Strassberg

Weshalb diese Medien-Paranoia?

Fake News, Lügenpresse, staatlich gelenkte Volksverdummung – wie das elektronische Zeitalter für Entfremdung sorgt. Aber warum Medienschelte nichts Neues ist.

Von Daniel Strassberg, 25.01.2022

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Ins Gepäck eines jeden aufrechten Kulturpessimisten und einer jeden aufrechten Kulturpessimistin gehört eine gute Portion Medienschelte. Die rechte Kulturpessimistin sieht eine Verschwörung des Staates am Werk, der Einfluss auf die naiven Bürger nehmen will. Das ist seine mildere, gewissermassen hummlersche Variante. Gemäss der aggressiven angelsächsischen Version verbreiten die Medien gar willentlich fake news, um die Menschen in Unwissenheit und Abhängigkeit zu halten.

Oder kürzer: «Lügenpresse, Lügenpresse!!!»

Der linke Kulturpessimist hingegen hat sich eher auf die elektronischen Medien eingeschossen: Der Spätkapitalismus baut eine riesige Industrie auf, die Kulturindustrie, die die Menschen verblöden lässt, um sie von der Revolution abzuhalten. Bei Philosoph Herbert Marcuse, einem Guru der 68er-Bewegung, stand noch das Radio am Pranger, später folgten das Fernsehen, das Kino, das Handy und die sozialen Netzwerke. Immer stand der Verdacht der organisierten Volksverdummung im Raum.

Der Erfinder der kulturpessimistischen Medienschelte ist zweifellos Platon. Im Dialog «Phaidros» erzählt Sokrates den Mythos des ägyptischen Gottes Theuth, der die Schrift erfunden hat und sie nun dem König Thamus schmackhaft machen will:

[Thamus] aber fragte, was für einen Nutzen sie [die Schrift] habe. «Diese Kenntnis, o König, wird die Ägypter weiser und erinnerungsfähiger machen; denn als ein Hilfsmittel für das Erinnern sowohl als für die Weisheit ist sie erfunden.» Er aber erwiderte: Du hast jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Vaterliebe das Gegenteil von dem gesagt, was ihre Wirkung ist. Denn Vergessenheit wird dieses in den Seelen derer, die es kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Erinnerns, sofern sie nun im Vertrauen auf die Schrift von aussen her mittelst fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen. Nicht also für das Erinnern, sondern für das Gedächtnis hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn Vielhörer sind sie dir nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Scheinweise geworden sind, nicht Weise.

Platon, «Phaidros 274e-275b», leicht gekürzt.

Das Medium Schrift, so Platon, lässt den menschlichen Geist verkümmern, weil es ein Hilfsmittel zur Zersetzung des Gedächtnisses ist. Ohne Erinnerungen können diejenigen, die von der Schrift Gebrauch machen, nicht mehr aus ihrem Innern schöpfen, sie werden nur noch von aussen gelenkt.

Das griechische Wort für Hilfsmittel ist pharmakon, das in diesem Kontext wohl besser mit Droge übersetzt würde. Ersetzen Sie nun «Schrift» durch «Handy», und schon haben Sie die Argumente gegen den Gebrauch elektronischer Medien bei Jugendlichen vor sich: Das Handy ist eine Droge, die die Kreativität der Jugendlichen tötet.

Seit Platon ist zur Verdummungsthese eigentlich nur noch die Verschwörungs­these hinzugekommen. Die Verdummung der Massen durch die Medien soll nicht aus Naivität geschehen, wie im alten Ägypten, sondern von mächtigen Kreisen orchestriert werden, im Dienste ihrer Machterhaltung und ihrer Profitgier.

Wo es um Medien geht, ist in unserem heutigen Weltbild die Verschwörung nie weit. Das prägt auch die aktuelle Debatte über das Medien­förderungsgesetz. Pauschal wird in den Raum gestellt, dass Medien auf keinen Fall zusätzliches staatliches Geld bekommen dürfen, weil dann der Manipulation Tür und Tor geöffnet seien. Die Gegner scheinen sich darauf zu verlassen, dass der pauschale Vorwurf der Unredlichkeit irgendwie schon wirken wird. Wie denn die Medien verstärkt manipulieren sollen, weshalb die Staatsorgane plötzlich grösseren Einfluss hätten, das muss man gar nicht diskutieren. Medien sind per se verdächtig: Damit lässt sich arbeiten.

