Angst und Schrecken auf Schloss Krypto

Libertäre und Anarchisten wollen mit Blockchain die National­staaten und das von Banken gesteuerte Finanz­system überwinden. Aber zerstört sich die Technologie nicht gerade selbst durch Spekulation? Recherche-Trip zu einem 50 Hektaren grossen Pandemie­domizil in Frankreich.

Von Daniel Ryser (Text) und Johanna Walderdorff (Illustration), 12.02.2022

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Am Ende der dreitägigen Orgie hatten wir alles wieder vergessen, was Gastgeberin Juno Brown am ersten Abend auf das Band gesprochen hatte. Meine Anwältin irrte nach einem 24-stündigen Acid-Trip verloren auf dem Schloss­hof herum und suchte ihr Smartphone, das sie irgendwo zwischen Tarot-Readings und dionysischen Ritualen verloren hatte. Ich lief über eine grosse Wiese in der Morgen­sonne durch die Trümmer einer ausschweifenden Partynacht und konnte es kaum glauben: Im nassen Gras lag das Handy plötzlich vor mir, und meine Anwältin hielt mich für Jesus den Erlöser.

Ich selbst hatte der Party nicht mehr folgen können. Die Mischung aus Silicon-Valley-Genies, Blockchain-Expertinnen und Künstler­seelen im Trading-Modus hatten in mir irgendwann Angst und Schrecken ausgelöst. Aber das war natürlich nur mein schweizerischer Kleingeist. Meine Anwältin hingegen, eine Frau von spiritueller Grösse, spielte bald mit dem Gedanken, ihre bürgerliche Karriere an den Nagel zu hängen und sich dieser Kommune anzuschliessen, wo hochintelligente Ivy-League-Absolventen mit dem Kopf voller LSD im Schlosspark Geigen­konzerte zum Besten gaben.

«Siehst du nicht diese Menschen?», sagte sie irgendwann zu mir und zeigte auf den riesigen Park. «Diese Leute sind Genies. Sie passen nicht in das Schema, in das man sie in dieser kalten Welt pressen will. Es braucht Schutz­räume wie diesen, in denen Menschen wie sie gedeihen können.»

Ich schlich in den Weinkeller im Haupt­gebäude und stiess auf zehn Flaschen Meursault und hoffte, als ich sie im Koffer­raum unseres schwarzen Mercedes verstaute, sie würden bei einer möglichen Zoll­kontrolle nicht entdeckt werden. Denn wie sollte ich das bloss meiner Anwältin erklären?

«Ich muss ein paar Calls machen», hatte sie gesagt, als unser Mietwagen über die französische Autobahn Richtung Krypto-Schloss schoss und sich die Tempo­tickets häuften. Die Franzosen waren ein humorloses Volk, wie die gnadenlose Blitzerei auf der Autobahn ein weiteres Mal bewies. «Kein Problem», sagte ich zu ihr. «Ich habe alles unter Kontrolle.»

Ich wollte die Kilometer einfach so schnell wie möglich hinter mich bringen, denn auf dem fünfzig Hektaren grossen Schloss­gelände in einer erstklassigen französischen Weinregion warteten, zumindest in unserer Vorstellung, neben einem grossen Weinkeller auch ein Stallgebäude voller Pferde­betäubungs­mittel und endlos weite strawberry fields, ein Xanax-Koffer für den medizinischen Notfall und gegen Reise­müdigkeit ein Plastiksack voller erlesensten bolivianischen Marsch­pulvers aus der nahe gelegenen Welt­metropole Paris.

Und die Interview­partnerin, wegen der wir die Reise überhaupt angetreten hatten: Juno Brown, eine renommierte Forscherin zum Thema Blockchain, die sich in erster Linie mit der Frage beschäftigt, wie die Blockchain-Technologie – einfach gesagt – dabei helfen kann, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

«Wir müssen die Wale schützen»

Zur Vorbereitung auf die Einführung in die veritable Krypto-Psychose hatte meine Anwältin vorgeschlagen, Ketamin zu konsumieren und eine Ausstellung des deutschen Malers und Bildhauers Gerhard Richter im Zürcher Kunsthaus zu besuchen und uns anschliessend Krypto­währungen zu besorgen. Wir tranken Champagner und kauften schliesslich auf der Republik-Redaktion ein wenig Ether, und zwar just zum Zeitpunkt, als sich diese Krypto­währung gerade auf einem neuem Höchst­stand befand (irgendwas über zweitausend Franken damals), während ihn Bekannte vor ein paar Jahren zu Dutzenden bei zwanzig Franken pro Coin gekauft hatten.

