Leben in Trümmern

Freunde

Immer mehr Bekannte von Fotograf Lesha kehren nach Kiew zurück. Sie erzählen, wie es ihnen derzeit geht.

Von Lesha Berezovskiy (Text und Bilder) und Annette Keller (Bildredaktion und Übersetzung), 02.06.2022

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Abendstimmung in Kiew.
Kinder inspizieren ein zerstörtes Kriegsfahrzeug, im Hintergrund die St.-Michaels-Kirche.

Es geht uns so weit gut. Agata will nun definitiv verreisen, wird Kiew und mich verlassen und eine Weile in Europa unterwegs sein, um zu modeln. An den Abschied mag ich noch gar nicht denken, er wird uns schwer­fallen. Sie freut sich aber darauf, rauszukommen und wieder etwas zu tun zu haben. Das geht in Kiew halt derzeit nicht so gut. Zudem läuft ihr EU-Visum Ende Jahr ab, und danach könnte es für sie als Russin schwierig sein, ein neues zu bekommen. Das hoffen wir natürlich nicht, ist aber mit ein Grund, warum ihre Agentur sie drängt, das Zeit­fenster noch zu nutzen. Agata wird voraus­sichtlich mit dem Zug nach Warschau reisen und von da erst mal nach Kopenhagen fliegen, zu ihrer Freundin.

Zu unserem Hochzeits­tag hat uns ein Freund einen Gutschein für 20 Liter Benzin geschenkt. Ich habe ihn genutzt, um zu den Menschen zurück­zukehren, denen ich im April das letzte Mal Essen bringen konnte. Auch Sport treibe ich wieder regel­mässiger, setze mich immer mal wieder aufs Fahrrad oder gehe bouldern.

Zudem verbringe ich viel Zeit im Studio – ich will meine Website endlich aufarbeiten und natürlich auch wieder mehr fotografieren. Vielleicht drucke ich auch einige meiner Bilder, um sie über Instagram zu verkaufen, denn Aufträge sind immer noch rar. In letzter Zeit habe ich meine Arbeiten vor allem für Auktionen zur Verfügung gestellt, um so für Hilfs­projekte Geld zu sammeln.

Seit dem 12. Mai kehren immer mehr Freundinnen und Freunde in die Stadt zurück. Wahrscheinlich kommt uns deshalb der Alltag auf eine komische Weise schon fast wieder normal vor – die Strassen sind wieder belebter, auf dem Weg ins Café oder zum Einkaufen treffen wir jetzt wieder öfters auf Bekannte. In dieser Folge meiner Kolumne möchte ich darum einige meiner Freundinnen erzählen lassen, wie sie auf die letzten Monate zurück­blicken.


Anastasiia, 30

Geboren bin ich in Sochumi (Georgien beziehungs­weise Abchasien). Nach dem Krieg 1992 ist meine Familie nach Sjewjerodonezk in der Region von Luhansk gezogen.

Meine Freundschaft mit Lesha hat – wenn ich mich recht erinnere – auf einer unvergesslichen Wanderung durch das Herz der Karpaten angefangen. Unvergesslich, weil uns dabei ein heftiges Gewitter begleitet hat.

Ich bin Designerin und gestalte digitale Anwendungen. Im Moment kann ich meinem Beruf nachgehen, weil ich für ein amerikanisches Unternehmen arbeite. Darüber bin ich sehr froh. Ich helfe zudem ein paar Tage die Woche in einer Küche aus: Wir bereiten Lunch­pakete vor für Kranken­häuser, die Verteidigungs­kräfte und ältere Menschen.

Als am 24. Februar der Krieg losging, war ich zu Hause in meiner Wohnung. Um 7 Uhr rief mich eine Freundin an und sagte: «Wach auf, Baby, der Krieg hat angefangen!» Ich konnte es, wie so viele Ukrainerinnen, zuerst gar nicht fassen. Kurz darauf ging schon die erste Sirene los. In der Stunde, die folgte, war ich wie gelähmt, wusste nicht, was tun. Ich packte schliesslich einen Schlafsack in eine Tasche, etwas zu essen und meine Camping­matte. Ich nahm meine Katze und die wichtigsten Papiere und ging zu einem Schutz­keller, wo auch meine Freunde waren. Dort haben wir uns überlegt, was wir als Nächstes tun sollten.

Im Nachhinein weiss man vieles besser. Was ich heute anders machen würde: meine Eltern viel früher in Sicherheit bringen. Das hätte ich lange vor dem 24. Februar tun sollen. Seit 2014 leben sie sehr nahe an der Grenze zur Volks­republik Luhansk. Sjewjerodonezk ist im Moment einer der gefährlichsten Orte an der Front­linie und hart umkämpft. Irgendwie haben wir es dann doch rechtzeitig geschafft, meine Eltern zu evakuieren – wir hatten Glück und konnten eines der kurzen Zeit­fenster nutzen.

Hoffnung gibt mir mein fester Glaube daran, dass Gerechtigkeit und Wahrheit am Ende siegen werden. Die Wahrheit ist auf unserer Seite. Wir werden unsere Städte und Dörfer, die von der russischen Armee zerstört worden sind, wieder­aufbauen. Die Menschen werden in ihre Heimat zurück­kehren und hoffentlich das Wort Krieg nie mehr hören.

Es macht mich unendlich traurig, dass jeden Tag vielen Menschen diese Hoffnung genommen wird, weil sie sterben oder ihre Lieben verlieren. Dieser Schmerz wird uns immer begleiten.


