Zuflucht für Hannelore Pechvogel

Den Berner Schriftsteller Michael Fehr kann man hören oder lesen. Seine Geschichten sind skurril, surrealistisch und slapstick­haft. Und machen den Autor zu einer unverwechselbaren Stimme der deutsch­sprachigen Literatur.

Von Daniel Graf (Text) und Fabian Hugo (Bilder), 29.06.2022

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«Ich bin kein Comedian, aber ich erkenne die Komik des Schicksals»: Michael Fehr. 

Die Erzählungen von Michael Fehr sind einzigartig, doch es gibt sie immer zweimal, in einer Buch- und einer Bühnen­fassung. Beide sind buchstaben­gleich, aber nicht identisch, und wer die Storys zuerst in einer Fehr-Performance hört, ist womöglich versucht, niemals auch nur einen Blick ins Buch hinein­werfen zu wollen, weil das gegenüber der Michael-Fehr-Performance-Version ja nur ein Absturz sein kann.

Das ist natürlich richtig. Und vollkommen falsch. Weil die Storys auch in ihrer Lesefassung einen signature-Sound, einen unverkennbaren Stil haben. Und weil, wer Fehr einmal live erlebt hat, beim Lesen sowieso immer eine imaginäre Michael-Fehr-Tonspur mitlaufen hat.

Zum Autor und Performer Michael Fehr muss man vielleicht wissen: Er ist «aufgewachsen in Gümligen bei Bern», wie es im Klappentext seines neuesten Buches heisst, oder eben «in Muri bei Bern», wie die Verlags-Website angibt. Wer jetzt schlaumeiert und meint, das sei nun aber wirklich dasselbe, dem sei gesagt, dass, von geografischen Feinheiten abgesehen, die Version mit Muri ja doch viel besser passt, jedenfalls aus Fehrs Mund, weil darin dieses Michael-Fehr-R vibriert, das am härtesten gerollte R weit und breit, ein regelrechtes Mur-, ein Moränen-, nein, ein krachendes Geröll-R, das bei Michael Fehr am liebsten zusammen mit nasal gedehnten Dunkel­vokalen abgeht.

Jedenfalls kann es bei einer Fehr-Lesung passieren, dass da vorne einer mit jungenhafter Statur und feinem Zwirn im Sessel sitzt, seine kurzen Erzählungen vorträgt wie bei einer klassischen Lesung, nur eben auswendig; und dann plötzlich, wenn man denkt, jetzt erzählt er einfach die nächste Geschichte, dann rollt nicht mehr bloss das R, dann vibriert der ganze Fehr und womöglich bald der Saal, wie neulich bei den Solothurner Literatur­tagen, und – ach, am besten, Sie hören einfach selber:

Wir fassen vorerst zusammen: Man kann Fehr-Geschichten lesen und hören, und was man dabei hört und liest, ist ausreichend Grund für die Behauptung, dass Michael Fehr derzeit einer der interessantesten Autoren der Schweiz ist.

«Hotel der Zuversicht» heisst sein neues Buch, und es enthält auf 190 Seiten 48 Erzählungen. In der Titel­geschichte wird ein «einfacher Mann, der nur die Strasse entlanggehen will», von einem Pagen auf den Hotel­teppich gelockt. Für ihn sei ein ausser­ordentliches Zimmer gebucht und bereits bezahlt: «Ich kann Sie hinfliegen. Steigen Sie auf.» Als der Mann sich, wie ihm geheissen, neben dem Pagen auf den Rücken gelegt und der Teppich sich hoch in die Luft geschwungen hat, vergisst der Page, wo sich das Zimmer befand. Und dann? Wir cliffhangern hier, statt zu spoilern.

