Aus der Redaktion

Die erste Bilanz zum Republik-Journal

Schneller, kürzer, leichter: Seit zwölf Wochen führt die Republik ein Journal. Erste Einsichten und Anpassungen.

Von Oliver Fuchs, 05.12.2022

Vorgelesen von Jonas Rüegg Caputo

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Nicht Perfektion, aber Perfektionierbarkeit

Wir arbeiten prototypisch und nehmen unsere Leserinnen und Verleger mit in die Entwicklung. Wir bringen lieber eine Funktion oder ein Format in der ersten und einfachsten Form früher und entwickeln es schrittweise und in Abstimmung mit dem Publikum weiter, als lange auf eine scheinbar perfekte Lösung hinzuarbeiten. Manchmal genügt auch die Version 1.0 auf lange Sicht.

Aus der «Republik-DNA», Februar 2018.

Eines Tages war es einfach da. Prominent in der Navi, gleich­berechtigt mit dem Magazin, dem Feed und dem Dialog – das Journal der Republik.

Es sah anders aus als der Rest der Republik. Es las sich anders, es war viel kürzer – und plötzlich publizierte die Republik auch durch den Tag. Manche von Ihnen mochten das Journal. Andere fanden es ganz furchtbar. Manche waren verwirrt.

Weniger Verlegerinnen als befürchtet liessen das Journal einfach links liegen.

Fast drei Monate ist das Journal jetzt Teil der Republik. In dieser Zeit haben wir darin sehr bewusst viel ausprobiert. Wir haben intern reflektiert – und Sie nach Kritik, Lob und Verbesserungs­vorschlägen gefragt.

Fazit: Version 1.0 war ganz klar noch nicht gut genug.

Zur Version 1.1 ein kleiner Rückblick – und ein Ausblick.

Wozu gibt es das Journal?

Im Wesentlichen als Antwort auf drei publizistische Defizite.

  1. Unser Archiv lag brach. Die Republik ist 2018 angetreten, nicht den ersten Beitrag zu einer Sache zu liefern, sondern den definitiven. Nicht über das Wetter zu schreiben, sondern über das Klima. Immer wenn uns das gelingt, sind die Beiträge auch noch Wochen, Monate oder sogar Jahre nach der Publikation lesenswert. Manchmal noch mehr als am Tag ihres Erscheinens. Aber uns fehlt ein Schaufenster dafür, ausser …

  2. … wir behelfen uns mit Twitter. Dort teilen wir Fund­stücke aus dem Archiv, teasern Beiträge an – vermelden Crew­mitglieder und Neuigkeiten, kommentieren Ereignisse, debattieren mit Experten, Politikerinnen, Lesern. Aber Twitter ist nicht deckungs­gleich mit der Republik-Verlegerschaft, für die wir arbeiten. Auf Republik.ch fehlte uns und vielen von Ihnen darum …

  3. … Leichtigkeit, Wendigkeit, Kürze. Die Redaktion sitzt an der Zürcher Lang­strasse, die Crew kommt aus Zürich genauso wie aus Genf, Olten, St. Gallen, Dresden, Wien. Wir gehen ins Theater, nerven uns über PR, jubeln über Sport­erfolge. Einer der aktivsten Kanäle auf der redaktions­internen Kommunikations­plattform heisst #crewchat_fun. Sie können sich denken, was da so gepostet wird. Es ist schade, wenn all die Vielfalt und Spontaneität in den Mauern der Rothaus-Redaktion bleibt.

Also bauten wir uns einen Ort dafür.

Was haben wir beim Start versprochen?

In der ersten Journal-Ausgabe machten wir Ihnen folgendes Programm­versprechen:

Wir liefern Ihnen neben dem Magazin eine spontane, wendige, verspieltere Republik.

  • Jede Journal-Ausgabe soll Ihnen eine Handvoll Einträge bieten, die Sie gescheiter oder fröhlicher machen. Und im besten Fall gleich beides.

  • Nützliches zur Weltlage, zum Leben, zur Wissenschaft – wozu auch immer uns etwas Schlaues einfällt.

  • Das Journal erscheint Montag bis Freitag. Und jede Ausgabe wächst durch den Tag hindurch.

  • Die Journal-Einträge sind kurz. Eine bis zwei Bildschirm­längen.

  • Es ist also eine neue Art, die Republik zu lesen. Und ergänzt das Magazin, den Newsletter und den chronologischen Feed.

Abgeliefert haben wir eine ziemliche Wundertüte.

Was haben wir nach zwölf Wochen gelernt?

Das Publikum bei der Entwicklung von neuen Formaten und Produkten mitein­zubeziehen, lohnt sich – es ist aber auch eine Zumutung.

