Wann werden auch die letzten bewohnten Häuser nur noch Ruinen sein? Impressionen aus der Stadt Torezk.

Die Vergessenen der Ostukraine

Torezk in der Ostukraine war einst eine stolze Stadt. Doch seit fast acht Jahren tobt nur wenige Kilometer entfernt ein fast vergessener Krieg. Viele Menschen haben ihrer Stadt den Rücken gekehrt – und wer noch da ist, spricht vom Gehen.

Eine Reportage von Rebecca Barth (Text) und Lesha Berezovskiy (Bilder), 08.02.2022

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Der Samstag gilt auch in der Ostukraine als verkaufs­stärkster Tag der Woche. Doch auf dem Markt in der Frontstadt Torezk haben sich die meisten Händler an diesem Wochen­ende gar nicht erst die Mühe gemacht, ihre Blech­verschläge zu öffnen. «Die Stadt stirbt», sagt Anna Gorbatschowa. Sie steht eingemummelt in eine dicke schwarze Jacke hinter einem langen Holztisch, darauf liegen Weissbrot, Mohn­schnecken und Berliner in Plastik­tüten. Wer hier an diesem Tag dennoch seine Ware anbietet, braucht dringend Geld.

Nur wenige Kilometer sind es von Torezk zur Front in der Ostukraine, wo die ukrainische Armee seit fast acht Jahren gegen sogenannte prorussische Separatisten kämpft. Gäbe es keine Checkpoints, die Einwohner von Torezk könnten zu Fuss in den Krieg laufen. Die ukrainische Armee hindert sie daran. Ihre Soldaten haben direkt hinter dem Stadtrand kilometer­lange Schützen­gräben in die Erde geschlagen und halten seitdem die Stellung. Ihre Gewehr­läufe sind auf die Nachbar­stadt Horliwka gerichtet. Von dort zielen die von Russland finanzierten und unterstützten Separatisten seit 2014 zurück. Nur rund 15 Kilometer Luftlinie liegen zwischen beiden Städten.

Die trauernde Mutter: Denkmal für die in zwei Kriegen gefallenen Soldaten.

Die Gefahr ist derzeit gross, dass der Krieg in der Ostukraine erneut eskaliert. Seit einigen Monaten nehmen die Gefechte wieder zu, fast jede Woche stirbt unbemerkt von Europa ein ukrainischer Soldat durch die Kugel eines Scharf­schützen.

Anna Gorbatschowa hat keine Angst vor einer neuen Eskalation der Kämpfe. Weg will sie trotzdem.

Der Wind bläst kalt durch die Blechverschläge und Gänge des Torezker Marktes. Gorbatschowa zieht den Kopf ein, der Jacken­kragen reicht ihr jetzt fast bis zu den vollen Lippen, die Kälte rötet ihre Wangen. Sie steckt die Hände tiefer in die Taschen und tritt auf der Stelle, um die Füsse zu wärmen. Etwa 920 Griwna – umgerechnet etwa 30 Franken – wird sie an diesem Tag einnehmen. Bei weitem nicht genug, um ihre Rechnungen zahlen zu können. Seit zwei Monaten hat sie Schulden, dabei ist sie eine Macherin, die keine harte Arbeit scheut.

Damit sie rechtzeitig auf dem Torezker Markt an ihrem Stand ist …
… läutet der Wecker von Anna Gorbatschowa um 4.30 Uhr.

2015 flieht die 52-Jährige vor den sogenannten Separatisten und ihrer diktatorischen Herrschaft aus Horliwka nach Torezk. Sie beginnt damit, Pfann­kuchen zu verkaufen, um die Familie zu ernähren. Nur zweimal habe sie Lebensmittel­rationen des Internationalen Roten Kreuzes angenommen, sagt sie. Nach dem Kriegs­beginn 2014 war der ukrainische Staat überfordert mit den vielen Geflüchteten, die von der durch Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim und aus den Kriegs­gebieten in der Ostukraine kamen. Ein paar Flüchtlings­unterkünfte gibt es und etwa 15 Euro Unter­stützung im Monat. «Auf diese Hilfe habe ich aus Prinzip verzichtet», sagt Gorbatschowa. Sie entwickelt den Pfannkuchen­stand weiter zu einer Bäckerei, die wiederum zu einem kleinen Supermarkt, stellt Mitarbeiterinnen ein.