Um zu begreifen, weshalb solche Unterstellungen überhaupt ziehen, muss man die generelle Funktion von Medien in der Kommunikation betrachten.

Im Jahre 1948 veröffentlichte ein junger Mathematiker in der firmeneigenen Zeitschrift der Telefongesellschaft, bei der er angestellt war, eine kurze Abhandlung mit dem Titel «A Mathematical Theory of Communication». Claude Shannon, so hiess der Mathematiker, interessierte sich für vieles, für Jazz, Einradfahren, Jonglieren und für Maschinen, die Gedanken lesen können. Aber dafür bezahlten ihn die Bell Laboratories nicht. Sein Auftrag war es, eine mathematisch fundierte Theorie der Kommunikation zu finden, die die Quantifizierung von Information zulässt, sodass man mit ihr wie mit Äpfeln rechnen kann.

Die für unsere Fragestellung wichtigsten Erkenntnisse, die Shannon darin vorstellte und später mit Warren Weaver, ebenfalls Mathematiker, vertiefte, waren:

  1. Für Kommunikation ist eine Entfernung zwischen Sender und Empfänger nötig.

  2. Um die Trennung zu überwinden, braucht es ein Medium, das Sender und Empfänger wieder verbindet.

  3. Es gibt keine störungsfreie Kommunikation.

  4. Kommunikation ist unilateral, das heisst, sie geht immer nur in eine Richtung.

  5. Kommunikation braucht immer eine materielle Grundlage.

Ein Medium ist also der Träger einer Information – ein Gerät, Behältnis, Kanal oder Milieu –, der es ermöglicht, diese störungsfrei über eine Distanz hinweg zu übermitteln.

Auch in der Medizin spricht man von Medien, von Transport­medien beispielsweise, von Nährmedien oder Färbemedien. Das Transportmedium ermöglicht, ein Herz unbeschadet in die Klinik zu befördern, in der es eingepflanzt werden soll; und das Nährmedium erlaubt es, Zellen oder Mikroorganismen so lange wachsen zu lassen, bis sie nutzbringend eingesetzt werden können. Für uns besonders interessant sind die Färbemedien: Sie können die an sich unsichtbaren Zellen eines Gewebe­schnittes sichtbar machen. Das weist darauf hin, dass Medien nicht nur transportieren, sondern immer auch aufbereiten müssen: Das Färbemedium macht unsichtbare Zellen sichtbar, doch niemand würde da von einer Verfälschung sprechen, weil die Zellen nicht mehr in ihrem Originalzustand sind.

Das ideale Medium verändert die Information nicht, es entzieht sich aber der Wahrnehmung. Es verschwindet gleichsam: Wer telefoniert oder auf seinem Handy spielt, wer ein spannendes Buch liest oder im Kinosessel versinkt, wer im Internet surft oder in der Zeitung blättert, vergisst die materiellen Grundlagen, die diese Erfahrungen erst ermöglichen. Wir blicken sozusagen durch das Medium hindurch auf die Information, die es trägt und transportiert.

Wer an einer befahrenen Strasse ein rundes Stück Metall mit einem roten Rand und einer weissen Mitte sieht, «sieht» nur die Information Fahrverbot; das Medium, das weiss-rote Stück Metall, das die Information trägt, verschwindet aus dem Blick, es wird gleichsam «durchsichtig».

Marshall McLuhan, einer der Begründer der Medientheorie, wurde mit dem Slogan «Das Medium ist die Botschaft» berühmt. (Der Druckfehler­teufel machte übrigens aus der Botschaft (message) eine Massage (massage), wodurch das Medium zur Massage wurde, was McLuhan begeistert als Buchtitel stehen liess.)

Ist es nicht gerade umgekehrt, ist das Medium nicht der träge, selbst nicht reagierende Kanal, der die Botschaft übermittelt, ohne diese oder sich selbst zu verändern? Ist das Medium nicht gerade das Gegenteil der Botschaft? Ja und Nein: McLuhan wollte damit ausdrücken, dass das Medium zwar aus dem Blick verschwindet, dass es dadurch aber eine viel stärkere Wirkung entfaltet als die Botschaft selbst. Es wurde zum Beispiel schon vielfach nachgewiesen, dass in einer Nachrichten­sendung die Kriegsbilder emotional viel stärker wirken als die Informationen, die dazu mitgeliefert werden. Die Informationen gehen im Sturm der heftigen Emotionen oft sogar unter. Manchmal vergisst man die Information statt das Medium.