Reshat, 30

Ich komme ursprünglich aus Staryj Krym (Krim). Lesha kenne ich schon sehr lange, wir sind gute Freunde.

Ich beschreibe mich gern als Lebens­künstler. Denn mein Leben verdiene ich mit meiner Arbeit als Friseur, mit Musik und meinem Kleider­label. Ich mache diese Dinge vor allem deshalb, weil ich sie gerne mache, und irgendwie kommt alles gut zusammen. Sogar jetzt – wenn auch unter schwierigen Umständen.

Seit Kriegs­beginn engagiere ich mich bei den «Kiew Angels». Das ist eine Gruppe von Freunden, organisiert und gemanagt von Markija Matsliovskkyi. Vom ersten Tag an war es unser Ziel, den Menschen zu helfen. Nicht nur, ihnen die Dinge zu bringen, die sie selber nicht mehr besorgen können, sondern auch, ihnen Gesellschaft zu leisten, ihnen zuzuhören. Zuerst in Kiew, später auch in der Umgebung. Wir versorgen die Leute mit Essen oder Medikamenten und finanzieren uns durch Spenden von überall aus der Welt.

Anfangs war ich für die Einkäufe zuständig. Mit einer langen Liste streifte ich durch Kiew, auf der Suche nach den Dingen, die benötigt wurden. Ich klapperte Apotheken ab, suchte Super­märkte auf. Die Sachen haben wir in ein Lager gebracht, wo sie zur Verteilung sortiert wurden. Ich habe auch einen Teil der Anfragen verwaltet, das war anfangs völlig chaotisch und unübersichtlich, wir mussten erst eine sinnvolle Logistik aufbauen.

Irgendwann kamen wir auf die Idee, die Anfragen mit Google Sheets zu organisieren, das hat geholfen, und jetzt funktioniert es gut. Mittlerweile betreue ich auch das Merchandise der Kiew Angels. Was wir damit verdienen, kommt dem Projekt zugute. Auch meine Dienste als Friseur stelle ich zur Verfügung für die vielen Freiwilligen und die Verteidigungs­kräfte.

Am 24. Februar war ich zu Hause, in Maidan. Meine Mitbewohne­rinnen hatten mich geweckt. Ich habe dann erst mal mein Gesicht gewaschen und die News gelesen. Meine Notfall­tasche war noch nicht gepackt, das habe ich dann als Nächstes erledigt. Im Rückblick bin ich froh, war ich nicht besser vorbereitet. Ich würde es also nicht anders machen, für mich. Für andere hingegen schon, aber das kann ich leider nicht.

Ich bin sicher, die Ukraine wird diesen bösartigen Angriff überstehen.


Vadim, 38

Ich komme ursprünglich aus Simferopol (Krim). Lesha ist schon lange ein guter Freund, wir kennen uns durch die Fotografie und fahren oft gemeinsam Rad.

Seit dem Krieg kann ich meinen Beruf nicht mehr wirklich ausüben. Ich bin Spezialist für Farb­korrekturen in Videos und Filmen, seit dem 24. Februar hatte ich nur einen Auftrag. Deshalb habe ich angefangen, im Ausland Foto­ausstellungen zu organisieren, um so Geld für die Ukraine zu beschaffen. Was auf diesem Weg zusammen­kommt, fliesst hier in humanitäre Projekte.

Als die Sirenen am 24. Februar losheulten, war ich in meiner Wohnung. Ich nahm meinen Notfall­rucksack, der bereits gepackt war, und traf mich mit meinen engsten Freunden, um gemeinsam die nächsten Schritte zu besprechen. Ich war gut vorbereitet und würde es heute nicht anders machen.

Hoffnung gibt mir der Wille und die Charakter­stärke der Ukrainer. Sie haben es geschafft, sich sehr schnell zu vernetzen und sich gegenseitig zu helfen. Die Liebe für unser Land gibt uns Kraft. Aber auch die Unter­stützung aus dem Ausland und die vielen Menschen, die sich so hilfsbereit zeigen, helfen mit, uns und unsere Werte zu verteidigen.

Grosse Sorgen mache ich mir natürlich um die Verteidigungs­kräfte, vor allem die Soldaten, die in den stark umkämpften oder sogar eingeschlossenen Städten und Regionen erbittert weiter­kämpfen und uns und unser Land verteidigen. Aber auch um die vielen Menschen, die flüchten mussten, ihre Lieben verloren haben und um die Kinder, die das alles ertragen müssen, ohne es zu verstehen.

Normalerweise bin ich eine eher unruhige Person, nicht ängstlich, aber halt vorsichtig, und rechne stets mit dem Schlimmsten. Auf eine komische Art hat mich der Krieg ruhiger gemacht, meine Ängste sind wie weggefegt. Es ist so viel passiert, dass ich aufgehört habe, mir über alles Sorgen zu machen. Ich habe festgestellt, dass all die Sorgen und Ängste, die ich jahrelang mit mir herum­getragen habe, weder etwas verhindert noch mir geholfen haben. Ja, im Moment mache ich mir um mich und meine Zukunft das erste Mal in meinem Leben nicht so viel Gedanken.

Zum Fotografen

Lesha Berezovskiy arbeitet als freier Fotograf in Kiew. Er ist 1991 im ostukrainischen Bezirk Luhansk geboren. Als dort 2014 der Krieg ausbricht, zieht er in die Haupt­stadt, wo er heute mit seiner Frau Agata lebt.

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