Aber schliesslich zählte jetzt das Erlebnis, das so viele in diesem Jahr teilten: Buy high, sell low. Komplett falsch. Komplett dumm. Einfach schrecklich. Einfach wunderbar. Aber Elon Musk hatte es uns ja versprochen: Dogecoin, «To the mooooonnn!!»

Womöglich würde ich kein Krypto-Millionär werden, aber immerhin auch nicht so enden wie James Howells aus Wales, der vor zehn Jahren aus Versehen seinen Bitcoin-Zugang in den Müll geworfen hatte – und damit rund eine halbe Milliarde Dollar. Seither lässt Howell Stück für Stück die Mülldeponie abgraben, auf der sich der Schlüssel befinden soll.

«Jedes Mal, wenn die Kurse einbrechen, geht es mir besser», sagte meine Anwältin. «Dann habe ich nicht diese ständige FoMO, was ich in den vergangenen Jahren alles hätte kaufen sollen – und was ich alles nicht hätte verkaufen sollen.»

Meine Anwältin, in den Dreissigern und Expertin auf dem Gebiet der Krypto­währungen, schwankte beim Thema zwischen Euphorie und Ernüchterung: «Momentan kann Blockchain noch immer alles sein», war sie überzeugt. «Es ist schliesslich das erste Mal, dass seit der Erfindung des modernen Finanz­systems ein valables, globales, supra­nationales, alternatives System entstanden ist, das die Banken einfach zur Seite schieben kann. Darin liegt eine riesige emanzipatorische Kraft der Individuen. Das ist die schöne Variante. Die andere Möglichkeit lautet: Krypto und Blockchain sind einfach nur Anarcho­kapitalismus in Reinform.»

«Um Krypto wirklich zu verstehen, muss man die Subkulturen betrachten, mit denen sich die Szene vermengt und überschneidet», sagte sie. «Daraus formt sich das Bild einer Ideologie, die erratisch zwischen Cypherpunk, Libertarismus, Technokratie und Esoterik oszilliert. Angereichert mit einer guten Prise toxischer Männlichkeit und grosser finanzieller Potenz, wird dann auch klar, warum diese Ideologie ein erhebliches gesellschaftliches Spreng­potenzial birgt: Nichts zählt mehr, ausser der finanzielle Wert. Alles ist quantifizierbar. Alles ist kapitalisiert und steht zum Verkauf. Die Gesellschaft. Die Kunst. Die Demokratie. Und das geschieht unter dem Deckmantel der versprochenen Demokratisierung, die oft im Zuge von Krypto genannt wird. Demokratisierung von allem und jedem, von Kunst, Investment, Energie, ja sogar von der Demokratie selbst. Das Bild, das sich an Veranstaltungen der Schweizer Krypto-Szene zeigt, ist jedoch ein anderes: Die Szene ist weisser, ungleicher, radikaler und dekadenter als die übrige Bevölkerung, die man angeblich mit Demokratisierung befreien will.»

«Bist du auch Vegetarier?», fragte meine Anwältin schliesslich, als mir das Ketamin gerade komplett den Blick vernebelte, sodass ich, kaum hatte ich mit meiner Kredit­karte für ein paar tausend Franken zugeschlagen, auch gleich wieder das Passwort zu meiner neuen Ether-Wallet vergessen hatte.

«Du musst wirklich Vegetarier werden. Oder besser noch vegan», sagte sie, während ich schwitzend und leicht panisch nach meinem Passwort suchte.

«Ich habe eine Dokumentation über Biozertifikate von Fischen gesehen. Es ist schlimm, weisst du. Ein einziger Betrug. Es ist alles so korrupt, grauenhaft.» Dann senkte sie die Augen und blickte wehmütig in die Ferne.

«Deswegen ist es so wichtig», sagte meine Anwältin schliesslich, «dass wir unsere Wale schützen.»

Ich hielt inne und staunte über diesen Gedanken­gang. Denn mit Walen meinte sie nicht die Wale im Meer, sondern die Bitcoin Whales.

