Auf lange Sicht

So klimabewusst legen Schweizer Banken an

Beim Aktienkauf spielt das Klima eine immer wichtigere Rolle. Doch nach wie vor fliesst viel Geld in umweltschädigende Geschäfte. Eine exklusive Analyse.

Von Balthasar Sager, 18.04.2022

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Wie gehen Schweizer Banken mit Klimarisiken um? Welche Institute berücksichtigen bei ihren Anlagen Umweltaspekte? Ganz genau wissen das nur die Finanz­institute selbst. Und das Bundesamt für Umwelt, das darüber eine Studie erstellen liess – mit dem Schönheits­fehler, keine Bank mit Namen zu nennen.

Einen Einblick ermöglicht dieses Datenbriefing. Es beruht auf einer Klima­analyse der Aktien­anlagen, die Schweizer Banken im Auftrag ihrer Kundinnen in den USA getätigt haben.

Wie wir vorgegangen sind

Bevor wir zu den Resultaten kommen, hier die wichtigsten Eckpunkte zu unserer Untersuchung:

  • Wir sprechen von 704 Milliarden US-Dollar. So viel hatten die fünf Banken (Credit Suisse, UBS, ZKB, Pictet und Lombard Odier), die wir unter die Lupe genommen haben, Mitte 2021 am amerikanischen Aktienmarkt investiert. Die Banken entscheiden mehrheitlich selbst, wie sie dieses Geld investieren. Im Finanz­jargon sagt man: Die Banken haben «Investment Discretion».

  • Viermal pro Jahr legen Banken aus der ganzen Welt der amerikanischen Börsen­aufsicht offen, welche Unternehmens­aktien sie besitzen und deren Wert. Das betrifft nur Aktien, die an den US-Börsen gehandelt werden. Deshalb fokussiert diese Analyse auf Anlagen in den USA. Uns liegen die Angaben von Mitte 2014 bis Mitte 2021 vor.

Wir haben für jede Bank zwei Metriken berechnet:

  1. den Anteil von Öl-, Gas- und Kohle­unternehmen (wie zum Beispiel Exxon Mobil) an den gesamten Aktienanlagen der Banken in den USA.

  2. den Anteil jener 15 Prozent der Firmen mit der grössten CO2-Intensität (also dem grössten CO2-Ausstoss, gemessen am Umsatz).

Diese zwei Zahlen decken die Investitionen in die klima­schädlichsten Firmen ab. Sie finden sich zum einen in der fossilen Rohstoff­branche – dazu dient die erste Metrik. Die zweite Metrik bezieht sich auf Branchen wie die Baustoff­industrie – also Unternehmen, deren Geschäftsgang mutmasslich stark davon abhängt, Treibhausgas­emissionen zu verursachen, ohne dafür viel zu bezahlen.

Zu den Daten und zur Methode

Unsere Untersuchung beschränkt sich auf fünf in der Schweiz domizilierte Banken und ihre Tochterfirmen, die gegenüber der amerikanischen Securities and Exchange Commission in sogenannten 13F-Filings Wertpapiere im Umfang von mehr als 100 Millionen US-Dollar an den amerikanischen Börsen offengelegt haben. Mit eingeschlossen wurden Anlagen, bei denen die offenlegende Bank über sogenannte Investment Discretion verfügt, also entweder allein oder mit einer anderen Entität (typischerweise Tochterfirmen) die Anlage­entscheidungen trifft. Aktiendepots, über welche die Kundschaft selbst bestimmt, sind deshalb nicht enthalten. Die Auswahl der fünf Banken erfolgte nach deren Bedeutung sowie nach der Vollständigkeit der verfügbaren Daten.

Die Untersuchung beschränkt sich auf die USA, weil die Schweiz und andere europäische Länder keine vierteljährliche Offenlegungs­pflicht wie die USA kennen. Hierzulande müssen Finanz­akteurinnen nur beim Überschreiten gewisser Schwellenwerte die eigenen Positionen der Börse melden.

Zu den analysierten Geldern gehören Aktienprodukte (wie Aktien oder Depositary Shares – ausländische Aktien, die an der US-Börse erhältlich sind). Zudem umfasst die Analyse auch Anteile an Master Limited Partnerships (eine Struktur typisch für Ölfirmen), welche die Banken gekauft haben im Rahmen von Vermögens­verwaltungs­mandaten, als Bestandteile von verkauften Produkten (zum Beispiel Fondsprodukten) oder in selteneren Fällen im Auftrag anderer Banken (im Falle der ZKB sind das sogenannte White-Label-Fonds, die unter dem Namen eines anderen Anbieters vermarktet werden). Optionen sind nicht in die Analyse eingeflossen.

