«Das Gefängnis hat mich hart, stark und kalt gemacht»

Seit bald sieben Jahren befindet sich Brian Keller ununter­brochen im Gefängnis. Nun redet der berühmte Häftling über Hoffnung und Versöhnung, Wut und Aggression. Ein Gespräch zum Jahreswechsel.

Von Brigitte Hürlimann (Text), Agata Nowicka (Illustration) und Florian Kalotay (Bild), 26.12.2022

Journalismus kostet. Dass Sie diesen Beitrag trotzdem lesen können, verdanken Sie den über 28'000 Leserinnen, die die Republik schon finanzieren. Wenn auch Sie unabhängigen Journalismus möglich machen wollen: Kommen Sie an Bord!

Brian Keller war 10 Jahre alt, als er erstmals von der Polizei abgeholt, in Hand­schellen gelegt und inhaftiert wurde. Das war in den Nuller­jahren. Der Verdacht auf Brand­stiftung erwies sich im Nach­hinein als unbegründet. Doch mit dieser Episode begann für den Schweizer eine Odyssee durch Gefängnisse und Institutionen – die darin gipfelte, dass er 2013 als «Jugend­straftäter Carlos» schweizweit bekannt wurde.

Heute ist Brian Keller 27 Jahre alt. Mehr als ein Drittel seines Lebens hat er in geschlossenen Anstalten verbracht. Ein «Intensiv­täter» oder ein «Dauer­delinquent» ist er deswegen nicht, auch wenn das oft geschrieben wird. Keller ist als Erwachsener zweimal vorbestraft: einmal wegen Sach­beschädigung und einmal wegen versuchter schwerer Körper­verletzung.

Seit bald sieben Jahren befindet er sich ununterbrochen in Haft. Derzeit in Untersuchungs­haft, weil ihm Dutzende von Delikten vorgeworfen werden, die er während einer ungewöhnlich rigiden Einzelhaft vom Sommer 2018 bis zum Januar 2022 begangen haben soll.

Ich will es genauer wissen: Warum Brian Keller im Gefängnis ist

Das sind die drei Gründe, warum sich der 27-jährige Schweizer seit bald sieben Jahren nonstop in Haft befindet:

Erster Grund: eine versuchte schwere Körper­verletzung, begangen bei einer Auseinander­setzung mit einem Kollegen in Zürich. Für diese Tat kam Brian Keller im März 2016 in Untersuchungs­haft und wurde später zu einer unbedingten Freiheits­strafe von 18 Monaten verurteilt.

Zweiter Grund: ein Vorfall in der Justiz­vollzugs­anstalt Pöschwies vom Juni 2017, kurz bevor die Freiheits­strafe abgesessen war. Dieser Sachverhalt – ein hand­greifliches Rencontre im Büro des Abteilungs­leiters – ist noch nicht rechtskräftig beurteilt worden.

Dritter Grund: 33 neue Vorwürfe der Staats­anwaltschaft, die fast ausschliesslich Ereignisse während eines ungewöhnlich rigiden Einzelhaft­regimes in der Pöschwies betreffen, vom Sommer 2018 bis zum Januar 2022. Die Anklage­erhebung steht noch aus.

Der damalige Uno-Sonder­berichterstatter für Folter, Nils Melzer, intervenierte wegen der lang andauernden Einzelhaft und sprach von «ernsthaften menschen­rechtlichen Fragen», die von der Schweiz abgeklärt werden müssten. Dreimal verlangte er eine Untersuchung – nichts geschah.

Im Januar 2022 besuchte Dominique Day von der Uno-Arbeits­gruppe für Menschen afrikanischer Abstammung den Insassen in der Pöschwies. Und hielt später fest: «Rassen­diskriminierung und Ungerechtigkeit sind in jeder Phase dieses Falls offensichtlich.» Die Situation von Brian Keller sei «ein krasses Beispiel für den systematischen Rassismus in der Schweiz».

