«Ich hab mich getäuscht»

Eine Band lieben

Ich habe Arcade Fire vergöttert. Dann kamen Vorwürfe gegen den Sänger auf. Serie zu einem Jahr ohne Gewissheiten.

Von Theresa Hein (Text), Taiyo Onorato und Nico Krebs (Bild), 19.12.2022

Vorgelesen von Dominique Barth

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Anfang der Zwei­tausender, als ich in Deutschland zur Schule ging, gab es nichts Wichtigeres, als sich von National­sozialismus, Neo­nazis und Fremden­hass abzugrenzen. Meine Freundinnen und ich übertrugen das rasch auf alle Lebens­bereiche und legten auch bei der Auswahl unserer Lieblings­bands eine gewisse Vorsicht an den Tag. Wir hörten gern Rock­musik, aber schon mal prinzipiell keine deutsch­sprachige.

Als ich später, mit sechzehn oder siebzehn, in einer starken Identifikations­phase mit Indie-Musik überlegte, mir ein Tattoo auf mein Hand­gelenk stechen zu lassen (geniale Stelle! Da, wo die Adern sind!), schützte mich diese gedankliche Formulierung vor Dummheiten (im Wortlaut): «Du kannst das jetzt machen, aber hernach wird Pete Doherty doch noch ein Nazi.»

Lieber Haare färben, das schien mir unverfänglicher (endete aber natürlich genauso peinlich).

Die Nazipanik hat mich also einer­seits davor bewahrt, mir meine Haut zu ruinieren, und mich anderer­seits vorzeitig altern lassen. Immer vom Schlimmsten ausgehen, Identifikation haupt­sächlich mit Kunst, die ich auch aus menschlicher Warte vertreten kann, noch lange bevor ich wusste, dass es so etwas wie eine Künstler-Kunst-Debatte überhaupt gibt.

Wovor mich allerdings nicht mal die Naziangst schützen konnte, war, mich umso heftiger in Musik zu verlieben, die ich unein­geschränkt toll finden konnte, und stell­vertretend in die Menschen, die sie mir über­brachten, am besten ins Kollektiv, der Gleich­berechtigung wegen.

Zur Serie und zu den Bildern

In Europa ist Krieg. In den USA verlieren Frauen das Grundrecht auf Abtreibung. Die Teuerung spielt verrückt. Die Energie wird knapp. 2022 hat viele scheinbare Gewissheiten auf die Probe gestellt. Auch bei der Republik-Crew.

Im Format «Ich hab mich getäuscht» erzählen wir Ihnen davon. Und vielleicht finden Sie sich in der einen oder anderen Geschichte selbst wieder. Und wenn Sie mögen: Erzählen Sie uns und der Community, wo Sie dieses Jahr eine Überzeugung loslassen, eine Meinung ändern, einen Irrtum eingestehen mussten. Irren ist schliesslich menschlich. Und Scheu­klappen sind für Pferde.

Die Bilder zur Serie stammen vom Zürcher Künstlerduo Taiyo Onorato und Nico Krebs, die in ihrer Fotografie den Blick auch immer wieder auf Skurriles richten.

Vor zehn Jahren, mit 22, hörte ich das erste Mal bewusst einen Song der kanadischen Band Arcade Fire. «Rebellion» hiess der Song, ein Schlag­zeug zu Beginn, ein zunächst unverschämt verstimmt klingendes Klavier bald darauf, und wo andere Pop­songs am Ende einen Halb­ton höher gingen, gingen Arcade Fire einen Halb­ton nach unten – beinahe dreist, diese Genialität. Ich war hingerissen.

Für die folgenden zehn Jahre hatte ich eine neue Lieblings­band. Denn auch inhaltlich sprach die Gruppe die grossen Themen des Lebens in den Zwanzigern an – es geht um mediale Panik­mache, um reale Existenz­ängste einer Generation, die viel Mist von den Generationen davor ausbaden musste, um Schlaf­losigkeit, Trennungs­schmerz, toxische Männlichkeit und ein raum­greifendes Ohnmachts­gefühl angesichts der Zukunft:

You always seemed so sure
That one day we’d be fighting
In a suburban war
Your part of town against mine
I saw you standing on the opposite shore
But by the time the first bombs fell
We were already bored
We were already, already bored

Aus: «The Suburbs» von Arcade Fire.

Da ich aus dem Tattoo-Alter raus war, kaufte ich mir neben den Alben auf CD und Vinyl im Laufe der Jahre drei T-Shirts, ein Poster und fünf Konzert­karten in verschiedenen Städten Europas. Als eines der T-Shirts einging und ich vor der Frage stand, es auszusortieren, legte ich es wieder in den Schrank – könnte ja sein, dass das mal eines meiner Kinder haben will. Und als meine Nichte sprechen lernte, war der erste vollständige Satz, den ich ihr beibrachte: «Arcade Fire sind supercool.»

