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Was wir schon verraten können

09.11.2022

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Guten Tag

Vor einiger Zeit haben Sie sich für diesen News­letter zum Klima­labor angemeldet. Und ihn womöglich zwischenzeitlich bereits wieder vergessen. Aus gutem Grund.

Denn Sie haben seitdem nichts mehr von uns gehört. Im Hintergrund ist aber vieles passiert. Das Projekt­team, David Bauer und ich, Elia Blülle, hat im Verborgenen am Klima­labor gearbeitet. Und jetzt melden wir uns bei Ihnen, weil wir Sie endlich auf den neusten Stand bringen wollen.

Im November, vor einem Jahr, bestieg ich in Glasgow einen Zug und reiste nach der Klima­konferenz COP26 zurück in die Schweiz. Ich fühlte mich, als wäre ich aus einem dystopischen Traum aufgewacht. Klima­konferenzen sind eine Kombination aus Diplomatie, Messe und Zirkus. Viel Show, gespickt mit Widersprüchen und Heuchelei.

Grosses bewegt hat Glasgow nicht. Nach der Konferenz lebt das Ziel zwar noch, die durchschnittliche Erd­erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, doch meine britischen Kolleginnen und Kollegen witzeln, sie würden nun den Nachruf vorbereiten.

Damals fand ich das zynisch.

Heute, ein Jahr später, studiere ich selbst an einem Nachruf herum.

Denn der russische Angriffs­krieg auf die Ukraine, Covid, eine Welt­wirtschaft in der Abwärts- und Faschismus in der Aufwärts­spirale werden den globalen Klima­schutz wahrscheinlich weiter erschweren. Kommt hinzu: Ein historischer Hitze­sommer in Europa, Überschwemmungen in Pakistan und Vögel, die in Indien vom Himmel fallen, zeigen, wie rasch und drastisch sich die Krise verschärft.

«Wer Journalismus macht, übernimmt Verantwortung für die Öffentlichkeit», heisst es im Manifest der Republik. «Denn in der Demokratie gilt das Gleiche wie überall im Leben: Menschen brauchen vernünftige Informationen, um vernünftige Entscheidungen zu treffen.»

Im letzten Jahr fragte ich mich: Erfüllen Journalisten diesen Anspruch, wenn es offensichtlich nicht gelingt, die Dringlichkeit der Krise zu vermitteln?

In der Klima­krise werden wir mit schlechten Nachrichten geradezu bombardiert, die wir unmöglich alle verarbeiten können. Deshalb trennt unser Hirn relevante von irrelevanten Daten – und fokussiert dabei auf mögliche Gefahren, die uns unmittelbar schaden könnten. Das ist evolutionsbedingt.

Denken Sie an einen Höhlen­menschen, der ein Rascheln im Busch hört.

Das könnte womöglich ein Säbelzahn­tiger sein. Also: wegrennen!

Dieser auf Gefahren fokussierte Filter kann auch heute noch Leben retten – aber im Kontext der Erd­erwärmung ist diese kognitive Verzerrung zunehmend auch ein Problem. Denn bei der Klima­krise ist der Wald voller Büsche, die nicht aufhören zu rascheln. Viele Menschen reagieren mit Ohnmacht und Schock­starre auf die nicht abreissende Flut von schlechten Nachrichten. Und wir Journalistinnen sind die Überbringer.

Journalismus bewirkt in der Klima­krise allzu oft Resignation statt Aufklärung. Und das schadet letztlich auch seiner Wahrnehmung.

Die Klima­krise ist also in ihrer Monstrosität auch eine Krise für den Journalismus: Es wird gleichzeitig zu viel und zu wenig berichtet.

Die ehemalige Uno-Klima­chefin und Mutter des Pariser Klima­abkommens, Christiana Figueres, schreibt, die Schwierigkeit sei es, alle schlechten Nachrichten anzuerkennen und dennoch zu würdigen, dass eine andere Zukunft nicht nur möglich sei, sondern sich bereits in unserem Alltag manifestiere: «Unmöglich ist keine Tatsache, sondern eine Einstellung.»

Sprich: Wir müssen an Veränderungen glauben.

Und wir alle müssen verstehen, wie Veränderungen möglich werden, und gemeinsam herausfinden: Welcher Journalismus bringt uns in der Klima­krise auch wirklich weiter?

Die Antwort auf diese Frage können, wollen wir hier im Klima­labor nicht allein finden.

Als wir Anfang September das Klima­labor angekündigt haben, hatten wir ein Ziel, ein Budget und eine grobe Vorstellung davon, wie wir vorgehen wollen.

Was wir nicht hatten: einen Plan.

Nach und nach ist in den vergangenen Wochen aus vielen kleinen Post-its etwas entstanden, das wir zuversichtlich, aber auch etwas kühn unseren Plan nennen. Einen Plan, um die Ideen, die Expertise und die Fantasie möglichst unterschiedlicher Menschen zusammenzubringen.

Wir wissen nun, wie das Klima­labor aussehen soll. Wie es klingen soll. Wie es funktionieren soll. Derzeit arbeiten wir daran, all diese Bausteine zu entwickeln und zu einem grossen Ganzen zusammenzufügen.