Kurze Zeit nach dem Besuch von Dominique Day wurde Keller in ein Untersuchungs­gefängnis und damit in den Normal­vollzug versetzt. Seither kommt es zu keinen Zwischen­fällen mehr (abgesehen vom «Schubsen» eines Mitgefangenen, das von der Staats­anwaltschaft als Dossier Nr. 33 untersucht wird).

Wegen all der neuen Vorwürfe befindet sich Keller derzeit in Untersuchungs­haft, wie von der Staats­anwaltschaft gefordert. Die Straf­verfolger haben damit verhindert, dass der 27-Jährige freikommt, nachdem die frühere Sicherheits­haft durch das Obergericht aufgehoben worden war. Das gleiche Obergericht bestätigte allerdings Mitte Dezember die Untersuchungs­haft.

Die Republik besucht Brian Keller in der Vorweihnachts­zeit in einem Untersuchungs­gefängnis in Zürich. Kurz zuvor hat das Zürcher Obergericht entschieden, dass Keller in Untersuchungs­haft bleiben muss. Das Gespräch findet im Besuchsraum Nummer 8 statt, ein Familien­zimmer mit Spielzeug, Kinder­tisch und Dschungel­malereien an der Wand.

Schlüssel rasseln, im Gang öffnet sich eine Tür und schliesst wieder. Dann geht die Tür zum Besuchs­raum auf: «Frau Hürlimann, sorry fürs Warten. Wie geht es Ihnen?»

Brian Keller hat sich verspätet. Er fühlt sich nicht gut, erzählt von Hals­schmerzen und Schluck­weh. «Und jetzt ist mir auch noch schwindlig», sagt er. «Ich hoffe, dass ich nicht erbrechen muss. Aber es wird schon gehen. Ich habe ja Wasser dabei.»

Sie sehen müde aus.
Ich bin erst morgens um drei Uhr eingeschlafen. Das ist nicht ungewöhnlich, ich schlafe oft schlecht.

Warum?
Keine Ahnung.

Sie haben vor wenigen Tagen erfahren, dass Sie in Untersuchungs­haft bleiben müssen. Sie können die Festtage nicht mit Ihrer Familie verbringen. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?
Was soll ich sagen? Es ist immer die gleiche traurige Sache, es geht nur um Politik. Die Behörden schieben die Verantwortung hin und her. Aber es ist schon krass, dass der Staats­anwalt damit durchkommt. Er kann Untersuchungs­haft für Ereignisse beantragen, die zum Teil vier Jahre zurück­liegen. Und das Obergericht segnet das ab.

Sie haben mit einer Entlassung gerechnet.
Ja. Ich ging davon aus, dass es nicht zulässig ist, Untersuchungs­haft zu verlangen, nachdem der Staats­anwalt jahrelang Zeit gehabt hätte, die angeblichen Vorfälle zu untersuchen. Er hätte das Verfahren abschliessen können und nicht zu diesem Zauber­trick greifen müssen. Aber offensichtlich kann er tun, was ihm gerade passt.

Das Obergericht verlangt, dass ein psychiatrisches Ergänzungs­gutachten über Sie eingeholt wird.
Ich und meine Anwälte haben jahrelang ein Ergänzungs­gutachten gefordert, aber nie ist etwas passiert. Es gibt zwei ältere Gutachten, eines von Martin Kiesewetter, das andere von Henning Hachtel. Beide sind falsch, das haben wir immer wieder gesagt. Nun wird plötzlich ein Ergänzungs­gutachten gefordert, und es soll vom gleichen Psychiater erstellt werden, nochmals von Hachtel. Das bringt doch nichts. Ich traue den Gutachtern nicht und spreche nicht mit ihnen. Das sind Heuchler und Scharlatane, die viel Geld verdienen. Ich nenne sie «Mike Shiva» – wissen Sie, wer das ist? Shiva ist zwar gestorben, aber früher hatte er eine Hellseher-Fernsehshow, man konnte in die Sendung anrufen und Fragen stellen. Mir taten diese armen Gross­mütter leid, die ihn anriefen und Rat suchten.

