Was vier junge Menschen so tun im Sommer, wenn es heiss ist und niemand nervt: nichts. Ascot Elite Entertainment

Jung sein, jetzt

Der Schweizer Regisseur Lorenz Merz hat einen Film gedreht, von dem Sie vermutlich gar nicht wussten, wie gut Sie ihn brauchen könnten. Es geht um die wichtigsten Erinnerungen, die ein erwachsener Mensch besitzt.

Von Theresa Hein, 14.04.2022

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Einmal, gegen Ende des Films, taucht der junge Gabriel aus dem Wasser auf. Vielleicht aus der Limmat, vielleicht auch aus anderen Wasser­massen, die gerade Zürich fluten, das ist nicht ganz eindeutig. Er schnappt nach Luft, rettet sich an Land, und dann sieht er eine Giraffe auf der Strasse stehen, ungefähr so verloren und verletzt wie er selbst.

Vermutlich würde man bei fast jedem anderen Film eine Erklärung verlangen, wie die Wasser­massen (und die Giraffe) dahin gelangt sind oder wie Gabriel ins Wasser hinein. In Lorenz Merz’ Film «Soul of a Beast» ist man aber nach beinahe zwei Stunden kaum mehr überrascht. Zu diesem Zeitpunkt trägt die Hauptfigur schon eine Narbe von einem Samurai­schwert auf der Wange, und ihr Haus hat begonnen, sich aufzulösen.

Über vier Jahre arbeitete der Schweizer Regisseur Lorenz Merz an «Soul of a Beast». Im Kopf trug er die Geschichte noch viel länger mit sich herum.

Aber zurück zum Wasser, zur Strasse, zum Teenager, der nach Luft schnappt: Wenn sich Leben anfühlt wie Ertrinken, wen kümmerts dann, wie das Wasser dahin gekommen ist?

«Soul of a Beast» feierte vergangenes Jahr auf dem Filmfestival in Locarno Weltpremiere und kommt heute, ein Dreiviertel­jahr später, in die Deutsch­schweizer Kinos. Es ist der zweite Spielfilm des Schweizer Regisseurs und Kameramanns Lorenz Merz. Der 17-jährige Gabriel befindet sich darin in folgendem Dilemma: Er hat bereits einen kleinen Sohn. Jamie ist gut zwei Jahre alt, zuckersüss, aber eine Verantwortung, die den Vater von den ganzen anderen Versuchungen des Beinahe-Erwachsenseins abhält – Skaten, Party machen, Meskalin einwerfen.

Einmal sind diese Versuchungen stärker als Gabriels Bedürfnis, ein guter Vater zu sein, und er überlässt Jamie der Obhut seiner Nachbarin, der Sexarbeiterin Afua, die er nicht besonders gut kennt. An diesem Abend lernt er die Freundin seines besten Freundes kennen, und irgendwie geht Gabriels Leben dann auf eine ganz komische Art und Weise von vorne los.

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SOUL OF A BEAST Trailer - 14. April im Kino

Kurz vor dieser Begegnung dürfen die Zuschauerinnen in Gabriels Leben einsteigen. Schon in der ersten Minute rezitiert eine Stimme aus dem Off auf Japanisch etwas von Reinkarnation und meldet an, dass es hier über eine Boy-meets-girl-Geschichte hinausgehen wird – auch über die Version mit dem zusätzlichen Konflikt­faktor (ein Kind versorgen als allein­erziehender, blutjunger Vater).

Am Ende gehts um Leben und Tod, oder, um im Bild beim sich aus dem Wasser hievenden Gabriel zu bleiben: darum, in den richtigen Momenten nach Luft zu schnappen.

Keine Möglichkeit zur Korrektur

«Ich will den Film nicht erklären», wehrt sich Regisseur Lorenz Merz, als ich ihn an einem Wintertag für die Republik zum Gespräch treffe. Und er hat recht, gerade bei «Soul of a Beast» wäre es idiotisch, das zu tun. Denn es handelt sich um einen dieser seltenen Fälle, in denen das, was man erklären will, im Moment des Versuchs bereits kaputtzugehen droht.

Ausnahmsweise beginne ich deswegen beim Eindruck, den der Film hinterlässt, bevor ich zum Anfang komme. Das, was eine nach diesen zwei Stunden beinahe physisch in den Kinosessel drückt, ist nämlich ungefähr dieser Gedanke: Es gibt gute und schreckliche Erfahrungen im Leben, und alles, was man am Ende des Tages tun kann, ist, die guten Gefühle zu behalten und mit den schlechten irgendwie zu leben. Und vermutlich ist das ganze Leben der Versuch, zwischen diesen beiden Polen die Balance zu halten, ohne Möglichkeit zur Korrektur.