Die Ergebnisse unterliegen gewissen Unschärfen. Nicht alle Wertpapiere konnten zweifelsfrei einer Anlageklasse (Aktien, ETF, Obligationen etc.) zugeordnet werden. Weiter sind nur bei etwa 4000 von 7000 Unternehmen, von denen die Banken im Zeitraum von Mitte 2014 bis Mitte 2021 Wertpapiere gehalten haben, die Emissionsdaten vorhanden. Diese 4000 Unternehmen decken aufgrund ihrer Grösse zwar den grössten Teil der Gelder ab. Für einen kleinen Anteil der Anlagen konnte dennoch keine Klassifizierung vorgenommen werden.

Die 15 Prozent der emissions­intensivsten Unternehmen wurden anhand der Scope-1- und Scope-2-Emissionen ermittelt. Die Zusammenstellung dieser Unternehmen erfolgte nicht für jedes Quartal, sondern nur einmal per Ende 2021. Auch dadurch ergeben sich leichte Unschärfen in der Berechnung. Gespräche mit Umwelt­verantwortlichen bei den Banken bestätigen jedoch, dass die Ergebnisse insgesamt relativ nahe an den tatsächlichen Zahlen liegen dürften.

Details, Grafiken und Rohdaten zu dieser Untersuchung finden sich auf Github.

Die erste Grafik vermittelt einen Eindruck davon, wie klima­schädlich diese Firmen sind. Eine typische amerikanische Firma verursacht pro Million Dollar Umsatz Treibhausgas­emissionen im Umfang von 18 Tonnen CO2-Äquivalenten (CO2e). Bei den obersten 15 Prozent der Firmen ist dieser Wert zehnmal höher: Sie stossen im Minimum 189 Tonnen CO2 pro Million Dollar Umsatz aus – und teils noch deutlich mehr.

Einseitige Verteilung der Emissionen

CO2-Intensität von US-Firmen

MedianEmissionsintensivste 15%0 100 200 Tonnen CO₂e

Angaben in CO2-Äquivalenten pro Million Dollar Umsatz. Berücksichtigt sind Emissionen des Typs Scope 1 und 2. Quelle: Refinitiv.

Unsere Untersuchung fördert eine gute Nachricht zutage: Schweizer Banken investieren anteilsmässig immer weniger Geld in klimaschädliche Unternehmen am US-Markt. Gleichwohl halten sie weiterhin gewichtige Positionen in emissions­intensiven Firmen.

Was wir herausgefunden haben

Die grössten Fortschritte gibt es bei den Öl-, Gas- und Kohle­unternehmen. Ihr Gewicht in den Anlage­portfolios ist in den vergangenen Jahren stark gesunken: von 13 Prozent Mitte 2014 auf aktuell knapp 3 Prozent.

Etwas höher ist der Anteil der emissions­intensivsten Unternehmen in den Portfolios. Er bewegt sich im Schnitt bei 9 Prozent. Bei den meisten Banken ist auch dieser Anteil gesunken, allerdings nicht so stark.

Wie sich die beiden Metriken – emissions­intensive Firmen sowie Öl-, Gas- und Kohlefirmen – insgesamt entwickelt haben, zeigt die folgende Grafik.

Klimarisiken nehmen ab

Anteil am US-Aktien-Portfolio

Emissionsintensivste Unternehmen
Öl, Gas und Kohle
2014202115,6 %8,9 %13,4 %2,7 %020 %

Gewichteter Durchschnitt über fünf Banken. Quelle: US Securities and Exchange Commission, Refinitiv, OpenFIGI.

Warum ging das Gewicht von Öl-, Gas- und Kohlefirmen stärker zurück als jenes der generell emissions­intensiven Unternehmen? Eine Erklärung liegt in den Aktienkursen: Fossile Rohstoff­förderer liefen an der Börse aufgrund tiefer Rohstoffpreise während längerer Zeit nicht sehr gut.

Eine andere Erklärung liegt in den Klima­strategien, die viele Investorinnen in den letzten Jahren aufgegleist haben. Im Hauptfokus standen dabei die «braunen» Industrien: fossile Rohstoffe, Strom­versorgung, Transport. Hier wollten viele Anleger ihre Risiken verringern. Systematischere Ansätze, bei denen Firmen aus verschiedenen Branchen hinsichtlich ihrer Emissionen verglichen werden, sind dagegen noch wenig verbreitet.

Wie sich die Banken unterscheiden

Vergleicht man die Aktien­portfolios der Banken untereinander, so fallen manche Ähnlichkeiten auf – aber auch einige Unterschiede.

UBS und Credit Suisse, mit leichten Abweichungen auch die Zürcher Kantonalbank, verfolgen bei ihren Investitionen einen ähnlichen Stil. Sowohl die Anlagen in Öl-, Kohle- und Gasfirmen als auch jene in generell CO2-intensive Unternehmen entwickelten sich bei diesen Banken nach demselben Muster.

Ähnlicher Verlauf

Anteil am US-Aktien-Portfolio

Emissionsintensivste Unternehmen
Öl, Gas und Kohle
UBS2014202114,8 %7,9 %13,6 %3,1 %020 % Credit Suisse2014202116,1 %8,2 %14,4 %2,9 %020 % ZKB2014202114,6 %8,1 %11,2 %2,8 %020 %

Quelle: SEC, Refinitiv, OpenFIGI

Das liegt daran, dass diese drei Banken relativ marktnah investieren: Sie legen die Kundengelder im Schnitt so an, dass das Ergebnis nicht wesentlich von der Gesamtbörse abweicht. Das kann durch aktive Kauf- und Verkaufs­entscheidungen geschehen oder indem die Banken Kundengelder in eigene, sogenannt passive Anlageprodukte wie ETF oder Indexfonds stecken. Diese Produkte bilden das Verhalten der restlichen Markt­teilnehmerinnen anhand vorab festgelegter Formeln ab.

Je marktnäher eine Bank investiert, desto weniger eigene Überlegungen fliessen in den Anlage­prozess mit ein. Klimatechnisch ist das suboptimal, denn gerade die amerikanische Börse bildet Klimarisiken – Stand heute – erst mangelhaft ab. Dies geht aus aktuellen Forschungsarbeiten aus Nordamerika hervor. Emissions­intensive Branchen sind zudem an der Börse generell übervertreten.

Stärker vom Markt weichen die Portfolios von Pictet und Lombard Odier ab. Die beiden Westschweizer Privatbanken setzen weniger auf Öl-, Gas- und Kohlefirmen – deren Anteil beträgt inzwischen 1 Prozent oder weniger. Dafür halten sie mehr Aktien der emissions­intensivsten Firmen. Bei Pictet, der Spitzenreiterin in dieser Kategorie, machen sie beinahe 15 Prozent aus. Bei Lombard Odier sind es 11 Prozent, allerdings ist hier kein Rückgang erkennbar.

Unterschiedliche Strategien

Anteil am US-Aktienportfolio

Emissionsintensivste Unternehmen
Öl, Gas und Kohle
Pictet2014202121,9 %14,9 %8,2 %0,8 %0,020,0 % Lombard Odier201420219,7 %10,8 %11,8 %1,0 %0,020,0 %

Quelle: SEC, Refinitiv, OpenFIGI

Um welche Unternehmen geht es hier? Bei Lombard Odier gehören Flug­gesellschaften wie American Airlines zu den grössten Anlagen im emissions­intensivsten Bereich. Bei Credit Suisse, Pictet, UBS und ZKB waren es, abgesehen von Unternehmen der Öl-, Gas- und Kohlebranche, vor allem Stromversorger.

Wie man Investments bewertet

Wer Aktien einer Firma mit hohem Treibhausgas­ausstoss kauft, wird zu deren Mitbesitzer und profitiert vom Gewinn. Er wird auch mitverantwortlich für die Emissionen – also die Umwelt­verschmutzung. Diese entsteht direkt (während der Produktion eines Gutes oder der Erbringung einer Dienstleistung) oder indirekt (während des Gebrauchs eines Produktes, das die Firma herstellt und verkauft).

Ob man die Aktien einer solchen Firma aus Klimasicht behalten oder verkaufen sollte, wirft ein Dilemma auf.

Der amerikanische Stromversorger NextEra Energy, an dem zuletzt alle untersuchten Banken Aktienpakete hielten, bietet ein gutes Anschauungs­material. NextEra jagte 2021 rekordverdächtige 2538 Tonnen Treibhausgas pro Million Dollar Umsatz in die Luft. Grund: Das Unternehmen erzeugt seine Energie mehrheitlich mit Gas, Öl und Kohle. Gleichzeitig ist NextEra der weltgrösste Produzent von Wind- und Solarenergie und wird die erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren deutlich ausbauen.

Was tun? Eine Möglichkeit wäre, keine Aktien von NextEra zu halten, solange die Firma eine schlechte Emissions­bilanz aufweist. Pictet, die drittgrösste Schweizer Anlegerin am US-Aktienmarkt nach UBS und Credit Suisse, geht jedoch anders vor. Die Bank investierte nicht nur in NextEra-Aktien, sondern verkauft diese auch in ihrem «Clean Energy»-Fonds. Darin liegen auch Aktien des deutschen Energiekonzerns RWE, der fast zwei Drittel seiner Elektrizität mit Kohle- und Gaskraftwerken erzeugt. Die erneuerbaren Energien nehmen auch bei RWE zu, machen Stand heute aber nur einen Fünftel an der Gesamtproduktion aus.

Pictet erklärt auf Anfrage, dass die Bank in emissions­intensive Firmen investiere, wenn diese einen «glaubwürdigen Entkarbonisierungs­plan» haben, der mit dem Ziel kompatibel ist, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, und wenn die Firma zudem keine neuen Investitionen in Kohle­kraftwerke tätige. Zudem, sagt Pictet, sei man interessiert daran, als Aktionärin über die Strategien solcher Unternehmen mitzuentscheiden.

Wie es weitergeht

Der beste Umgang mit Klimarisiken ist für Anlegerinnen nicht immer eindeutig, das zeigt die Antwort von Pictet. Mit Blick auf die Zukunft ist dennoch klar: Wer in Unternehmen investiert, die stark von billiger Umwelt­verschmutzung abhängen, spielt mit dem Feuer. Steigende CO2-Preise können sich nämlich besonders negativ auf deren Aktienkurse auswirken. Das zeigt sich am Beispiel der Strombranche in Europa: Versorger mit einem klima­schädlichen Energiemix schnitten ab dem Moment, als in Europa ein halbwegs griffiges Emissionshandelssystem eingeführt wurde, schlecht ab.

In den USA hat der Klimaschutz einen schwereren Stand. Doch die Entwicklung läuft in dieselbe Richtung: Stromversorger müssen in immer mehr US-Staaten für ihre Treibhausgasemissionen zahlen. Der Schweizer Finanzplatz hat diesen Wandel noch nicht ganz verinnerlicht. Alle von uns untersuchten Banken scheinen zwar auf die eine oder andere Art auf Klimarisiken einzugehen. Das geht aus den Antworten hervor, die wir von den Banken erhalten haben, sowie aus ihrem Marketing­material.

Abgeschlossen ist dieser Prozess aber nicht, wie Öl-, Gas- und Kohleaktien im Gesamtwert von rund 19 Milliarden Dollar zeigen. Doch auch hier gibt es Fortschritte: 2014 waren es noch 41 Milliarden Dollar gewesen. Allerdings entspricht die neueste Summe noch immer etwa dem Bruttoinland­produkt Afghanistans.

Bedeutende Restposten

Anlagen per Mitte 2021, in US-Dollar

Emissionsintensivste UnternehmenUBS034 Mrd. Pictet014 Mrd. Credit Suisse013 Mrd. ZKB01,4 Mrd. Lombard Odier01,0 Mrd. Öl, Gas und KohleUBS013 Mrd. Credit Suisse04,6 Mrd. Pictet0760 Mio. ZKB0500 Mio. Lombard Odier092 Mio.

Quelle: US Securities and Exchange Commission, Refinitiv, OpenFIGI.

Die Anlagen in die 15 Prozent der emissions­intensivsten Firmen beliefen sich zuletzt auf mehr als 63 Milliarden Dollar – das entspricht etwa drei Vierteln des Schweizer Bundesbudgets. 2014 waren es erst rund 48 Milliarden Dollar gewesen. Der Grund für die Zunahme: Die Aktien­portfolios der Banken sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Gleichzeitig sanken die Börsenkurse der emissions­intensivsten Firmen weniger als jene der fossilen Rohstoff­firmen. Im Ergebnis haben die Schweizer Banken Anlagen in erstere Firmen weniger stark zurückgefahren.

All das offenbart die Finanz­industrie selbst nicht freiwillig – es mangelt an Transparenz in diesem Bereich. Dies kritisiert auch die Europäische Zentralbank: Keine einzige der über 100 Banken unter ihrer Aufsicht lege die Klimarisiken auf zufriedenstellende Weise offen.

In der Schweiz müssen Banken dieses Jahr erstmals gegenüber der Finanzmarkt­aufsicht Auskunft über ihren Umgang mit Klimarisiken geben. Ob diese Dokumente dann tatsächlich Relevantes enthüllen, ist offen.

Zum Autor

Balthasar Sager arbeitet als Freelance-Datenjournalist und Data Scientist. Kürzlich hat er an der Universität Zürich sein Masterstudium in Politikwissenschaft mit Vertiefung Politischer Datenjournalismus abgeschlossen.

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