«Magie gibt es halt nicht. Und schon gar nicht, wenns ums Geschäft geht»

In den letzten Wochen ist der Wert von Krypto­währungen um Milliarden ein­gebrochen. Keine Sorge, sagt der Autor David Gerard. Dieses Geld hat gar nie existiert.

Ein Interview von Oliver Fuchs (Text) und Rebeka Mór (Illustration), 26.05.2022

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Die amerikanische Superbowl ist eine Ausnahme in der Welt der Fernseh­unterhaltung: einer der ganz seltenen Fälle, wo sich die Zuschauer tatsächlich auf die Werbe­unter­brechung freuen. Zum Finale der US-Football-Liga fährt die Werbe­branche traditionell das Beste auf, was sie zu bieten hat.

Dieses Jahr drehten sich auffällig viele Spots um Krypto­währungen.

Der wohl lustigste davon zeigt einen zeitreisenden Komiker namens Larry David, wie er die jeweils wichtigsten Erfindungen ihrer Zeit abtut. Er belächelt das erste Rad, verspottet die allererste Toilette, ist gänzlich unbeeindruckt von der Glühbirne – und kichert ob der Idee, dass jemand ernsthaft zum Mond fliegen will. Schliesslich runzelt er die Stirn über FTX – eine Smartphone-App für den Handel mit Krypto­währungen. «Seien Sie nicht wie Larry», endet der Spot. «Verpassen Sie Krypto und NFT nicht – verpassen Sie nicht das nächste grosse Ding.»

Krypto­währungen gibt es seit 2009. Sie wurden populär als Alternative zum Finanz­system, das im Jahr zuvor gerade so spektakulär zusammen­gebrochen war. Dissidenten auf der ganzen Welt haben sich auf Kryptos verlassen. Krypto hat Wikileaks am Leben erhalten, nachdem viele reguläre Zahlungs­dienste die Whistleblowing-Plattform rausgeworfen hatten. Krypto­währungen haben die Forschung in Industrie und Wissenschaft beflügelt – und erst kürzlich lobte ein Assistent des afroamerikanischen US-Senators Cory Booker ihre «unglaubliche Kraft gegen Ungleichheit und Chancen, die sie Menschen bieten, die vom traditionellen Finanz­system ausgeschlossen waren».

Zum Glossar: Diese vier Begriffe aus der Kryptowelt sollten Sie kennen

Blockchain: Eine öffentliche Datenbank, die nicht heimlich verändert werden kann. Im Fall einer Krypto­währung enthält sie meist sämtliche Transaktionen, die je gemacht wurden, seit es die Währung gibt. Das garantiert, dass niemand dieselbe «Münze» doppelt ausgeben kann.

Bitcoin: Die erste Kryptowährung. Sie besteht im Kern aus zwei Teilen. Einer Blockchain, die festhält, wem gerade welche Bitcoin gehört. Und aus einem Mechanismus, um zu entscheiden, wer berechtigt ist, einen neuen Eintrag in die Datenbank zu schreiben, wenn ein Bitcoin den Besitzer wechselt.

«Krypto»: Wer einen neuen Eintrag in die Datenbank machen kann, wird mit kryptografischen Methoden entschieden. Nur wer die richtigen Schlüssel hat, kann einen Eintrag in die Blockchain machen, der nicht sofort auffällt.

NFT: Die englische Übersetzung ist nicht so wichtig. Die Idee dahinter ist aber ähnlich wie bei einer Kryptowährung. Ein NFT ist ein einzigartiger Token (ein digitales Objekt), das nur jemandem gehören kann und das sich kaufen, verkaufen (und stehlen) lässt. Sie können sich einen NFT ein bisschen wie ein (digitales) Eigentums­zertifikat für eine handgefertigte (digitale) Geige vorstellen.

Und jetzt dringt Krypto, dieses «nächste grosse Ding», wie es uns die Superbowl und Larry David glauben machen wollen, endlich vollständig in den Mainstream vor.

Andererseits: Tut es das?

Und wenn ja, ist das eine gute Sache?

Der Autor David Gerard hat die Krypto­währung seit ihren Anfängen verfolgt. So wie er es erzählt, wusste er, dass Krypto eine furchtbare Idee war, noch bevor er überhaupt verstanden hatte, wie es funktionierte. Und zwar allein aufgrund der Tatsache, wer es sich ausgedacht hat.