Jedenfalls ist das immer so bei Fehr: Wo alles ganz gewöhnlich scheint, da hebt plötzlich irgendwas ab oder

  • versinkt einem Enkel die Grossmutter samt Halbjahres­buchhaltung auf Nimmer­wiedersehen im Rasen, als wär sie Alice im Wunderland, oder

  • springt ein Wissenschaftler aus dem 77. Stock, um experiment­halber in ein Weinglas einzutauchen, oder

  • lehnt eine Frau einen Heirats­antrag ab, weil sie schon mit der Katze verlobt sei.

Auf zwei bis drei Seiten also passiert «etwas Gravierendes», oder aber:

Es geschieht nichts.

Alles bleibt, wie es ist.

Und sprachlich ist trotzdem ein Ereignis eingetreten.

Natürlich war das in der Titel­geschichte nicht einfach ein Page, sondern einer mit «roter Samtjacke» und einer «Pluderhose aus schwarzer Seide». Und der einfache Mann, Achtung, jetzt doch ein Spoiler, landet nicht bloss auf der Erde, sondern auf einem «glasiert hellblauen Mosaik­boden».

Es sind immer die Farben, die bei Fehr die Hauptrollen spielen. Wobei es in «Simeliberg» von 2015, dem vermutlich sprach­experimentellsten Schweiz-Krimi der Literatur­geschichte, noch vor allem die Nicht-Farben waren: die Atmosphäre wie in einem Film noir, selbst die Figuren hiessen Schwarz, Weiss und Griese, Anatol Griese.

Vielleicht ist es so überhaupt genauer: Es sind Farben und Namen, die bei Fehr das Geschehen in Gang setzen, und im Grunde sind bei ihm auch die Farben literarische Charaktere. Weil Fehr sie einander zuordnet wie Figuren­konstellationen, zwischen ihnen eine unvermutete Dynamik ablaufen lässt, als hätte sie schon immer da geschlummert. Farben und Namen sind bei diesem Autor Energie­cluster, in denen sich die Erzählung konzentriert.

Im «Hotel der Zuversicht» mit seinen 48 Erzähl­kammern jedenfalls treffen wir unter anderem auf: Hannibal Nagelkant, Potremtlek Langtang, Hannelore Pechvogel, Popanz Ruzte, Lorbeer Hesse, Costalena Rauch oder «die aufstrebende Jazzband Pink Fuck». Muss man noch betonen, dass in Fehrs Geschichten alles, aber wirklich alles, immer auch Klang und Rhythmus ist?

Für seine Figurennamen, erzählt mir Michael Fehr beim Gespräch in Bern, recherchiere er in Fremdsprachen­lexika und etymologischen Wörter­büchern, häufig träume er die Namen aber auch. Potremtlek Langtang zum Beispiel habe sich ihm schon im Traum mit diesem Namen vorgestellt. Fehr sagt das ohne schelmische Mimik und mit einer Nachdrücklich­keit, die man entweder sehr überzeugend performen oder ganz und gar ernst meinen muss.

Da ist ein Mann in einem «fast schwarzen, speckigen Zimmer» mit einer «weinroten Häkeldecke». Draussen macht es «pock und tock», also erhebt er sich, um nachzusehen.

Er öffnet die fast schwarze Tür.

Herein kommen Kristallklötze.

So beginnt eine typische Fehr-Geschichte. Typisch, weil sich bei ihm auch gerne mal das Unbelebte belebt (besonders haben es ihm Kleider angetan, die wie Drohwesen am Bügel hängen – und also eh immer schon untot sind).

Das Skurrile, Surrealistische und Slapstick­hafte seiner Geschichten kommt somit aus den Bildern und Szenen selbst. Aber es steckt auch tief in der sprachlichen Gestaltung, und zwar nicht nur, weil Fehr seine Figuren mit Vorliebe altertümlich daherreden und seine Erzählerinnen zu lächerlich gespreizten Formulierungen greifen lässt.

