Ay, Corona – wars das jetzt?

Was Sie zum Stand der Pan-, Epi- und Endemie nun wissen sollten: 15 Fragen und Antworten.

Von Ronja Beck, Marie-José Kolly (Text) und Lisa Rock (Illustration), 16.02.2022

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Schweden feierte kürzlich seinen «Freedom Day», Dänemark und England schon den zweiten, und auch Irland, die Niederlande und Österreich haben weitgehende Lockerungen beschlossen, ebenso wie Norwegen und Finnland. In der Schweiz gibt es keine Quarantäne mehr, und Homeoffice ist freiwillig – und in immer mehr Schulen fällt die Maskenpflicht.

Nun will der Bundesrat, der einen «Freuden­tag» schon angekündigt hat, heute Mittwoch entscheiden, welche von zwei Varianten künftig gelten soll:

  • Alle Massnahmen fallen aufs Mal.

  • Die Massnahmen fallen in zwei Schritten.

Wir rufen den Mann an, den wir an dieser Stelle immer anrufen, wenn sich unsere Stirn wieder besonders tief in Falten legt:

Wird das tatsächlich ein Freuden­tag, Marcel Salathé?

«Aus meiner Perspektive hatten wir unseren Freuden­tag schon längst: Damals, als die Impfung zugelassen wurde», sagt der Epidemiologe. Aber er finde es schon richtig, über Lockerungen zu sprechen, jetzt, wo die meisten Einwohner Zugang zu Impfung und Booster gehabt hätten und wo man wisse, dass FFP2-Masken jene, die den Schutz noch brauchen, sehr gut abschirmen.

Es sei nämlich gefährlich, wenn Menschen angesichts komplizierter Massnahmen­konstrukte und einer günstigeren epidemio­logischen Lage plötzlich anfangen, «Massnahmen, Schmassnahmen» zu denken und dabei Dinge wie die Homeoffice-Pflicht als Empfehlung zu betrachten. «Wenn man dann vielleicht im Herbst die Massnahme wieder verstärkt braucht, muss das Vertrauen in sie noch bestehen.»

Sinnvoll sei es also, rasch zu reagieren – in beide Richtungen. Das heisst: Massnahmen schnell aufzuheben, wenn sich die epidemio­logische Lage nachweislich verbessert. Und rasch wieder zu installieren, wenn sich eine Verschlechterung abzeichnet.

Das wars mit dem siebten Covid-Explainer der Republik. Danke für Ihr Interesse.

Ah, Sie haben noch Fragen. Sie trauen der Sache noch nicht so ganz? Haben von einer vierten Impfung gehört und fragen sich, was das soll? Möchten Ihre Grossmutter nicht ohne Maske besuchen, nur weil es Ihnen die Regierung erlaubt? Oder haben Beunruhigendes über Super­mutanten («Deltacron!») gelesen – und sehen das Land gerade zum x-ten Mal fröhlich in den nächsten Shutdown tanzen?

Nun denn, hier folgt, was unser ausgiebiges …

  • Wälzen von wissenschaftlichen Studien,

  • Studieren von Artikeln und

  • Löchern von Fachexperten, namentlich die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft, den Infektiologen Nicolas Müller und, eben, den Epidemiologen Marcel Salathé

ergeben hat, wie gewohnt als FAQ.

Und wie gewohnt wurde es lang. Deshalb, für etwas Orientierung, die Themen in grober Gliederung:

  1. Warum Sie sich entspannen sollten. Und warum Covid-19 deshalb noch lange keine Grippe ist. (Fragen 1–4)

  2. Wie uns das Virus noch überraschen könnte. Und warum die Impfung so wichtig ist. (Fragen 5–10)

  3. WANN HÖRT DAS ALLES ENDLICH AUF?? (Fragen 11–13)

  4. Was bleibt, im Guten wie im Schlechten. (Fragen 14–15)

1. Ergibt es denn jetzt Sinn, die Massnahmen so schnell wie möglich aufzuheben?

Politisch gesehen mag ein «Freedom Day» seine Logik haben.

Gesellschaftlich betrachtet ist der Begriff ungeschickt: «Die Situation ist volatil und wir haben keine Kristall­kugel», sagt Emma Hodcroft. «Was, wenn man in drei Monaten sagen muss: ‹Oh, sorry, Un-Freedom Day›?»

Epidemiologisch gesehen wären schrittweise Lockerungen wohl sinnvoll: «Die einschneidendsten Massnahmen zuerst», sagt Marcel Salathé. Und dann vielleicht so, dass man auch feststellen kann, was sich wie stark bewährt: «Wenn man alles aufs Mal aufhebt, findet man nicht heraus, dass vielleicht ein paar Dinge, etwa Masken, einen grossen Unterschied machen», sagt Hodcroft.

Und es wäre fatal, die Infrastruktur zur Prävention abzubauen, sagt Salathé. «Don’t get me wrong: Ich feiere gern, dass wir eine Zwischen­etappe erreicht haben, dass das Virus weniger bedrohlich ist.» Vorbei sei es deswegen noch nicht. Impfen, Testen, Kontakt­nachverfolgung, das müsse man schnell wieder hochfahren können.