David Gerard, was ist das Freundlichste, was Sie über Krypto­währungen sagen können?
Es fällt mir schwer, darüber etwas Gutes zu sagen. Nichts davon funktioniert, und es nimmt nie ein gutes Ende. Man kann nicht einmal sagen, dass es die Menschen immerhin zum Nachdenken anregen würde. Denn sie denken über Dinge nach, die eigentlich völlig falsch sind und die nicht funktionieren. Und dann verlieren sie ihr ganzes Geld.

Das ist nicht besonders freundlich.
Schauen Sie, es gibt eigentlich kaum einen echten Anwendungs­fall für Krypto. Man kann damit Zahlungen machen, die Regierungen verhindern wollen, das ist bis heute eigentlich ihr einziger echter Zweck. Was an sich keine schlechte Sache ist. Regierungen sind manchmal dumm und nervig und tun blöde Dinge. Dann muss man sie umgehen. Und andererseits sind ja die meisten Regulierungen dafür da, einen von Dingen abzuhalten, die man auch nicht tun sollte.

Mich würde interessieren, ob Sie von der Front oder vom Sessel aus nörgeln. Sprich: Haben Sie jemals Krypto gekauft?
Nein, habe ich nicht. Ich hatte mal sechs Dogecoins. Aber dann habe ich meinen Laptop neu formatiert, und sie waren weg.

Zur Person

David Gerard hat zwei (sehr unfreundliche) Bücher über Kryptowährungen geschrieben: In «Attack of the 50 Foot Blockchain» zeichnet er die Geschichte von Bitcoin nach, und «Libra Shrugged» erzählt vom geplatzten Projekt, mit dem Facebook eine eigene Währung erschaffen wollte. Ausserdem betreibt er einen Blog zum Thema. Gerard lebt und arbeitet in Gross­britannien.

Wie kommen Menschen eigentlich auf die Idee, ihr eigenes Geld zu erfinden?
Bitcoin existiert, weil eine Gruppe von sehr aufrichtigen und sehr extremen Libertären – und sie waren wirklich aufrichtig, auch wenn sie komplett danebenlagen – dachte, dass die Erschaffung einer Form von Geld, die unabhängig von allen Regierungen wäre, definitiv das Beste sei, was sie mit ihrer Zeit anstellen könnten. Sie fanden, dass Kryptogeld die Welt besser machen würde. Und als Bonus würden sie kostenlos reich werden, wenn ihr Plan aufgehen sollte.

Ich habe während der Pandemie auf dem Handy ein paar Kryptos gekauft. Und jetzt habe ich einen neuen Fernseher.
Okay … cool.

Okay?
Krypto ist im Kern Glücksspiel, das sich als Anlage vermarktet. Manche Leute gewinnen. Krypto, Bitcoin, NFT … hinter all dem Zeug steht das Versprechen: «Du wirst kostenlos reich.» Das ist der ganze Pitch. Nur wird man halt in der realen Welt nicht reich, ohne etwas dafür zu tun. Sicher, sie können zu den Gewinnern gehören, aber es ist wahrscheinlicher, dass sie verlieren. Pferdewetten sind keine Investition. Auch damit werden manche richtig reich, es gibt Leute, die das beruflich machen. Aber es gibt nicht besonders viele professionelle Pferdewetter.

Warum betrachten es so viele Menschen denn als Anlage?
Nun, zunächst einmal wissen sehr viele Menschen nicht wirklich Bescheid über Geld und über die Geschichte der Finanz­katastrophen. Und viele sind verzweifelt, die Wirtschafts­lage ist im Moment wirklich mies. So kommt man auf die Idee, Krypto sei ein Ausweg aus der Misere. Und dann verlieren die meisten ihr letztes Hemd. Krypto ist ein Nullsummen­spiel.

Warum ein Nullsummen­spiel? Wenn alles steigt und steigt und steigt, dann werden doch alle reich.
Sie werden höchstens auf dem Papier reich, nicht in harten Dollars. Bitcoin und Krypto­währungen im Allgemeinen generieren kaum Einkommen. Es ist kein Kapital, das man in Unter­nehmen investieren kann. Nichts, das man in der Realwirtschaft anlegen kann, um Profit zu machen. Es ist einfach nur eine Menge Zeug, das die Leute untereinander hin und her kaufen und verkaufen können. Man kann sich sehr ausgefallene Methoden ausdenken, wie man es kaufen und verkaufen kann – aber im Grunde genommen ist jeder Dollar, den ein Gewinner bekommt, ein Dollar, den jemand anderes zuvor verloren hat. Und die Gewinner sind in der Regel die grossen professionellen Player, während die Verlierer meistens die kleinen Leute sind. Es handelt sich technisch gesehen zwar nicht um ein Schneeball­system, aber es funktioniert wie eines.

Das klingt jetzt wieder nicht besonders freundlich. Einige dieser Krypto­währungen sind viele Milliarden wert.
Versuchen Sie mal, diese «Milliarden» in echtes Geld umzuwandeln. Sie werden feststellen, dass das ausgesprochen schwierig ist. Diese gigantischen Zahlen, die da herumgereicht werden, sind im Grunde eine Marketing­strategie, um Ihnen vorzugaukeln, dass der Krypto­markt riesig ist. Diese Leute sind besonders versessen auf den sogenannten «Market Cap». Dabei handelt es sich aber bloss um den aktuellen Kurswert eines Tokens X, multipliziert mit der Anzahl Token, die es davon gibt. Das bedeutet nicht, dass man alle Token X zu diesem Preis in Dollar umtauschen könnte.

Warum nicht?
Was passiert mit einem Aktienkurs, wenn alle gleichzeitig versuchen, ihre Aktien zu verkaufen? Wenn Sie Schlag­zeilen lesen wie «Bitcoin hat 200 Milliarden an Wert verloren», müssen Sie immer mitdenken, dass dieses Geld gar nie existiert hat. Als Finanzmarkt ist Krypto eigentlich winzig, verglichen mit anderen Märkten. Aber es gibt halt eine Menge Schlagzeilen darüber, weil Bitcoin eine Blase ist. In der Finanzwelt gibt es keine interessantere Geschichte als: «Da geht eine Zahl nach oben.»

Oh.
Wir haben es hier mit einem praktisch unregulierten Markt zu tun. Sicher, einige Krypto­geschäfte finden in Ländern statt, in denen es Finanz­vorschriften gibt. Aber der überwiegende Teil des Krypto­handels tut das nicht. Das meiste davon läuft über Offshore-Börsen, wo es buchstäblich keine Regulierung gibt. Eigentlich sind das Offshore-Kasinos, die sehr häufig gegen ihre eigenen Kunden handeln. Die ursprünglichen Bitcoiner träumten von einer allumfassenden Krypto­wirtschaft, in der dieses Zeug als Geld behandelt wird. Dazu ist es nie gekommen. Wird es auch nie. Es bleibt nur Spekulation.

In den letzten Wochen kam es zum Crash. Ironischer­weise hat ein sogenannter «Stablecoin», also eine digitale Währung, die an einen «stabilen» Reserve­wert gekoppelt ist, praktisch über Nacht ihren gesamten Wert verloren. Was ist da passiert?
Krypto­währungen steigen und fallen ständig, ein Token kann innerhalb eines einzigen Tages 10 Prozent an Wert gewinnen – oder verlieren. Mit einer Währung, die so stark schwankt, kann man nicht sinnvoll handeln, das ist viel zu volatil. Deshalb wollen diese Leute eigentlich in Dollar handeln. Aber was passiert, wenn der Dollar sich in die Nähe von Krypto bewegt? Ihre Bank könnte anfangen, Ihnen unangenehme Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Woher haben Sie diese 10 Millionen Dollar? Gehören die Ihnen überhaupt? Und warum sagen Sie uns nicht, woher genau die kommen? Sind Sie vielleicht ein Krimineller, der versucht, Sanktionen zu umgehen? Solche Fragen sind lästig. Der Kryptomarkt brauchte also etwas, das wie ein Äquivalent zum Dollar funktioniert, ohne einer zu sein.

Sie sprechen von Stablecoins?
Genau. Das sind Krypto­währungen, wie alle anderen auch, aber sie sind an den Wert des Dollars gekoppelt. Der offensichtliche Weg, das zu tun, ist zu sagen: «Schau, ich habe diese kleinen Token hier erschaffen. Du gibst mir einen Dollar, ich tue ihn auf mein Bankkonto. Und ich gebe dir einen Token, der einen Dollar wert ist. Und ich gebe dir deinen Dollar zurück, wenn du mir den Token gibst.» Das klingt nach einer sehr simplen Idee. Das Problem ist die Umsetzung.

Inwiefern?
Denken Sie daran, dass auch die Stablecoin-Macher Geld verdienen wollen. Und es stellt sich heraus, dass man nicht gross Zinsen verdienen kann, wenn man Dollar auf einem Bankkonto rumliegen lässt. Diese Leute haben einen starken Anreiz, diese Dollars in riskantere Anlagen zu stecken, etwa Kredite zu vergeben oder am Markt zu spekulieren. Darum sind die Reserven für solche Stablecoins in Wirklichkeit viel kleiner.

Klingt ein bisschen nach einer Bank, die riskante Investitionen tätigt.
Nur dass im Gegensatz zu Banken keine dieser Stablecoin-Organisationen jemals eine Revision hatte. Sie implizieren es, aber sie tun es nicht. Sie sagen: «Hier haben wir eine Erklärung, die von Wirtschafts­prüfern geschrieben wurde.» Aber das ist noch lange keine ordentliche Revision. Für die grösste dieser Stablecoin-Betreiber, Tether, wurde dokumentiert, wie so was läuft: Tether hat sich 300 Millionen Dollar geliehen, aufs Konto gelegt, von einem Wirtschafts­prüfer bestätigen lassen, dass da 300 Millionen Dollar auf dem Konto liegen – und das Geld gleich danach wieder zurück­gegeben.

Das heisst, bei diesem Crash ist nun eine dieser «Banken» zusammen­gebrochen?
Ja und nein. Denn die abgestürzte Terra war nicht irgendein Stablecoin, sondern ein algorithmischer Stablecoin. Die sind nicht durch Dollar­reserven gestützt, sondern durch einen Haufen volatiler und unstabiler Krypto­assets, das meiste davon Müll. Und dann lässt man einen Algorithmus drüberlaufen, der alles irgendwie durchmischt. Weil Computer schliesslich magisch sind. Das geht eine Weile lang gut. Aber es kann nicht ewig funktionieren. Spätestens wenn der Markt einbricht, kann der Algorithmus mischen, wie er will, es wird nichts nützen. Bis jetzt ist noch jeder algorithmische Stablecoin gescheitert.

Warum ist denn der Bitcoin-Kurs ebenfalls eingebrochen, nur weil dieses Terra gescheitert ist? Es gibt sehr kluge Menschen, die sagen, Bitcoin sei digitales Gold.
Als Terra zusammenbrach, haben die Leute dahinter versucht, den Kurs zu stützen. Und zwar, indem sie ihre Bitcoin-Reserve angezapft und in Tether gepumpt haben. Das liess dann auch den Bitcoin-Preis abstürzen. Das Ganze war nichts anderes als eine überschuldete Kette von Müll. In der Kryptowelt passieren solche Sachen die ganze Zeit. Denn dieses System ist eigentlich bloss eine sehr dünne Recht­fertigung dafür, Dinge, die nicht funktionieren, in Dollar zu bepreisen. In diesem Sinne ist das, was hier passiert ist, der Finanzkrise von 2008 sehr ähnlich.

Inwiefern?
Damals hatte eine Reihe von Geldmarkt­fonds Dollar-Äquivalente konstruiert, weil jeder mit Dingen handeln wollte, die sich in Dollar bepreisen lassen. Die Immobilien­preise in den USA stiegen, und das wollte man als Finanz­produkt handelbar machen. Diese Dollar-Äquivalente basierten auf Wertpapieren, die wiederum auf Wertpapieren basierten, die wiederum auf Hypotheken aufgebaut waren. Eine überschuldete Kette aus Müll, die angeblich in einen Dollar mündete. Das funktionierte so lange prächtig, bis die Immobilien­preise runtergingen. Der angebliche Dollar kollabierte, die ganze Leverage-Kette brach zusammen. Dann kamen die Geldmarkt­fonds in Schwierigkeiten. Und da alle von diesen Fonds abhingen, drohte die gesamte US-Wirtschaft zusammen­zubrechen.

So wie Sie es schildern, klingt das alles ziemlich wackelig. Warum sind dann Krypto­währungen wenig reguliert?
Die Regulierungs­behörden machen sich bis jetzt keine allzu grossen Sorgen um Krypto­währungen, weil sie wie gesagt im Vergleich zu den Finanz­märkten noch winzig sind. Was die Behörden hingegen beschäftigt, ist, dass diese inkompetenten Flachpfeifen ihre Finger in die reale Wirtschaft bekommen – in die Welt also, in der Menschen leben. Das wäre eine Katastrophe, denn diese Leute würden mit Krypto Pensions­kassen betreiben, damit in Banken investieren und so weiter. Heute investieren hauptsächlich Hedgefonds in Krypto. Mich stört es nicht, wenn sich reiche Leute gegenseitig über den Tisch ziehen. Mich bestürzt es hingegen, wenn Mütter, Rentner oder verzweifelte junge Menschen in diese Sache hinein­gezogen werden. Und die Regierungen machen sich Sorgen, wenn Krypto­währungen ein Ausmass erreichen, das die Realwirtschaft beeinträchtigen kann. Der Erfinder von Terra wurde vom südkoreanischen Parlament vorgeladen, um sich zu erklären. Dort hat man Bedenken, weil Südkorea eine relativ kleine Volks­wirtschaft ist. Es ist ein wohlhabendes Land, aber nicht besonders gross.

Die Schweiz ist auch nicht besonders gross. Und wir haben hier diesen Kanton namens Zug, der das Crypto-Valley von Europa werden will. Man kann hier an SBB-Automaten Bitcoin kaufen.
Ja, das habe ich gesehen.

Müssen wir uns Sorgen machen, David Gerard?
Sie sollten sich keine Sorgen machen, solange die Leute nicht plötzlich beschliessen, dass der Schweizer Franken nichts mehr wert ist. Ich bezweifle, dass das in absehbarer Zeit passieren wird. Ihr Franken ist eine ziemlich solide Währung, die sich ohne Probleme in Euro, Dollar und andere Währungen umtauschen lässt. In Ihrem Crypto-Valley reden viele Leute über grosse Zahlen und grosse Pläne. Aber all diese tollen Dinge liegen in einer hypothetischen Zukunft.

Eine Zukunft, in der die Blockchain eine ganze Menge Probleme löst?
Wenn Bitcoin und Krypto­währungen das Versprechen sind, kostenlos reich zu werden, dann ist das die Business­version des Versprechens, dass Sie mit Blockchain kostenlos organisatorische Effizienz haben oder Ihre Daten gratis in Ordnung halten können. Auch das wird nicht passieren.

Aber es ist doch eine hoch­interessante Technologie.
Der Erfinder von Bitcoin, man kennt ihn nur unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto, hat nie behauptet, eine neue Technologie erfunden zu haben. Er hat bestehende Technologie auf eine besondere und interessante Weise neu kombiniert. Bitcoin ist in der Tat sehr interessant. Es ist nicht machbar, es ist keine gute Idee, aber es ist definitiv interessant! Blockchains sind etwas, das man in der Informatik einen Merkle-Baum nennt. Es gibt sie schon seit Jahrzehnten. Es handelt sich im Grunde um ein Kontobuch, dem man nur Einträge hinzufügen kann. Dafür gibt es durchaus ein paar Anwendungs­fälle. Aber es ist keine Magie. Denn Magie gibt es nicht. Schon gar nicht, wenns ums Geschäft geht.

Das ist doch zu einfach. Viele seriöse Firmen interessieren sich dafür und forschen daran.
Wussten Sie, dass das Interesse von Unternehmen an der Blockchain stark mit dem Preis von Bitcoin korreliert? 2017 gab es eine Blase, der Bitcoin-Preis stieg. Viele Unternehmen versuchten damals, in die Blockchain einzusteigen. Neue Leute befassten sich zum ersten Mal damit, es war aufregend – und dann stürzte Bitcoin ab. Und mit ihm auch das Interesse an der Blockchain. Das IT-Unternehmen IBM promotete Blockchain damals mehr als alle anderen. Am Ende haben sie ihre Blockchain-Abteilung komplett eingestampft. Dann kam 2021 die nächste Bitcoin-Blase. Und das Interesse der Unternehmen an Blockchain kehrte zurück. Wenn irgendetwas daran wirklich besser funktionieren würde als bestehende Systeme, wäre es schon vor Jahren überall eingeführt worden. Nehmen Sie den grenz­überschreitenden Geldtransfer – insbesondere Überweisungen von Immigranten in die alte Heimat. Wenn Krypto besser oder billiger wäre, würde Western Union das verwenden, Visa hätte es schon vor Jahren eingeführt – die Banken wären voll von Blockchains. Nichts davon ist der Fall.

