Strassberg

Was ist ein Feind?

Nicht der Fremde, den wir hassen, ist der Feind. Wir führen Krieg gegen die, die uns sehr ähnlich sind.

Von Daniel Strassberg, 19.07.2022

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Bei brütender Hitze lese ich Berichte über die schrecklichen Gräuel­taten an der ukrainischen Bevölkerung auf meinem Laptop. Das Café liegt an jenem Platz, wo am 4. November 1995 der damalige israelische Premier­minister Yitzhak Rabin von einem jüdischen Fanatiker ermordet worden ist. Der Platz ist heute nach ihm benannt: Kikar Rabin.

Ich weiss nicht, ob er den Satz, für den er im Gedächtnis bleiben wird, in jener Rede, die er vor hundert­tausend Menschen unmittelbar vor seiner Ermordung hielt, wiederholt hatte. Es war die Antwort auf die Frage eines Journalisten, ob ihn mit Yassir Arafat nach dem Abkommen von Oslo eine Freundschaft verbinde: Frieden schliesst man mit Feinden, nicht mit Freunden.

Rabins Satz legt nahe, dass Palästinenserinnen auch nach dem Friedens­schluss Feinde von Israel bleiben werden, weil Feind-Sein ein Wesens­merkmal bestimmter Menschen sei. Sprich: Es gehört zur Natur des Arabers, die Juden vertreiben zu wollen. Dies ändern zu wollen, wäre so sinnlos, wie einem Tiger das Reissen von Beute­tieren ausreden zu wollen. Die Ideologie, dass der Feind immer der Feind bleiben wird, weil Feindschaft in seinem Wesen liegt, ist sowohl unter jüdischen Israelis wie auch unter Palästinensern verbreitet. Und sie beherrscht den Krieg in der Ukraine. Dass die Ukraine wesensmässig die Feindin Russlands ist, kommt darin zum Ausdruck, dass sie in der russischen Propaganda mit den Nazis identifiziert wird: Der Nazi stellt den Feind schlechthin dar, jenseits aller Möglichkeit zur Versöhnung.

Zu verstehen, was ein Feind ist und wie ein Feindbild zustande kommt, ist also dringender denn je.

Nach gängiger Trivial­psychologie ist der Feind der Fremde, der andere, den wir bekämpfen, weil es in der Natur des Menschen liege, das Fremde und Unbekannte zu fürchten. Folglich sei das beste Mittel, um künftige Kriege zu verhindern, sich mit dem Fremden bekannt zu machen, seine Spezialitäten nachzukochen, seine Volks­tänze zu bestaunen, sich mit seinen Ritualen vertraut zu machen. Inter­kultureller Dialog, wie man so schön sagt.

Diese Theorie ist so wohlmeinend und sympathisch, dass keinem mehr auffällt, wie grotesk falsch sie ist. Feinde sind sich in aller Regel gar nicht fremd. Im Gegenteil, sie sind sich so ähnlich, dass sie von aussen kaum zu unterscheiden sind. Die deutschen Juden und Jüdinnen waren vor dem National­sozialismus oft deutscher als ihre christlichen Nachbarn. Hand aufs Herz: Können Sie Ukrainerinnen von Russinnen, Kroaten von Serben, protestantische von katholischen Iren oder Palästinenserinnen von jüdischen Israelinnen unterscheiden?

Feindschaft folgt einer anderen Logik. Der Feind wird bekämpft, weil er uns gerade überhaupt nicht fremd ist. Das hat der englische Staats­theoretiker Thomas Hobbes (1588–1679), der den Bürger­krieg erfahren hatte, klar erkannt:

Die Natur hat die Menschen in den körperlichen und geistigen Fähigkeiten so gleich geschaffen, dass sich zwar zuweilen einer finden lassen mag, der offensichtlich von grösserer Körperkraft oder schnellerem Auffassungs­vermögen ist als ein anderer; jedoch wenn man alles zusammen­rechnet, ist der Unterschied zwischen Mensch und Mensch nicht so beträchtlich, dass ein Mensch daraufhin irgendeinen Vorteil für sich fordern kann, auf den ein anderer nicht so gut wie er Anspruch erheben könnte. (…)

