Ein Folterlager im heutigen Europa

Der ukrainische Journalist Stanislaw Asejew war von 2017 bis 2019 in einem Gefängnis der separatistischen «Volks­republik» Donezk inhaftiert. Sein Buch «Heller Weg» ist ein erschütternder Erfahrungs­bericht – und Augenöffner.

Von Fabian Baumann, 03.01.2023

Vorgelesen von Danny Exnar
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Die Zeiten der europäischen Lager­literatur, so sollte man meinen, sind vorbei. Die Überlebenden der Nazi-Konzentrations­lager und des stalinistischen Gulag sind verstorben oder im hohen Alter. Ihre Werke sind als Mahnmale des viel beschworenen «Nie wieder» ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Doch in Europa, so erfahren wir vielleicht erst aus diesem Buch, gibt es immer noch Lager. Also wird in Europa auch weiterhin Lager­literatur geschrieben.

Stanislaw Asejew ist erst 33, und als ich ihn kürzlich an einer Veranstaltung in Chicago traf, schmal und zurück­haltend, freundlich, aber mit ernsthaftem Blick, fiel es mir schwer, zu glauben, was dieser Mann erlebt hat. Asejew ist in Makijiwka (russisch Makejewka) aufgewachsen, einer grossen Industrie­stadt in der Ost­ukraine, die direkt an die Gebiets­hauptstadt Donezk grenzt. Wie in den meisten Familien im Donezker Kohle­revier sprach man auch in seiner Russisch und war sowjetisch geprägt. Erst während seines Philosophie­studiums begann Asejew, sich stärker mit der Ukraine zu identifizieren.

Zum Autor und zum Buch

Fabian Baumann ist Osteuropa­historiker und derzeit als Postdoc.Mobility-Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds an der University of Chicago tätig. 2023 erscheint bei der Cornell University Press sein Buch über den ukrainischen und russischen Nationalismus im späten Zarenreich.

Stanislaw Asejew: «Heller Weg. Die Geschichte eines Konzentrations­lagers im Donbass 2017–2019». Aus dem Russischen von Martina Steis und Charis Haska. Ibidem 2021. 184 Seiten, ca. 21 Franken.

Als nach den Euro­maidan-Protesten im Frühjahr 2014 örtliche prorussische Aktivisten unter Anleitung russischer Geheim­dienstler eine separatistische «Volks­republik» proklamierten, wurde Asejew zum kritischen Beobachter. Unter Pseudonym schickte er Berichte an ukrainische Medien, schrieb über die politischen Entwicklungen vor Ort nach Ausbruch des Krieges im Donbass.

2017 flog Asejews Tarnung auf. Die separatistischen Sicherheits­kräfte verhafteten ihn, beschuldigten ihn der Spionage und brachten ihn in ein Gefangenen­lager in Donezk. Es ist eine grausame historische Pointe, dass sich dieses Folter­gefängnis in einer ehemaligen Fabrik befindet, die zu Sowjet­zeiten ausgerechnet Isolations­material herstellte. Daher auch der Name der Kunst­stiftung, die sich nach dem Ende der Sowjetunion dort ansiedelte: Isoljazija – Isolation. Nach 2014 ging der Name inoffiziell auf das Folter­gefängnis der Donezker «Volks­republik» über. Und isoliert war Asejew tatsächlich in seiner Zelle, 28 Monate lang, zwischen 2017 und 2019. Besuch durfte er kaum je empfangen. Wenn Wärter anwesend waren, musste er sich eine Tüte über den Kopf ziehen. Er und die anderen Gefangenen, so ist es in seinem Buch nachzulesen, wurden regelmässig mit Elektro­schocks gefoltert.

Ende 2019 kam Asejew dank eines Gefangenen­austauschs frei und begann sofort, seine schrecklichen Erlebnisse nieder­zuschreiben. Sein Bericht «Heller Weg» ist schon 2021 in einer deutschen Übersetzung erschienen, fand aber in den Feuilletons nur wenig Beachtung – zu weit weg war der Krieg im Donbass, der für die hiesige Öffentlichkeit damals noch wie ein eingefrorener Regional­konflikt aussah.

