An die Verlagsetage

Die Mitglieder von Project R empfehlen ein Ja zum Mediengesetz

Und sie tun das sehr deutlich. Aber wenig überzeugt.

Von Ihrem Expeditionsteam, 13.01.2022

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Sehr geehrte Frau Verlegerin
Sehr geehrter Herr Verleger –
and everybody beyond!

Danke für Ihr Pflichtgefühl!

Fast 5000 von Ihnen haben sich die Mühe gemacht, eine Entscheidung zum neuen Medien­gesetz zu treffen.

Die Chef­etage von Project R empfiehlt zu 90,6 Prozent die Annahme des neuen Medien­gesetzes. (Wobei das Ergebnis einen Hauch weniger eindeutig ist, als es scheint – aber dazu später.)

Damit steht nun die Parole von Project R mit über 25’000 Mitgliedern. (Was die Öffentlichkeit hoffentlich beeindruckt. Leider im Gegensatz zur Redaktion, die schon aus Prinzip die eigene Verlags­etage ignoriert. Und schreibt, was sie will.)

Die Stimmbeteiligung betrug insgesamt respektable 16,7 Prozent; bei den klassischen Verlegerinnen etwas über 18 Prozent, bei den in diesem Fall ebenfalls stimm­berechtigten Monats­abonnenten knapp 8 Prozent.

Die auffälligste Differenz bestand zwischen Verlegerinnen und Verlegern: Unsere Chefs scheinen gegenüber dem Medien­paket einen Hauch skeptischer zu sein als unsere Chefinnen: 11 Prozent Nein zu 5 Prozent Nein.

Allerdings sind diese Angaben leicht unscharf. Das, weil bei der Republik-Mitgliedschaft keine Angaben zum Geschlecht erhoben werden. (Denn was geht uns das an? Nichts!) Und die obige Statistik auf einer Analyse der Vornamen beruht.

Weit aufschluss­reicher waren die 194 Plädoyers, die Sie auf der Abstimmungs­­­seite hinterliessen.

Hier glich der Anteil von Ja- zu Nein-Plädoyers in etwa dem der Abstimmung (166 pro vs. 28 kontra).

Doch ist hier das Ergebnis paradox. Denn trotz der beinahe nord­koreanischen 90-Prozent-Zustimmung haben wir selten ein unüberzeugteres Ja gesehen, seit Prinz Charles im Juli 1981 «Ja, ich will» zu Prinzessin Diana sagte.

Über 30 Prozent der Pro-Plädoyers enthielten Relativierungen wie: «Ich hoffe, bin mir aber leider nicht sicher …», «… ist tatsächlich nicht das Gelbe vom Ei …», «… bleibt wohl nichts anderes übrig als ein Ja …» etc. Kein ganz untypisches Pro-Plädoyer las sich so:

Nur sehr wenige unserer Verlegerinnen zeigten kaltblütige Entschlossenheit wie: «Kompromisse sind nie knusprig. Ich werde daher mit bestem Gewissen JA stimmen.»

Es ist kein Zufall, war das Top-Argument des Pro-Lagers: das Kontra-Lager. Knapp 25 Prozent der Ja-Plädoyers nannten als Grund für die Zustimmung: finanz­kräftige Oligarchen, Christoph Blocher, die «Weltwoche» oder die «Freunde der Verfassung». Mit Statements wie: «Ich stimme allem zu, wogegen die Rechte ist», oder: «Libertäre sagen nein. Demokraten ja.»

15 Prozent empfahlen ein Ja zur Stärkung von Demokratie und «Medien­vielfalt»; 12,5 Prozent taten es aus Sympathie für kleine, lokale, digitale Medien; 12,5 Prozent aus real­politischem Realismus: weil das Gesetz «das kleinere Übel», «ein typischer Kompromiss» sei – und «nichts Besseres folgen» würde.

Die Nein-Fraktion argumentierte mit weit weniger Schnörkeln: dass die traditionellen Medien bereits am Ende seien («Wenn du ein totes Pferd reitest, steig ab!»). Dass «Subventionen Innovation verhindern». Oder dass das Verhältnis von 120 Millionen Franken für Print (und Grossverlage) zu 30 Millionen für Online zu ungünstig sei:

Was zusätzlich irritierte, war, dass öffentliche Kommentare zum Medien­gesetz offensichtlich eine Sache sind wie Modell­autos, Fliegen­fischen, eine Glatze oder der Kauf eines Nasenhaar­schneiders – im Zweifel eher etwas für männliche Verlegerinnen.

Jedenfalls stammten nur 39 von 194 aller Plädoyers von Frauen – rund 20 Prozent. Und alle Nein-Plädoyers stammten zu 100 Prozent von Männern. (Lag es am Thema? Am Design? Falls Sie eine Idee haben, schreiben Sie uns im Dialog!)

Die Lektüre der Plädoyers ist kein Grund für die 90,6 Prozent Befürworter, sich zurück­zulehnen. In der SRG-Umfrage ergab sich beim Medien­gesetz ein Patt von 48 zu 48 Prozent. Bei Tamedia standen nur 42 Prozent Ja gegen 51 Prozent Nein.

In dieser Lage ist ein so auffälliger Mangel an Leidenschaft auf der Pro-Seite alles andere als ein rosa Omen für das Gesetz.

Wir von Project R überlassen nun nach der Veröffentlichung Ihrer 90,6-Prozent-Parole die Bühne der Redaktion. (Diese ist wie gesagt unabhängig – weiss der Teufel, was sie schreiben wird.)

Wir melden uns bei Ihnen wieder nach der Abstimmung am 13. Februar: mit einer kurzen Notiz, wie es weitergeht.

Und danken Ihnen für Ihre Zeit, Ihre Mühe, Ihre Klarheit!

Ihre Crew von Project R

PS: Diese Abstimmung war ein Probe­lauf für den Fall eines Ja. Dann wird Ihre Aufgabe eine heiklere sein als nur das Fassen einer Parole. Sie werden entscheiden, ob unser Projekt Staats­gelder annehmen soll – oder nicht.

PPS: Der Zukunft unserer Branche vertrauen wir etwas weniger als Ihnen. Falls Sie also in diesen Wochen Ihre Mitgliedschaft erneuern wollen, wären wir Ihnen verbunden, wenn Sie das jetzt gleich hier erledigen würden. Es dauert weniger als zwei Minuten – und würde uns von ein wenig Nervosität erlösen.

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