Uns ist aber auch klar: Einen solchen Ort wie das Klima­labor kann man nicht erschaffen, er muss entstehen. Er lebt von den Menschen, die mitmachen. Wir haben inzwischen ein gutes Gefühl, dass das gelingen kann.

Und damit auch die Grund­voraussetzungen, um loszulegen. Das Klima­labor startet in der zweiten Januar­woche.


Wir wollen aber heute nicht nur ankündigen, sondern auch schon Konkretes liefern:

COP27 – sagen Sie uns, was Sie wissen wollen

Am Sonntag hat in Sharm al-Sheikh die 27. Klima­konferenz COP begonnen. Zentrales Thema: loss and damage, also: Wie werden die am stärksten betroffenen Länder unterstützt im Umgang mit dem Leid und den Schäden, welche die Klima­krise verursacht? Es geht um viel Geld. Es geht aber auch um Schuld und Verantwortung.

Wir selbst sind in diesem Jahr nicht vor Ort. Wie also berichten?

Wie können wir das Wesentliche aus einer Kakofonie von News herausfiltern und Ihnen vermitteln, was wirklich zählt? Am Wochen­ende sprechen wir mit einem, der seit rund 20 Jahren als Teil der Schweizer Delegation zu Klima­konferenzen reist und sich so gut mit dem Thema auskennt wie wenige andere. Er weiss, was hinter den Kulissen passiert: Patrick Hofstetter.

Der langjährige WWF-Campaigner und Lobbyist gilt als einer der einflussreichsten Experten in der Schweizer Klima­diskussion.

Was wollen Sie von ihm über die Klima­konferenz wissen?

Antworten Sie uns auf diese E-Mail und sagen Sie uns, was Sie gerne erfahren würden.


Was uns anderswo aufgefallen ist

Wir glauben zwar, dass Journalismus in der Klima­krise deutlich mehr leisten sollte als bisher. Wir wollen aber auch hervorheben, wo Hervorragendes entsteht. An dieser Stelle werden wir in jedem Newsletter drei Empfehlungen servieren: Artikel, Podcasts, Videos, die Ihre Aufmerksamkeit verdienen.

  • Wie weit darf ziviler Ungehorsam gehen, um auf die Dringlichkeit der Klima­krise hinzuweisen? Die Debatte wird gerade sehr gereizt und emotions­geladen geführt. Es lohnt sich, einen Schritt zurück zu machen und nachzudenken – dieser Essay in der «Zeit» hilft dabei.

  • Für diesen Artikel benötigen Sie etwas Zeit und ein (Probe-)Abo des «Tages-Anzeigers». Beide Investitionen lohnen sich aber. «Das Magazin» hat ein ausführliches, ehrfürchtiges, höchst lesenswertes Porträt des Thwaites-Gletschers in der Antarktis veröffentlicht. Der Schlüssel­satz aus dem Text: «Der Thwaites-Gletscher ist nicht der Untergang der Menschheit, er ist ein Weckruf, dass wir unser Leben verändern müssen. Jetzt.»

  • Dieses Erklär­video ist schon etwas älter, aber deswegen nicht weniger sehenswert. Es geht mit optimistischer Grundhaltung der Frage aller Fragen auf den Grund: Können wir den Klima­wandel noch stoppen?


Das wärs für den Moment von uns. Wir freuen uns, im Januar dann richtig loszulegen, mit Ihnen und allen anderen, die noch dazustossen werden.

Bis bald,

Elia Blülle

PS: Das Klima­labor lebt vom Austausch mit Ihnen. Wenn Sie Fragen haben oder uns etwas mit auf den Weg geben wollen – melden Sie sich gerne bei uns. Sie können auf diese E-Mail antworten oder uns jederzeit an klimalabor@republik.ch schreiben.

PPS: Wir freuen uns, wenn Sie Freundinnen und Bekannte ins Klima­labor einladen. Hier gehts zur Anmeldung.

PPPS: Wir haben uns Verstärkung ins Team geholt: Ab sofort ist Theresa Leisgang Teil des Klima­labors. Sie ist ausgebildete Campaignerin und Journalistin, hat das Netzwerk Klima­journalismus in Deutschland mitgegründet. Ein Jahr lang reiste sie von Kapstadt bis zum nördlichen Polar­kreis, um zu erleben, wie Menschen in allen Klima­zonen mit der Krise umgehen.

PPPPS: Wo bleibt in Zeiten der sich überlagernden Krisen Raum für die Auseinander­setzung mit der Klima­krise? Eine Antwort auf unsere oben aufgeworfene Frage liefern unsere Kolleginnen aus der Redaktion: mit einem Newsletter, der Sie durch den unheilvollen Winter begleitet. Und Ihnen so vielleicht die nötige Gelassenheit gibt, auch der Klima­krise die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verlangt. «Winter is coming» ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPPPS: Wir wollen im Klima­labor nicht nur darüber sprechen, was guter Klima­journalismus ist. Sondern immer wieder das liefern, was wir darunter verstehen. Zum Beispiel das: Die Katar Morgana.

Rund 27’000 Menschen machen die Republik heute schon möglich. Lernen Sie uns jetzt auch kennen – 21 Tage lang, kostenlos und unverbindlich: