Kommt eine Frau zum Arzt

Eine junge Frau wird plötzlich sehr krank – und hört, das sei sicher psychisch. Bis sie fast stirbt. Das hat System. Und Tradition: Die Medizin lässt Frauen oft im Stich.

Von Ronja Beck (Text) und Sun Bai (Illustration), 17.12.2021

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Ihre Hände fangen an zu zittern, einfach so, aus dem Nichts, und hören nicht mehr damit auf. Auch das Atmen fällt ihr schwer, oft wird ihr schwindlig. Dann, vor allem: das Herzrasen. So heftig, dass sie am Tag kaum die Treppen hochkommt und nachts nicht mehr schläft.

Das war im Sommer 2018. Annie, wie sie hier heissen soll, war eigentlich immer gesund. Jetzt ist sie 23 Jahre alt und ahnt noch nicht, dass ihr Leben gerade eine Wendung nimmt, die sie selbiges hätte kosten können. Und dass das auch damit zu tun hat, dass Medizin nicht neutral ist. Sondern von Menschen gemacht.

Und damit anfällig für Blindheit und Verzerrungen.

Über die nächsten Monate verschlimmert sich Annies Zustand. Sie kriegt «die schlimmsten Kopf­schmerzen meines Lebens», wie sie der Republik erzählt. Sie sieht nicht mehr klar. Sie erbricht täglich.

Eine Kardiologin bezeichnet ihre Symptome als «typisch für junge Frauen». Weitere konsultierte Medizinerinnen sind, wie die von der Republik eingesehenen Kranken­akten zeigen, ebenso ratlos. Sie empfehlen Annie, einen Psychologen aufzusuchen.

Das ist kein Zufall. Es speist sich aus jahrhunderte­alten Vorurteilen gegenüber Frauen und weiblichen Körpern. Und aus einem Unwissen darüber, dass Frauen und Männer oft anders erkranken und anders über ihre Leiden sprechen.

Die Gebär­mutter als Grund vieler Übel

Es ist einer der ganz grossen Klassiker der Misogynie: Frauen gelten als emotional, als empfindlich, als hysterisch. Diese Haltung überdauerte in ihren Grundsätzen Jahrtausende – von grundlegenden medizinischen Schriften aus dem antiken Griechenland, dem «Corpus Hippocraticum», bis zum französischen Neurologen Jean-Martin Charcot und seinem österreichischen Schüler Sigmund Freud, die Ende des 19. Jahrhunderts die Hysterie im Hirn verorteten.

Was dem Begriff ironischer­weise zuwiderläuft. Hystéra ist nämlich Griechisch für Gebär­mutter.

Nach Ansicht der Gelehrten im antiken Griechenland – sie hatten sich von den Ägyptern inspirieren lassen – können Gebär­mütter im Frauen­körper umher­wandern und damit eine Myriade an Beschwerden auslösen, von Schmerzen über Organ­schäden bis hin zu Lähmungen. Das Wandern begann typischer­weise, so befanden jene Gelehrten, wenn Frauen keinen Sex hatten und ihr Uterus nicht mit einem Kind beschwert wurde.

Dass nun ein Organ, das Frauen­körper von Männer­körpern unterscheidet, der Herd vieler, wenn nicht gar aller körperlichen Qualen sein soll und dass diese Qualen auf die Abwesenheit eines Mannes zurück­geführt werden, ist bezeichnend: Die Schwäche ist dem Geschlecht inhärent. Sie ist unvermeidlich im weiblichen Leib verankert.

«Die Vorstellung, dass alle Erkrankungen von Frauen auf ihren Fortpflanzungs­apparat zurückgehen, wirkt heute wie die schlimmste Art der misogynen Verschwörung», schreibt Kultur­historikerin Elinor Cleghorn in ihrem Buch «Unwell Women».

Die Medizin erkannte selbst­verständlich im Laufe der Jahrhunderte, dass ein Uterus nicht wandert. Doch die Hysterie, gross­mehrheitlich eine Diagnose bei Frauen, blieb. Man schrieb den Zustand der Frauen wahlweise dem Uterus, dem Teufel oder der Psyche zu: Sie wurde zur gängigen Lösung für Ärzte, die nicht wussten, was sie anfangen sollten mit ihren Patientinnen. Oder für Religiöse, die den Teufel am Werk sahen. Oder für Psychoanalytiker, die unerfüllte sexuelle Begierden vermuteten.

2019 werden Annies Symptome immer schlimmer. Jeden Tag pocht ihr Herz plötzlich wie wild, ihre Arme brennen, ihr wird schwindlig. «Wenn wir gemeinsam im Bett lagen, konnte mein Partner über die ganze Matratze hinweg meinen Herzschlag spüren», erzählt Annie der Republik. Dasselbe sagt sie damals auch der Kardiologin, zu der sie ihr Hausarzt schickt.

