Strassberg

Über Liebe und Melancholie

Liebesbeziehungen sollen ausgeglichen sein. Warum ist das so schwierig? Die Philosophie­geschichte liefert einige Antworten, aber wenig Trost.

Von Daniel Strassberg, 28.12.2021

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Heute lade ich Sie auf eine nach­weihnachtliche Zeitreise ein, um einem grossen Geheimnis auf die Spur zu kommen: dem Geheimnis der Liebe. Und insbesondere der Frage, weshalb seit über zweitausend Jahren die Liebe mit der Melancholie assoziiert wird.

Unsere Reise beginnt Ende des 5. Jahr­hunderts im Mittleren Osten, nahe der Stadt Falluja im heutigen Irak. In den Städten Sura, Pumbedita und Nehardea wird damals eine Geschichte in den Talmud aufgenommen, die sich in den Tagen von Rabbi Jehuda, also etwa drei Jahrhunderte zuvor, zugetragen haben soll:

Einst richtete jemand seine Augen auf eine Frau, und schwarze Galle stieg in sein Herz. Als man zu den Ärzten kam und sie befragte, erwiderten diese: Es gibt für ihn kein anderes Mittel, als dass er ihr beiwohne. Da sagten die Weisen: Mag er lieber sterben, als dass er ihr beiwohne. – So soll sie nackt vor ihm stehen. – Mag er lieber sterben, als dass sie nackt vor ihm stehe. – So soll sie sich mit ihm durch eine Wand unterhalten. – Mag er lieber sterben, als dass sie sich mit ihm durch eine Wand unterhalte. (…)

Sollte er sie doch geheiratet haben!? – Es würde ihn nicht befriedigt haben. Dies nach einer Lehre R. Jizchaks, denn R. Jizchak sagte: Seitdem der Tempel zerstört worden ist, ist der Genuss des Beischlafes genommen und den Sündern gegeben worden, heisst es doch in Prediger 9,17 «gestohlenes Wasser ist süss und heimliches Brot schmeckt angenehm».

Aus: Talmud, Sanhedrin, 75a.

Die Geschichte ist so bekannt wie zeitlos: Ein Mann verliebt sich unsterblich und wird nicht erhört – auch der umgekehrte Fall kommt im Talmud an anderer Stelle vor. Der Liebende erkrankt daraufhin so schwer an der schwarzen Galle, der Melancholie, dass er in Todes­gefahr schwebt. Die Ärzte sehen in der Zeit vor den Antidepressiva keine andere Behandlungs­möglichkeit als den Vollzug der geschlechtlichen Liebe. Dagegen sprechen im patriarchalischen 5. Jahr­hundert nicht etwa die Gefühle der Angebeteten, die werden gar nicht erst erfragt, sondern die Rechtslage.

Lieber soll er sterben, befinden die Richter, als die Rettung im illegitimen Beischlaf suchen. Es werden verschiedene Lösungen erwogen, doch alle scheitern an der Strenge der Richter. Bis einer den naheliegenden Vorschlag unterbreitet, dass der Mann die Frau doch heiraten soll, dann könne er sie im Rahmen des Gesetzes lieben.

Dieser Schritt kommt jedoch auch nicht infrage, erklärt Rabbi Jizchak, weil die Heirat das Begehren zum Verschwinden bringt. Die Melancholie bliebe weiterhin bestehen, nun aber nicht mehr, weil die Liebe unerfüllt ist, sondern weil das Begehren verschwindet.

Dass sich Heirat und Begehren gegenseitig ausschliessen, galt während Jahr­hunderten als erwiesen. Im Verfahren, das zur Absetzung König Georgs III. von England (1738–1820) führte, war die Tatsache, dass er seine Frau liebte und sich keine Mätresse hielt, ein gewichtiger Beweis seines Wahnsinns.

Melancholie kann man gar nicht ernst genug nehmen. Sie kann eine Schwärzung der Haut, des Blutes und des Urins, eine Verhärtung des Pulses, Sodbrennen, Flatulenz, saures Aufstossen, ein Sausen im linken Ohr, Verstopfung, Durchfall sowie düstere Träume hervor­rufen. Ebenso gefährlich sind die Folge­erkrankungen – Hysterie, Raserei, Epilepsie, Aussatz, Hämorrhoiden, Krätze und Selbstmord­neigung – und die Persönlichkeits­veränderungen des Melancholikers. Er wird traurig, neidisch, tückisch, gierig, betrügerisch, furchtsam und fahlgesichtig.

