Strassberg

Die Rechtfertigung des Krieges

Warum ist die Wahrheit immer das erste Opfer des Krieges? Weil Menschen nicht an die besseren Argumente glauben, sondern an Erzählungen, die ihnen ein kohärentes Selbst­bild erlauben.

Von Daniel Strassberg, 22.03.2022

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Ursprünglich sollte diese Kolumne von Ideologien handeln. Aber angesichts der Ereignisse in der Ukraine und der realen Möglichkeit eines Atom­krieges erschien mir das läppisch. Andererseits fiel mir auch nichts ein, was die Philosophie zum besseren Verständnis dieser unbeschreiblichen, menschen­gemachten Katastrophe beizutragen hätte. Nie war mir die Philosophie ferner als in den letzten Wochen.

Doch dann habe ich mich wieder aufgerappelt: Schliesslich hatte die philosophische Reflexion schon immer eine intime Verbindung zum Krieg. Der Krieg sei der Vater aller Dinge, meinte schon der Vorsokratiker Heraklit.

Es wird oft vergessen, dass die neuzeitliche Philosophie zu Beginn ein politisches, genauer ein Friedens­projekt war. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wüteten in Europa verheerende Religions­kriege – der Dreissig­jährige Krieg (1618–1648) und die Englischen Bürger­kriege (1639–1651), die an Zerstörung, Leid und Grausamkeit alles Bisherige in den Schatten stellten. Marodierende Banden hinter­liessen eine blutige Spur ausgebrannter Städte, verwüsteter Dörfer, kahlgefegter Äcker und entleerter Land­striche. Überall lagen die Leichen erschlagener, gefolterter und vergewaltigter Menschen herum. Die Kriege hatten, begleitet von Hungers­nöten und Seuchen­zügen, die Bevölkerung Europas fast um ein Viertel reduziert.

Die «Schadensliste», die nach einem Überfall der kaiserlichen Soldaten auf das hessische Reinheim im Mai 1635 bei der zuständigen Obrigkeit fein säuberlich eingereicht wurde, liest sich so: «Hans Philipp Gossmann von Spachbrücken zu Tod geschlagen. Hans Gerhards schwangeren Frauen die Rippen entzwei­geschlagen, dass sie bald gestorben. Jakob Hans Frau zu Tod geschändet. Hans Simon mit dem Gemächt ufgehängt und vollends erschlagen (…) Summa: 18 Personen.»

Trotz ihrer fundamentalen Differenzen stimmten die bedeutenden Philosophen dieser Zeit, allen voran Thomas Hobbes und René Descartes, darin überein, dass die grösste Gefahr für einen dauer­haften Frieden von religiösen Schwärmern ausging, von den enthusiasticks, wie sie in England genannt wurden: «Unter Enthusiasten verstehen wir fanatische Menschen, die entweder vortäuschen oder annehmen, Gottes Atem oder Inspiration zu empfangen, und sei es durch teuflische, melancholische oder willentliche Illusion sich selbst und andere täuschen, dass solche Inspiration göttlicher Offenbarung zugeschrieben werden muss», schreibt der Theologe Friedrich Spanheim der Ältere im Jahr 1643.

Wer sich wie die Geister­seher, Schwärmer und Enthusiasten auf die Existenz unsichtbarer Kräfte beruft, entzieht seine Behauptungen der inter­subjektiven Überprüfung. Das persönliche Erleben wird zur göttlichen Inspiration verklärt und gegen jede Kritik immunisiert. Wo aber die Möglichkeiten der Überprüfung von Behauptungen fehlen, entstehen Gewalt und Krieg. Der Autorität der persönlichen Offenbarung kann nur mit Waffen, nicht mit Argumenten Nachdruck verliehen werden – das ist heute nicht anders.