Joel (Tonatiuh Radzi), Gabriels bester Freund, hat Grund zur Verzweiflung. Ascot Elite Entertainment
Gabriel (Pablo Caprez) hat mehr als einen kräftezehrenden Sommertag hinter sich. Ascot Elite Entertainment

Wo Erklären nicht weiterbringt, hilft ja bekanntlich Beschreiben. Also, mit diesem Gedanken vom Ende im Hinterkopf, von vorne: Was bekommt man genau zu sehen und – sehr wichtig für diesen Film – zu hören, wenn man sich «Soul of a Beast» anschaut?

Am besten nähert man sich dem Film über Zürich, der Darstellung der Stadt, die sich besonders in der ersten Hälfte des Films permanent ins Bild schiebt wie ein zweiter Protagonist, der aufreizend mit den Wimpern klimpert.

Es ist Sommer. In einer geballten Aneinander­reihung perfekt belichteter Augenblicke, für die Lorenz Merz beim Schweizer Filmpreis jüngst mit der Auszeichnung für die beste Kamera bedacht wurde, sind die Farben der Stadt surreal verstärkt. Die Ufer des Sees dschungelgrün, die Augen und Haare der Haupt­darstellerinnen im Sonnenlicht gleissend. Sogar in der Langstrasse sieht es aus, als hätte jemand ein klares, kalabrisches Licht importiert (spätestens da fällt einem dann wieder auf, dass man sich in einem Film befindet).

Künstlich wirkt das deshalb nicht, weil alle diese Farben und dieses Licht in der Stadt in der Realität durchaus existieren. Aber immer nur ganz kurz, manchmal für Sekunden­bruchteile, und noch ehe man jemanden darauf hinweisen kann, passiert schon irgendwas Zürich-mässiges, und man bekommt eine Klage­androhung, weil man sein Velo vor einer Anwalts­kanzlei abgestellt hat.

Die Kunst des verknallten Blickes, next level

Lorenz Merz hat sich in «Soul of a Beast» nun darauf konzentriert, diese Zürcher Stimmungen zwei Stunden lang festzuhalten und die Rüffeleien auf ein Minimum zu beschränken. Das ist ein Wagnis, weil es aufgrund der Liebes­geschichte zwischen zwei jungen Menschen im Sommer – und ja, natürlich gehen Gabriel und seine Angebetete Corey in die Badi, wohin denn auch sonst – leicht in Kitsch kippen könnte. Aber das passiert nicht, dazu gleich mehr.

Was der Film von der ersten Sekunde an erahnen lässt, ist eine Qual und Arbeitswut bis zur Selbst­aufgabe, die hinter ihm stecken. Monate verbrachte Merz im Schnittraum, investierte wiederum Monate in die Musikauswahl des Films, die seine Sorgfalt bei jedem Song spüren lässt (auch für die Musik wurde «Soul of a Beast» beim Schweizer Filmpreis ausgezeichnet, genauso wie für das Szenenbild).

Als Lorenz Merz mit der Republik über seinen Film spricht, sagt er einmal die entlarvenden Sätze eines Perfektionisten: dass er seine Arbeit nicht beende, wenn er das Gefühl habe, sie sei gut. Sondern dann, wenn ihn für den Moment nichts mehr daran störe.

Darüber hinaus kann man drei Gründe ausmachen, warum dieser Film einer der besten des Jahres ist und für viele Jahre einer der besten über das Jungsein bleiben wird. Zum einen liegt das daran, dass «Soul of a Beast» eben nicht nur die Ebene der Dreiecks­beziehung zwischen Gabriel, seinem Freund Joel (Tonatiuh Radzi) und dessen Freundin Corey (Ella Rumpf) kennt. Sondern dass eben auch noch Gabriels kleiner Sohn und dessen migräne­geplagte Mutter (brillant und nervtötend gespielt von Luna Wedler) Gabriel beschäftigen; beide potenzieren sie die der Jugend inhärente Zerrissenheit.

Die Couch sollten die drei eigentlich entsorgen, als Thronstatt eignet sie sich aber noch sehr gut. Ascot Elite Entertainment

Zum Zweiten, und hier wird es komplizierter, liegt das daran, dass beinahe alles, was im Film eine erwartbare Richtung nehmen könnte, mit Hilfe von absurdem Humor oder überbordenden ästhetischen Mitteln in die entgegen­gesetzte gelenkt wird: Als seine Grossmutter den kleinen Jamie einmal gegen seinen Willen bei einer ihrer Goldküsten-Partys zum Tanzen drängt, wehrt sich das Kind auf eine ziemlich brutale und unerwartete Weise.