All dies würde juristisch einen Fehltritt längst recht­fertigen, ist doch das Leben im jüdischen Recht das höchste Gut. Um ein Leben zu retten, darf man alle Gesetze übertreten – ausser die Verbote von Mord und Götzen­dienst. Woher also diese ungewöhnliche Strenge der Rabbinen?

Die Lehre des Rabbi Jizchak erklärt sie: Der Vollzug wäre ohnehin nutzlos. Entgegen der Meinung der Ärzte würde er den Liebes­kranken nämlich nicht heilen, weil die Melancholie unausweichlich zu jeder wahren Liebe gehört, nicht nur zur unerfüllten. Einzig der Tod kann der Melancholie ein Ende bereiten.

In seiner bahn­brechenden Studie «Trauer und Melancholie» von 1917 versucht Freud die Beziehung von Liebe und Melancholie auszuloten, indem er sie mit der normalen Trauer vergleicht. Sowohl Trauer als auch Melancholie sind Reaktionen auf einen Verlust, meint Freud, und treten auf, wenn uns ein geliebtes Wesen – Freud spricht von «Liebes­objekten» – unwieder­bringlich verloren geht. Einzig die Selbst­entwertung des Depressiven fehlt bei der normalen Trauer.

Der Verlust ist bei der Trauer offen­sichtlich, der geliebte Mensch ist gestorben oder hat den Liebenden verlassen. Doch welchen Liebes­verlust der Melancholiker erlitten hat, ist offenbar auch Freud nicht ganz klar. Er schreibt dazu:

In anderen Fällen glaubt man an der Annahme eines (…) Verlustes festhalten zu sollen, aber man kann nicht deutlich erkennen, was verloren wurde, und darf umso eher annehmen, dass auch der Kranke nicht bewusst erfassen kann, was er verloren hat.

Aus: «Trauer und Melancholie» von Sigmund Freud.

Erstaunlicherweise kommt Freud auf das Problem nicht mehr zu sprechen. Er klärt den psychischen Mechanismus der Depression zwar minutiös auf, lässt aber die Frage offen, wen oder was der Melancholiker eigentlich verloren hat.

Im Anschluss an Galens Humoral­lehre diente in der Renaissance nicht ein ominöser Verlust, sondern der Überschuss an schwarzer Galle als Erklärung der Melancholie. Trotz dieser medizinischen Ursache stellte die Melancholie ein moralisches Problem dar: Der Melancholiker macht sich der Todsünde der acedia schuldig. Langeweile, Passivität und Überdruss, so mögliche Übersetzungen von acedia, lassen ihn träge, schlaff und stumpf­sinnig werden und hindern ihn daran, Gott aktiv zu suchen. Er versinkt in der reinen Kontemplation – die ihn allerdings manchmal dazu befähigt, «ins Zentrum der Dinge einzudringen», so der Florentiner Platoniker Marsilio Ficino (1433–1499).

Auf der anderen Seite gibt es auch Melancholiker, die zu übererregten Wüstlingen werden. Hildegard von Bingen scheint aus bitterer Erfahrung zu sprechen, wenn sie schreibt:

Die Melancholiker haben grobe Knochen, die wenig Mark enthalten, welches aber so heftig brennt, dass sie im Verkehr mit Frauen ungezügelt wie die Schlangen sind. (…) Ihre Wollust kennt kein Mass, und im Verkehr mit Frauen sind sie ungestüm wie Esel, sodass sie ohne diesen leicht wahnsinnig würden. (…) Ihre Umarmung ist widerwärtig, schmerzhaft und todbringend gleich jener reissender Wölfe.

Hildegard von Bingen.

Die eigentümliche Nähe von Begehren und Melancholie lässt sich auf die antiken Vorstellungen der Liebe zurück­führen. Im «Symposion» lässt Platon die Priesterin Diotima den Eros als eine dämonische – weil zur Melancholie führende – Kraft beschreiben, die den Liebenden nach der Wahrheit streben lässt. Angeregt wird die Suche nach Wahrheit zwar von der Liebe des schönen Jünglings, doch dabei darf der Liebende – in der philosophischen Tradition fast immer ein Mann – nicht stehen bleiben, weil es um die Schönheit an sich und nicht um die Schönheit des «Liebes­objekts» geht. Das Streben nach der Wahrheit darf man nicht aufgeben, auch wenn man weiss, dass es nie an ein Ende kommt.

Ganz anders klingt Aristoteles. Zu Beginn der «Nikomachischen Ethik» stellt er eine recht nüchterne Psychologie vor: Menschen handeln, weil sie etwas wollen, das ihnen fehlt:

Jede Kunst (i. e. praktisches Wissen, DS) und jede Lehre (i. e. theoretisches Wissen, DS), desgleichen jede Handlung und jeder Entschluss, scheint ein Gut zu erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles strebt.