2. Ich bin geboostert. Mein Umfeld ist grösstenteils geimpft. Die meisten Massnahmen, wenn nicht alle, sind bald passé. Kann ich mich jetzt endlich entspannen?

Grundsätzlich gilt es, erst einmal festzuhalten, dass es nie eine gute Idee ist, unentspannt durchs Leben zu gehen. Weder für Ihr eigenes Herz, noch für die Herzen der Menschen um Sie herum.

Also ja, bitte, unbedingt: Entspannen Sie sich.

Nun fällt Ihnen entspannen, mit Blick auf die jetzige Situation, gerade vielleicht gar nicht so leicht. Der Bundesrat öffnet. Doch stecken sich jeden Tag Zehntausende Menschen mit dem Virus an. Diese Gleichzeitigkeit von «Freuden­tag» und immer noch über 10’000 Fällen täglich widerspricht vielem, was uns die letzten zwei Jahre immer wieder eingetrichtert wurde. Das verwirrt, macht unsicher. Wie soll man sich denn jetzt verhalten? Oder eher: wie nicht?

Vielleicht fragen Sie sich ganz konkret:

Kann ich jetzt sorgenlos am Samstag­abend in ein Restaurant? Oder an eine Familien­feier? Was ist mit Ferien? Ist Reisen eine gute Idee?

Eine alleingültige Antwort auf diese Fragen können wir Ihnen nicht geben. Sorry. Aber wir können Ihnen dabei helfen, selber auf eine befriedigende Antwort zu kommen.

Punkt 1: Wie gut ist Ihr Immunschutz?

Ist ihre dritte mRNA-Impfung über 15 Wochen her? Dann könnte Ihr Schutz vor einer symptomatischen Erkrankung nur noch zwischen 25 und 40 Prozent liegen, wie Daten der UK Health Security Agency zeigen. Sind Sie ungeimpft, aber haben sich bereits mit Omikron infiziert? Dann sind Sie gemäss einer kleinen österreichischen Studie wahrscheinlich kaum vor anderen Varianten geschützt, und auch ihr Schutz vor einer erneuten Omikron-Infektion ist schlechter als bei Geimpften.

Punkt 2: Wie ungemütlich kann es für Sie oder Ihr Umfeld werden, falls das Virus Sie tatsächlich erwischt?

Falls Sie einer Risiko­gruppe angehören, ergibt es vielleicht Sinn, weiterhin vorsichtiger zu sein. Treffen Sie sich lieber draussen statt drinnen mit anderen Menschen und tragen Sie lieber noch etwas länger eine FFP2-Maske. Dasselbe gilt, wenn Sie zum Beispiel mit einer Person zusammen­leben, die eine Organ­transplantation hinter sich hat. Und: «Wenn alle Kontakt­personen geimpft sind, ist das eine Art Cocooning», sagt Infektiologe Nicolas Müller. «Ein Schutz in der Sippe sozusagen, wenn auch kein hundertprozentiger.»

Wenn Sie gar keinen Immun­schutz haben, also weder geimpft oder genesen sind, kann eine Erkrankung für Sie mit höherer Wahrscheinlichkeit schwer verlaufen. Eine Untersuchung von Daten aus den Schweizer Intensiv­stationen zeigt, dass es Geimpften mit höchsten Risiko­faktoren im Spital besser geht als Ungeimpften mit weniger Risikofaktoren.

Punkt 3: Jede Infektion mit Sars-CoV-2 birgt das Risiko von Langzeit­folgen, also Long Covid.

«Es ist völlig unklar, warum es die eine Person ‹tüpft› und die andere nicht», sagt Infektiologe Nicolas Müller. «Es hat jedenfalls nichts mit dem Schwere­grad der Infektion zu tun.» Auch ein milder Verlauf könnte bedeuten, dass Sie während Monaten oder Jahren noch mit Nachwirkungen einer Infektion zu kämpfen haben werden.

Ebenfalls nicht ganz klar ist, wie viele Menschen es trifft. Am Point de Presse vom 8. Februar meldeten Fach­expertinnen, dass in der Schweiz jeder Fünfte Covid-Genesene drei Monate nach der Erkrankung noch an Nachwirkungen leidet. Also zum Beispiel an Geruchs­verlust, Müdigkeit oder Kurzatmigkeit. Schweizer Kohorten­studien zufolge überdauern oder entwickeln sich bei den meisten eher leichtere Long-Covid-Symptome, bei einzelnen jedoch auch schwere.

Wer geimpft ist, scheint gemäss den wenigen Daten, die es dazu gibt, mit kleinerer Wahrscheinlichkeit Long Covid zu entwickeln als Ungeimpfte.

Langzeitfolgen von viralen Infekten sind grundsätzlich nichts Ausser­gewöhnliches. Es gibt jedoch erste Hinweise, dass dies bei Covid-19 häufiger der Fall sein könnte als beispiels­weise bei der Grippe. Betonung auf «Hinweise» – unter anderem, weil Covid-Patientinnen im Moment wohl mit höherer Wahrscheinlichkeit Symptome melden als Grippe-Infizierte, wie die Autoren einer Studie zum Thema selber anmerken.

Punkt 4: Wie stehts um die Leute um Sie herum?