Wer im Sessel den Krieg in Afghanistan verfolgt, ist emotional zugleich vollkommen in Afghanistan, wie auch in sicherer Distanz davon. Medien erzeugen also eine Distanz, die sie sogleich wieder abschaffen. Dadurch erzeugen sie die Illusion der Unmittelbarkeit, oder um es zugespitzt zu formulieren: Die Vermittlung produziert Unmittelbarkeit.

Medien haben unterschiedliche Reichweiten. Ich habe mit einem Freund abgemacht. Ich sehe ihn von weitem, und rufe ihm etwas zu, um auf mich aufmerksam zu machen. Ich berühre ihn an der Schulter, weil er mich aus der anderen Richtung kommend erwartet. Wir machen einen Spaziergang, reden miteinander und halten uns dabei die Hände. Die Medien der Nähe sind also die Stimme, der Blick, die Geste und die Berührung. Die Geste des Händehaltens «spricht», sie drückt aus, wie nahe wir uns fühlen. Der Finger überbringt hingegen lediglich die Information: Hier bin ich!

Lebt der Freund weit entfernt, kommen andere Medien ins Spiel. Ich schreibe ihm einen Brief, schicke ein Whatsapp, telefoniere, skype oder halte eine Zoom-Sitzung ab. Platon hatte recht: Die Schrift war das erste Medium, das grosse zeitliche und räumliche Distanzen überwinden konnte, erst mit ihr konnten die engen Grenzen des sozialen Nahbereichs überwunden werden.

Doch woher stammt Platons heftige Abneigung gegen die Schrift? Sie ermöglicht zwar, meinte er, an weit entfernten oder lange zurückliegenden Geschehnissen teilzunehmen, aber sie verhindert gleichzeitig die intensive und unmittelbare Erfahrung der Gegenwart. Die Kommunikation im sozialen Nahbereich erscheint uns nämlich natürlich, obwohl auch sie sozial codiert und medial vermittelt ist: Wenn zwei Männer in der Schweiz Händchen halten, kommunizieren sie, ein Paar zu sein, in Nordafrika lediglich, dass sie gute Freunde sind.

Doch im Nahbereich geht die Medialität der Kommunikation vergessen, sie erscheint uns primär, spontan, wahr, emotional – und nicht vermittelt. Wir erleben sie unmittelbar. Platon – und jede Medienkritik nach ihm – beklagt, dass die Wahrheit der Unmittelbarkeit verloren geht, sobald man sich den Medien der Entfernung zuwendet. Seither sucht die Philosophie Mittel und Wege, die Wahrheit wieder direkt und ohne Umwege zugänglich zu machen und das unmittelbare Erleben zurückzuerobern.

Doch das funktioniert nicht. Zwischen Wirklichkeit und Wirklichkeits­erfahrung schiebt sich immer ein Medium, das die scheinbar unmittelbare Wirklichkeit aufbereitet, um sie übermitteln zu können. Diese Spaltung zwischen Wirklichkeit und Wirklichkeits­erfahrung heisst in der philosophischen Terminologie Entfremdung.

Jean-Jacques Rousseau erzählt in seiner Autobiographie, dass er seine Texte nachts im Kopf geschrieben und am nächsten Morgen einer Sekretärin in der Hoffnung diktiert habe, dadurch die unmittelbare Erfahrung zu retten. Dem Medium wird mit anderen Worten seit jeher ein Verlust an sozialer Nähe, an Intimität und auch an Wahrheit zugeschrieben. Nur das unmittelbare Erleben sei wahr, die Vermittlung durch ein Medium verfälsche die Wahrheit: Wie ein roter Faden zieht sich die Vorstellung, dass vermitteltes Erleben entfremdetes Erleben sei, durch die europäische Geistes­geschichte. Medien steigern deshalb die Entfremdung, in der wir leben, wenn sie sie nicht gar produzieren.

