Essensportionen für jene, die ihre Energie und Zeit für anderes brauchen – für Pflegerinnen, Feuerwehrleute, Polizisten.

Leben in Trümmern

Helfen

Lesha hat in Kiew eine Aufgabe gefunden, um den Kopf etwas freizubekommen. Geschlafen wird derzeit zu Hause – dort hat sich unser Fotograf mit seiner Frau Agata nach der «2-Wände-Regel» eingerichtet.

Von Lesha Berezovskiy (Text und Bilder) und Annette Keller (Bildredaktion und Übersetzung), 05.03.2022

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Agata und mir geht es gut. Wobei, auch diese Aussage wird zunehmend relativiert. Wenn man die Menschen fragt, wie es ihnen geht, antworten sie mit «wir leben».

Wir sind froh, wieder zu Hause zu sein. Dieses Zuhause reduziert sich im Moment auf ein paar wenige Quadrat­meter im Eingangs­bereich unserer Wohnung. Hier halten wir uns meistens auf, wenn wir daheim sind, hier schlafen wir auch. Damit befolgen wir die «2-Wände-Regel»: Wird die erste, die Aussen­wand, getroffen oder stürzt sie ein, hält die zweite, hinter der wir uns befinden, die herum­fliegenden Fragmente auf.

Ich hoffe, wir werden nie erfahren, ob das wirklich so ist.

Einen Tag bevor der Krieg angefangen hat, haben wir noch neue Bett­wäsche gekauft. Die ist nun viel zu gross für unsere kleinen Schlaf­plätze. Wir werden sie nutzen, wenn das alles vorbei ist. Wenn zwischen­durch mal kein Alarm­zustand herrscht, erlauben wir uns, kurz auf unser grosses, bequemes Bett zu liegen. Sobald es draussen dunkel wird, machen wir in den Räumen mit Fenstern kein Licht mehr an.

Der Teamspirit ist gut, die Arbeit in der Küche tut gut.
Endlich anpacken können, die Sirenen ignorieren.
Ein kleiner Vitaminnachschub.
Gespendete Zutaten werden zu Sandwiches verarbeitet.

Nachdem wir tagelang online Hilfe organisiert haben, fühlen sich unsere Köpfe leer an. Wir möchten konkret etwas tun, sind rastlos. Ich höre mich um und erfahre von einem Freund, dass Cafés und Restaurants angefangen haben, für diejenigen zu kochen, die ihre Energie und Zeit für anderes brauchen: Verteidigungs­kräfte, Angestellte in Kranken­häusern oder Alters­heimen, die Polizei. Als Liefer­dienst kommen wir nicht infrage, unser Auto ist dummer­weise in der Werkstatt. Mein Freund hat uns deshalb mit einem Koch vernetzt, der in der Nähe von uns ein Café betreibt – in seiner Küche können wir uns nützlich machen. Es fühlt sich gut an, endlich mal was mit den Händen zu tun, wir finden dadurch etwas Ruhe.

Wir arbeiten in einem Team von 15 bis 20 Leuten und bereiten täglich etwa 1000 Mahlzeiten zu. Der Team­spirit ist cool – jemand bringt Zutaten, jemand anderes Verpackungs­material, wir kochen. Die Zutaten werden von verschiedenen Lieferanten gespendet, andere kommen von Restaurants, die noch etwas übrig haben. Dann wird von 10 bis 14 Uhr gekocht, von 14 bis 16 Uhr verpackt, danach alles abgeholt und an die verschiedenen Stellen gebracht. Es ist schön, diese Möglichkeit zu haben. Das hilft uns, den Kopf freizubekommen, auch mal ein paar News zu verpassen und das Sirenen­geheul zu ignorieren.

Die Sandwiches sind bereit für die Auslieferung.

Insgesamt ist es sehr bewegend zu sehen, was alles geleistet wird. Andere Freunde von mir haben zum Beispiel mehrere Freiwilligen­gruppen aufgestellt. Bei ihnen laufen Anfragen zusammen von Menschen, die nicht aus ihren Wohnungen können oder in Schutz­kellern fest­sitzen. Diese Anfragen werden gebündelt und gelangen an Frei­willige, die in Super­märkten und Apotheken die benötigten Sachen besorgen und zu den Menschen bringen. Die einen beliefern mit ihren Autos die linke Seite von Kiew, andere die rechte Seite, und die Dritten sind zu Fuss in ihrer Nachbarschaft unterwegs.

Das Geld, das meine Bekannten aus dem Ausland schicken, verteile ich an die verschiedenen Projekte; wo es gerade gebraucht wird. Hilfe kommt von überall auf der Welt. Das hat einen sehr beruhigenden Effekt, es entlastet uns auch. Wenn das alles vorbei ist, werde ich eine Welt­reise unter­nehmen und alle meine Freunde und Freundinnen einzeln umarmen.

Zum Fotografen

Lesha Berezovskiy arbeitet als freier Fotograf in Kiew. Er ist 1991 im ostukrainischen Bezirk Luhansk geboren. Als dort 2014 der Krieg ausbricht, zieht er in die Hauptstadt, wo er heute mit seiner Frau Agata lebt.

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