Externe Faktoren können einen grossen Unterschied machen, was die eigenen Risiken angeht. Sind die Menschen in Ihrem Umfeld gleich vorsichtig wie Sie? Oder ist ihnen Corona schnurz? Treffen Sie sich immer mit denselben Leuten oder zirkulieren Sie in verschiedenen Gruppen? Ist das Restaurant proppen­voll oder sind die meisten Tische leer?

Auch wenn das Risiko einer Ansteckung hoch ist, spricht nichts dagegen, es trotzdem verringern zu wollen. Denn es ist keineswegs zwingend, dass man sich in diesen Tagen mit dem Virus infiziert.

Punkt 5: Auch ethische Überlegungen sind wohl nicht das Dümmste.

Wenn Sie verreisen zum Beispiel: Haben die Bewohnerinnen der Region, in die Sie reisen, Zugang zu einem Impfstoff? Wie schlimm wäre es, wenn Sie das Virus einschleppen? Müssen Sie Ihren Grossvater im Senioren­heim besuchen, oder läge auch ein Spaziergang drin? Und könnte der Kinder­geburtstag vielleicht im Park stattfinden statt in der engen Stube zuhause?

Am Schluss gehts eigentlich vor allem darum, das zu tun, wobei Ihnen auch wirklich wohl ist. Wir Menschen nehmen die Situation sehr individuell wahr. Wenn Sie noch vorsichtiger sein wollen, als es der Bundes­rat oder Ihr Umfeld für richtig befindet, dann seien Sie das. Und wenn Sie mehr Zeit mit Ihren Freunden verbringen wollen, dann tun Sie auch das.

3. Aber was soll ich mit diesen Überlegungen, Omikron ist doch jetzt wie eine Grippe?

Der gute, alte Grippe­vergleich. Bis vor kurzem haben ihn besonders Corona-Skeptikerinnen gezogen, um die Gefährlichkeit des Virus herunter­zuspielen und die Massnahmen für unnötig zu erklären. Doch inzwischen hört man die Vergleiche auch von seriösen Wissenschaftlern. «Ich glaube, der Vergleich ist legitimer geworden», sagt etwa der Epidemiologe Marcel Salathé.

Wie kommt das?

Daten aus England, aufbereitet von der «Financial Times», zeigen: In jüngeren Alters­gruppen sterben inzwischen sogar weniger Infizierte an einer Covid-19-Erkrankung, als das bei der Grippe der Fall ist. Ab 50 ist die infection fatality rate – also der Anteil der Infizierten, der an der Infektion stirbt – ungefähr doppelt so hoch, aber doch sehr viel tiefer als noch im Herbst 2020.

Das sind ausgezeichnete Nachrichten.

Und doch sind sie mit einem dicken Korn Salz zu servieren: England hat bei Sars-CoV-2 eine sehr hohe Impfquote. Und Ungeimpfte haben ein viel höheres Risiko, an Covid-19 zu versterben als Geimpfte – das gilt auch bei Omikron (dazu gleich mehr). «Wir dürfen nicht vergessen», sagt der Infektiologe Nicolas Müller: «Diesen verbesserten Schwere­grad von Covid-19 haben wir uns mit der Impfung erkauft.»

Zudem gibt es immer noch genug Punkte, in denen sich diese beiden Viren grundlegend voneinander unterscheiden:

  • Sars-CoV-2 ist deutlich ansteckender als Influenza. Das war schon beim Wildtyp von Anfang 2020 der Fall, von Omikron wollen wir gar nicht erst anfangen. Die Rechnung daraus ist gnadenlos: ansteckender = mehr Infektionen = mehr Todesfälle.

  • «Das Grippevirus mutiert in einem ziemlich stabilen Zyklus», sagt Emma Hodcroft. «Wir haben nicht in einem Jahr vier pandemische Grippen.» Ganz anders bei Sars-CoV-2, das noch unberechenbar ist.

  • Influenza kennen wir seit Hunderten Jahren, Sars-Cov-2 seit zwei. Unsere Körper haben Erfahrung mit der Grippe. Ob Jahre nach einer Infektion mit dem Corona­virus hingegen noch Spätfolgen auftreten könnten, weiss niemand.

«Das ist für mich ehrlich gesagt der grösste Stress­faktor», sagt Marcel Salathé. Während sich Menschen um die langfristigen Folgen von Impfungen sorgten – unbegründeter­weise, so der Epidemiologe – sollte man sich viel eher um die Folgen von viralen Infekten Gedanken machen. «Mit allen Erfahrungs­werten, die wir haben, kennen wir bei Viren sehr wohl länger­fristige Konsequenzen. Diese treten zum Teil Jahrzehnte nach einer Infektion auf.»

Beispiel: SSPE, eine fortschreitende Entzündung des Gehirns, die im Durchschnitt 7 Jahre nach einer Masern­erkrankung auftreten kann und immer tödlich endet.

«Auch die Grippe ist übrigens nichts Tolles», bemerkt Molekular­epidemiologin Emma Hodcroft. «Sie hospitalisiert und tötet eine ziemlich signifikante Anzahl Menschen jedes Jahr.»

4. Findet nicht sowieso die grosse Durchseuchung statt?

Sie meinen damit: Stecken sich jetzt alle an? Und wird die Impflücke damit geschlossen?