Schliesslich haben wir von einem Tag auf den anderen mit Ihren Lese- und Seh­gewohnheiten gebrochen und Sie gleich auch noch zur Mitarbeit aufgerufen. Ein gutes Feedback bedingt ja einiges an Zeit und Aufwand. Aus Ihren vielen Rück­meldungen haben wir zwei Dinge gelernt:

1. Wir müssen die Zielgruppe besser adressieren

Wenn es denn «eine neue Art, die Republik zu lesen» sein soll, dann stellt sich die Frage: für wen?

Anders als etwa beim Covid-19-Uhr-Newsletter oder beim Nachrichten­briefing «Was diese Woche wichtig war» haben wir für das Journal keine klare Adressatin festgelegt. Beim Newsletter waren es Menschen, die während der Pandemie nach verlässlicher Information und Trost suchten. Und beim Briefing sind es Menschen, die keine täglichen Nachrichten wollen – aber einmal die Woche eine verdaubare Übersicht und Einordnung der Weltlage.

Unterdessen haben wir eine klarere Vorstellung davon gewonnen, wem das Journal einen Mehrwert bietet.

Die Republik ist nach fast fünf Jahren Betrieb viel mehr als die ein bis drei Magazin­beiträge pro Publikationstag. Wir machen Veranstaltungen, publizieren Sonder­newsletter, bieten Podcasts, bauen gerade ein Klima­labor, debattieren im Dialog, entwickeln die App weiter – reflektieren öffentlich über unsere Arbeit. Das ist ziemlich viel und einiges davon ziemlich zeit­intensiv.

Wie auswählen?

Das Journal soll der Concierge sein, der Sie am Eingang der Republik empfängt. Manchmal begnügt er sich damit, Sie schnell in ein Gespräch zu verwickeln. Manchmal weist er Sie auf etwas hin, das zu lesen lohnt. Oder empfiehlt Ihnen ein Abend­programm.

Das Journal richtet sich also primär an Verlegerinnen, welche die Republik besser in ihren Alltag integrieren möchten. Um so für sich persönlich mehr aus der Republik herauszuholen.

Die Zahlen zeigen: Es gibt ein Bedürfnis danach, aber wir erfüllen es noch nicht konsequent genug.

Verglichen mit einem durch­schnittlichen Magazin­beitrag lagen die Öffnungs­raten des Journals bei rund 70 bis 90 Prozent – praktisch nie darunter, aber auch selten je drüber.

Der Haupt­grund dürfte sein:

2. Zeitdruck schafft Beliebigkeit

Gleich noch mal eine Statistik: Etwa ein Viertel aller Besucher haben das Journal mehrmals am Tag geöffnet.

Das ist an sich kein schlechter Wert. Aber er recht­fertigt keine mehrfache Aktualisierung des Journals untertags. Denn im Bemühen, möglichst oft möglichst frisch zu sein, sind wir teilweise in die Beliebigkeit abgerutscht.

Keine Autorin hat am Vormittag einen Beitrag geliefert? Empfehlen wir halt noch schnell etwas von anderswo.

Und vielleicht haben Sie es bemerkt: Die Journal-Einträge sind über die Wochen auch schleichend länger geworden. Es ist ein Trug­schluss, dass Schnelligkeit automatisch Kürze bedeutet.

Es ist oft einfacher, eine halbe Seite mit Text zu füllen, als einen richtig guten Satz aufzuschreiben. Letzteres braucht Zeit.

Was machen wir jetzt?

Wir nehmen drei Anpassungen vor, die sich konkret bewähren müssen:

  1. Wir konzentrieren uns auf eine Morgen­ausgabe und eine Abend­ausgabe. Und haben damit mehr Zeit für jeden einzelnen Journal-Eintrag.

  2. Wir verweben das Journal besser mit dem Rest des Angebots – und grenzen es gleich­zeitig klarer ab. Die Morgen­ausgabe finden Sie nun auch im täglichen Newsletter. Und die Abend­ausgabe können Sie per Benachrichtigung abonnieren. Link­empfehlungen fahren wir zurück. Und liefern dafür mehr Inhalte aus dem Dialog, dem Archiv und über unsere Arbeit.

  3. Wir üben uns in Leichtigkeit. Schreiben persönlicher. Und denken uns mehr Serien und Aktionen aus, wie den Advents­kalender von Constantin Seibt und Patrick Karpiczenko alias Karpi.

Ob das funktioniert, werden wir messen. Wir werden beobachten, wie sich der Schnitt der Leser im Vergleich zu Magazin­beiträgen entwickelt. Und ob die Abend­ausgabe auf Nachfrage stösst.

Ausserdem sind wir natürlich weiterhin sehr auf Ihre Kritik, Ihr Lob und Ihre Vorschläge im Dialog angewiesen.

Danke für Ihr Interesse! Ende Januar ziehen wir das nächste Mal Bilanz.

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