Aber die Strom- und Gaskosten sind in den vergangenen Monaten explodiert, nun schwächt ein angeblich drohender erneuter Angriff Russlands die ukrainische Wirtschaft. Wenn vor allem amerikanische Diplomaten und Politikerinnen seit Monaten vor einer «bevor­stehenden Invasion» warnen, ist davon namentlich ein Politiker wenig begeistert: der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski. Er versucht zu beruhigen und widerspricht seinem amerikanischen Amts­kollegen Joe Biden zunehmend deutlich. «Ich glaube nicht, dass die Situation angespannter ist als 2014», sagte er Reportern in Kiew. Er kritisiert die übermässige Panik­mache der USA, sie schade der ukrainischen Wirtschaft.

Abwanderung, steigende Nebenkosten und die Corona-Pandemie haben auch viele Geschäfte im ostukrainischen Torezk ruiniert. Tante-Emma-Läden und Cafés haben aufgegeben, und auch Anna Gorbatschowa verdient nicht mehr genug, um alle Rechnungen bezahlen zu können. Mit jedem Monats­anfang kommen die Sorgen. Wieder stehen Zahlungen an, die sie nicht ausführen kann. Also wird sie auch am nächsten Tag wieder auf dem Markt stehen. Wie jeden Tag wird sie der Wecker um 4.30 Uhr aus dem Schlaf reissen, wird sie aufstehen und Brote und Snacks aufbacken, um sie von 6 bis 12 Uhr den wenigen Kunden auf dem Markt anzubieten. Es ist ein nahezu hoffnungs­loses Unterfangen, doch Gorbatschowa sagt: «Ich habe gelernt, mir keinen Kopf zu machen.» Irgendwie geht es immer weiter.

Die Geschäfte in Torezk kämpfen ums Überleben.
Wem soll man noch die Ware anpreisen, wenn Tausende die Stadt verlassen?

Manchmal geht es auch weiter bergab, wie mit der Stadt Torezk. Etwa 31’000 Menschen leben offiziell noch hier, doch die tatsächliche Einwohner­zahl sei viel geringer, sagt Gorbatschowa. «Die sind zum Arbeiten nach Europa gefahren oder in grössere Städte der Ukraine.» 2001 hatte die Stadt noch 43’000 Einwohner. Der wirtschaftliche Zerfall und die Abwanderung aus der Region begannen bereits vor Jahrzehnten, der Krieg beschleunigte die Entwicklung.

Einst war Torezk eine stolze Bergbau­stadt. Vor rund 300 Jahren wurde hier erstmals in der Ukraine Kohle entdeckt. Mit Torezk, so erzählt man bis heute, habe der Donbass begonnen, wie die rohstoff­reiche Region in der Ostukraine genannt wird. Rund 3 Prozent der weltweiten Kohle­vorkommen wurden in der Ukraine nachgewiesen, 95 Prozent davon im Donbass.

Mit der einsetzenden Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts stieg die spärlich besiedelte Steppe der Ostukraine zur bedeutenden Wirtschafts­region auf. Vor Kriegs­beginn lebten 16 Prozent der ukrainischen Bevölkerung im Donbass, etwa jede fünfte Stadt befindet sich hier.

Doch seit den 1990er-Jahren schrumpft die wirtschaftliche Bedeutung der Region kontinuierlich. Die Kohle­industrie, die der Region und ihren Bewohnern einst Reichtum bescherte, kollabierte. «Die Menschen haben damals ihre Arbeit und ihren Stolz verloren», sagt Historiker Alexandr Osipian. Politiker begannen den Frust der Menschen zu instrumentalisieren und legten damit den Grundstein für den Erfolg, den russische Propaganda­erzählungen 2014 in der Region hatten.

Überbleibsel einer Zeit, als Torezk eine stolze Bergbau­stadt war.
Der Krieg zerstört Existenzgrundlagen.

Durch den Krieg hat die Ukraine endgültig die Kontrolle über einen Grossteil der Bergwerke verloren. Sie liegen nun auf dem Gebiet der sogenannten prorussischen Separatisten. Viele Zechen wurden bei den Kämpfen zerstört, Stollen wurden nach Strom­ausfällen überflutet. Die ukrainische Kohle­förderung brach in der Folge um schätzungsweise 60 Prozent ein.

Galten die in den Bergwerken schuftenden Kohle­kumpel in der Sowjetunion als Avantgarde der Arbeiter­klasse, wurden sie nun des Separatismus verdächtigt. Dabei standen viele Ostukrainer einer Abspaltung ihrer Region skeptisch gegenüber. «Nach der Annexion der Krim hatten viele den Eindruck, der Staat würde zusammen­brechen. Russland beliefert die Metall- und die Chemie­industrie des Donbass mit Rohstoffen wie Gas, und es ist der wichtigste Absatz­markt für Maschinen­bau­produkte. Unter anderem deshalb waren viele Leute passiv», sagt Historiker Osipian.

Die Arbeit in den Minen bescherte den Menschen hier zu Sowjet­zeiten Wohlstand. Sie waren mit die Ersten, die sich ein Auto leisten konnten. Nahezu vergessen ist heute ihr Beitrag zur ukrainischen Unabhängigkeit. Die Arbeits­bedingungen in den Stollen waren hart, die Sicherheits­standards niedrig und Arbeits­unfälle häufig. Ende der 1980er-Jahre begannen die Kumpel massenhaft für bessere Löhne zu streiken. «Ohne die Bergarbeiter­bewegung wäre die Sowjetunion nicht zusammen­gebrochen, das war ein treibender Faktor, auch für die Unabhängigkeit der Ukraine», sagt der Historiker Kyrylo Tkatschenko sogar, er ist Doktorand an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

«Das war wie eine Explosion. Plötzlich haben wir gemerkt, dass wir gemeinsam etwas verändern können», erinnert sich Wladimir Golowenko, der über 15 Jahre in den Minen von Torezk schuftete. «Es war unser Maidan, auch wenn wir es damals nicht so genannt haben.» Auch deswegen unterstützte der heute 65-Jährige die Proteste 2014 gegen den aus dem Donbass stammenden und sich am Land bereichernden Präsidenten Janukowitsch. Dass nur wenige Monate später vor seiner Haustür Krieg ausbrechen würde, ahnte er damals nicht.

Golowenko hat sich ein Backstein­haus am Rande der Stadt Torezk gebaut. Kalter Wind wirbelt den frisch gefallenen Schnee in feinen Wolken auf, am Balkon weht die blau-gelbe Fahne der Ukraine neben der rot-schwarzen der ukrainischen Nationalisten. Eine kleine Treppe führt hinauf zu seiner Haustür. Der Rentner kann sich nur schwerfällig bewegen, seit einem Schlag­anfall vor zwei Jahren humpelt er. Seine groben Hände greifen zitternd nach dem Geländer, an der rechten Hand fehlt ein grosses Stück Daumen. Er hievt den kräftigen Körper die schmalen Stufen hinauf und führt ins Wohnzimmer.

Die Kraft für das Heute aus den Erinnerungen an das Damals: Wladimir und Alla Golowenko.

Der kalte Boden ist mit dicken Teppichen ausgelegt. Golowenko schleppt sich zu der grossen Vitrine aus dunkel glänzendem Holz, zieht ein graues Foto­album aus dem Regal und schlägt es auf. Er will zeigen, wie sein altes Leben zerbrach.

Von einer Buchseite strahlt die Enkelin. Es ist Sommer 2013, sie kauert am Strand auf der Krim. «Wie schön das damals war», sagt Golowenko mit tiefer Bass­stimme und lächelt sanft. Er lässt sich auf das durch­gesessene Sofa fallen und blättert die Seite um. Die Fotos zeigen strahlende Menschen unter der brennenden Sonne. Gruppen­bilder und Selfies von Frau Alla, den Kindern und Enkel­kindern, im Hinter­grund die Sehens­würdigkeiten von Donezk. Heute liegt Donezk in der international nicht anerkannten «Donezker Volks­republik», in der die Menschen russische Pässe bekommen, mit dem russischen Rubel zahlen und an russischen Wahlen teilnehmen.