Klar, in den letzten Monaten haben sich in der Schweiz sehr, sehr viele Menschen infiziert. Und es infizieren sich immer noch viele.

Das heisst aber weder, dass es keine Menschen mehr gibt, die sich nicht infiziert haben. «Ich hatte noch nie Covid-19 und kenne genug Menschen, denen es gleich geht», sagt zum Beispiel die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft.

Noch heisst es, dass es eine gute Idee ist, eine Impflücke mit Infektionen schliessen zu wollen. Weil eine Infektion besonders für Ungeimpfte gefährlich sein kann. Und weil sie bei Omikron, und hier trifft es Ungeimpfte wieder härter, wahrscheinlich nur einen schlechten Immun­schutz bedeutet (dazu gleich mehr). Und weil sich die Lücke auf diesem Weg gar nicht schliessen lässt.

Die Idee, dass man das Virus einfach durch die Bevölkerung ziehen lassen soll, ist so alt wie die Pandemie selbst. Und auch wenn Omikron weniger Menschen ins Spital schickt und Bundesrat und Kantone deshalb die Schutz­massnahmen kippen, ist sie nicht weniger problematisch geworden.

5. Jetzt gibts doch neue antivirale Medikamente. Kann man Leute ohne Immunschutz damit gut behandeln? Brauchts dann die Impfung überhaupt noch?

Und wie es sie braucht.

Noch sind die neuen Medikamente Nirmatrelvir/Ritonavir und Molnupiravir von Pfizer und Merck in der Schweiz nicht zugelassen. Diese neuen Medikamente sollen – früh eingesetzt, also nicht erst im Spital – das Risiko eines schweren bis tödlichen Verlaufs gemäss Hersteller merklich (30 Prozent) bis massiv (fast 90 Prozent) reduzieren.

Diese Ankündigung ist vor allem für Menschen mit unterdrücktem Immun­system, etwa Krebs­patientinnen, eine sehr gute Nachricht. Oder für Menschen, deren Immun­system nicht auf die Impfung reagiert. Oder für Ungeimpfte. «Irgendwann im März werden diese Medikamente hoffentlich kommen», sagt Infektiologe Nicolas Müller.

Doch auch wenn sie dann da sind: Die Pillen sind kein Ersatz für eine vollständige Impfung, darin sind sich die befragten Experten einig. Einer Erkrankung vorzubeugen, ist immer der bessere Weg, als auf eine Erkrankung reagieren zu müssen. «Und wenn man erkrankt und diese Medikamente benötigt», sagt die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft, «dann will man jede einzelne Waffe gegen das Virus bereit haben. Dazu zählt auch das Immun­system, das besser arbeiten kann, wenn man geimpft ist.» (Und falls Sie sich um Nebenwirkungen der Impfung sorgen: Auch Medikamente haben Nebenwirkungen.)

6. Wie gut wirken nun diese Impfungen? Irgendwie bin ich enttäuscht.

Sagen Sie das bitte nicht! Denn die Impfungen, auch wenn das manchmal anders scheinen mag, leisten immer noch einen verdammt guten Job.

Sie leisten genau das, worauf wir zu Beginn alle hofften, dass sie es würden: Sie verringern das Risiko, wegen Covid-19 in ein Spital eingeliefert zu werden oder daran zu versterben – und zwar enorm.

In den letzten Monaten ist nun eingetreten, wovon Marcel Salathé der Republik im Sommer sagte, dass es eintreten würde: Immer mehr Geimpfte stecken sich an. Weil ihr Immun­schutz über die Zeit abgenommen hat. Und weil Omikron die gemeine Fähigkeit besitzt, sich noch besser an unserem Immun­system vorbei­schleichen zu können als die Delta-Variante.

«Es gibt Impfungen, die eine Infektion verhindern können», sagt Salathé. «Aber es ist eher selten. Man kann es also nicht erwarten.»

Und auch wenn sich Geimpfte wie Ungeimpfte infizieren können, ist es doch nicht dasselbe. «Das zu behaupten, wäre wie zu sagen: Albert Einstein und ich, wir können beide rechnen», sagt Emma Hodcroft.

Zum einen ist da, eben, das deutlich geringere Risiko eines schweren Verlaufs.

Zum anderen treibt eine Impfung in der Regel die Antikörper doch für mehrere Wochen bis Monate ordentlich hoch und verringert damit auch Ihr Infektionsrisiko.

«Vielleicht noch wichtiger: Studien haben uns gezeigt, dass Geimpfte das Virus schneller beseitigen als Ungeimpfte. Und dass die Menge an Virus bei ihnen geringer ist», sagt Emma Hodcroft. Und wer weniger (und weniger lang) Virus in sich hat, pustet auch weniger (und weniger lang) Virus aus und steckt damit weniger Menschen an.

Eine dieser Studien ist ein noch nicht wissenschaftlich begutachtetes Preprint aus Dänemark, für das sich Forscherinnen über 8500 dänische Haushalte angeschaut haben, in denen es zu einem Ausbruch kam. Die Autoren kommen zum Schluss, dass Geimpfte und Geboosterte, die sich mit Omikron infizierten, weniger ansteckend waren als ihre ungeimpften Mitbürgerinnen.