Das ist also nicht der erste grosse Crash. Und auch nicht der zweite. Warum, glauben Sie, haben das so viele Menschen offenbar vergessen?
Weil die Menschen Hoffnung haben. Und verzweifelt sind. Leute steigen ein, werden über den Tisch gezogen, steigen aus – und schon kommen die nächsten Opfer um die Ecke.

Wie ich, der einen neuen 55-Zoll-OLED-Flatscreen-Fernseher wollte.
Sie haben Glück gehabt. Gut für Sie! Aber denken Sie immer daran: Sie hatten einfach Glück. Manche Leute gehen aufs Ganze. Als Terra zusammenbrach, pinnte man die Nummern von Suizid-Helplines ganz oben im Reddit-Forum.

Im Nachhinein betrachtet war das wohl nicht das ideale Timing für Mister Bean, mit einem neuen NFT um die Ecke zu kommen …
Im April letzten Jahres gab es eine grossartige Schlagzeile in Bloomberg, die NFT als «Stimulus-getriebene Mode­erscheinung» bezeichnete. Der grösste Teil des NFT-Marktes war ohnehin fake. Voll mit sogenanntem wash trading, bei dem zwei Insider miteinander handeln, um den Preis in die Höhe zu treiben, bis ein Opfer darauf hereinfällt. Viele Unternehmen versuchten, auf diesen Hype aufzuspringen. Die breite Öffentlichkeit hat es fast durchgehend gehasst. Die Spielfirma Ubisoft hat ein NFT-Projekt aufgelegt. Und dann beendet, nachdem sie damit stolze 396 Dollar verdient hatte.

Was denken wohl die prinzipien­treuen Libertären darüber, wie sich ihr Traum unterdessen entwickelt hat?
Ich weiss es nicht. Es gibt immer noch eine Menge aufrichtiger, extremer Libertärer in der Bitcoin- und Kryptoszene im Allgemeinen. Aber sehr viel mehr Leute, die nur dabei sind, weil sie reich werden wollen. «Zahl geht nach oben» ist die einzige Ideologie, die sie haben.

Wie geht es denn jetzt weiter?
Ich denke, diese Blase wird 2022 anhalten. Sie wird nicht auf einmal «platzen». Die Luft wird langsam rausgehen. Viele Einzel­händler haben bereits im vergangenen Sommer aufgegeben. Seitdem wurde viel Werbung gemacht, um die Party am Laufen zu halten. Aber jeder weiss, dass die Musik irgendwann einmal stoppen muss. Wenn Krypto­währungen nicht verschwinden, wird es wahrscheinlich 2025 eine neue Blase geben. Ich habe NFT nicht vorher­gesehen. Aber ich bin jetzt schon sicher, dass sich diese Leute eine neue und aufregende Ausrede einfallen lassen werden, um Ihnen erfundene Token zu verkaufen, die nichts wert sind.

In den letzten Wochen haben sich einige Leute Sorgen gemacht, dass dieser Crash viele Menschen radikalisieren könnte. Menschen, die schon vorher nach rechts drifteten, jetzt desillusioniert werden und sich darum radikalisieren. Was denken Sie?
Ich halte das Risiko für sehr überschaubar. Diesen Aspekt verfolge ich ziemlich genau, Sie wissen schon, Bitcoin und Extremisten, Bitcoin und Nazis und so weiter. Krypto ist keine Nazi-Subkultur. Nazis sind aber an Bitcoin interessiert, weil sie immer wieder aus den regulären Zahlungs­systemen gekickt werden. Sicher, manche Nazis haben tatsächlich auch eine libertäre Ideologie. Aber die meisten von ihnen hätten eigentlich gerne einfach Dollars, wie alle anderen auch. Es gibt also einige unglückliche Überschneidungen, aber die beiden Subkulturen sind nicht deckungsgleich. Wenn Kryptoleute sehen, wie Neonazis auf Kirchen, Synagogen und Moscheen schiessen, dann sind sie genauso entsetzt und angewidert wie der Rest von uns. Also nein, dieser Crash wird Menschen nicht stärker radikalisieren, als es die realen Wirtschafts­bedingungen ohnehin tun.

Zur Debatte: Macht Kryptogeld die Welt besser oder schlechter?

Sind Blockchain, Krypto­währungen und NFTs eine längst überfällige Revolution? Eine gigantische Blase, gefüllt mit Gier und Marketing? Oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen? Hier gehts zur Debatte.

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