Auch die Publikation des Buchs in einem Wissenschafts­verlag und die stellenweise etwas sperrige Übersetzung von Martina Steis und Charis Haska dürften die Beachtung in der Öffentlichkeit nicht gefördert haben. Dabei ist das Buch nicht nur Pflicht­lektüre für alle, die die Gewalt­methoden des Putin-Regimes und seiner Schergen besser verstehen wollen, sondern auch ein Zeugnis unzerstörbarer Menschlichkeit unter den schlimmst­möglichen Bedingungen.

Teilweise ist die Lektüre schwer erträglich, obwohl Asejew fast vollständig darauf verzichtet, den Voyeurismus des Publikums mit intimen Beschreibungen blutiger Folter­methoden zu befriedigen. Stattdessen seziert er trocken, fast schon distanziert, die psychologischen Aspekte des Folter­lagers, die Mechanismen der Unter­drückung, die Motive der Täter.

Absurde Grausamkeit

Der Gefängnisalltag in der «Isolation» ist laut Asejew eine endlose Folge von Erniedrigungen. Gefangene bekommen Strom­schläge, bis sie sich in die Hose machen. Mitten in der Nacht torkelt ein betrunkener Wärter in die Zelle; wer nicht sofort strammsteht, wird unter die Pritsche geprügelt. Ein Gefangener wird gezwungen, wie ein Hund zu bellen, andere müssen für die Wärter tanzen oder sowjetische patriotische Lieder singen. Weibliche Gefangene werden von den Wärtern vergewaltigt.

Als Lager­insasse wurde das Schreiben für ihn zum einzigen Ausweg: Stanislaw Asejew. Creative Commons

Die Grausamkeiten dienen nicht der Informations­beschaffung, und auch wenn ein Gefangener längst alles verraten hat, was er weiss, wird er weiter gefoltert. Die Tortur ist «nicht so sehr darauf ausgerichtet (...), einen Menschen physisch zu brechen, sondern mehr auf die Vernichtung seiner Persönlichkeit». In Asejews Schilderung ist das Folter­lager ein totalitärer Mechanismus zur völligen Erniedrigung und Vereinzelung der Gefangenen.

Zu den Opfern gehören nebst Unter­stützerinnen des ukrainischen Staats auch Berufs­kriminelle und ehemalige Soldaten der «eigenen» Seite, die noch kurz zuvor für die sogenannte Volks­republik kämpften. Von den Kriminellen erlernt Asejew die ponjatija, die eigenwilligen Regeln des (post)sowjetischen Lager­kodex: So sollen die Gefangenen sich nie an Renovations­arbeiten am Gebäude beteiligen – man baut sich schliesslich nicht sein eigenes Gefängnis – oder nie essen, während jemand das Klo benutzt.

Doch selbst dieser pervertierte Gesellschafts­vertrag ist im Folter­lager nur bedingt wirksam. Die Lager­leitung legt Wert darauf, dass sich die Insassen nur den Regeln der Wärter unterwerfen. In einer Atmosphäre der totalen Isolation kann keine Solidarität zwischen den Gefangenen entstehen: Als Asejew einen Hunger­streik versucht, verwehren die Aufseher der ganzen Zelle die Mahlzeiten, bis er wieder isst. Auch kommt es zu Ressentiments zwischen den Gruppen, wobei Asejew offensichtlich mehr Sympathie für die selbstbewussten und widerspenstigen Berufs­verbrecher hat, die die gehorsamen Soldaten genauso verachten wie die Wärter. Dass ihm einer dieser Verbrecher im Streit die Nase bricht, erzählt er ohne Groll.