So werden die Akteurinnen mit grossen Anteilen genannt, die letztlich ein Teil des Problems sind, was Demokratisierung und Dezentralisierung der Technologie betrifft: Die wenigen Whales halten so grosse Bitcoin-Anteile, dass sie ein riesiges Potenzial haben, den Markt zu manipulieren. Zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr 2021 besassen laut Bitinfocharts.com drei Wallets, also vermutlich drei Personen, 3 Prozent aller Bitcoins, damals ein Wert von 28 Milliarden Dollar. Rund hundert Wallets besassen 18 Prozent aller Bitcoins, den obersten 20 Prozent gehören 80 Prozent der beschränkten Bitcoin-Menge.

Die Anwältin und mich hatte während der durch die Pandemie ausgelösten Kurs­explosion von Krypto und Big-Tech-Aktien die Frage zusammen­geführt, wie es passieren konnte, dass eine system­kritische Technologie vom System einverleibt und zum Heils­versprechen für endlosen Reichtum transformiert worden war. Nächtelang sassen wir über Artikeln wie beispiels­weise einem Essay der «New York Times», geschrieben während einer der zahlreichen Krypto-Hypes der letzten Jahre: «Alle werden lächerlich reich ausser du.» Wir trauerten zusammen verpassten Chancen nach. Die zahlreichen Artikel über zerstörte Existenzen ignorierten wir selbst­verständlich. Wir waren hooked vom Hype.

Und wie konnte es sein, dass ausgerechnet durch eine Technologie, deren Grund­idee die Dezentralisierung war, die Macht einzelner Akteure quasi geboostert wurde? Wie konnte es sein, dass ein einziger Tweet von Elon Musk dazu führte, dass die Kurse von Bitcoin oder Dogecoin durch die Decke gingen oder einbrachen? Es war wirklich der richtige Moment, um Juno Brown auf dem Krypto-Schloss in Frankreich zu treffen, wo sich die Blockchain-Forscherin während der Pandemie ein Jahr lang zurück­gezogen hatte.

«Rache an der Wall Street»

Als wir im Schloss ankamen, wurden wir, kaum hatten wir den Wagen im Hof des Schlosses parkiert, von Menschen in Feder­kostümen, Irokesen­frisuren und Cowboy­stiefeln in Empfang genommen und auf unsere Zimmer im Bediensteten­gebäude geführt. Beim Gang auf unsere Zimmer erhaschten wir den ersten Blick auf den riesigen Schloss­garten, der laut unserem Empfangs­komitee in bloss zwei Stunden Fussmarsch umrundet werden konnte. Wir begaben uns umgehend zum Pool mit Blick auf die sanften Hügel beim Schloss und leerten im Eiltempo die erste Flasche Crémant.

Wie eine Königin, die mit einer Mischung aus Dominanz und sorgender Liebe über ihre Untertanen wacht, schwebte Juno Brown aus einer Flügeltür zu uns hinunter zum Pool, setzte sich auf einen Liegestuhl und begann ziemlich schnell einen langen Monolog über den state of crypto. Zum Glück lief das Tonband einfach ständig, denn die Forscherin interessierte sich nicht für zeitliche Details, etwa, dass das Gespräch erst für den Folgetag geplant gewesen war. Sie zog das Interview stattdessen spontan um einen Tag vor, also auf Jetzt, auf den Moment, als Alkohol und Special K gerade begannen, Körper und Hirn zu massieren, und meine Anwältin, die Blockchain-Expertin unserer lustigen Zweier-Reisegruppe, sich gerade für einen weiteren längeren Call zurückziehen musste.

«Die Frage, die uns umtreibt», versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen: «Was tun wir hier eigentlich?»

«Wie meinen Sie das?», fragte Brown, ihr Gesicht goldig glänzend vom Licht der Abend­sonne, das vom Pool zurückgeworfen wurde.

«Ich meine: Wie sind wir hier gelandet? Krypto. Die Spekulation. Der Hype.»

«Die Idee von Blockchain, von dezentralisierten Finanz­märkten, kann man nicht hoch genug bewerten beim jetzigen Hype», sagte sie. «Es wird derzeit unglaublich viel Geld gedruckt. Die Angst vor einer Hyper­inflation steigt. Die Leute sehen die Antwort in Krypto­währungen, die den grossen Crash überstehen sollen. Die Coinbase-App, eine Handels­plattform für Bitcoin und andere Krypto­währungen, wurde während der Pandemie zeitweise häufiger herunter­geladen als Tiktok.»

«Mehr herunter­geladen als Tiktok? Was bedeutet das?», fragte ich.