Aus: «Nikomachische Ethik» von Aristoteles.

Als Modell seiner Psychologie dient Aristoteles der Hunger: Der Mensch isst, weil ihm Nahrung fehlt. Der objektive Energie­mangel drückt sich subjektiv als Hunger aus, die phantasia muss dann das innere Bild des fehlenden Objektes hervor­rufen, ein Käsebrot beispiels­weise, um die Handlung auf das richtige Ziel hinzulenken.

Aristoteles’ ökonomistische Motivations­lehre hat sich tief in das europäische Bewusstsein eingegraben: Wir begehren, was uns fehlt. Die Wünsche haben ihr Ziel erreicht, wenn der Mangel behoben ist. Dessen Überwindung führt zu einem Zustand der glücklichen Befriedigung, den die Griechen eudaimonia nannten, den guten Dämon. Das höchste Glück, die eigentliche Eudaimonia, tritt allerdings erst ein, wenn das erstrebte Gut nur um seiner selbst willen und nicht als Zwischen­schritt zur Erreichung eines anderen, höheren Ziels gesucht wird. Wenn der Mangel nur auf einer Zwischen­stufe aber nicht insgesamt aufgehoben ist, kann die Eudämonie verständlicher­weise nicht eintreten.

Das höchste Gut, für einen Philosophen wenig über­raschend, ist jedoch die kontemplative Erkenntnis. Das höchste Glück und die Melancholie liegen deshalb ganz nahe beieinander: Beide werden durch Kontemplation hervor­gerufen.

«Melencolia I» von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Die Liebe scheint nicht so recht in das aristotelische Modell zu passen, entweder müssen wir das Hunger­modell überdehnen oder die Liebe beschneiden. Schon der missglückte Ausdruck «Liebes­objekt» weist darauf hin: Die Liebe richtet sich doch nicht auf ein Objekt, sondern auf ein Subjekt, das selbst liebesfähig ist. Ein Kühl­schrank oder ein Schach­brett sind Objekte, aber nicht ein anderer Mensch.

Da leuchtet Platons Vorstellung der Liebe als unabschliessbare Suche schon eher ein. Wonach aber sucht die Liebe? Die Antwort der Renaissance ist eindeutig: Sie sucht das Unendliche. Das klassische Beispiel dafür ist die Liebe Dantes zu seiner Beatrice. Nachdem ihn Vergil durch die Hölle und das Fegefeuer geführt hat, erreicht Dante das Paradies. Dort trifft er auf seine Jugend­liebe Beatrice – die Glückliche oder Glück Verheissende –, die ihn durch die sieben Kreise der Tugend führt. Die «Göttliche Komödie» endet mit der blitz­artigen Erkenntnis, wonach er die ganze Zeit gesucht hat.

Doch genügten nicht dazu die eigenen Schwingen:

Wenn nicht getroffen hätte meinen Geist

Ein Blitz, darin sein Wille fand Gelingen.

Die Kraft der hohen Phantasie hier spleisst!

Doch folgte schon mein Wunsch und Wille gerne,

So wie ein Rad, das ebenmässig kreist.

Der Liebe, die bewegt die Sonn’ und Sterne!

Aus: «Göttliche Komödie» (Paradies, 33. Gesang) von Dante Alighieri.

Es zeigt sich ihm nun, was er aus eigener Kraft nicht erkennen konnte: Die Liebe sucht die Liebe, also sich selbst; sie sucht die Suche, die die Suche sucht. Die schwindel­erregende Selbst­bezüglichkeit führt in die melancholische Kontemplation, weil sie den Liebenden jeden Antriebs beraubt. Wozu die ganze Mühe, wenn sie doch nie an ein Ende kommt?

Auch Tullia d’Aragona (ca. 1510–1556), eine der berühmtesten Kurtisanen der italienischen Renaissance, beschäftigte sich mit dieser Frage. Als illegitime Tochter eines Kardinals in Neapel geboren, lebte sie vor allem in Rom und Ferrara, wo sie als weitherum schönste und klügste Frau ihre zahlreichen Verehrer empfing. Tullia schrieb auch, unter anderem einen «Dialog über die Unendlichkeit der Liebe», den sie mit ihren Verehrern, vorab mit Benedetto Varchi, einem Florentiner Humanisten, führte. Schon das Motto zeigt, worauf der Dialog abzielt: «Fürwahr, Liebe trägt mich, wohin ich nicht will.»