Schreiben gegen die Ohnmacht

Wie für viele Lager­insassen vor ihm wird auch für Asejew das Schreiben zum einzigen Ausweg aus dem alltäglich gewordenen Horror. Es hilft ihm, die schier endlose leere Zeit zu überbrücken – und wenn man ihm die Schreib­utensilien wegnimmt, so lernt er seine Texte halt auswendig. Das Schreiben lenkt ihn von den omnipräsenten Suizid­gedanken ab. Und tatsächlich gibt es ihm, dem Ohnmächtigen, eine gewisse Macht über seine Peiniger. Im Buch beschreibt er den persönlichen Hass, den ein Wärter gegen ihn verspürt – gegen ihn, den Journalisten, der über das Lager berichten wird und der dem Wärter seine eigene Grausamkeit bewusst macht. Asejew fühlt sich an Sartre erinnert: Der Mensch erkennt sich selbst im Blick eines anderen.

Die Bösartigkeit einzelner Wärter im Folter­lager kennt kaum Grenzen. Besonders übel treibt es der Gefängnis-«Boss», genannt Palytsch, der im nächtlichen Alkohol­rausch wahllos auf die Gefangenen einprügelt. Als Palytsch schliesslich in einem seiner Wut­ausbrüche beinahe einen arbeitenden Gefangenen tötet, wird er für eine Weile selbst im Lager inhaftiert. Doch Asejew spricht selbst über diesen Sadisten in einem nüchternen Tonfall: «Solche Menschen gehen nirgendwohin weg – sie werden bis zu ihrem letzten Tag genutzt. Es ist bequem, mit fremden Händen zu foltern.»

Asejew schildert auch kleine Akte der Humanität durch einzelne Bewacher – etwa als ein Wärter die Gefangenen seinen Hund streicheln lässt –, doch er warnt davor, dem Stockholm-Syndrom zu verfallen und die «menschlicheren» Täter zu entschuldigen. Eines wird in seiner Darstellung jedenfalls völlig klar: Weder die sadistischen Gefängnis­wärter noch diejenigen, die das Lager als gewöhnlichen Job betrachten, handeln aus tiefer politischer Überzeugung. Für Asejew sind sie bei aller persönlichen Verantwortung letztlich Werkzeuge in den Händen der von Russland entsandten Geheim­dienstler, die die Geschicke der Pseudo-Volksrepublik leiten.

Ideologische Leere

Ganz nebenbei entlarvt Asejew das Putin-Regime so als das, was es ist: die Fortsetzung von Gewalt­methoden des KGB, aber frei von ideologischem Inhalt. Dem nationalistischen Pomp zum Trotz ist der letztliche Zweck des Putinismus einzig und allein der Macht­erhalt einer zynischen Elite reich gewordener Geheim­dienstler.

Die Legitimität dieses Regimes bei der Bevölkerung, in Russland selbst wie im besetzten Donbass, beruht zu grossen Teilen auf einer genauso unpolitischen Sowjet­nostalgie. Zu dieser Einsicht kommt Asejew beim Beobachten seiner eigenen Familie. Die Erinnerungen seiner Mutter an die Sowjetzeit, schreibt er, könnten nicht weniger mit dem Marxismus und den Bolschewiki zu tun haben. Stattdessen: schmackhaftes Schokoladen­eis, feierliche Neujahrs­stimmung, ein roter Ballon an der Maiparade.

Grossväterchen Lenin strahlte von der Wand des Kinos, er lebte auf Glückwunsch­karten zum Neuen Jahr, im Duft von Mandarinen, im Schokoladen­konfekt am Weihnachts­baum, das von der ganzen Familie gemeinsam aufgehängt wurde.

Aus «Heller Weg».

Die Namen der kommunistischen Anführer Dserschinski, Budjonny und Kirow bedeuten nichts weiteres als die Ortschaften, die man nach ihnen benannt hat: hier ein schattiger Park, dort ein Geschäft, das günstigen Kefir verkauft. In der Erinnerung der älteren Leute ist die Sowjetunion nichts Revolutionäres, sie steht im Gegenteil für eine verloren geglaubte Normalität.

Für junge Menschen wie Asejew ist dagegen das Projekt einer unabhängigen, demokratischen Ukraine eine Möglichkeit, ihre persönliche Würde zu bewahren – in Abgrenzung zum gewalttätigen Zynismus von Putins Russland. Und man versteht bei der Lektüre dieses Buchs vielleicht besser denn je, warum der Euro­maidan 2013/2014, diese Revolte gegen die Korruption und den post­sowjetischen Mief, in der Ukraine auch als «Revolution der Würde» bezeichnet wird.