Golowenko blättert weiter und zeigt ein eingeklebtes Stück Papier. «Wir laden Sie ein, am 11. Mai 2014 an der Abstimmung über die Frage nach der Bestimmung der Zukunft der Region Donezk teilzunehmen», steht auf dem Zettel. Die Einladung zum international nicht anerkannten Referendum, das den Donbass zerreissen sollte, schlug Golowenko aus. Stattdessen kritzelte er eine Notiz daneben: «Krieg».

Die Bergarbeiter­bewegung sei ein treibender Faktor für die Unabhängigkeit der Ukraine gewesen, sagt der Historiker Kyrylo Tkatschenko.

Im heissen Sommer von 2014 werden die Golowenkos zu wolontery, wie man in der Ukraine die vielen Freiwilligen nennt, die damals die Aufgaben des vor dem Zerfall stehenden Staates übernehmen. Sie unterstützten ihre nicht einsatzfähige und kaputt­korrumpierte Armee mit fast allem, was für einen Krieg benötigt wird. Essen, Kleidung, Schutz­ausrüstung, Medikamente. Das Haus des Ehepaars wird zu einer inoffiziellen Basis für die Kämpfer und das Jahr 2014 zum entscheidenden für die Ukraine. Er blättert weiter.

Die nächsten Fotos zeigen ihn vor einer Barrikade aus Autoreifen, Golowenko neben einem Mann in zusammen­gekaufter Uniform und mit Kalaschnikow in der Hand, Golowenko und drei Bewaffnete auf dem alten Holzsofa im Wohn­zimmer neben dem geschmückten Weihnachts­baum. Wieder eine Notiz: «34. Bataillon der 57. Brigade. Sie haben die Stadt befreit.»

Paradoxerweise ist die ukrainische Gesellschaft auf den ukrainisch kontrollierten Territorien heute geeinter als je zuvor. Mit jedem Kriegsjahr wächst der Anteil in der Bevölkerung, der eine Annäherung an die EU und einen Nato-Beitritt befürwortet. Aktuell sind etwa 67 Prozent der Menschen für einen EU-Beitritt, 2013 waren es noch 41 Prozent. Zusätzlich machen immer mehr Menschen Russland für den Konflikt in der Ostukraine verantwortlich und geben dem russischen Präsidenten Putin die Schuld am festgefahrenen Friedens­prozess. Die starke West­orientierung ist eine direkte Folge der Kämpfe in der Ostukraine.

Golowenko spricht seither aus Prinzip nur noch Ukrainisch. «Ich kann nach diesen Jahren kein Russisch mehr sprechen.» Der Schmerz sitzt zu tief. Dass es zwischen Russland und der Ukraine einmal zu einem Krieg kommen würde, konnte sich so lange niemand vorstellen, bis die ersten Panzer rollten. Manche glauben es bis heute nicht.

Auf dem Markt im Zentrum der Stadt vertritt sich Anna Gorbatschowas Freundin Irina die Beine. Einige Stände weiter hält sie bei der alten Maryna an, die eigentlich anders heisst. «Wir Ukrainer und Russen sind doch eins», sagt Maryna. Sie ist in einen dicken Pelzmantel gehüllt, die Füsse stecken in Filzstiefeln, den sogenannten walenki.

Zusammen mit ihrem Mann verkauft sie warme Kleidung, weil die Rente nicht zum Überleben reicht. Auch sie steht jeden Tag von 5 bis 12 Uhr in der Kälte. An diesem Samstag hat sie nur 450 Griwna eingenommen, umgerechnet knapp 15 Franken. Wenn sie könnte, würde auch sie die Stadt verlassen. Doch dazu reicht das Geld nicht.

Wohlstand oder Totalitarismus? Die Erinnerungen an die Sowjetunion gehen auseinander.

«Putin ist für Frieden und Freundschaft», fährt Maryna fort und packt ihre Ware in einen Papp­karton. Bald wird der Markt schliessen. «Putin?», bricht es aus Irina heraus. «Wie bitte?»

Die alte Frau schaut sie verständnislos an und nickt. «Und warum kann ich dann nicht zu Hause wohnen? Ich komme aus Horliwka», sagt Irina wütend und deutet mit der Hand in Richtung der Nachbar­stadt, die bereits auf Separatisten­gebiet liegt. «Wer hat denn angefangen zu schiessen?», entgegnet Maryna, ohne eine Antwort abzuwarten. «Horliwka hat nur geantwortet.» Irina wendet sich ab: «Die Propaganda wirkt. Die wollen einfach nicht glauben, dass Russland diesen Krieg angefangen hat», sagt sie und schüttelt den Kopf.