Aus dieser Gleichheit der Fähigkeiten erwächst Gleichheit der Hoffnung, unsere Ziele zu erreichen. Und wenn daher zwei Menschen das gleiche verlangen, in dessen Genuss sie dennoch nicht beide kommen können, werden sie Feinde; und auf dem Weg zu ihrem Ziel (das hauptsächlich in ihrer Selbsterhaltung und zuweilen nur in ihrem Vergnügen besteht) bemühen sie sich, einander zu vernichten oder zu unterwerfen. Und wo ein Eindringling nicht mehr zu fürchten hat als die alleinige Macht eines einzelnen Menschen, geschieht es daher, dass jemand, der pflanzt, sät, baut oder ein behagliches Anwesen besitzt, mit Wahrscheinlichkeit erwarten kann, dass andere mit vereinten Kräften kommen, bereit, ihn zu enteignen und zu berauben, nicht nur der Früchte seiner Arbeit, sondern auch seines Lebens oder seiner Freiheit. Und dem Eindringling droht wiederum die gleiche Gefahr von einem anderen.

Und aus dieser gegenseitigen Unsicherheit führt für keinen Menschen ein vernünftiger Weg, sich zu sichern, als zuvorkommen; das heisst, alle Menschen, soweit er es vermag, mit Gewalt oder List so lange zu unterwerfen, bis er keine andere Macht sieht, die gross genug ist, um ihn zu gefährden. Und das ist nicht mehr, als seine Selbsterhaltung erfordert, und wird allgemein gebilligt.

Aus: Thomas Hobbes, «Leviathan», Kap. XIII.

Der Feind ist mir so ähnlich, dass wir nicht nur dieselben Wünsche und Hoffnungen hegen, sondern auch je unser Verhalten gegenseitig voraus­sagen können. Feindschaft hat für Hobbes also nichts mit Hass zu tun, sondern ist angesichts der Bedrohung, vom Konkurrenten um knappe Güter ermordet zu werden, ein durchaus vernünftiges Verhalten.

Etwa dreihundert Jahre nach Hobbes trieb Norbert Wiener (1894–1964), ein US-amerikanischer Mathematiker, dessen Konzept des Feindes als eines berechenbaren Doppel­gängers noch weiter. Wiener hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die amerikanische Luftabwehr zu verbessern. Eine Luftabwehr­rakete brauchte etwa 20 Sekunden, bis sie das anvisierte Ziel erreichte. Inzwischen war das feindliche Flugzeug aber schon irgendwo anders, jedenfalls nicht dort, wohin der Soldat an der Flak gezielt hatte. Wiener nahm sich deshalb vor, das Verhalten des feindlichen Piloten voraus­zuberechnen. Zu diesem Zweck baute er einen Feind-Simulator, den antiaircraft (AA) predictor, der die Manöver des feindlichen Piloten mit grossem Erfolg voraus­berechnen konnte.

Den Feind als mir ähnliches, transparentes Wesen zu konstruieren, hat zunächst also praktische Gründe: Es macht ihn berechenbar. Das reicht aber als Erklärung für die entfesselte Gewalt gegen den eigenen Doppel­gänger nicht aus. Sigmund Freud spricht in seinem Spätwerk «Das Unbehagen in der Kultur» vom Narzissmus der kleinen Differenz: Je kleiner die Differenz zwischen Feinden ist, desto einfacher ist es, die Aggressionen, die im Inneren einer Gruppe entstehen, nach aussen zu lenken. Oder anders gesagt: Je ähnlicher mir der Feind ist, desto einfacher ist es, meine eigenen Aggressionen auf ihn zu projizieren.