Doch Asejews Buch ist gerade deswegen ein so überzeugendes politisches Statement, weil der Autor fast gänzlich auf explizite politische Wertungen verzichtet. Sie ergeben sich vielmehr aus dem Beschriebenen. Asejew ist ein pragmatisches Kind des Donbass, kein ukrainischer National­romantiker.

Wie er mir bei einer gemeinsamen Veranstaltung in Chicago erklärte, ist ihm völlig klar, was für Schwierigkeiten auf die Ukraine zukämen, sollte sie eines Tages die Gebiete von Donezk und Luhansk wieder unter ihre Kontrolle bringen. Viele Menschen im Donbass seien von acht Jahren putinistischer Propaganda geprägt, sie fürchteten, so Asejew, die vermeintlichen Repressionen der ukrainischen Regierung gegen die russische Sprache und sähen Putin als Befreier. Zwar sei die anfängliche Kriegs­begeisterung in der Region nach der Mobilisierung schnell abgeflacht. Aber bis zu einer nachhaltigen Integration des Donbass in die Ukraine brauche es wohl mindestens eine Generation.

Späte Genugtuung

Nach der Freilassung haben die traumatischen Erlebnisse während der Gefangenschaft Asejew nicht losgelassen. Jenseits der literarischen Verarbeitung versucht er, die Bestrafung seiner Peiniger in die eigenen Hände zu nehmen. Mit seinem Justice Initiative Fund sammelt er Spenden und verspricht, sie als Belohnung jenen auszubezahlen, die Hinweise liefern, die zur Auffindung und Verhaftung der Wärter des Folter­lagers führen.

Zumindest in einem Fall dürfte Asejews Initiative bewirkt haben, dass ein mutmasslicher Täter vor Gericht gestellt wird. Denis Kulikowski – ebenjener Palytsch aus dem Buch – wurde 2021 in Kiew vom ukrainischen Geheim­dienst festgenommen. Laut Asejew trugen Informationen, die er in Zusammen­arbeit mit dem Recherche­kollektiv Bellingcat sammelte, zur Verhaftung bei.

Trotz seiner äusserlich ruhigen Art ist Stanislaw Asejew ein Getriebener. Auf seiner Suche nach Gerechtigkeit reist er um die Welt, liest aus seinen Büchern, trifft sich mit Abgeordneten in Washington, um für sein Projekt zu werben. Zwar ist er sich bewusst, dass die Ermutigung zur Denunziation selbst nicht unproblematisch ist, doch er verlässt sich darauf, dass der ukrainische Rechts­staat keine Verfolgung Unschuldiger zulassen wird. Als Aussen­stehender aus der friedlichen Schweiz zuckt man etwas zusammen ob dieser Entschlossenheit angesichts einer moralischen Grauzone – doch wie will man jemandem, der so misshandelt wurde wie Asejew, auch noch den Anspruch auf nachträgliche Gerechtigkeit verwehren?

Asejews Geschichte macht einen fassungslos. Fassungslos darüber, dass es auch in unserer Zeit noch Folter­lager gibt, sogar mitten in Europa. Fassungslos auch einmal mehr darüber, dass in Russland ein derartiges Unrechts­regime entstehen konnte, während Westeuropa fröhlich russisches Gas bezog, das Geld russischer Oligarchen verwaltete und Delegationen an sportliche Gross­anlässe schickte, die Putin zur Image­pflege durchführte. Dass Asejews Buch bei seinem Erscheinen vor etwas mehr als einem Jahr nur wenig Resonanz fand, ist symptomatisch für das damalige Denken.

Erst die Eskalation des Kriegs im Februar 2022 hat vielen Europäern endgültig die Augen dafür geöffnet, wie schlimm es um Russland tatsächlich steht. Stanislaw Asejews Buch ist ein weiterer, erschütternder Beleg dafür, dass man es längst hätte wissen müssen – und dass es nun endgültig keine Entschuldigung mehr dafür gibt, es weiter zu ignorieren.

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