Was bedeutet der neuste Gerichts­entscheid für Sie?
Dass die Zeit­verschwendung weitergeht. Dass ich weiterhin hocken werde. Das ist schlimm, denn auch für mich läuft die Zeit ab. Ich verpasse immer mehr, es wird mit jedem Tag schwieriger, meine Ziele zu erreichen. Mein Leben fängt an, wenn ich nach draussen komme. Doch dann werde ich schon über 27 Jahre alt sein.

Wie haben Sie auf den Entscheid reagiert?
Zuerst wurde ich wütend. Dann sagte ich mir: Ich muss es akzeptieren und das Beste aus meiner Situation machen. Aber ich hatte wirklich mit einem positiven Entscheid gerechnet, mit meiner Freilassung.

Nun bleiben Sie weiterhin im Gefängnis, für unbestimmte Zeit.
Wir werden den Beschluss ans Bundes­gericht ziehen. Aber auch das braucht Zeit, die Anwälte müssen zuerst die Beschwerde schreiben. Und danach fängt das Warten aufs Bundes­gerichts­urteil an. Alles braucht immer Zeit. Und ich sitze da und warte.

Wie halten Sie das aus?
Wenn man muss, dann muss man. Ich habe keine andere Wahl.

Haben Sie eine Strategie?
Was heisst schon Strategie? Ich stehe jeden Morgen auf und versuche, das Beste aus dem Tag zu machen. Ich trainiere, ich lese, aber leider schaffe ich nicht einmal mehr das. Ich kann nicht richtig trainieren, nicht so, wie ich es gerne möchte. Gelesen habe ich auch schon länger nicht mehr.

Das war früher anders. In der Pöschwies haben Sie viel gelesen.
Ja, als ich im Bunker war und allein. Jetzt nehme ich mir die Zeit nicht mehr fürs Lesen, vielleicht fehlt mir auch die innere Ruhe. Aber ich trainiere, höre Musik oder schaue fern. Hier gibt es Möglichkeiten, die ich früher nicht hatte.

Trainieren geht immer?
Nicht immer oder nicht immer richtig. Zum Beispiel wollte ich heute Morgen im Gefängnis­hof joggen gehen, vor Ihrem Besuch, das habe ich nicht geschafft.

Weil Sie krank sind oder wegen fehlender Motivation?
Beides. Und vor allem auch, weil ich nicht richtig schlafe. Es muss alles stimmen, damit man richtig trainieren kann.

Im März 2023 werden Sie seit sieben Jahren eingesperrt sein. Ohne Unterbruch.
Das regt mich auf, denn es geht um nichts. Es gibt Leute, die haben andere Menschen getötet, und die kommen schneller wieder raus als ich. Der Typ, um den es bei mir geht, hatte nicht mal blaue Flecken oder ein blaues Auge.

Sie sprechen vom Vorfall in der Pöschwies vom Juni 2017. Dort kam es zu einem Gerangel im Büro des Abteilungs­leiters, ein Mitarbeiter wurde leicht verletzt. Der Fall ist zum zweiten Mal vor Ober­gericht hängig, es liegt noch kein rechts­kräftiges Urteil vor. Finden Sie es ungerecht, wie man mit Ihnen umgeht?
Andere, vergleichbare Fälle werden eingestellt, und ich sitze schon jahrelang dafür im Gefängnis. Nochmals: Es gab keine Verletzungen. Die Art und Weise, wie man mich behandelt, kann man nicht mit «Delikten» erklären. Es geht nur um meine Person.

Wie meinen Sie das?
Die Justiz hat sich auf mich eingeschossen. Sonst wären solche Aktionen wie jetzt mit der Untersuchungs­haft nicht möglich. Das ist nicht in Ordnung, und es lässt sich auch nicht erklären. Der Staat darf nicht so handeln.

Warum tut er es?
Es ist immer Politik mit im Spiel, wenn es um mich geht. Die einen sagen, ich sei gefährlich, dann bekommen die anderen Angst und lassen mich nicht mehr raus.

Sind Sie gefährlich, Herr Keller?
Nein. Jeder Mensch kann gefährlich sein, da müsste man ja alle einsperren.