«Nun, zuerst einmal nur, dass viele Leute die Coinbase-App herunter­geladen haben», sagte sie. «Es kann aber ebenfalls bedeuten, dass heute jedermann Mikro­trading betreibt. Das ist das Wunderbare an dieser Technologie: Wir können alle jederzeit damit anfangen. Es ist so einfach zugänglich. Du gehst auf eine Plattform, Coinbase oder Binance, und fängst an, Krypto zu traden. Und die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass das ein sehr einfacher Weg war, um Geld zu verdienen.»

Der heutige Hype um Krypto­währungen und Blockchain sei ein ganz anderer als vor zehn Jahren, sagte die Forscherin, als ich ihr von den Trams erzählte, die als einzige Krypto-Werbefläche durch die Stadt Zürich fahren mit einem Versprechen grossen Reichtums, ohne dass wir dafür irgendwas machen müssen, ausser, natürlich, den richtigen Moment nicht zu verpassen.

«Die Zeiten, in der Bitcoin ein Rand­phänomen war für Leute, die im Darkweb Spass hatten, sind längst vorbei», sagte Juno Brown. «Heute ist Krypto ein legitimes Spekulations­objekt, mit dem die ganze Investment­welt herumspielt. Die Institutionen sind heute Teil des Hypes, der institutionelle Buy-in ist massiv. Die Leute investieren im grossen Stil in ein neues Finanz­system, weil sie offenbar das Vertrauen in das alte System verloren haben.»

Sie kam auf die Gamestop-Affäre zu sprechen. Ich zündete zwei Zigaretten an, und in der Ferne, unter einem riesigen Sonnen­schirm, spielte ein Pariser DJ Disco-House, und vier mit Federboas und farbigen Leggins bekleidete und mit Glitter verzierte Seelen schwebten zur Musik in Zeitlupe über den Rasen. Irgendwer brachte eine neue Flasche Crémant. Meine Anwältin war noch immer verschwunden, womöglich erzählte sie im Ketamin­wahn irgendeiner armen, verirrten Künstler­seele von den Walen, die wir unbedingt retten mussten.

Gamestop ist eine börsen­kotierte Handels­kette für Computer­spiele, deren Aktie während der Pandemie explodiert war (nachdem sich zuerst, durch die Pandemie bedingt, die Nachfrage nach Computer­spielen vervielfacht hatte). Daraufhin wetteten Hedgefonds mit Leer­verkäufen auf den Fall der Aktie – aber ihr Spekulations­spiel ging nicht auf. In verschiedenen Internet­foren entbrannte eine Diskussion unter Klein­anlegerinnen, die den Plan durchschaut hatten: Das müsse man doch verhindern. Bei der folgenden Auseinander­setzung (die Kleinanleger wurden von Elon Musk unterstützt, der mit einem Tweet am 26. Januar 2021 den Wert der Gamestop-Aktie verdoppelte) verloren die Hedgefonds schliesslich 19 Milliarden Dollar.

«Die Aktion war eine Rache an der Wall Street, eine Art Revolution», sagte Juno Brown. «Gamestop wurde zum Symbol: Die Masse der Klein­anlegerinnen hat mit der Blockchain-Mentalität die Gesetze der traditionellen Finanz­märkte ausgehebelt. Sie haben die Hedgefonds, die glaubten, mit ihrem manipulativen Spiel das grosse Geschäft zu machen, erfolgreich angegriffen», sagte Brown. «Es hat funktioniert, weil so unendlich viele kleine User die Aktien dezentral handelten wie Krypto. Hedgefonds wollten, dass Gamestop stirbt, und wetteten auf einen Kursabfall, und die Privat­anlegerinnen sagten: ‹Wir retten die jetzt›, und stiegen ein.»

Bermudadreieck und Psychedelics

«Am Anfang von Krypto stehen, grob gesagt, zwei extreme Lager», hatte mir meine Anwältin erklärt, als wir mit unserem schwarzen Mercedes geräuschlos über die französische Autobahn geflogen waren. «Libertäre und Anarchisten, die etwas einte: ein Misstrauen dem Staat gegenüber.»

Leute wie Nick Szabo, Krypto-Pionier und Erfinder der Smart Contracts (und der immer wieder mal als der mögliche, bis heute nicht bekannte Erfinder von Bitcoin gehandelt wird), oder Ethereum-Mitgründer Gavin Wood würden Krypto als fundamentale Kritik am Banken-Bailout von 2008 verstehen (das Konzept von Bitcoin als dezentrales Transaktions­system wurde 2008 erstmals vorgeschlagen als Folge mehrerer erfolgloser Versuche aus der sogenannten Cypherpunk-Bewegung, ein digitales Äquivalent zu Bargeld zu schaffen).