Wenn Putin die drohende Mitgliedschaft bei der Nato als Kriegs­grund angibt, so unterstellt er dem Feind genau jene Grossmacht­gelüste, die ihn selbst antreiben. Damit rechtfertigt er zugleich seine eigene Aggression als vernünftige, präventive Gewalt. Genau wie von Hobbes beschrieben. Das Versagen der Amerikaner im Irak und in Afghanistan und von Putins Armee in der Ukraine beruht übrigens darauf, dass die Annahme, die Feinde würden gleich wie die Aggressoren ticken, falsch war.

Psychologische Begriffe sind jedoch selten geeignet, politische Prozesse zu erklären. Projektion ist ein unbewusster Mechanismus, der ein bestimmtes Verhalten von Individuen recht gut beschreibt. Aber sobald man behauptet, Gruppen oder gar Staaten würden projizieren, begibt man sich auf sehr dünnes Eis. Deshalb ist die Terminologie des 2014 verstorbenen Ernesto Laclau, ein aus Argentinien stammender politischer Theoretiker, vorzuziehen – auch wenn sie ein ähnliches Phänomen wie die Projektion beschreibt.

Die Aufgabe des Staates besteht nach Laclau darin, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bevölkerung möglichst gut zu befriedigen. Wenn das einigermassen gelingt, entsteht ein Gefühl der Einheit und Einigkeit. Dass Roger Köppel und ich dieselbe Bahn benutzen, vielleicht in dieselbe Kranken­kasse einzahlen, dieselbe Uni besucht haben und in der Not dieselben Spitäler aufsuchen, verbindet uns irgendwie, obwohl wir sonst in keiner einzigen Über­zeugung über­einstimmen. Sobald der Staat seiner eigentlichen Aufgabe nicht mehr nachkommt, muss an die Stelle dieses «institutionellen Patriotismus» etwas anderes treten, was Einheit stiftet.

Hier kommt der Feind ins Spiel: Die scharfe, unüberbrückbare Grenze, die zwischen der eigenen Gruppe und dem Feind gezogen wird, erzeugt das Gefühl von Einheit und Einigkeit. Interessant ist Laclaus Erklärung, warum der Feind grosse Ähnlichkeit mit mir aufweisen muss. Das neue Wirgefühl steht auf tönernen Füssen. Selbst das lauteste Einheits­gebrüll und die stärkste Einigkeits­beteuerung können nicht überdecken, dass die grund­legenden Bedürfnisse, die der Staat sicher­stellen sollte, unbefriedigt bleiben. Dies wird nun nicht etwa mit den fehlenden, korrupten und dysfunktionalen Institutionen erklärt, der Grund für das Versagen des Staates soll vielmehr sein, dass zur vollkommenen Einheit und Einigkeit noch etwas fehlt: der Feind.

Denn auch der Feind ist ein Teil des Ganzen, er würde an sich zur Einheit gehören – die Ukraine zu Russland, die besetzten Gebiete zu Israel, Kosovo zu Serbien –, aber aus reiner Boshaftigkeit oder weil er vom Bösen unterwandert ist, weigert er sich, sich dem Ganzen anzuschliessen. Der Volks­körper ist somit amputiert und kann als solcher niemals glücklich sein. Erst durch die Einverleibung des Feindes kann deshalb das Ganze vollständig werden – Gross­russland, Gross­serbien, Gross­israel –, und der Staat kann nun sein Versprechen einlösen.

Zu glauben, der Feind sei eigentlich der Fremde, ist naiv. Zu behaupten, er sei unsere Projektions­fläche, ist immer noch beschönigend. Der Feind ist unser Erlösungs­versprechen.

Das hoffen zumindest viele.

Illustration: Alex Solman

Zum Buchhinweis

Im März hat Daniel Strassberg «Spektakuläre Maschinen. Eine Affekt­geschichte der Technik» veröffentlicht. Darin wird unter anderem die Geistes­geschichte der Dampf­maschine aufgerollt.

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