Nach langem Geplänkel, das eher einem Flirt als einer ernsthaften philosophischen Auseinander­setzung ähnelt, kommen sie endlich auf den Punkt. Zunächst stimmen sie darin überein, dass Ende sowohl Schluss als auch Zweck bedeuten kann.

Tullia: Was kein Ende kennt, ist das nicht in Wahrheit unendlich und ohne Ende?

Varchi: Ganz ohne Zweifel.

Tullia: Da nun also – wie Ihr wenigstens sagt – die Liebe kein Ende kennt, ist sie dann nicht unendlich?

Varchi: Gewiss doch; wer zweifelt auch daran?

Das Unendliche sei aber nicht zu fassen, und mit logischem Denken nicht beizukommen, was Tullia beunruhigt. (paraphrasiert durch DS)

Varchi: Da begingt Ihr eine grosse Torheit. Denn wer nichts versteht als Logik, versteht in Wahrheit gar nichts.

Aus: «Dialog über die Unendlichkeit der Liebe» von Tullia d’Aragona.

Nun ist klar, worin die Unendlichkeit der Liebe besteht: Es ist ihre absolute Zweck­losigkeit. Sie ist zwecklos, unabschliessbar, unlogisch und unökonomisch, sie ist vor allem kein Geschäft auf Gegen­seitigkeit. Dass die Liebe immer asymmetrisch und ungerecht ist, zeigt auch Dante in seiner «Vita nuova», dem auto­biografischen Bericht über seine Liebe zu Beatrice:

Gleich nach meiner Rückkehr begab ich mich auf die Suche nach jener Frau, die mein Gebieter mir auf der Strasse der Seufzer genannt hatte; und auf dass meine Rede hierüber kurz sei, sage ich nur, dass ich sie in kürzester Zeit so sehr zu meinem Schutz­schild machte, dass allzu viele Leute über die Grenzen des Ziemlichen hinaus darüber redeten und der Gedanke daran mich des Öfteren hart ankam. Als sie einmal irgendwo an mir vorüberging, mir ihren liebreizenden Gruss verweigerte, in dem all meine Glückseligkeit bestand (…), wurde ganz deutlich, dass ihre Grüsse der Grund meiner Seligkeit waren, die oftmals mein Begreifen überstieg und überwältigte.

Aus: «Vita nuova» von Dante Alighieri.

Dante braucht Beatrice als Schutz­schild, ihr kurzes Nicken auf der Strasse reicht aus, um ihn vor der Melancholie zu schützen. Bleibt dieses wegen der kursierenden Gerüchte aus, ist es mit der Glück­seligkeit vorbei.

Das sogenannte Liebes­objekt scheint demnach die Funktion zu haben, die rastlose Suche für einen Moment zu unter­brechen und die Illusion zu vermitteln, endlich am Ziel angekommen zu sein. Es ist ein phantasmatischer Pfropfen, der die schwarz­gallige Unendlichkeit für einen Moment durch strahlende Schönheit überblendet.

Das Objekt sei das Zufälligste am Trieb, schrieb Freud an anderer Stelle, aber er brachte diese Erkenntnis nicht mit der Melancholie in Zusammen­hang. Doch genau darum geht es: Der Melancholiker lässt sich nicht blenden, er weiss um die Vergänglichkeit der Illusion, er weiss um die Vergeblichkeit der Liebe.

Denn Liebe lässt sich nicht auf Dauer stellen. Dass man vor die Wahl zwischen der Unrast und der Erschöpfung des Begehrens gestellt wird, hat auch mit der tragischen Verkettung von Liebe und Sexualität zu tun.

Alle Versuche, die Liebe von der Sexualität zu trennen, sei es durch die Prostitution oder die religiöse Askese, sind bislang misslungen. Auch Giordano Bruno (1548–1600), der Renaissance-Philosoph, katholische Geistliche und radikale Häretiker, der auf dem Scheiter­haufen enden sollte, mochte auf die Sexualität nicht verzichten:

Gott behüte, dass mir dies je in den Sinn gekommen sein könnte! Im Gegenteil, ich will noch anfügen, dass ich um alle Macht und Glückseligkeit der Welt, die man mir dafür anbieten und nennen könnte, niemals so weise oder gut war, dass mich die Lust angewandelt hätte, mich zu kastrieren und Eunuch zu werden.

Aus: «Die Heroischen Leiden­schaften» von Giordano Bruno.

