Erneutes Unheil

Keine Nation ist gezwungen, ihre Vergangenheit zu wiederholen. Doch geschieht in der Ukraine derzeit etwas nur allzu Bekanntes.

Von Anne Applebaum (Text), Oliver Fuchs, Daniel Graf und Bettina Hamilton-Irvine (Übersetzung), 25.02.2022

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Lieber Gott, erneutes Unheil!
Es war so friedlich, so ruhig
Wir fingen erst an, die Ketten zu sprengen
Die unser Volk zu Sklaven machen
Als halt! Schon wieder fliesst des Volkes Blut
In Strömen …

Das Gedicht heisst «Erneutes Unheil». Die Original­version wurde auf Ukrainisch geschrieben, 1859, und der Autor, Taras Schewtschenko, meinte es nicht im übertragenen Sinn, wenn er über Sklaverei schrieb. Schewtschenko war in eine Familie von Leibeigenen – Sklaven – hinein­geboren worden auf einem Anwesen, das sich in der Mitte der heutigen Ukraine befindet, damals jedoch zum Russischen Kaiser­reich gehörte. Als Kind wurde er von seiner Familie getrennt und folgte seinem Meister nach Sankt Petersburg, wo er als Kunst­maler ausgebildet wurde und mit dem Schreiben von Gedichten begann. Beeindruckt von seinem Talent, half eine Gruppe von Künstlern und Schrift­stellern ihm, seine Freiheit zu erkaufen.

Zu der Zeit, als Schewtschenko «Erneutes Unheil» schrieb, war er bereits allgemein anerkannt als der berühmteste Dichter der Ukraine. Er war bekannt als kobsar oder «Minne­sänger» – der Name stammt von seiner ersten, 1840 veröffentlichten Gedicht­sammlung –, und seine Worte definierten die besondere Reihe von Erinnerungen und Emotionen, die wir heute als die «nationale Identität» der Ukraine bezeichnen würden. Seine Sprache und sein Stil sind nicht zeitgemäss.

Trotzdem scheint es plötzlich wichtig, diesen Dichter aus dem 19. Jahrhundert den Leserinnen ausserhalb der Ukraine vorzustellen, weil es plötzlich wichtig scheint, genau diese Erinnerungen und Emotionen für ein Publikum greifbar zu machen, das Schewtschenkos romantische Balladen nicht lesen wird.

Es wurde so viel geschrieben über russische Perspektiven auf die Ukraine, so viele haben über die russischen Ziele in der Ukraine spekuliert. Der russische Präsident hat uns am Montag sogar in einer einstündigen Hasstirade darüber informiert, dass die Ukraine seiner Ansicht nach gar nicht existieren sollte.

Aber was bedeutet die Ukraine eigentlich für Ukrainer?

Die Ukrainerinnen gingen aus dem mittelalterlichen Kiewer Reich hervor – demselben Reich, aus dem auch die Russen und Belarussinnen hervorgingen – und wurden schliesslich, wie die Iren und die Slowakinnen, eine landbasierte Kolonie anderer Kaiser­reiche. Im 16. und 17. Jahrhundert lernten ukrainische Adlige Polnisch und nahmen am polnischen Hofleben teil. Später bemühten sich einige Ukrainer, Teil der russisch­sprachigen Welt zu werden, lernten Russisch und strebten Macht­positionen zuerst im Russischen Kaiser­reich an, danach in der Sowjetunion.

Doch in den gleichen Jahrhunderten entstand auch ein ukrainisches Selbst­verständnis, das eng an den Bauernstand gebunden war: Leibeigene und Landwirte, die sich nicht anpassen wollten oder anpassen konnten. Die ukrainische Sprache wie auch die ukrainische Kunst und Musik wurden auf dem Land erhalten, während in den Städten Polnisch oder Russisch gesprochen wurde. Wer damals sagte: «Ich bin Ukrainerin», machte damit nicht nur eine Aussage über ihre Ethnie, sondern auch über ihren Status und ihre gesellschaftliche Position. «Ich bin Ukrainer» bedeutete, dass man sich bewusst abgrenzte vom Adel, von der herrschenden Klasse, vom Kaufmanns­stand, von den Städtern.

Später konnte es auch bedeuten, dass man sich von der Sowjetunion abgrenzte: Ukrainische Partisanen kämpften 1918 gegen die Rote Armee, danach wieder in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs sowie in den frühen Jahren des Kalten Kriegs. Die ukrainische Identität war schon antielitär, bevor jemand den Ausdruck antielitär benutzte, sie hatte häufig etwas Wütendes und Anarchisches, manchmal auch Gewalt­tätiges. Auch einige von Schewtschenkos Gedichten sind sehr wütend und sehr gewalttätig.

Weil er sich nicht durch staatliche Institutionen ausdrücken konnte, drückte sich der ukrainische Patriotismus, wie der italienische oder der deutsche Patriotismus zur gleichen Zeit, im frühen 19. Jahrhundert durch freiwillige religiöse und gemein­nützige Organisationen aus. Es sind frühe Beispiele von dem, was wir heute «Zivil­gesellschaft» nennen: Selbsthilfe­gruppen und Lern­gemeinschaften, die Magazine und Zeitungen publizierten, Schulen und Sonntags­schulen gründeten sowie der bäuerlichen Bevölkerung zu Bildung verhalfen.