«Diese Krypto-Koryphäen glauben nicht an Staaten. Sie glauben auch nicht an das Rechts­system. Woran sie glauben, ist der Code», sagte meine Anwältin. «Mit Blockchain-Protokollen wollten sie ein System schaffen, wo ein Code alles regelt und somit Vertrauen überflüssig macht. Wo Smart Contracts das zwischen­menschliche Vertrauen ersetzen. Wo es keinen Vertrauens­bruch geben kann, Systeme also ‹trustless› sein müssen. Der Smart Contract sagt beispiels­weise, ich zahle dir am 23. März 2023 hundert Ether. Ich programmiere das, nichts kann es aufhalten.»

Vertrauen werde aus diesem Blick­winkel negativ gewertet, man sehe es nicht als konstitutives Element der Gesellschaft, des menschlichen Seins, man sehe Vertrauen als ein Übel, das man weghaben müsse. «Ein Blockchain-Finanz­system, das auf Code und Determinismus basiert, ist also einerseits eine fundamentale Kritik an den Institutionen: Es verspricht ein Geld- und Wirtschafts­system, das losgelöst von Staaten und Banken ist», sagte sie. «Andererseits ist es aber auch eine fundamentale Kritik am Zusammen­leben und an der Gesellschaft und transportiert ein fragwürdiges Menschen­bild. Denn können wir Menschen ohne Vertrauen in andere überhaupt funktionieren und überleben? Was für eine Welt wäre das, in die wir hineinzuschlittern drohen?»

Die Menschen aus dem anarchistischen Lager seien teilweise «superwoke, postkapitalistische Menschen, die durch Krypto unverhofft massiven Reichtum angehäuft haben», sagte sie. «Sie kritisieren diese Libertarian-Bros, diese männer­dominierte Szene von Libertären. Was aber letztlich alle vereint, in diesen beiden Subkulturen, die sich teilweise konträr gegenüber­stehen, sind Psychedelics. Die Bewusstseins­erweiterung.» Das werde das nächste grosse Ding der Zukunft, war meine Anwältin überzeugt. «Als ich mal im Bermuda­dreieck eine Krypto-Konferenz besuchte, war da ein buntes Gemisch von Leuten, Künstlerinnen, Programmierer, Professorinnen, Manager, niemand war betrunken, alle waren high.»

Bermudadreieck und Psychedelics – die Abenteuer meiner Anwältin waren ganz nach meinem Geschmack. Weniger mein Geschmack wiederum waren die Videos rechter Libertärer, die im Blockchain-Kontext auftauchten. Neuerdings auch von Leuten wie Michael Bubendorf, gefallener «Freund der Verfassung», der in einer irren fünf­minütigen Youtube-Rede, hochgeladen Ende 2021, über eine Schweiz im Jahr 2030 nachdenkt, wo er die Welt von heute überwunden sieht – dank Blockchain. Dabei klingt Bubendorf, als habe er just in jenem Moment viel zu viel DMT geraucht, als ihm sein Apokalypse-Algorithmus aus Versehen «Hurra, die Welt geht unter» von K.I.Z. in die Youtube-Playlist spülte.

Bubendorf träumt als Folge der Covid-19-Pandemie, und damit steht er nicht allein, von einer anarchistischen oder eben libertären Revolution in dieser «Zeit grösster Unfreiheit». Er spricht in Bezug auf die Pandemie vom «globalen Menschen­experiment», wo sich nur noch wenige wehrten und sich «ausserhalb der Gesellschaft organisierten», von Kooperationen, die «parallel zur Zwangs­gesellschaft zu blühen begannen», vom «befreienden Gefühl, als wir merkten, dass wir den Staat gar nicht brauchen».

Nichts gegen die Überwindung des Kapitalismus. Die fand ich als Fan von Jean Ziegler immer ein Prio-1-Projekt. Aber bei Krypto-Bros wie Michael Bubendorf klingt Freiheit durch Blockchain dann doch nur wie ein anderes Wort für Steuer­dumping und Nachtwächter­staat.