Das schreibt Bruno im Jahre 1585 in den «Heroischen Leiden­schaften». Der italienische Original­titel lautet «Degli eroici furori», was genauer übersetzt «Vom heroischen Wahnsinn» heissen müsste. Genau das ist in Brunos Augen die Liebe, ein helden­hafter Wahnsinn:

Sie (die Seele, DS) leidet an dem Hin- und Hergezogen­werden zwischen der gleichzeitigen Liebe zur Materie (Sexualität, DS) und zu den intellegiblen (vernünftigen, DS) Dingen, fühlt sich zerrissen und zerfleischt, bis sie endlich gezwungen ist, dem kräftigeren und stärkeren Trieb nachzugeben. Sie äussert ihr Bedauern über die Verbindung und Verwandtschaft mit der körperlichen Materie in den Worten: Wann wird es sein, dass die Natur mich von meiner schweren Last (i. e. der Sexualität) erlöst?

Bruno deutet daraufhin Platons Höhlen­gleichnis um. Derjenige, der die Höhle verlassen und die Wahrheit erblickt hat, kehrt nicht in die Höhle zurück, um seine Mitgefangenen zu befreien, sondern um seine fleischlichen Triebe zu befriedigen. Damit zerstört er alles wieder, was er erreicht hatte. Amor wird entsprechend in der Renaissance als zerstörerische Kraft gesehen, wie dieses Bild von Caravaggio zeigt:

«Amor vincit omnia» (Amor besiegt alles) von Michelangelo Merisi da Caravaggio, 1602. Gemälde­galerie, Staatliche Museen zu Berlin / Jörg P. Anders

Man sollte nicht vergessen, dass in der Zeit, in der diese Texte geschrieben wurden, in Italien der Kapitalismus erfunden wurde. Die ersten im 13. Jahr­hundert in Florenz gegründeten Banken finanzierten den Hundert­jährigen Krieg zwischen Frankreich und England auf beiden Seiten. Sie gingen pleite, als der englische König seine Schulden nicht beglich. Daraufhin übernahm eine bürgerliche Familie, die ursprünglich im Textil­handel tätig war, das Kredit­wesen: die de’ Medici. Bald beherrschte ihr über ganz Europa verzweigtes Banken­system den europäischen Handel und ermöglichte den Aufstieg der Medici zur mächtigsten Familie Europas.

Cosimo de’ Medici, Gönner von Marsilio Ficino und Widmungs­träger von Tullia d’Aragonas «Dialog über die Unendlichkeit der Liebe», finanzierte nicht nur den ökonomischen und politischen, sondern auch den kulturellen Aufstieg von Florenz.

Der Erfinder des Kapitalismus half somit, die Liebe als letzte nicht ökonomische Bastion gegen die kapitalistische (und aristotelische) Zweck­logik zu verteidigen.

Doch alles nützte nichts. Der Kapitalismus verleibte sich auch die Liebe und die Sexualität ein. Die Liebe ist zu einem Tausch­geschäft zu beider Vorteil geworden, zur Basis der kleinsten Zelle der kapitalistischen Produktions­gemeinschaft, getragen von affektiven Nützlichkeits­erwägungen: Ich mache dich glücklich, wenn du mich glücklich machst. Die Buch­haltung wird sorg­fältig geführt, damit nicht mehr investiert wird, als am Ende heraus­gezogen werden kann, die Sexualität vertritt das, was im Vertrags­recht Konkurrenz­verbot heisst: Sie macht den Vertrag zu einem Exklusiv­vertrag. Wenn der Vertrag nicht eingehalten wird, folgt nicht die Melancholie, sondern die wütende Eintreibung der Ausstände.

Doch zur Ökonomisierung eignet sich die Liebe denkbar schlecht. In den fast vierzig Jahren als Psycho­analytiker bin ich noch keiner auf Dauer funktionierenden symmetrischen, das heisst beide Seiten gleicher­massen befriedigenden Beziehung begegnet, mit drei Ausnahmen: erstens Beziehungen, in denen die Sexualität keine Rolle mehr spielt, zweitens Beziehungen, in welchen der Streit die Symmetrie aufrecht­erhält – Streit kann nämlich im Gegensatz zur Liebe durchaus symmetrisch sein –, und drittens verbotene Beziehungen, in denen die Unmöglichkeit der Erfüllung äusseren Umständen zugesprochen werden kann.

Wir sind wieder in der Jetztzeit angekommen, in der die Liebe nicht mehr melancholisch, sondern nur noch depressiv macht, in einer Zeit also, da der Liebende – bleiben wir in der ungegenderten Version – verzweifelt darüber jammert, dass er der einzige Mensch auf Erden ist, dessen Partnerin nicht genau dasselbe Begehren wie er selbst hat. Von Unendlichkeit ist nicht mehr viel die Rede. Aber davon, dass das unfair ist. So war es vertraglich nicht abgemacht.

Illustration: Alex Solman

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