Als sie stärker und zahlreicher wurden, begann Moskau diese ukrainischen Basis­organisationen als Bedrohung für die Einheit des kaiserlichen Russlands wahrzunehmen. 1863 und danach wieder 1876 verbot das Kaiser­reich ukrainische Bücher und verfolgte jene, die sie schrieben und publizierten. Schewtschenko selber verbrachte einige Jahre im Exil.

Trotzdem überlebte die ukrainische Idee in den Dörfern, und sie wurde unter Intellektuellen und Schrift­stellerinnen immer stärker. Sie blieb so mächtig, dass sie viele Ukrainer davon überzeugen konnte, 1917, zur Zeit der Oktober­revolution, einen eigenen Staat anzustreben. Der Bürger­krieg machte diese Gelegenheit zunichte, doch die Bolschewiki realisierten sofort, dass die Ukraine eine eigene Republik innerhalb der Sowjetunion werden müsse – geführt von ukrainischen Kommunisten. Allerdings, das Misstrauen der Ukrainer gegen Obrigkeiten, ganz besonders sowjetische Obrigkeiten, blieb.

Als Stalin 1929 mit der Zwangs­kollektivierung der Landwirtschaft in der ganzen Sowjetunion begann, brach in der Ukraine eine Reihe von Aufständen los. Genau wie vor ihm die Aristokraten zu Zeiten des Zarenreichs begann Stalin zu fürchten, er würde die Ukraine «verlieren», wie er es ausdrückte. Selbst die ukrainischen Kommunisten, so seine Angst, würden seinen Befehlen nicht mehr gehorchen. Bald schon organisierten sowjetische Geheim­polizisten Gruppen von Aktivisten, die in ländlichen Gegenden von Haus zu Haus gingen – und Lebensmittel beschlagnahmten. Rund 4 Millionen Ukrainerinnen verhungerten deswegen. Dann folgten Massen­verhaftungen von ukrainischen Intellektuellen, Autoren, Linguistinnen, Kuratoren, Dichterinnen und Malern.

Es gibt keine einfachen Linien, die sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart ziehen lassen. Es gibt keine direkten Analogien; keine Nation ist gezwungen, die eigene Geschichte zu wiederholen. Doch die Erlebnisse und Erfahrungen unserer Eltern und Grosseltern, die Gewohnheiten und Lektionen, die sie uns mitgegeben haben, sie prägen, wie wir die Welt sehen. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass sich im späten 20. Jahrhundert Stalins grösste Furcht bewahrheiten sollte – und die Ukrainer, dieses Mal erfolgreich, eine Graswurzel­bewegung organisierten, die ihnen schliesslich 1991 die Unabhängigkeit von der Sowjet­union einbrachte.

Möglicherweise ist es genauso wenig ein Zufall, dass viele Ukrainerinnen dem Staat gegenüber misstrauisch blieben, sogar ihrem eigenen gegenüber. Denn der Staat – die Regierung, die Regierenden, die Staats­macht –, das waren immer «die» gewesen, nicht «wir». Es gab keine Tradition des Staats­dienstes oder des Militär­dienstes; es gab überhaupt keine Tradition eines Dienstes an der Öffentlichkeit. Wenn denn das Krebs­geschwür der Korruption (das keine jener müden, zynisch gewordenen, ausgelaugten Republiken verschonte, die aus den Trümmern der Sowjet­union hervorgingen) in der Ukraine besonders virulent war, dann ist dies ein Teil der Erklärung dafür.

Doch in der langen Tradition ihrer Eltern und Grosseltern hörten Millionen von Ukrainern nicht auf, sich der Korruption und der Autokratie entgegen­zustellen. Und gerade weil die Opposition gegen postsowjetische Kleptokratie einen Teil der ukrainischen Identität ausmacht, ist diese auch eng verbunden mit dem Streben nach Demokratie, nach Freiheit, Rechts­staatlichkeit und europäischer Integration. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahm die Ablehnung der Ukrainerinnen gegen das postsowjetische, finanziell mit Russland verbandelte Establishment immer weiter zu, und sie begannen einmal mehr, für etwas Faireres und Gerechteres zu kämpfen.

Zweimal, 2005 und 2014, haben selbst organisierte ukrainische Protest­bewegungen kleptokratische und autokratische Führer gestürzt, die mit Unterstützung Russlands versucht hatten, die ukrainischen Wahlen zu stehlen und die Rechts­staatlichkeit auszuhebeln. 2005 antwortete Russland mit einem erneuten Versuch, in die ukrainische Politik einzugreifen. 2014 reagierte Russland mit der Invasion in die Krim und zahlreichen Angriffen auf ostukrainische Städte. Erfolgreich waren einzig die Angriffe im äussersten Osten, im Donbass, weil dort die von Russland geschaffene «Separatisten»-Bewegung durch die russische Armee gestützt werden konnte.