7. Wann kommt der Booster gegen Omikron?

Möglicherweise schon im Frühsommer – sofern die Resultate aus klinischen Studien wie geplant in den kommenden Monaten eintreffen und die Zulassungs­stelle Swissmedic diesen Booster überhaupt, und zeitig, zulässt. Sowohl die Moderna- als auch die Pfizer-Impfung werden seit Januar 2022 in omikron­spezifischer Variante an Menschen getestet.

Die vielleicht sogar wichtigere Frage ist aber:

Ist ein omikron­spezifischer Booster überhaupt noch sinnvoll?

Sein offen­sichtlichster Nutzen läge bei einem stärkeren und längeren Infektions­schutz: Um die Zahl jener zu senken, die mit Symptomen daheim, vielleicht gar im Bett, verharren müssen, und um Ansteckungen zu vermeiden. So ein Schutz wäre vor allem praktisch, ja, Sie ahnen es: jetzt, oder besser noch: vor zwei Monaten.

Aber im März? Im April? Ist die Omikron-Welle hoffentlich schon stark abgeklungen. Im aller­aller­schlimmsten Fall (bitte, bitte nicht) hat dann schon eine andere Variante übernommen, deren Stachel­protein noch einmal ganz anders daherkommt als jenes, mit dem Omikron unsere Zellwände knackt.

«Vermutlich ist es keine supergute Strategie, künftig varianten­spezifische Booster zu entwickeln, während uns ebenjene Varianten überrollen – es wird einfach nicht schnell genug gehen», sagt die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft.

Interessanter sei ein anderer Gedanke: Die bisherigen besorgnis­erregenden Varianten – Alpha, Beta, Delta, Omikron – seien alle unabhängig voneinander entstanden, keine sei ein Nachkomme einer anderen. «Die nächste Variante könnte von Omikron kommen. Sie könnte von Delta kommen. Oder sie könnte, wie die bisherigen, von irgendwoher kommen.» Nun könnte man zwar keine Impfung herstellen für eine Variante, die noch gar nicht existiert. Aber Alpha, Beta und Delta lägen hinsichtlich ihrer Merkmale recht nah zusammen, sagt Hodcroft, und Omikron weit davon entfernt. Ein omikron­spezifischer Booster würde vielleicht gegen Omikron nicht mehr so viel bringen, dafür aber gegen Varianten, die künftig in seiner Nachbarschaft auftauchen. Und er könnte ganz generell unsere Immunität verbreitern «indem wir einfach ein grösseres Stück der Karte abdecken», sagt Hodcroft.

8. Jetzt reden wir schon von der vierten Impfung. Was soll das? Brauche ich jetzt jedes Jahr eine Spritze?

Es ist nicht die freundlichste Antwort, aber lassen Sie uns das zunächst in den Worten der Soziologin Zeynep Tufekci beantworten, die kürzlich mit der «New York Times» gesprochen hat: «Wenn das Ihr Klagelied ist, dann bringen Sie die kleinste Violine mit, die Sie finden können.»

Denn dass überhaupt so wirksame Impfungen gegen Sars-CoV-2 entwickelt werden konnten, ist eine riesige Errungenschaft. Zugang dazu zu haben, ist ebenfalls nicht selbst­verständlich – viele Menschen auf der Welt haben noch kein Impfangebot, geschweige denn ein zweites oder drittes erhalten.

Die etwas freundlichere Antwort: Selbst­verständlich waren die Tage nach den Spritzen für manche Menschen besonders unangenehm, die Nebenwirkungen besonders stark, lang anhaltend oder stressig. Und nicht jeder konnte damit einfach heim und ins Bett: Manche hatten Arbeit zu verrichten, Kinder zu betreuen.

Die gute News: Vermutlich brauchen Sie keine jährliche Spritze (und auch keine Violine). «Ich glaube nicht, dass die meisten von uns bis zum Lebens­ende jedes Jahr geimpft zu werden brauchen», sagt die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft. Möglicher­weise werde so ein Szenario sinnvoll sein für jene, die das Virus kränker macht, ähnlich wie bei der Grippe-Impfung.

Bei allen ganz und gar ungünstigen Kapriolen, die Sars-CoV-2 noch machen könnte, wenn es blöd läuft: Die Erfahrung mit anderen Corona­viren zeige, sagte der Virologe Christian Drosten Anfang Februar zum Nord­deutschen Rundfunk, dass evolutionäre Sprünge – anders als bei Influenza­viren – tendenziell in eine bestimmte Richtung erfolgen. Dass also eine auf Omikron zugeschnittene Booster-Impfung vielleicht nicht nur einen zusätzlichen Bereich der Immunitäts­karte abdecken, sondern auch gleich eine Brücke bauen könnte zu einer künftigen Variante, die aus Omikron entstehen könnte (aber nicht muss).

In so einem Szenario lohnten sich möglicher­weise regelmässige Auffrisch­impfungen in den nächsten paar Jahren, und dann in weiteren Abständen – und dann gar nicht mehr, weil das regelmässig zirkulierende Virus, wenn es denn nicht allzu grosse Sprünge macht, die Impf-Immunität sozusagen updatet.