Letztlich erfüllte nach Ansicht dieser Philosophen nur die Mathematik die Bedingungen eines überprüfbaren, universalen Wissens. Die unabdingbare Voraus­setzung für einen dauerhaften Frieden ist deshalb eine Philosophie, die sich an die Mathematik anlehnt. So schreibt der Historiker der Royal Society Thomas Sprat (1635–1713):

Das einzige Heilmittel, das für diese Extravaganz [des Enthusiasmus] gefunden werden kann: eine enge, nackte, natürliche Redeweise und alle Dinge so nahe an die mathematische Schlichtheit zu bringen, wie sie können.

Thomas Sprat.

Der Traum einer an die Mathematik angelehnten, universalen Philosophie, die dem Krieg ein für alle Mal ein Ende bereitet – ein Traum, dem noch Kant in seiner Schrift «Zum ewigen Frieden» (1795), wenn auch ironisch gebrochen, nachhing –, hat sich offensichtlich nicht erfüllt. Das wird uns auch heute wieder vor Augen geführt.

Zu den gespenstischsten Szenen dieses Krieges gehören die Presse­konferenzen von Sergei Lawrow. Wie eine mechanische Sprech­puppe gibt der russische Aussen­minister die von seinem Chef verordneten Sprech­blasen von der Entnazifizierung der Ukraine und vom Völker­mord in der Ostukraine zum Besten. Es ist ihm anzusehen, dass er selbst nichts von dem glaubt, was er sagt, und dass er weiss, dass ihm auch die anwesenden Journalistinnen kein Wort abnehmen. Ähnlich lächerlich waren die Inszenierungen, in denen der Verteidigungs­minister und der Generalstabs­chef vom anderen Ende eines riesigen Tisches wie verängstigte Pudel den Befehl Putins zur Bereit­stellung der Atom­streitmacht entgegen­nehmen.

Weshalb gehören solche Propaganda­veranstaltungen, so grotesk und unglaubwürdig sie sein mögen, zu jedem Krieg? Was ist der Sinn solcher Rituale, an deren Inhalt ohnehin niemand glaubt? Weshalb wäre es unmöglich gewesen zu sagen: Wir verleiben uns die Ukraine ein, weil wir militärisch überlegen sind und niemand uns daran hindern kann? Warum kommt es auf die Wahrheit in solchen Situationen scheinbar so gar nicht mehr an?

Menschen glauben – entgegen der naiven Fehleinschätzung der meisten Philosophen – nicht an die besseren Argumente, sondern an jene Narrative, die ihnen ein kohärentes Selbst­bild erlauben.

Sigmund Freud vollzog im Jahre 1914, in seinem Artikel «Zur Einführung des Narzissmus», eine radikale Kehrt­wende in Bezug auf sein Verständnis der Verdrängung:

Wir haben gelernt, dass libidinöse Triebregungen dem Schicksal der pathogenen Verdrängung unterliegen, wenn sie in Konflikt mit den kulturellen und ethischen Vorstellungen des Individuums geraten. Unter dieser Bedingung wird niemals verstanden, dass die Person von der Existenz dieser Vorstellungen eine bloss intellektuelle Kenntnis habe, sondern stets, dass sie dieselben als massgebend für sich anerkenne, sich den aus ihnen hervor­gehenden Anforderungen unterwerfe. Die Verdrängung, haben wir gesagt, geht vom Ich aus; wir könnten präzisieren: von der Selbst­achtung des Ichs. (…) Die Idealbildung wäre von Seiten des Ichs die Bedingung der Verdrängung. (Hervor­hebungen DS)

Aus Sigmund Freud: «Zur Einführung des Narzissmus» (1914).

Früher glaubte Freud, dass Vorstellungen verdrängt werden, die den kulturellen Normen wider­sprechen, nun ist er der Meinung, dass Vorstellungen verdrängt werden, wenn sie mit der Selbst­achtung nicht vereinbar sind. Der Unterschied mag klein erscheinen, er ist aber entscheidend. Selbst­achtung, ja, Identität überhaupt ist von einer kohärenten Selbst­erzählung abhängig, das heisst von einer plausiblen, in sich stimmigen Erzählung über sich selbst. Was nicht in die Geschichte passt, die ich mir und anderen erzähle, wird verdrängt, meinte Freud.