2022 wurde bekannt, dass gegen den Sänger von Arcade Fire, einen Mann namens Win Butler, Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben wurden. Er soll ungefragt Bilder seiner Genitalien verschickt haben, eine Trans­person gestalkt und sexuell belästigt haben.

Ich weiss nicht, ob aus der obigen Beschreibung klar wird, wie sehr mich die Vorwürfe und Butlers Entschuldigung (und Schuld­eingeständnis) trafen. Ich fühlte mich regel­recht verraten. Ich heulte kurz laut auf, aber gleich darauf fasste ich mich wieder und erinnerte mich daran, was ein Luxus­problem ist. Unverhältnis­mässig, so eine Entrüstung angesichts der Welt­lage. Ich versuchte, die Neuigkeiten wegzuwischen. Win wer, Arcade was?

Aber die Erschütterung blieb da.

Was mich noch mehr ins Nach­denken brachte als die Frage, ob ich die Band noch unbekümmert würde weiter­hören können, war die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass mich die Vorwürfe derart beschäftigten. Es ist ja «nur eine Band». Ich weiss, dass sexuelle Belästigung überall passieren kann, mir ist bewusst, dass gerade über­mächtige Pop­stars nicht vor Fehl­verhalten gefeit sind. John Lennon beispiels­weise sang mehrmals über die Praktik, Frauen zu schlagen, etwas, was sich laut Lennons erster Frau Cynthia nicht nur auf das lyrische Ich beschränkte.

Das Gefühl des Verrats musste also einen anderen Ursprung haben. Einerseits lag es an der Botschaft, die diese Band ausstrahlte und die sie in ihren Songs, die oftmals kleine Parabeln sind, weiter­trug: Seid gute Menschen, passt aufeinander auf, Männer, fallt nicht in sexistische Muster, Frauen, steht auf dagegen.

Noch eine grössere Rolle für meine Irritation spielte aber meine blinde Bereitschaft, mich emotional derart an ein paar talentierte Individuen zu binden. Eine Lieblings­band ist ja an sich ein etwas pubertäres Konstrukt, womit wir wieder bei den Themen Identifikation und Abgrenzung sind.

Die Stärke einer Persönlichkeit hat nichts damit zu tun, wie sehr man sich mit etwas identifizieren kann, sondern eher damit, wie gut man auch ohne diese Identifikations­möglichkeiten eigene Haltungen entwickelt. Vermutlich wussten Sie das schon lange vor mir. Ich weiss das ja auch, eigentlich.

Eine bedingungslose Bewunderung für diese eine Band war trotzdem da, und ich pflegte sie beinahe melancholisch. Und da sind wir schon beim Punkt: Mit meiner Lieblings­band (denn sie kann nun natürlich nicht mehr meine Lieblings­band sein) habe ich eine Art unschuldige Emotionalität verloren, einen Bereich meines Lebens, in dem ich bislang nicht zur Reflexion, zum Nach­denken oder zur Relativierung gezwungen war. Ich durfte diese Musik anhören und sonst nichts tun.

Ich konnte die Band einfach so lieben, und es war okay.

Wenn wir Musik aus unserer Jugend hören, fallen uns oft konkrete Erinnerungen dazu ein. Eine schöne Party, eine schwere Trennung, das Gefühl, gestärkt daraus hervor­zugehen. Ein Song, der uns durch eine traurige Zeit bringt, oder einfach einer, der eine besonders gute Sommer­woche lang in Dauer­schleife lief. Wer auf diese Weise Musik hört, bringt bestimmte Songs mit dem Erwachsen­werden in Verbindung und damit immer gleich­zeitig mit dem eigenen Jungsein.

Ich versinke nicht mehr vorbehaltlos in dieser Musik, lessons learned. Schade um das letzte Über­bleibsel kindlicher Hingabe. Aber irgendwann muss man ja erwachsen werden.

Zur Debatte: Wozu haben Sie 2022 Ihre Meinung geändert?

Haben auch Sie sich in einem Urteil, einer Einschätzung oder in einer Person geirrt? Und wenn ja: Warum haben Sie Ihre Meinung geändert, was hat Sie dazu bewogen? War es ein bestimmtes Ereignis, eine Begegnung oder eine Nachricht, die Sie ins Grübeln brachte? Wie fühlt sich das Eingeständnis, sich geirrt zu haben, heute an? Ist es schmerz­haft, verwirrend oder vielleicht sogar erleichternd? Hier gehts zur Debatte.

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