2022 sei es gewesen, so erzählt der Neo-Krypto-Bro Bubendorf in seiner 2030 angesiedelten Youtube-Fabel, als diese Strukturen geschaffen worden seien, und zwar durch die «göttliche Fügung», dass sich genau in diesem Jahr die Blockchain-Technologie auf breiter Ebene durchgesetzt habe. «Sie ermöglichte es in unserer arbeitsteiligen Welt, dass wir Dienst­leistungen und Güter austauschen konnten, ohne dass der Staat darauf Einfluss nehmen konnte. Schnell lernten wir den Umgang mit Krypto­währungen, was es dem Staat unmöglich machte, das damals noch zarte Pflänzchen der freiwilligen Kooperation zu zertrampeln.» Und als der Franken in der Hyper­inflation verbrannt sei, so Bubendorf, hätten er und die anderen aus dem Corona-Widerstand sowieso nur noch Bitcoin besessen, Ethereum und Monero, «und die vielen anderen Kryptos, mit denen heute alle zahlen».

Michael Bubendorf hat dank der Pandemie den Anarchismus und die Blockchain-Technologie entdeckt: Good for him. Aber hat er die Technologie auch verstanden? Denn was hat die Grundidee, die in seiner Erzählung schliesslich die Zerschlagung des Endgegners National­bank ermöglichen soll, mit der heutigen Realität auch nur ansatz­weise zu tun? Irgendwo Krypto-Kommunen, wo wir unsere Wollsocken oder Strick­pullover oder 3-D-Pistolen mit irgendwelchen Token auf der Ethereum-Blockchain bezahlen? Schafft sich die Blockchain-Technologie, gefangen in einer selbst geschaffenen riesigen Spekulations­blase, nicht gerade eher selbst ab?

«Die spekulativen Dynamiken überlagern alles»

«Bis heute funktioniert die Technologie nicht im eigentlichen Sinne, und deswegen kann ich darüber tatsächlich nur in der Theorie sprechen», sagte Juno Brown auf ihrem Fünfzig-Hektaren-Anwesen. «DeFI, dezentralisierte Finanz­märkte, haben sich bisher in der Realität nicht manifestiert.»

«Der innere und eigentliche Wert eines Coins misst sich darin, dass du ihn transferieren kannst», sagte sie. «Es gibt ein globales Transaktions­register, mit jeder Transaktion zahlst du Gebühren. Das ist der eigentliche Wert des Bitcoins. Der äussere Wert aber funktioniert davon losgelöst. Der innere Wert geht verloren, wenn der äussere Wert so hoch wird, dass niemand die Technologie mehr dazu benutzen will, wofür sie eigentlich gedacht war. Damit befinden wir uns momentan in einem unauflösbaren Paradox.»

Die Leute benutzten eine bestimmte Blockchain, der Zugang geschehe über einen Coin oder Token. Der ganze Sinn hinter dem Token sei, dass er ausgegeben werde. Aber niemand gebe ihn mehr aus und nutze die Blockchain. Alle nutzten ihn nur noch als Investment. «Nehmen wir als Beispiel ein dezentrales, demokratisiertes Uber», sagte Brown. «Damit die Dienst­leistung überhaupt funktioniert, braucht man einen Netzwerk­effekt. Je mehr Leute die Plattform schliesslich nutzen, desto wertvoller wird auch der Token, der dafür benutzt wird. Mit dem Wert­anstieg des Tokens verliert wiederum der Service an Wert, weil er immer teurer wird und die Leute ihn nicht mehr nutzen.»

«Auf der einen Seite bedeutet das, dass das Projekt erfolg­reich ist, weil es enormen Wert hat», sagte die Forscherin. «Auf der anderen Seite bedeutet es aber, dass es sich in einem Modus des Scheiterns befindet, weil der Service zu teuer geworden ist, um ihn überhaupt zu nutzen. Es ist ein Problem, auf das bisher keine Antwort gefunden wurde: Die bekanntesten Token werden nicht genutzt. Sie zu nutzen, wäre ein extrem schlechtes Geschäft. Die wirkliche Nutzung von Krypto­währungen und Blockchain wird durch die eigene Wert­steigerung verhindert.»

Der einzige Grund, warum heute trotzdem so unendlich viele Menschen die Krypto-Handels­börsen benutzten, sagte sie, sei allein wegen der Spekulation. «Sie nutzen sie nur deshalb, weil sie noch mehr Token anhäufen wollen. Es hat längst eine Transformation stattgefunden: Es geht nicht mehr darum, wie man die Blockchain-Dienste im eigentlichen Sinne nutzen kann, sondern nur noch darum, wie man noch mehr spekulieren kann. Um den grösst­möglichen Return on Investment. Es stellt sich die Frage, wie der Anspruch von Dezentralisierung überhaupt funktionieren kann.»