Die ausgebrochenen Zootiere, die durch Zürich streifen, und die Berichte, die darüber im Fernsehen zu sehen sind, rücken den Film langsam vom Genre Sommer­romanze in Richtung Fantasy.

Und eine beinahe ikonische Aufnahme von Gabriel – Samurai­schwert auf dem Rücken, Kleinkind vor der Brust, er kämpft sich durch Wasser­massen – erweitert die Stimmungen, die Lorenz Merz im Film aufruft, um die des magischen Realismus. (Genauso wie auch ein todtrauriges, fulminantes Finale zwischen Mensch und Tier.)

Weil der magische Realismus zuerst nur behutsam angedeutet wird, mit Fortschreiten des Films aber zunehmend offensiv und dann wie selbst­verständlich stattfindet, tragen wir, die Zuschauerinnen, ihn mit. Und erst hinterher kommt man dazu, zu fragen, was das jetzt eigentlich gerade war.

Ähnlich geht Merz mit Kitsch um. Er weiss, dass er im Film eigentlich ein einziges Zuviel aus Liebe und Schmerz zusammen­geschnitten hat. Im Gespräch mit der Republik sagt er einmal, der Film sei «überflutend», das sei ihm bewusst. Während der Arbeit an dem Film erinnerte ihn ein Sticker auf seinem Computer daran, bloss nicht mit Eindrücken zu geizen: «Grand Opera» steht darauf.

Das passt. Für seine Liebes­bekundung gegenüber Corey erwähnt Gabriel indische Bollywood­filme, während im Hintergrund ein Mob zu Soulmusik durch die Strassen tanzt. Gabriel zitiert den Ultrakitsch, während er seine Liebe vor diesem überladenen emotionalen Setting gesteht. Kitsch ja, aber dann wenigstens performativ – da kann man dann auch bedenkenlos zwei junge Menschen einander gegenüberstellen, die sich anschmachten. Vor allem, wenn sie so spielen wie Pablo Caprez und Ella Rumpf.

Eines von vielen schönen Bildern eines schönen Paares im Film: Gabriel (Pablo Caprez) und Corey (Ella Rumpf).Ascot Elite Entertainment

Gabriel-Darsteller Caprez hat, ebenfalls bei den Schweizer Filmpreisen, für sein Spielfilm­debüt den Preis als bester Haupt­darsteller gewonnen, und es dürfte unter anderem daran liegen, dass er die Kunst des verknallten Blickes auf ein neues Level gehoben hat.

Für Glaubhaftigkeit inmitten des Schmachtens sorgen dann – faszinierend, ausgerechnet – das Schweizer­deutsche und die Umgebung, die Merz gewählt hat.

Unsinnlich und zerhackt

Bei unserem Treffen erzählt der Regisseur, er habe in Zürich den Film drehen wollen, den er in der Stadt immer vermisst habe, von dem er aber überzeugt war, man könne ihn drehen. Er spricht von der Heraus­forderung, die es war, den Film hier zu verwirklichen, vom Casting; davon, dass er bei keiner der Rollen genau wusste, wer sie spielen sollte (ausser bei Corey, denn mit Ella Rumpf hat er schon für Simon Jaquemets «Chrieg» zusammen­gearbeitet). Davon, wie er der Mutter des kleinen Buben, der Gabriels zweijährigen Sohn spielt, auf der Strasse hinterherlief und etwas sagte wie: «Äh, ich suche ein Kind genau wie Ihres, ich mache einen Film».

Er seufzt. «Zuerst dachte ich, wie soll das gehen, Zürich ist nicht Portland.» Insgesamt hätte ihm die Stadt es dann während der acht Wochen Dreh doch ziemlich einfach gemacht. Merz macht aber auch den Eindruck, als bereite es ihm Freude, das Zürcher Publikum zu triezen: «Ich weiss jetzt schon, dass sich Leute aufregen werden, weil im Film auch Französisch gesprochen wird, und irgendjemand sagen wird: Das gibts doch hier aber gar nicht.» Er schnaubt. «Ich habe aber alles überziehen wollen, auch die Mehrsprachig­keit. Ich wollte ein zusammen­gefasstes Bild von der Schweiz widerspiegeln und trotzdem keiner Lokalrealität gerecht werden müssen.»