Warum haben Leute Angst vor Ihnen?
Keine Ahnung.

Können Sie das nachvollziehen?
Die Leute erzählen einfach nach, was sie gelesen haben. All diese «Carlos»-Geschichten von früher. Das bleibt an mir kleben. Schlimm ist vor allem, dass es auch beim Staats­anwalt und bei den Richtern kleben bleibt.

Er sitzt da und wartet. «Ich sehe im Moment nicht, wie ich Gerechtigkeit erfahren könnte.»

Sie sind nicht «Carlos», Sie sind Brian Keller. Wer sind Sie heute, wie haben Sie sich in den letzten Gefängnis­jahren verändert?
Ich bin erwachsener und reifer geworden, männlicher, etwas ruhiger und überlegter. Aber gleichzeitig bin ich im Gefängnis auch wütend und bitter geworden. Es ist nicht mehr so schlimm wie früher in der Pöschwies, aber der Umgang mit meinem «Fall» macht mich wütend und aggressiv. Weil ich immer noch im Gefängnis bin.

Seit bald sieben Jahren leben Sie in einer reinen Männer­gesellschaft. Was bedeutet es für Sie, ein Mann zu sein?
Ich bin kein Jugendlicher mehr. Jetzt habe ich einen Bart und Haare auf der Brust. (lacht) Doch diese ganze Entwicklung geschah im Gefängnis. Das ist traurig, nicht wahr? Ich hatte auch als Jugendlicher viel Wut gegen die Justiz, weil sie mich ans Bett gefesselt haben und wegen anderer Vorfälle. Aber früher konnte ich mich schlechter erklären. Ich konnte nicht so gut zum Ausdruck bringen, was ich denke und was ich will. Das hat sich geändert. Ich kann mich besser artikulieren.

Sie sagen, Sie hätten viel gelesen. Was denn?
Übers Kämpfen, über die grossen historischen Kriegs­herren, über Macht, über Nelson Mandela, übers Boxen, Mike Tyson … Aber auch Machiavelli oder über den Sport allgemein, über Gesundheit und Ernährung. Mandela hat mich vor allem interessiert, weil er 27 Jahre lang in Haft war. Ich wollte wissen, wie er damit umging.

Ist Mandela ein Vorbild für Sie?
Ein Vorbild vielleicht nicht, aber er ist eine gute und starke Persönlichkeit. Er hat alle inspiriert, Weisse und Schwarze, er hatte eine grosse Ausstrahlung und musste viel erleiden. Harte Zeiten machen starke Männer.

Gilt das auch für Sie?
Das gilt für alle.

Sie haben eine dunkle Haut. Wie prägt das Ihre heutige Situation?
Ich fühle mich als Objekt. Man lässt alles an mir raus: Rassismus, gesellschaftlichen Hass, eine überbordende Justiz … Rassismus kenne ich seit meiner Kindheit. Wenn ich als Kind verhaftet wurde und ins Polizei­gefängnis kam, sagten mir die Polizisten jeweils, ich solle dorthin zurück, wo ich herkomme. Und sie meinten nicht das Zürcher Quartier, in dem ich aufgewachsen bin. Es machte mich schon damals wütend. Oder um ein weiteres Beispiel zu nennen: Einmal war ich mit dem Velo unterwegs, als kleiner Bub, da steckte ein alter Mann einen Stecken zwischen die Speichen. Einfach so. Solche Dinge geschahen. Ich merkte schon, um was es geht.

Wurden Sie auf solche Erlebnisse vorbereitet?
Nicht wirklich.

Und was hat das Gefängnis aus Ihnen gemacht?
Es hat mich hart, stark und kalt gemacht. In der Pöschwies war ich fast dreieinhalb Jahre lang in Einzelhaft. Wenn man allein ist, beschäftigt man sich nur noch mit sich selbst. Ich bin verbittert und wütend geworden, aber auch egoistischer. Das fällt einem erst auf, wenn man wieder unter Leute kommt. Jetzt, im Normal­vollzug, habe ich Kontakt mit Mitgefangenen und werde mit anderen Meinungen konfrontiert. Vorher, in der Einzelhaft, gab es nur meine Meinung. Ich musste mich mit mir selbst beschäftigen, es ging gar nicht anders. Ich habe gelesen oder Musik gehört, aber auch Selbst­gespräche geführt.

Und Sie haben aufbegehrt.
Ja, das stimmt. Ich musste mich beschäftigen, ich brauchte Abwechslung. Es war sehr monoton, alles war immer gleich, und ich konnte fast keinen Sport treiben. Ich machte zwar Liege­stütze in meiner Zelle, aber viel mehr gab es nicht. Manchmal fand ich nicht die Kraft dazu. Was sie an mir durch­gezogen haben, in der Pöschwies, das ist einfach nur krank. Sie liessen mich im Bunker, ich hatte nicht einmal eine richtige Zelle. Sie haben mich betrogen und belogen, beleidigt, zusammen­geschlagen und misshandelt, ihre Spielchen getrieben. Manchmal gab es nur kaltes Wasser. Sie steckten mich vorüber­gehend in eine pinke Zelle und nannten mich «pinkes Büebli». Sie haben alles versucht, um mich zu brechen – über den gesetzlichen Rahmen hinaus. Gleichzeitig erwarten sie von mir, dass ich mich an die Gesetze halte, dass wir uns alle daran halten. Sie sollten nicht andere Länder wegen der Menschen­rechts­lage kritisieren, sondern bei sich selbst schauen.

Als Sie in Einzelhaft waren, durften Sie fast drei Jahre lang nur gefesselt zum einstündigen Hofgang, und dies auch nur an den Wochen­tagen. Vor diesem Gang wurden Sie an Händen und Füssen gefesselt, durch zwei Klappen hindurch. Dann ging die Zellentür auf, und sechs Männer mit Helmen und Schutz­schildern warteten draussen. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?
Sechs Leute waren das Minimum. Ich dachte immer, wie übertrieben das Ganze ist, was die für einen Aufwand betreiben. Ich war sehr wütend. Aber ich wollte auch spazieren gehen und sagte mir, hey, ich mache mit, so gut es geht. Das klappte oft, wenn auch nicht immer. Ich fühlte mich nicht gut dabei.

Sind Sie wütend auf die Chefs in der Pöschwies?
Nicht nur auf sie. Es war bis in die oberste Stufe hinauf klar, was mit mir geschah, niemand kann das leugnen. Justiz­direktorin Jacqueline Fehr wusste genau, wie ich behandelt wurde. Sie wusste es – und sie duldete es. Darum verspüre ich Hass. Immer noch, auch wenn sich meine Haft­situation seit bald einem Jahr verbessert hat. Diese Wut wird wohl ein Leben lang bleiben.

Sie sprechen von Wut und Hass. Werden Sie irgend­wann verzeihen können?
Nein.

Was müsste geschehen, dass Sie mit «Ja» antworten würden?
Ich kann die Zeit nicht zurück­drehen. Was passiert ist, ist passiert, das kann nicht rückgängig gemacht werden. Wie soll ich verzeihen? Ich sehe im Moment nicht, wie ich Gerechtigkeit erfahren könnte.

Das ist gleichzeitig traurig und unversöhnlich.
So ist es. Wie bitte könnte eine Wieder­gutmachung aussehen? Egal, was sie jetzt noch tun: Das Unrecht ist geschehen, sie haben mir all diese Jahre genommen. Sie haben mir Leid angetan, dafür gibt es keine Wieder­gutmachung. Und ich will keine Heuchelei. Ein Journalist hat geschrieben, man könne den Staat nicht daran messen, wie er mit mir umgegangen ist. Das ist komplett falsch. Der Staat und damit auch der Justiz­apparat müssen daran gemessen werden, wie sie die Schwächsten behandeln. Mit Königen gehen alle gut um. Aber mit Gefangenen, mit Menschen wie mir? Der Umgang mit uns zeigt alles.