Diesen Anspruch, sagte sie, finde sie reizvoll: «Die Erschaffung alternativer, lokaler Ökonomien ist absolut faszinierend. Man kreiert Geld, wo Wert kreiert wird. Aber es ist so, dass diese Idee bis heute nicht Realität geworden ist, weil die spekulativen Dynamiken alles überlagern.»

Juno Brown sagte, sie halte es für unrealistisch, dass Blockchain die dominante Technologie im Finanz­wesen werde, wie das gewissen Leuten vorschwebe. «Die meisten Leute wollen einen Vermittler, sie wollen einen zentralisierten Exchange und nicht direkt auf der Blockchain interagieren. Gleichzeitig bietet sich mit Blockchain die Möglichkeit für ein ernsthaftes Parallel­system, wo sich die Leute hinein­geben können, Leute, die das alte System womöglich bekämpfen oder verbessern wollen, oder aber auch Beyonders, die sich einfach abwenden wollen.»

War es von Anfang an so geplant?

Neue Gäste trafen ein für die dreitägige Party auf dem Krypto-Schloss, umarmten die Forscherin, das seriöse Auge in einem psychedelischen Sturm, warfen Acid ein und schlenderten durch den angrenzenden Schloss­wald. Inzwischen war meine Anwältin aufgetaucht. Ich fragte sie, ob sie noch eine Frage beisteuern wolle, aber sie war zu tief in eigene Gedanken versunken und zudem überzeugt davon, dass es sich beim DJ, der uns seit zwei Stunden mit Disco-House berieselte, um Guy-Manuel de Homem-Christo von Daft Punk handelte.

Ich kam – natürlich – irgendwann auf Satoshi Nakamoto zu sprechen, den verschollenen beziehungs­weise bis heute nicht identifizierten Bitcoin-Erfinder. Dem Alias Nakamoto werden sogenannte Bitcoin-Wallets zugeschrieben, die seit zehn Jahren nicht mehr geöffnet wurden mit einem zeitweisen Wert von rund 73 Milliarden Dollar, womit Satoshi einer der reichsten Menschen der Welt wäre. Oder wohl eher gewesen wäre. Die verbreitetste Variante lautet, dass es sich bei Satoshi um den Kryptografen Hal Finney handelt, der 2014 gestorben ist (und vermutlich die Zugänge zu den Wallets mit ins Grab nahm).

Ich wollte von Juno Brown wissen, ob man sich eigentlich das anarchistisch-utopische Gerede von Decentralized Finance nicht schenken könnte und ob es Satoshi Nakamoto nicht von Anfang vor allem darum gegangen sei, ein deflationäres Hochrisiko-Spekulations­tool zu schaffen für maximale Gewinne von ein paar wenigen Whales: Bitcoin quasi als Friedrich von Hayek auf Crack-Kokain.

«Hayek auf Crack? So würde ich es nicht nennen», sagte die Forscherin.

«Der US-Ökonom Nouriel Roubini meint: Bitcoin sei der Betrug des Jahr­hunderts. Was antworten Sie ihm?»

«Ich würde ihm antworten, dass viele Leute fast ohne Start­kapital, also irgendwelche random Personen, mit Bitcoin unfassbar reich geworden sind. Aber es stimmt auch, dass sehr viele Leute ebenfalls sehr viel Geld damit verloren haben. Aber an Spekulationen, wohin sich das alles bewegen könnte, möchte ich mich nicht beteiligen. Das interessiert mich als Forscherin nicht. Das ist nicht mein Gebiet.»

«Die Wahrnehmung von Bitcoin hat sich 2012 oder 2013 verändert, als er das erste Mal die 1000-Dollar-Marke erreichte», sagte Brown. «Am Anfang war ein Bitcoin ja gerade mal das Bruchstück eines Dollarcents wert. Die reale Welt interessierte sich nicht dafür, bis der Wert eines Coins auf ein paar hundert Dollar gestiegen war. Plötzlich dachte man: Uff, diese Pizzas, für die ich vor ein paar Jahren einige hundert oder einige tausend damals wertlose Bitcoins bezahlt habe – was wären die heute wert? Also haben die Leute aufgehört, Bitcoin als Zahlungs­mittel zu nutzen. Das ist tot. Vorbei. Die Gebühren für eine Bitcoin-Mikro­transaktion, die sich am Wert des Coins bemessen, sind heute astronomisch.»