Doch der Charakter der Ukraine blieb unverändert. 2019 stimmten 70 Prozent der Ukrainerinnen erneut gegen das Establishment. Präsident wurde ein vollkommener Aussenseiter: ein in der Ostukraine geborener jüdischer Schauspieler ohne jede politische Erfahrung, jedoch mit reichlich Erfahrung darin, sich über die jeweiligen Macht­haber lustig zu machen – genau die Art von Humor, die Ukrainer am meisten schätzen. Wolodimir Selenski war berühmt für seine Rolle als geknechteter Schul­lehrer, der gegen Korruption wettert und dabei von Schülern gefilmt wird. In der Fernseh­serie geht dieser Clip viral, der Lehrer wird quasi aus Versehen zum Präsidenten gewählt, und plötzlich kriechen alle vor ihm: sein unfreundlicher Boss, seine unsympathische Familie, wildfremde reiche Leute. Der Schauspieler Selenski macht sich über diese Leute lustig und überlistet sie. Nach dem Willen der Ukrainer sollte der Präsident Selenski im echten Leben dasselbe tun.

Im Wahlkampf versprach Selenski ausserdem, den Krieg mit Russland zu beenden: den andauernden, kräfte­zehrenden Konflikt entlang der Grenze der Ostukraine, der in der vergangenen Dekade mehr als 14’000 Menschen das Leben gekostet hat. Viele Ukrainerinnen hofften, er würde auch das erreichen. Tatsächlich bemühte er sich um gute Verbindungen zu den Bewohnern der besetzten Krim und des Donbass; er bat um Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin; und er arbeitete unterdessen weiter an einer West-Integration der Ukraine.

Und dann: erneutes Unheil.

Es war so friedlich, so ruhig
Wir fingen erst an, die Ketten zu sprengen
Die unser Volk zu Sklaven machen
Als halt! Schon wieder fliesst des Volkes Blut
In Strömen …

Die Ukraine ist jetzt einem brutalen Angriff ausgesetzt. Zehntausende russische Soldaten ziehen durch die östlichen Provinzen des Landes, entlang seiner nördlichen Grenze und an seiner südlichen Küste. Denn wie die russischen Zaren vor ihm – und wie Stalin, wie Lenin – sieht auch Putin das Ukrainische als Bedrohung. Nicht als militärische Bedrohung, sondern als ideologische. Der entschlossene Weg der Ukraine hin zu einer Demokratie ist eine echte Provokation für Putins nostalgisches, imperiales politisches Projekt: die Schaffung einer autokratischen Kleptokratie, in der alle Macht in seinen Händen liegt, eine Art Annäherung an das einstige Sowjet­imperium. Die Ukraine untergräbt dieses Projekt durch ihre blosse Existenz als unabhängiger Staat. Ihr Streben nach etwas Besserem, nach Freiheit und Wohlstand, macht die Ukraine für ihn zum gefährlichen Rivalen. Denn sollte die Ukraine in ihrem jahrzehnte­langen Ringen um Demokratie, Rechts­staatlichkeit, ihrem Wunsch nach europäischer Integration erfolgreich sein, könnten die Russen ebenso fragen: Warum nicht auch wir?

Weder romantisiere ich Selenski noch mache ich mir irgendwelche Illusionen über die Ukraine als eine Nation mit 40 Millionen Einwohnern, unter denen es so viele gute und schlechte, mutige und feige Menschen gibt wie überall sonst. Doch in diesem Augenblick der Geschichte geschieht dort etwas Ungewöhnliches. Unter diesen 40 Millionen strebt eine beträchtliche Zahl – und zwar auf allen Ebenen der Gesellschaft, im ganzen Land und über sämtliche Tätigkeits­felder hinweg – nach einem faireren, freieren und wohlhabenderen Land, als es all jene waren, die sie in der Vergangenheit bewohnt haben. Unter ihnen sind Menschen, die bereit sind, ihr Leben dem Kampf gegen die Korruption zu widmen, die Demokratie zu stärken, souverän und frei zu bleiben. Einige von ihnen sind bereit, für diese Ideen zu sterben.

Die Auseinandersetzung, die bevorsteht, wird uns alle angehen, auf eine Weise, die wir noch nicht ergründen können. In dem jahrhunderte­langen Kampf zwischen Autokratie und Demokratie, zwischen Diktatur und Freiheit, ist die Ukraine jetzt die Frontlinie – und es ist auch unsere.

Zur Autorin

Anne Applebaum ist mehrfach ausgezeichnete amerikanische Journalistin und Historikerin. Sie ist mit dem einstigen polnischen Aussenminister Radosław Sikorski verheiratet und lebt seit 2006 in Polen. Dieser Text erschien am 24. Februar 2022 unter dem Titel «Calamity Again» im Magazin «The Atlantic».

Hinweis: In einer früheren Fassung schrieben wir, Anne Applebaum habe polnisch-jüdische Wurzeln. Richtig ist: Sie ist jüdische Amerikanerin und besitzt zudem auch die polnische Staats­angehörigkeit. Wir haben dies korrigiert.

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