Nach der unmittelbaren Krisen­situation, für welche die bisherigen Impf­strategien entstanden sind, werden Forschende auch mehr über die idealen Impfmuster lernen: «Vielleicht findet man zum Beispiel heraus, dass weiter auseinanderliegende Booster längerfristige Immunität bieten, ähnlich wie bei manchen Kinderimpfungen», sagt Emma Hodcroft. Oder vielleicht werden multivalente Impfstoffe entwickelt, die etwa die Merkmale verschiedener Varianten in derselben Spritze vereinen und auf einen Schlag viel Terrain auf der Immunitäts­karte abdecken können.

Natürlich wird jede selber über ihre Booster-Strategie entscheiden können, sofern Booster auch künftig verfügbar sind. Man kann auf wiederholte Spritzen verzichten.

Oder wie Emma Hodcroft über die Sache nachdenken: «Ich mag es sehr, nicht krank zu sein.»

9. Aber wird das Virus mit der Zeit nicht zwangs­läufig milder?

Mit Verlaub, das ist leider Quatsch.

«Für die Idee eines immer milder werdenden Krankheits­erregers – das ist relativ gut untersucht – gibt es keine evolutions­biologische Basis», sagt Marcel Salathé, promovierter Evolutionsbiologe.

Wird das Virus milder? Wird es aggressiver? Tatsächlich ist beides möglich.

Salathé spricht von «vielen Beispielen» von Viren und Bakterien, die über die Zeit nicht milder geworden sind, teilweise eben gar im Gegenteil. «Beim Virus ist im Moment noch sehr viel Spiel an evolutions­biologischem Zufall», sagte kürzlich auch Virologe Christian Drosten in einem Interview.

Vor allem bei Viren, die sich in verschiedenen Spezies verbreiten, wie eben Sars-CoV-2, ist eine neue, wieder gefährlichere Variante keineswegs ein abwegiger Gedanke.

Marcel Salathé: «Im Prinzip kann ein Virus so mutieren, dass es sich in einem Wirt extrem gut fortpflanzen kann, während es in einem anderen Wirt – wegen genau dieser Mutationen – viel aggressiver wird.»

Das ist auch der Grund, warum Forscherinnen gerade mit Sorge auf infizierte Hirsche in New York blicken. Sollte sich das Virus weiter unter den Tieren verbreiten, «könnte das in der Evolution und dem Aufkommen einer komplett neuen Variante gipfeln, die den Schutz durch die jetzigen Impfungen möglicher­weise untergraben könnte», sagt Suresh Kuchipudi, Veterinär­virologe und Co-Autor der Hirsch-Studie. Weil die im Tier mutierten Viren wieder auf die Menschen zurück­springen könnten. Ein Fakt, der 2020 die dänische Regierung dazu bewegte, 17 Millionen Nerze töten zu lassen.

Chinesische Forscher vermuten, dass Omikron genau durch diese sogenannte reverse Zoonose entstand: Mäuse, die sich bei Menschen infiziert hatten, sollen das in ihnen stark mutierte Virus an die Menschen zurück­gegeben haben. Noch handelt es sich hierbei aber um eine Theorie.

Aber auch ohne reverse Zoonose ist nicht ausgeschlossen, dass das Virus weiter in eine ungünstige Richtung mutiert und sich künftig beispiels­weise noch besser an unseren Antikörpern vorbei­schleichen kann.

Eine weitere akute Gefahr bei Sars-CoV-2 ist die Rekombination von Varianten. Eine Gefahr, die Fachpersonen momentan bei Delta und Omikron sehen. Infiziert sich ein Mensch mit beiden Varianten, können sich diese zusammen­schliessen. Im schlimmsten Fall könnte daraus eine Variante entstehen, die die stärksten Eigenschaften von Delta und Omikron vereint – sich also einfacher am Immun­system vorbeischleicht und sich im Wirt stärker repliziert, uns also wieder kränker machen könnte.

Im Januar gab es bereits Meldungen zu «Deltacron». Diese stellten sich aber zum Glück als falsch heraus. Was aber nicht heisst, dass eine solche Rekombination nicht möglich ist. «Man muss im Moment befürchten, dass so etwas passieren könnte», sagt Virologe Christian Drosten.

10. Folgt auch künftig Variante auf Variante? Oder werden sich Delta- und Omikron- und weitere Wellen überlagern?

«Beides kann passieren», sagt der Epidemiologe Marcel Salathé: Mit gleichzeitig zirkulierenden Varianten müsse man auf jeden Fall rechnen, das sei in der Epidemiologie courant normal.

Wenn die Varianten einander so schnell ablösten wie vor einem Jahr Alpha den Wildtyp, wie im vergangenen Frühsommer Delta wiederum Alpha oder wie jetzt, wo Omikron Delta vom Spielfeld kickt, habe das immer damit zu tun, dass die neue Variante einen enormen Ansteckungs­vorteil habe gegenüber der alten. Die Frage werde also sein, ob Sars-CoV-2 uns auch künftig so andersartige Varianten beschert, dass sie dem Immun­system ein Schnippchen schlagen können, sagt Salathé.

11. Wird es dann egal sein, ob wir immun sind oder nicht?

Nein, das wird es nicht. Denn auch wenn das Virus Sars-CoV-2 nicht zwingend milder wird, so wird die Erkrankung, also Covid-19, uns in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr so hart treffen wie bisher.