Fehr, der am Schweizerischen Literatur­institut Biel und am Y-Institut der Hochschule der Künste Bern studiert hat, bricht auch besonders lustvoll die heiligen Gesetze jedes Creative-Writing-Seminars, zelebriert absichtliche Stil- und Register­brüche und schiefe Metaphern, frönt hemmungslos seinen Manierismen («an des Mannes Bein») und verstösst demonstrativ gegen die universelle «Show, don’t tell»-Regel, weil das offensichtlich Groteske auch noch zu benennen dem Ganzen die Krone aufsetzt. Sparsam sein mit Adjektiven? Fehrs fliegender Teppich vom Buchanfang «bewegt sich fürchterlich schnell und wie eine einzige flache, glatte Lebendigkeit».

Als ich ihn auf den Humor seiner Erzähl­miniaturen anspreche, sagt Fehr: «Ich bin kein Comedian, aber ich erkenne die Komik des Schicksals.» Der Mensch im Neoliberalismus wolle immer optimieren, optimieren, optimieren. Dabei sei die Verfügungs­gewalt des Einzelnen über seine Zukunft doch nur «in ganz begrenztem Ausmass» gegeben. Statt des Optimums, «das wir, da wir nicht Gott sind, nie erreichen», bestehe das Leben aus Stolpern und Hinfallen, aus Fehl­schlägen und plötzlichem Erfolg, Lob, Glück aus dem Nichts. Aber eben auch ständig aus Scheitern. «Wenn Optimierung zum Zwang verkommt», sagt Fehr in einem typischen Fehr-Satz, «wird sie nicht dienen, sondern fressen.»

Das ist vielleicht die Buster-Keaton-Message bei Michael Fehr: wenn schon scheitern, dann doch am besten mit Eleganz und Selbst­ironie. Und mit tiefer Sympathie für all die Hannelore Pechvogels der Welt.

Doch das ist höchstens die halbe Wahrheit. Denn immer ist da durchgehend auch ein existenzielles Tremolo in den Texten von Michael Fehr. Das kann subtil politisch sein, etwa wenn die Figuren zwar noch die romantische Sehnsucht vom Einswerden mit der Natur teilen, aber das ganze Rührstück bloss als Farce aufführen, weil es nur noch zum Verschlingen, zum Sich­einverleiben der Natur reicht. Und es sind vor allem die Abgründe im Zwischen­menschlichen und die urmenschlichen Erfahrungen, die Fehrs Geschichten prägen. Das Wort Angst bildet darin eine heimliche Basslinie.

Er sei sicher selber ein angstvoller Mensch, sagt Fehr und schiebt hinterher: «Das ist nicht zuletzt die Haltung eines Menschen mit starker Behinderung, dass Unberechenbar­keit und Unbill der Umwelt ständig als Möglichkeit im Raum stehen.»

Michael Fehr ist beinahe blind, «juvenile Makula­degeneration» lautet der medizinische Name für sein Handicap. Seine Texte schreibt er nicht auf der Tastatur, sondern er diktiert sie. In seiner Anfangs­zeit als Schrift­steller verwendete er dazu eine Software, die ein Tontechniker seiner Berner Kunst­hochschule eigens auf ihn zugeschnitten hatte – ein Programm, das ihm das Editieren, Ausschneiden und Kopieren von Sound­partikeln ermöglichte. Seit einiger Zeit benutzt er stattdessen eine Smartphone-App, die zwar technisch viel weniger kann: Will er zum Beispiel einen Textausschnitt von fünf Sekunden ändern, muss er genau denselben Zeitraum füllen, weil sich, wie bei alten Tonbändern, die Spur nur 1:1 überspielen lässt. Dafür hat er im Handy immer und überall sein komplettes Archiv dabei.

Als er 2014 beim Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Wettlesen in Klagenfurt, auftrat (wo er mit einem Auszug aus «Simeliberg» den Kelag-Preis, also quasi Silber gewann), trug er seinen Text vor, indem er über Kopfhörer eine zuvor aufgenommene Version nachsprach. Heute rezitiert er seine Erzählungen in der Regel auswendig, die Song­versionen davon ohnehin.

