obwohl es doch so einleuchtend wäre, schliesslich sind Zitronen schon ziemlich sauer.

Bruno Latour, der wie gesagt als Erster die Behauptung aufgestellt hat, wir hätten den Sprung in die Moderne nie ganz geschafft, weil wir die Dinge immer noch beseelen, rät überraschender­weise nicht zur Rückkehr zur alten Entseelung der Dinge. Aber noch weniger zum magischen Denken. Er schlägt einen dritten Weg vor, wie man Dinge betrachten soll.

Vergesst die alten Unterscheidungen, fordert Latour, die Unter­scheidung von aktiv und passiv, von menschlich und nicht menschlich, von Körper und Geist, von Natur und Kultur. In einer Welt, in der eine Spray­dose in Paris die Pol­kappen schmelzen lässt, so Latours Beispiel, taugen diese alten Gegensätze nicht mehr.

Betrachtet Objekte vielmehr als matter of concern, als Dinge, die uns angehen, weil sie mit uns Menschen zusammen Akteure in einem riesigen, universalen Netzwerk sind. Alle Dinge, Antibiotika und Zwiebel­wickel, Kortison und natürliche Essenzen, Handys und Holz­spielzeuge, sind hochkomplex. Sie sind von Menschen erfunden und gemacht, historisch situiert, und sie haben Wirkungen auf Menschen sowie auf andere Dinge. (Deshalb nennt Latour seine Theorie Akteur-Netzwerk-Theorie.) Sars-CoV-2 ist dafür das beste Beispiel: Das Coronavirus ist weder aktiv noch passiv, weder Natur noch Kultur, weder politisch noch natürlich; es ist von allem etwas.

Man könnte sagen, Latour schreibe den Menschen eher dingliche Eigenschaften zu als den Dingen menschliche. Man soll seiner Meinung nach die Dinge nicht isolieren, sie weder mit dem kalten Blick der Natur­wissenschaftlerin als bloss passive Objekte betrachten noch spirituell überhöhen, als wären sie von bösen Seelen bewohnt. Man soll die Dinge immer im Kontext ihrer Geschichte und ihrer Wirkungen verstehen. Dann aber ist genetisch verändertes Saatgut manchmal schlecht, wenn es zum Beispiel die Abhängigkeit der Bauern von Gross­konzernen wie einst Monsanto verstärkt, und manchmal gut, wenn es hilft, den Hunger in der Welt zu mindern. Hört also auf, mit den Fingern auf Dinge zu zeigen, meint Latour, und beginnt, die Macht­verhältnisse zu analysieren, in denen sie wirken.

Und Macht­verhältnisse sind weder basisch noch sauer.

Illustration: Alex Solman

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