Das gilt eben, ganz wichtig, für die Geimpften.

Wer keine Immunität hat und auf eine gefährlichere Variante trifft, dem gehts damit mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechter. Und auch wer ungeimpft ist, aber sich bereits infiziert hat – Sie haben es oben (siehe Frage 2.1) gelesen – kann leider nicht mit einem Immun­schutz vor neuen Varianten rechnen. Dasselbe gilt für Menschen, deren Immun­system aus verschiedenen Gründen keinen Schutz aufbauen kann.

Der Immunschutz ist es eben, der Covid-19 mit höherer Wahrscheinlichkeit milder macht beziehungs­weise gemacht hat. Dank den aktivierten T-Zellen, die selbst ein mutiertes Virus, das sich an unseren Antikörpern vorbei­schleicht, viel besser kennen und erkennen können als ebenjene Antikörper. Und nicht, weil das Virus an sich milder wird.

Den umfang­reichsten Schutz haben all jene, die vollständig geimpft sind und mehrere Infektionen durchgemacht haben. Habe die Bevölkerung eine solche Immunität aufgebaut, sei es gemäss Christian Drosten «praktisch indiskutabel, dass wir noch mal eine sehr schwere Variante der Krankheit bekommen».

12. Was ist eigentlich diese endemische Phase, von der alle reden?

Endemisch – aus dem Altgriechischen en demos – heisst: Eine Infektions­krankheit zirkuliert langfristig «im Volk». «Okay, cool», denken Sie jetzt vielleicht, «aber hatten wir das nicht schon?» Jaah – einfach in etwas heftiger. Das En- steht nämlich der Epi- und der Pan-demie gegenüber, bei welchen die Krankheit «auf dem» oder «überall im» Volk zirkuliert. Nun fragen Sie sich vielleicht, zu Recht, was diese Nuancen taugen.

Ehrlich gesagt: Mässig viel, finden wir. Und auch der Epidemiologe Marcel Salathé sagt, die Begriffe würden primär politisch verwendet und eine natur­wissenschaftliche Definition, etwa über Inzidenzen oder deren Entwicklung, gebe es nicht.

Das wirklich Interessante kriegt man heraus, wenn man ihn und andere Wissenschaftlerinnen etwas länger löchert. Also:

Mit Endemie meinen Experten, dass ein Krankheits­erreger zwar zirkuliert, aber nicht mehr diese massive Bedrohung verursacht, weil sich Gesellschaft und Gesundheits­system daran gewöhnt und darauf eingestellt haben. Was er tut, ist berechenbarer. «Das ist das endgame, das wir wollen», sagt die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft. Was wir aber nicht wüssten, sei: «Is it the end of the game? Wie viele ansteckendere, immun­evasivere, gefährlichere Varianten wird uns Sars-CoV-2 noch anwerfen, bevor sich das Verhältnis zwischen dem Virus und unseren Immun­systemen stabilisiert?»

Den Beginn einer Endemie kann man nur rückblickend bestimmen.

Und dann müssen wir Sie gleich nochmals enttäuschen: Berechenbar heisst leider nicht harmlos. «Malaria ist endemisch», sagt Hodcroft. «Polio war vor seiner weitest­gehenden Ausrottung endemisch, Pocken waren endemisch. Das waren diese Krankheiten, die man erwischen konnte und an denen man eben auch sterben konnte, und kämen sie zurück, wären sie genauso gefährlich wie damals.»

Sars-CoV-2 könnte endemisch und harmlos werden. Es muss aber nicht.

13. Wann ist die Pandemie vorbei?

Wenn die Endemie da ist.

Okay, Scherz beiseite: Wie die En-demie ist natürlich auch die Pan-demie mindestens ebenso sehr ein politisches oder soziologisches wie ein natur­wissenschaftliches Konstrukt. Im März 2020, vielleicht erinnern Sie sich noch, hat nach längerem Zögern die Welt­gesundheits­organisation (WHO) die Pandemie ausgerufen. Und ab da war dann eben Pandemie.

Demnach können Sie verschiedene Perspektiven einnehmen. Und das Ende der Pandemie ansetzen auf:

  • wenn die WHO ihr Ende ausruft.

  • wenn der Bundesrat sagt, es gebe keinerlei Massnahmen mehr.

  • wenn all Ihre Freundinnen, Verwandten und Arbeits­kollegen so leben, als hätte es Sars-CoV-2 nie gegeben.

  • wenn das Virus berechenbar geworden ist und das Gesundheits­system die Krankheits­last, die es verursacht, bewältigen kann.

Oder Sie halten sich an den Virologen Christian Drosten, der kürzlich zum Nord­deutschen Rundfunk sagte: «Die Pandemie ist dann zu Ende, wenn wir es zusätzlich zu dem Krankheits­schutz auch geschafft haben, einen Übertragungs­schutz in der Bevölkerung aufzubauen.» Wenn also dank breiter Immunisierung nicht nur keine Überlastung der gesundheitlichen Versorgung mehr droht, sondern auch die Bevölkerungs­mehrheit so gut gegen Sars-CoV-2 immunisiert ist, dass sich die meisten gar nicht mehr anstecken. Wenn also Wellen im Ausmass jener, die wir jetzt erleben, passé sind (sofern keine Gamechanger-Variante auftaucht).