«Haben Sie das kommen sehen?»

«Dass der Kurs zwischenzeitlich auf 60’000 Dollar steigt? Nein. Aber es gab tatsächlich sehr früh Leute, um 2012 herum, die davon überzeugt waren, dass der Kurs auf 10’000 Dollar steigen wird.»

«Wenn die Idee so früh da war – war es denn von Anfang an der Plan?»

«Das ist ein interessanter Punkt», sagte sie. «Ich habe zu dieser Frage geforscht, und ich würde sie mit Ja beantworten. Wenn Sie die Mailing-Liste durchforsten, mit der Satoshi Nakamoto kommuniziert hat, bevor er verschwunden ist, gab es beispiels­weise Passagen, in denen er davon sprach, dass der ganze Mining-Prozess in gewissem Sinne genial und schrecklich zugleich sei. Und das sei deshalb so, weil der Mining-Prozess ein selbst-regulierender Mechanismus sei, da mit dem Wert­anstieg der Bitcoins das Sicherheits­bedürfnis steige, welches wiederum eine steigende Computing-Power nach sich ziehe, die es benötige, um einen neuen Bitcoin zu schürfen, wodurch wiederum ein grösserer ökologischer Abdruck erzeugt werde.»

«Es gibt Stellen in der Cypherpunk-Mailing­liste, wo Satoshi schon um 2012 davon spricht, dass Bitcoin zu dieser Wert­anlage werde, wie wir sie heute kennen, zu digitalem Gold», sagte die Forscherin. «Und Gold transferiert man nicht. Das traditionelle Finanz­wesen werde sich, so schrieb er, Bitcoin als Wert­speicher bedienen und als Spekulations­mittel für die eigenen Klienten.»

Juno Brown entschwand schliesslich in Richtung Wald im Schloss­park, wo eine therapeutische Zeremonie abgehalten wurde. Nach zwei Nächten mit wenig Schlaf schossen meine Anwältin und ich, erneut begleitet von einem staatlichen Blitzlicht­gewitter, vom Krypto-Schloss über die französische Autobahn zurück in die Schweiz. Was waren schon ein paar hundert Euro Geschwindigkeits­bussen gegen die Krypto-Millionen, die uns durch die Lappen gegangen waren, weil wir damals, vor zehn Jahren, statt die Coins zu halten wie Gold, mit dreihundert Bitcoins eine Pizza gekauft oder sie Wikileaks gespendet hatten, nachdem die USA alle Bankzugänge und Spenden­möglichkeiten der Enthüllungs­plattform hatten schliessen lassen (angesichts der Wert­steigerung der Bitcoins, die damals aus der Not heraus an Wikileaks flossen, ein grossartiges Eigentor der Amerikaner, aber das ist wieder eine andere Geschichte).

Von der Idee einer Überwindung zentralisierter Macht im Kapitalismus war bisher auf jeden Fall nicht viel zu uns vorgedrungen (Und wer würde heute noch irgendeinen Bitcoin an irgendwen spenden?). In erster Linie hatten Krypto und Blockchain in den letzten Jahren eine Kultur endloser Gier befördert und eine riesige, hyper­kapitalistische FoMO produziert: Alle sind in den vergangenen Jahren lächerlich reich geworden. Ausser du – du nicht.


PS: Begeisterung beim Gegenlesen bei meiner Anwältin. Verbunden mit der dringenden Aufforderung, ihren Namen auf keinen Fall zu erwähnen, weil ansonsten berufliche Konsequenzen drohten.

PPS: «Witziger Text», die Rückmeldung der Forscherin Juno Brown, die aber natürlich auch gar nicht Juno Brown heisst, denn auf gar keinen Fall dürfe ihr richtiger Name mit diesem Text in Verbindung gebracht werden, so die ebenfalls dringliche Nachricht, weil das sonst ihrem Ansehen usw. schaden könnte. Von Drogen und Orgien habe sie zudem nichts mitbekommen und wisse gar nicht, wovon da gesprochen werde, und sie weise die Darstellung zurück.

PPPS: Telegram-Nachricht zu später Stunde von meiner Anwältin: «Hatte gerade eine Eingebung auf Ketamin. Wir müssen uns in dieser vertrackten Situation fragen: Gibt es einen konzentrischen Punkt, bei dem eine gute Story rauskommt, die Junos Ruf nicht beschädigt und gleichzeitig journalistische Prinzipien hochhält?»

PPPPS: Turn on, tune in, drop out.

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