Neben der Verdrängung gibt es allerdings noch eine andere Möglichkeit, mit disparaten, unintegrierbaren Teilen der eigenen Geschichte und des eigenen Ichs umzugehen: Man schafft eine Erzählung, in die selbst diese verpönten Teile passen.

Genau dies ist die Funktion von Ideologien. Sie offerieren einen plausiblen Kontext, eine stimmige Erzählung für im Grunde inakzeptable Handlungen, oder anders gesagt: für Handlungen, die in jedem anderen Kontext völlig inakzeptabel wären. Wie zum Beispiel einen zerstörerischen Angriffs­krieg anzuzetteln. Was also nicht verdrängt werden kann, wird in einen anderen Kontext – zum Beispiel das Narrativ eines Gross­russlands, an dem die Welt genesen soll – versetzt, und plötzlich geht alles auf. Und nicht nur das: Wer in jeder anderen Erzählung nur Massen­mörder genannt werden kann, ist nun plötzlich der Retter der Welt.

Solange Geschichten Sinn und Zusammen­hang vermitteln, spielen Argumente keine Rolle. Das Gefühl der inneren Kohärenz ist für die menschliche Psyche derart zentral, dass sie bereit ist, dafür jeglichen kritischen Sinn preiszugeben. In der Film­theorie nennt man diesen Mechanismus suspension of disbelief: Ich bin bereit, für eine gute Geschichte zu glauben, dass ein Labor­unfall dazu führen kann, dass sich ein Mensch mittels Spinn­fäden, die aus seinen Fingern spriessen, fliegend durch eine Gross­stadt bewegt («Spider-Man»). Natürlich glaube ich es nicht wirklich, aber ich bin bereit, meinen Unglauben für eine Weile beiseite­zuschieben und mich auf die Geschichte einzulassen, solange sie in sich stimmig ist.

Das geschieht jetzt in Russland: Nicht nur um der politischen Repression zu entgehen, ist man bereit, sich dem grotesken Narrativ Putins zu unterwerfen, sondern auch um die Kohärenz des Selbst, die Selbst­achtung und das Gefühl, mit sich im Reinen zu sein, zu retten.

Unversehens sind wir doch beim ursprünglich angedachten Thema der Ideologie angelangt: Eine Ideologie ist demnach eine Geschichte, die es ihren Anhängerinnen erlaubt, auch unter Umständen mit sich im Reinen zu bleiben, die dies eigentlich nicht erlauben. Oder, genauer gesagt: Es wird für das Narrativ, das den Krieg rechtfertigt, ein Kontext gesucht, in dem er nicht völlig absurd erscheint. Meist finden Ideologien diesen Kontext in der Historie, genauer: in einem präzis gewählten Ausschnitt der Geschichte.

Allerdings funktioniert eine Ideologie nur, solange sie Erfolg hat. Im Moment der Niederlage ist plötzlich niemand mehr bereit, seinen kritischen Sinn hintan­zustellen. Wenn nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich niemand mehr Nazi gewesen sein wollte, so ist das nicht nur eine böswillige Lüge oder eine Selbst­täuschung, sondern vielen schien es tatsächlich nicht mehr nachvollziehbar, wie sie diesen Rassen­unsinn einst glauben konnten.

Eine Ideologie muss eben auch das implizite Versprechen einlösen, ihre Anhänger noch zu ihren Lebzeiten zu erlösen. Daraus ergibt sich eine wechsel­seitige Recht­fertigung: Die Ideologie rechtfertigt den Krieg, und der Erfolg im Krieg rechtfertigt die Ideologie. Oder anders gesagt: Ab einem gewissen Punkt wird die Politik Geisel ihrer eigenen Ideologie. Daran scheitern letztlich alle Ideologien. Allerdings erst, nachdem sie unermessliches Leid über die Menschen gebracht haben. Auch Putin wird daran zugrunde gehen.

Illustration: Alex Solman

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