Also, Schweizerdeutsch. «Eine faszinierende Sprache, gerade, weil es keine Grammatik­regeln gibt. Da hat man ein Problem, weil Dialoge über Liebe noch kitschiger klingen können als auf Hochdeutsch, aufgesetzter. Es ist eine extrem zerhackte Sprache, eine unsinnliche Sprache, auf dem Papier.» Bei den Schauspielerinnen seien ihm deswegen auch ihre Stimmen sehr wichtig gewesen.

Nach Papier klingen im Film dann wirklich nur drei kurze Sätze, zwei davon bezeichnender­weise auf Hochdeutsch. Ansonsten bilden das Trio aus den Freunden Corey, Joel und Gabriel und ihre Darstellerinnen wahrheitsgetreu ab, wie wichtig es jeder einzelnen Figur ist, cool und unabhängig zu sein. Allen dreien gelingt es aber auch, zu zeigen, wie viel Verletzlich­keit hinter ihren lässigen Fassaden steckt. Caprez besonders bewegt sich derart sicher zwischen den Polen Ekstase und Freude am Leben und untragbarem Schmerz, den er erfahren muss, dass ein Blick in sein Gesicht mehr verrät als jeder Dialog.

Damit endlich zum dritten und wesentlichen Grund, warum «Soul of a Beast» so berührt oder, wahlweise, plättet. Sein Regisseur arbeitet mit kollektiven Erinnerungen. Diese werden nicht vorgeführt, sondern durch die Liebe fürs Detail erlebbar gemacht: Sass man nicht auch mal so affig auf einer Couch und hat sich gefühlt, als sei man der Mittelpunkt der Welt? Steht der Schal, den Gabriels Freund Joel voller Stolz auf sein schönes Gesicht trägt wie einen Bühnenvorhang, nicht für sämtliche modischen Statements, die irgendwann mal absolut lebensnotwendig schienen?

The Crown: Corey (Ella Rumpf) im Garten ihrer Eltern. Ascot Elite Entertainment

«Soul of a Beast» bedient sich der ganzen Klaviatur der Jugend: Verzweiflung, Angst, die Lust, sich in einen neuen Menschen zu verlieben, und, daran anschliessend, die blanke Panik, diese Liebe könnte unerwidert bleiben.

Kennen alle, haben aber die meisten vergessen.

Das zweite Set an kollektiven Erinnerungen, derer Merz sich bedient, schliesst einen etwas exklusiveren Kreis von Menschen ein, dürfte aber durch ihre dargestellte Wucht auch andere Zuschauerinnen erreichen: die persönliche Veränderung eines Menschen, die mit der Geburt des eigenen Kindes eintritt.

Merz ist selbst mit 18 Jahren Vater geworden. Seine eigenen Erfahrungen dienen allerdings, wenn überhaupt, als Inspiration für Gabriels Zerrissenheit, betont er, alles andere ist fiktionalisiert. «Die ganz andere Art von Liebe jedoch, die mit einem Mal ins Leben kommt, wenn man ein Kind hat, wollte ich auch darstellen» – eine Liebe, gegen die man sich nicht wehren kann und will. Sie zieht sich als zweite Liebes­geschichte durch den ganzen Film. Auch sie ist von Pablo Caprez und dem jungen Art Bllaca so gut gespielt, dass sie gelebt wirkt.

Kurz bevor ich mich bei unserem Gespräch im Winter von Lorenz Merz verabschiede, erzählt er von einem Autounfall auf einem spanischen Highway, den er mit einem Freund hatte, vor zwanzig Jahren. Da war er selbst Anfang zwanzig, eine riesige Scherbe zerschnitt ihm den Rücken. Eine blökende Schafherde in der Morgensonne, die er am nächsten Tag aus dem Spitalfenster sehen konnte, war für ihn einer der schönsten Anblicke, die er bis dahin gesehen hatte. «Wir gehen im Leben so nah am Tod vorbei», sagt er. «Man muss sich einfach erinnern.»

Wo wir jetzt wieder beim Kitsch wären. Aber als Merz das sagt, sitzen wir passender­weise auf den Stufen bei der Unterführung Ecke Lang-/ Lagerstrasse, in der Ferne beschleunigt ein Irrer irgendwo mit seinem Auto, es ist saukalt, und es bleibt einem nichts anderes, als zu denken: Stimmt schon.

Zum Film:

Lorenz Merz (Regie): «Soul of a Beast». Mit: Pablo Caprez, Luna Wedler, Ella Rumpf. Schweiz, 2021. 110 Minuten. Kinostart: 14. April.

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