Sie sehen schon: Die natur­wissenschaftliche Realität wird immer komplexer sein als irgendwelche Deklarationen.

Mit Blick auf die Natur ist es nicht verkehrt, bescheiden zu bleiben, sagt Emma Hodcroft: «Es gab im Sommer 2020 Leute, die überzeugt deklarierten, die Pandemie sei vorbei. Es gab im Frühling 2021 Leute, die überzeugt deklarierten, die Pandemie sei vorbei. Es gab Leute, die sagten, Delta würde die letzte Variante sein. Viele Leute haben zuversichtlich Zukunfts­prognosen für Sars-CoV-2 verkündet. Bisher lagen sie alle falsch.»

14. Was wird übrig bleiben an mühsamen Dingen?

Das hängt auch von Ihnen ab. Manche Einschränkungen werden Sie möglicher­weise freiwillig beibehalten wollen: Maske im öffentlichen Verkehr, gerade wenn Sie einen Schnupfen haben? Vielleicht lästig ja, aber sinn- und respektvoll. Hände­waschen? Vermeidet gerade viele Magen-Darm-Grippen bei Kindern. Daheim arbeiten bei Symptomen? Weniger Erkältungen für uns alle.

«Hoffentlich pendelt sich eine Art Gleichgewicht ein», sagt Emma Hodcroft: So, dass wir beibehalten, was ganz gut verkraftbar ist und von dem wir wissen, dass es nützt. Und wir dafür vielleicht Dinge wie die Maske am Arbeits­platz kippen: Weil es anstrengender ist, sie ganztags aufzuhaben als kurz im Bus. Und man seine Kolleginnen ja informieren kann, wenn man sich krank fühlt und möglicher­weise am Vortag unbemerkt ansteckend war. Im kommenden Herbst und Winter dann könnten Masken in allen Innen­räumen wieder eine gute Idee sein: Die Impflücke in der Schweiz ist wahrscheinlich zu gross, als dass wir ganz entspannt durch die kalte Saison kommen werden.

Abgesehen davon? «Im Idealfall ist das alles. Vielleicht, je nach Risiko­profil, der gelegentliche Booster», sagt Epidemiologe Marcel Salathé. Er sieht die gesellschaftliche und politische Verarbeitung der letzten zwei schwierigen Jahre als grösste Baustelle.

Und: Spitäler müssen Operationen nachholen. Menschen müssen endlich mit corona­unabhängigen Leiden zum Arzt können, die bisher noch niemand diagnostiziert hat. Viele leiden unter langfristigen Folgen einer Covid-19-Infektion, und vermutlich werden viele weitere eine Form von Long Covid erst noch entwickeln. Das wird Bevölkerung und Gesundheits­system langfristig belasten, ein System, in dem viele Ärztinnen und Pflegende seit zwei Jahren an der Belastungs­grenze arbeiten.

Das war das Szenario für den best case.

Im worst case, Sie wissen es, bremst uns Sars-CoV-2 wieder ein paar unangenehme Mutationen rein. Das würde wieder mühsam, keine Frage, aber wir sind zumindest theoretisch ganz gut gewappnet, um so etwas zu bewältigen.

15. Und werden wir auch gute Dinge mitnehmen?

Die Covid-19-Pandemie hat der Wissenschaft grosse Sprünge erlaubt – denken Sie an das gesteigerte Tempo, in welchem heute Wissenschaftler ihre Resultate öffentlich verfügbar machen, diskutieren, allenfalls verwerfen – oder begutachten und publizieren lassen. Oder die mRNA-Impfungen, die bald gegen andere Krankheiten eingesetzt werden könnten. Sowie die gesteigerte Aufmerksamkeit für chronische Krankheiten.

Und die Echtzeit­überwachung der Epidemie über Virussequenzen: «In der Vergangenheit erhielten wir diese genetische Information so spät, dass wir nur zurückschauen und für die Zukunft lernen konnten», sagt die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft. Heute hilft diese Forschung bei imminenten politischen Entscheiden. Die Schweiz habe hier nebst Grossbritannien und Dänemark eine Vorreiterrolle eingenommen – auch weil die Öffentlichkeit diese Sequenzierungen finanziere. Diese Forschung «könnte komplett umkrempeln, wie wir künftig mit Krankheitserregern umgehen», sagt die Forscherin.

«Ich hoffe, dass public health als Forschungs­feld nicht nur an Universitäten, sondern auch in der Administration sein Schatten­dasein verlässt», sagt Marcel Salathé. Wir bräuchten eine viel bessere langfristige Infrastruktur, müssten Dinge wie Testing und Contact Tracing so aufstellen, dass sie jederzeit hochgefahren werden können. Wir brauchen Luftfilter- und Ventilations­systeme, welche für die Luft, die wir atmen, dieselben Standards garantieren wie für das Wasser, das wir trinken (und das früher untrinkbar aus dem Hahn floss, so wie heute die Luft in vielen Räumen virus­belastet herumsteht.)

Ob das gelingt? Wir könnten jedenfalls nicht einfach darauf hoffen, sagt Salathé: «Für das müssen wir die Ärmel hochkrempeln.»

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