«Seit etwa einem Jahr rede ich sehr programmatisch über meine Behinderung», sagt Fehr. Weil Inklusion noch lange nicht in dem Mass verwirklicht sei, «wie’s ghüüchlet wird», so Fehrs Formulierung in Berner Mundart über das Heucheln.

Vor rund zehn Jahren hat sich Fehr endgültig für das Leben als selbst­ständiger Künstler entschieden. «Seither», sagt er, «muss ich in meinem Geschäft alle Hilfe­stellungen, die ich wegen meiner Behinderung benötige, selber erkennen, selber organisieren und gegebenenfalls selber bezahlen. Natürlich bekomme ich viel Hilfe aus Freundschaft. Aber in einem so fortschrittlichen Land sollte es nicht so sein, dass ich vor allem zusammen mit Familie, Freunden, Bekannten und dem Einkaufen von Dienst­leistungen meine Behinderung kompensiere.»

Fehrs Thema ist nicht allein fehlende Unterstützung. Es geht auch um Fragen von Anerkennung und Misstrauen. «Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Die Steuer­behörde erkennt nicht vollumfänglich an, dass sich mein Atelier in meiner Wohnung befindet, weil das bei Zweizimmer­wohnungen nicht vorgesehen ist. Ich muss dann einen Experten bitten, für mich ein förmliches Schreiben zu verfassen, um klarzumachen, dass ein Arbeitsweg immer erheblichen Zusatz­aufwand für mich bedeuten würde. Und dass ich grundsätzlich relativ bescheiden lebe, weil ich nie wissen kann, was als selbst­ständiger Künstler mit Behinderung an finanziellen Heraus­forderungen auf mich zukommt.»

Für einen kurzen Moment klingt Fehr bitter. Dann sagt er in ruhigem Ton: «Der Grund­gedanke ist doch simpel: Wenn ich behindert bin und arbeiten kann und will, sollte ich strukturell so unterstützt werden, dass ich meine Arbeitskraft frei entfalten kann. Und eben nicht latent verdächtigt und hinterfragt werde.»

Weil er für Ängste sensibilisiert sei, sagt Fehr, bemerke er, «wie ängstlich das Verhalten von sehr vielen Leuten, wie gross die Angst einer ganzen Gesellschaft ist». Die Orientierung am Besitz und das Bedürfnis, diesen unbedingt zu schützen, gerade das mache die Menschen hier ängstlich; diese ständige Angst, etwas hergeben zu müssen von dem, was man sich doch ganz allein verdient und erarbeitet habe.

Bei all dem schrägen Witz und dem Übermut in Fehrs Geschichten: Das Aufeinander­treffen der Menschen dort sollte man sich nicht zu harmonisch vorstellen.

Die Sinnlichkeit, das Verspielte und Übermütige, der antirealistische Impuls in seinen Texten – all das sind bei Michael Fehr immer auch Auflehnungen gegen die Zumutungen des Lebens. Fehr, der sich musikalisch mit den blinden Sängern des frühen amerikanischen Blues verbunden fühlt, ist literarisch bei Jean Paul, laut eigener Auskunft auch bei Meister Eckhart und am allerliebsten sicher beim russischen Surrealisten Daniil Charms in die Schule gegangen. Aber alles, was er macht, klingt untrüglich nach Michael Fehr.

Und wenn in seinen Geschichten so gut wie gar nichts sicher ist, lässt sich nach der Lektüre seines neuen Buches zumindest festhalten: Die Hoffnung mag manchmal grün sein, aber die Zuversicht, die ist Fehr-blue.

Zum Buch

Michael Fehr: «Hotel der Zuversicht». Der gesunde Menschenversand, Luzern 2022. 192 Seiten, ca. 31 Franken.

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