Happening

«Ich bin verrückt, aber anders als sie»

Unsere Autorin erlebte in Montreux den Auftritt des Eurovision-Wunders Måneskin – und war entsetzt. Sonst schien das schlechte Konzert aber niemanden gestört zu haben.

Von Anja Nora Schulthess, 15.07.2022

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Rockstars lassen auf sich warten – so war das schon immer. Hier im zum Platzen gefüllten Auditorium Stravinski am Jazz Festival in Montreux wird man jedoch allmählich nervös. Man hat lange Schlange gestanden, zu unerschwinglichen Preisen ein Club­sandwich verdrückt und ist auf allfällige Wasser­fläschchen geprüft worden. Und während, immer noch wartend, Hochglanz­werbung von Banken und Uhren in Endlos­schleife über den Gross­bildschirm flimmert, frage ich mich: Ist das nun aufgesetzte Rock-’n’-Roll-Attitüde oder haben die ein ernsthaftes Problem?

Genau das wird die Grund­frage des Abends sein.

Måneskin, ob man diese Band nun gut findet oder nicht, ist zweifellos ein Phänomen: Das erste Album der italienischen Rock­band erschien 2017. Die Band­mitglieder um den Frontmann Damiano David – der gerne als der sexyste androgyne Mann der Stunde gefeiert wird – waren damals gerade zwischen 16 und 18 Jahre alt. 2018 wurden sie von Sony unter Vertrag genommen, ihre Rock­ballade «Torna a casa» landete auf Platz eins der italienischen Charts. Damals tingelten die vier Schul­freunde aus Rom noch durch italienische Clubs, aber 2021 siegten sie mit dem Song «Zitti e buoni» dann sowohl am Sanremo-Festival in der Kategorie «Campioni» als auch am Eurovision Song Contest.

Von den Medien erstaunlich flächen­deckend gerne als die zeitgenössische Band bezeichnet, die den Rock zurück in die Gegenwart und an die Spitze bringe, gehört die Band mittler­weile zu den Top 10 der meistgestreamten Bands der Welt. Gerne wird betont, wie wenig diese Musik doch in den Mainstream der aktuellen Streaming-Popmusik passe und wie «anders» diese Band doch sei.

Man war natürlich irgendwie vorbereitet auf das, was da optisch kommen musste: Pose, Looks und Sexyness – in Form von Glamrock, Lack und Leder, Netzhemden und -strümpfen, viel Make-up, Nagellack und nackten Ober­körpern. Dies alles mit einer hippen Reverenz an die queere Ästhetik der Siebziger, an David Bowie, an Iggy Pop – eine Reverenz, von der sich manche Kritikerin schon dazu verleiten liess, die Band mit Led Zeppelin oder Aerosmith zu vergleichen.

Vielleicht liegt es an der Akustik? Ein Orts­wechsel bringt Gewissheit

Was dann in Montreux musikalisch passiert, bleibt aber dermassen frappant zurück hinter den Rock­legenden der Siebziger und Achtziger, dass die pass­genauen Kostüme auch nicht mehr helfen.

Der Sound ist von Beginn an schlecht gemischt, alles viel zu laut. So laut, dass man sich fragt, ob die vier Musiker auf der Bühne sich selbst überhaupt noch hören können. Man wechselt mit der Hoffnung auf bessere Akustik den Standort und drängt sich durch Fans, Fashionistas und in die Jahre gekommene Grunger, die mitsingen: «Sono fuori di testa, ma diverso da loro» (ich bin verrückt, aber anders als sie).

Es wird nur schlimmer. Ein bekannter Song nach dem anderen wird runter­gerockt, lieblos, seltsam distanziert, als hätte die Band längst den Bezug verloren zu dem, was sie da eigentlich tut. Die Blicke von Damiano David und Victoria De Angelis, in Close-ups auf Gross­leinwand, wirken verwegen oder betreten, so jedenfalls, als seien sie gerade anderswo. Man denkt an Kokain und Schlimmeres und vergegenwärtigt sich das Alter dieser Gesichter, die zwar noch jung und hübsch sind, aber schon jetzt verlebt wirken und an Zerfall denken lassen. Und man erinnert sich an jenen kleinen Skandal um eine ESC-Kamera, die David über einen Tisch gebeugt zeigte, über etwas, was zumindest wie Kokain aussah. Die grosse Allgemeinheit fand damals auch diese Episode irgendwie noch charmant – anders eben, und ein wenig wie bei den Rockstars von «früher».

Ist es die Retro-Verklärung, sind es die grossen, geradezu übersteigerten Rock-’n’-Roll- und Gitarren­posen, von denen sich alle darüber hinweg­täuschen lassen, dass hier ein wahnsinnig schlechtes Konzert gespielt wird? Können ein paar Zwanzig­jährige, die vor ein paar Tagen noch vor 70’000 Fans und Hollywood­prominenz im Circo Massimo in Rom gespielt haben, schlicht nicht damit umgehen, praktisch über Nacht berühmt und zu Influencern geworden zu sein? Kann man es ihnen verübeln? Und warum scheint das hier kaum jemanden zu stören?

Und dann kommts: «Coraline», diese Ohrwurm­ballade, die von einer melancholischen Grunge­melodie so hübsch in einen Gefühls­ausbruch vorprescht: «Dimmi la tua verità, Coraline, Coraline» (sag mir deine Wahrheit, Coraline). Gitarre und Gesang liegen um mindestens einen Halbton auseinander. Es wird aber nicht abgebrochen, irgendwas noch gerettet, sondern der ganze Song kreuz­falsch durchexerziert. Einige Liebes­paare liegen sich in den Armen. Ich verlasse den Saal, nun brauche ich ein Bier.

Als ich zurückkomme, sind die Shirts der Männer auf der Bühne ausgezogen, die Schminke etwas verlaufen. Der Gitarrist liegt kurz am Boden, nicht weil er müde ist, sondern weil das Sich-zu-Boden-Werfen halt dazugehört. «I know it’s a shit, we’re good, right?», sagt David ins Mikrofon, und das wirkt nun allmählich so, als wäre er sich selber nicht mehr ganz sicher, was hier eigentlich gespielt wird. «Ma c’ho solo vent'anni» (aber ich bin erst zwanzig Jahre alt). Fans gesellen sich zum Schluss mit auf die Bühne, der Saal tobt.

Draussen in den Strassen von Montreux drängt man sich an diversen dröhnenden Clubs vorbei, die sich gegenseitig in Bässen und Laut­stärke übertrumpfen. Auch Hedonismus ist eine Retro-Reverenz an den glorifizierten Eskapismus vergangener Jahrzehnte. Und ich frage mich, ob dieses Abfeiern von längst totgesagten Rock- und Popklischees und -posen mitunter etwas Verzweifeltes hat. Gerade weil man weiss, dass die Party bald vorbei ist, die Lichter ausgehen und für Hedonismus und Eskapismus eigentlich kein Platz mehr ist.

Vielleicht weiss das insgeheim auch diese noch junge Band, weiss sie um ihren flüchtigen Glanz und dass man in ein paar Jahren vermutlich fragen wird: Was war das noch, Måneskin?

Zur Autorin

Anja Nora Schulthess, geboren 1988, studierte Philosophie, Kulturanalyse und Allgemeine und Vergleichende Literatur­wissenschaft an der Universität Zürich. Sie ist als freischaffende Autorin und Journalistin tätig. Für ihr Roman­projekt wurde sie zuletzt mit einem Werkbeitrag durch die Zentral­schweizer Literatur­förderung und das Amt für Kultur des Kantons St. Gallen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihren beiden Töchtern in Luzern.

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