Welchen Schluss ziehen Sie?
Es sieht nicht gut aus.

Wenn Sie Justiz­direktor wären: Was hätten Sie mit Brian Keller getan?
Nicht so ein Theater aufgeführt. Ich habe niemanden getötet, niemanden gefressen. Sie sollen nicht so tun, als ginge es um «Delikte». Es geht um mich, um meine Person.

Sie haben bestimmt auch Fehler gemacht.
Ja, sicher.

Was wäre eine gerechte Reaktion auf diese Fehler gewesen?
Ich habe vor allem in meinen Jugend­jahren Fehler gemacht. Jetzt reagiere ich auf Haft­bedingungen, darum dieser Kampf. Und ich sage Ihnen: Im Gefängnis wird man nur böser und gemeiner. Bestimmt kein netter, lieber Mensch.

Wie wird aus Ihnen wieder ein guter Mensch?
Wenn ich endlich zurück ins Leben finden würde, dann gäbe es vielleicht so etwas wie Glück für mich. Wenn ich meine Träume erfüllen, eine Familie gründen kann, Box-Champion werde, viel Geld verdiene … Box-Champion zu werden, war schon immer mein Traum. Geld und Ruhm natürlich auch. Wenn ich boxen kann, gelingt es mir besser, mit meiner Wut und meiner Aggression umzugehen. Das funktioniert fast immer. Ich halte die Gefängnis­situation viel besser aus, seit ich regelmässig Sport treiben kann. Es wäre auch in der Pöschwies besser gegangen, wenn ich mich mit Sport hätte abreagieren können. Das Traurige ist, dass sie die Schuld einzig auf mich abschieben wollen – für alles, was passiert ist.

Nehmen Sie irgend­etwas Positives mit, aus dem langen Strafvollzug?
Ich habe viel gelesen und weiss heute besser, was ich will. Und ich weiss, was wichtig ist. Ich lerne von starken Persönlichkeiten. Mit «stark» meine ich Körper und Seele – am wichtigsten ist die geistige Stärke, das ist mir bewusst.

Sie wurden im Gefängnis religiös, sind dem Islam beigetreten.
Nein, das geschah schon früher, als ich noch draussen war. Ich habe mich dem Islam schon immer nahe gefühlt. Er bringt mir Kraft und Durchhalte­vermögen. Und inneren Frieden. Ich bete regel­mässig und halte normaler­weise den Ramadan ein. Im Gefängnis ist das etwas schwieriger, weil man nur kalt essen kann. Das Essen wird zu normalen Zeiten gebracht, und bis nach Sonnen­untergang, wenn ich essen darf, ist es kalt. Aber der Ramadan gibt mir Kraft, wie der Sport auch. Ich bin gezwungen, stark zu sein. Ich darf nicht verzweifeln.

Wie schaffen Sie das?
Manchmal flüchte ich mich in eine Fantasie­welt. Ich habe eine gute Fantasie. Ich versuche hin und wieder, den Alltag auszublenden und mir etwas Schönes vorzustellen. Aber die letzten bald sieben Jahre ging es vor allem darum, die Situation auszuhalten, durchzustehen.

Was macht Ihnen Freude?
Sport. Telefonieren. Besuch. Sonst gibts nicht viel. Zum Glück verstehe ich mich mit den Mitinsassen gut. Es gibt immer jemanden, der etwas Lustiges erzählt. Lachen hilft. Es ist eine gute Medizin. Ich hatte schon immer einen Sinn für Humor.

Zur Weihnachts­zeit macht man sich Geschenke. Was hätten Sie sich gewünscht, wenn ich Ihnen etwas hätte mitbringen dürfen?
(Überlegt lange.) Keine Ahnung.

Ernsthaft?
Ich will nur in Freiheit kommen. Sonst nichts. Ich hatte wirklich damit gerechnet, die Festtage mit meiner Familie verbringen zu können.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

seit 2018

Republik AG
Sihlhallenstrasse 1
8004 Zürich
Schweiz

kontakt@republik.ch
Medieninformationen

Der Republik Code ist Open Source