Dabei war es nicht nur russische Propaganda, die den Donbass zerriss. Die bis 2014 in der Region übermächtige «Partei der Regionen» des gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch sei genauso zur Verantwortung zu ziehen, argumentiert Historiker Alexandr Osipian: «Es waren lokale Eliten, die Direktoren der Kohleminen, die die Desillusionierung der Bevölkerung nach dem Zerfall der Sowjetunion missbraucht haben.»

Die Sollbruchstelle verläuft heute entlang historischer Narrative. In der unabhängigen Ukraine wird die Sowjetunion von vielen mit Totalitarismus, Unter­drückung und Massen­mord in Verbindung gebracht. Ältere Menschen hingegen erinnern sich an ihre Jugend, an Stabilität und vor allem im Donbass auch an Wohlstand. Dass dieser Konflikt zum Krieg führte, sei jedoch nicht auf das inner­ukrainische Ringen um Identität und historische Deutungen zurück­zuführen. «Der entscheidende Faktor ist ein externer – und zwar Russland», sagt Historiker Tkatschenko.

Acht Jahre nach seinem Beginn muss sich Europa heute wieder mit einem Krieg beschäftigen, den er lange erfolgreich verdrängt hatte. Bis heute sind in der Ostukraine über 14’000 Menschen gestorben, schätzungs­weise eine Million Menschen sind in Nachbar­länder geflohen, überwiegend nach Russland. Weitere 1,5 Millionen in andere Landes­teile der Ukraine.

«Es erinnert an 2014», sagt Anna Gorbatschowa, «aber im Unterschied zu damals weiss ich heute, wie ich mich zu verhalten habe.» Wenn es wieder losgeht, wird sie sofort fliehen. «2014 haben wir gedacht, dass uns irgend­jemand hilft, dass es bald vorbei sein wird. Heute weiss ich: Du musst einfach nur rennen.»

Wie geht es weiter mit Torezk, was wird aus der Ostukraine?

Dabei war die Lage schon einmal aussichts­reicher in diesem nicht enden wollenden Krieg. Noch im Sommer 2020 konnte der ukrainische Präsident einen Waffen­stillstand aushandeln, der erstmals seit Kriegs­beginn die Situation deutlich entspannte. Doch anderthalb Jahre später ist davon nichts mehr zu spüren. Westliche Regierungen warnen derzeit vor einem erneuten Angriff Russlands auf die Ukraine. Die russische Führung dementiert vehement, verlegt aber seit Wochen Militär­technik und Soldaten an die Grenze zur Ukraine. Über 100’000 sollen es mittlerweile sein. Im Gegenzug schicken unter anderem Briten und Amerikaner Waffen, die Nato verstärkt ihre Präsenz in osteuropäischen Mitglieds­staaten.

Anna Gorbatschowa bereiten derweil die unbezahlten Rechnungen Sorge. Sie packt ihre Ware auf dem Markt zusammen und setzt sich ins Auto. Nicht weit ausserhalb des Stadt­zentrums erobert sich die Natur Territorium zurück. Durch schneebedeckte Bäume schimmern Ruinen von Wohn­häusern, Busstationen und kleinen Super­märkten. Auch hier wurde einst Kohle aus der Erde geholt, die Zeche schloss vor etwa zwanzig Jahren, die Menschen zogen weg. Zurück bleiben Ruinen und Erinnerungen an bessere Zeiten.

«So wird Torezk in fünf bis sieben Jahren auch aussehen», sagt Gorbatschowa. «Wir warten nur darauf, dass auch noch die letzten zwei Bergwerke schliessen. Das wars dann.»

Zur Autorin und zum Fotografen

Rebecca Barth ist freie Journalistin, lebt in Berlin und schreibt unter anderem für TAZ, Deutschlandfunk Kultur, RBB, MDR und den «Tagesspiegel». Für die Republik schrieb sie zuletzt über die ukrainische Zeitung «Kyiv Post». Die Bilder stammen vom ukrainischen Fotografen Lesha Berezovskiy. Er lebt in Kiew und hat unter anderem für die «Zeit» fotografiert.

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