Die elektronischen Medien geben dem Entfremdungs­problem nun eine neue Wendung: Sie haben die zeitlichen und räumlichen Entfernungen beinahe ganz überwunden und die Illusion der Unmittelbarkeit perfektioniert. Mark Zuckerbergs Vision einer Metawelt soll die Illusion der Unmittelbarkeit vollenden: Wir sollen bald in real time in jeden Augenblick der Geschichte zurückkehren und uns an jeden Ort in der Welt versetzen können. Und das mit all unseren Sinnen, also auch mit Geruchs- und Tastsinn, und ohne Angst haben zu müssen, dass wir uns dabei den Kopf anschlagen, von einer Schlange gebissen werden oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten: Meta ist ein ideales Medium, das das ganze Universum in Sekundenschnelle und ohne Verlust an Information zum Empfänger transportiert. Es scheint, als erfülle sich damit der uralte Menschheits­traum der Rückkehr zur unmittelbaren Erfahrung. Die Aufhebung der Entfernungen führt zur Aufhebung der Entfremdung, glaubt Zuckerberg.

Doch das genaue Gegenteil trifft zu. Zuckerbergs Vision erscheint uns eher unheimlich als beglückend. Dieses Phänomen trägt einen wissenschaftlichen Namen: the uncanny valley (das unheimliche Tal). Der japanische Robotiker Masahiro Mori hat schon 1970 festgestellt, dass Roboter oder animierte Figuren, die Menschen ähneln, vom Publikum besser akzeptiert werden als vollkommen unähnliche. Wird die Ähnlichkeit allerdings zu gross, fällt die Akzeptanz­kurve wieder, die Figuren erscheinen dem Betrachter plötzlich unheimlich.

Dasselbe passiert heute den Medien: Das Fehlen jeder zeitlichen und räumlichen Entfernung erscheint unheimlich, weil es die Grenze zwischen intimem Nahbereich und global medialisierter Öffentlichkeit aushebelt. Wir sind beständig mit der ganzen Welt verbunden: Mitten in ein vertrautes, intimes Gespräch platzt die Push­nachricht mit den neuesten Massnahmen des Bundesrates. Wetten, dass sich das Gespräch fortan darum dreht? Zoom überträgt das Schlafzimmer ins Büro, die Push­nachrichten bringen uns Indonesien und Wädenswil gleich schnell nach Hause.

Je kleiner also die Differenz zwischen medialer Vermittlung und unmittelbarem Erleben wird, desto stärker drängt sich der Unterschied auf – oder anders gesagt: Je perfekter das Medium wird, desto weniger kann man es vergessen. Zoom-Sitzungen sind nicht nur wegen der dauernden technischen Störungen so anstrengend, sondern auch weil sie dort Nähe simulieren, wo keine ist, und so das Fehlen von körperlicher Nähe schmerzlich unterstreichen.

Hinter der sich immer schärfer artikulierenden Medienschelte steht also nichts anderes als die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, nach einem direkten Erleben der Wahrheit. Der Vorwurf, die Medien verfälschten absichtlich und bösartig die Informationen, die sie verbreiten – beziehungsweise die Angst, Medien könnten dadurch, dass man sie unterstützt und verbessert, perfiderweise noch verfälschter werden –, drückt die unbewusste Hoffnung aus, dass sie sich eines Tages so von toxischen Einflüssen reinigen, dass sie (wieder) einen direkten Zugang zur Wahrheit erlauben.

Unser Umgang mit elektronischen Medien wird zu einer permanenten Schule der Paranoia: des Versprechens von und des Betrogenseins um Unmittelbarkeit. Deshalb können die Gegner einer «Medienvorlage» so grobschlächtig argumentieren: Medien – wir alle machen ständig diese quälende Erfahrung – sind irgendwie einfach Lug und Trug.

Dabei geht glücklich vergessen, dass jede Information ein Medium braucht, um übertragen zu werden. Dass Unmittelbarkeit also immer eine Sehnsucht bleiben wird.

Illustration: Alex Solman

Zur Transparenz

Von der staatlichen Medien­förderung, über die das Schweizer Stimm­volk am 13. Februar abstimmt, würde auch die Republik profitieren. Wie viel Geld sie erhielte, ist derzeit unklar. Klar ist: Über die Frage, ob sie das Geld überhaupt annehmen würde, müsste die Verlegerschaft entscheiden. Genauso haben wir die Entscheidung, welche Parole Project R, die Genossenschaft hinter der Republik, zum Medien­gesetz fassen soll, an die Verlegerschaft delegiert. Die Befragung ist abgeschlossen, hier finden Sie die Ergebnisse.

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