Die Herzspezialistin führt mehrere EKGs durch, misst also einmal während 24 und einmal während 48 Stunden Annies Herz­ströme. Die Patientin führt dazu ein Tagebuch. Die Aufzeichnungen zeigen unter anderem, wie ihr Puls auf 140 Schläge pro Minute hochschiesst, als Annie ruhig im Bus sitzt. Normal wären 60 bis 80.

Die immer häufigeren Anfälle setzen ihren Körper einem gewaltigen Stress aus. Annie muss deshalb mehrmals täglich erbrechen. Ihren Alltag beschreibt sie so: «Aufstehen, kotzen. Auf den Bus laufen, kotzen. Bei der Arbeit die Treppe raufgehen, aufs WC gehen, kotzen. Arbeiten ging meistens ganz gut. Dann am Abend nach Hause fahren, essen, kotzen.»

Ärztliche Empfehlung: Warm-kalt-Bäder und viel trinken

Irgendwann ist die junge Frau komplett ausgelaugt. Sie kann nicht mehr arbeiten und vergräbt sich bei ihrem Partner. Sie isoliert sich immer mehr von ihrem Umfeld, weil ihr, wie sie sagt, die Kraft fehlt. Und sie ihre Freunde nicht ständig mit ihren Problemen belasten will.

Die Kardiologin empfiehlt ihr Warm-kalt-Bäder, viel zu trinken und Ausdauer­sport. Annie ist auch heute noch fassungslos, wenn sie davon erzählt. «Wenn ich ihr sage, dass ich nach dem Treppen­steigen sowie nach warmen Duschen erbrechen muss, wie soll ich da Ausdauer­sport oder Warm-kalt-Bäder machen?»

Dreimal sucht sie die Herzspezialistin auf. Diese sagt, solche Symptome kämen bei jungen, schlanken Frauen häufig vor. Und sie rät ihrer Patientin, einen Psychologen aufzusuchen.

Die Rezepte, mit denen man hysterischen Frauen zu Leibe rückte, variierten über die Jahrhunderte. Therapiert wurde mal mit Geschlechts­verkehr oder dem Verbrennen von Schwefel und Asphalt, mal mit Exorzismus oder Hypnose (ob auch Genital­massagen zu den Behandlungs­methoden gehörten – ein weit gestreuter Funfact – ist umstritten). Erst 1980 wurde die Hysterie schliesslich aus dem DSM, dem diagnostischen Grundlagen­werk für psychische Erkrankungen, gestrichen.

«Viele Frauen, bei denen in vergangenen Jahrhunderten eine Hysterie diagnostiziert wurde», schreibt die Journalistin und Autorin Gabrielle Jackson in ihrem Buch «Pain and Prejudice», «hatten körperliche Erkrankungen, die wir heute erkennen würden als Epilepsie, Anämie, Arthritis, multiple Sklerose, Hirntumoren, Anorexie, Endometriose, Migräne, chronisches Erschöpfungs­syndrom, Fibromyalgie sowie andere chronische Schmerz- oder Autoimmun­erkrankungen.»

Jahrtausendelang erklärten Fehldiagnosen Frauen offiziell und wiederholt zu emotionalen Wracks. Jackson, die für ihr Buch während vier Jahren mit zahlreichen Ärzten und Wissenschaftlerinnen gesprochen hat, kommt zum Schluss, dass das nicht der Vergangenheit angehört: «Das Misstrauen gegenüber Frauen und ihren Schilderungen überdauert in der medizinischen Praxis.»

Annie, zunehmend verzweifelt, tut schliesslich, was ihr die Mediziner raten: Sie geht zu einer Psychologin. «Nach drei Sitzungen fragten sich die Psychologin und ich: Was mache ich hier eigentlich?»

Auch einen Psychosomatiker sucht Annie auf Anraten ihres Hausarztes auf. Wegen des ständigen Erbrechens und ihres Gewichts­verlusts vermutet dieser eine Essstörung. «Ich bin mir sicher», sagt Annie, «wäre ich ein junger Mann gewesen, hätte man mir das nicht angehängt.»

Ihr Zustand verschlimmert sich weiter. Weil ihr die Anfälle unerträgliche Kopfschmerzen bereiten, eilt sie alle paar Monate auf den Notfall. «Jedes Mal sagten die Ärzte, ich hätte halt Kopfweh, und schickten mich in die Kopfweh-Sprechstunde», sagt sie. «Ich sagte ihnen, ich wisse, was eine Migräne sei, und das sei keine. Sie haben mir nicht geglaubt.»

Sechs Mal geht Annie ohne Diagnose nach Hause. Es sollte noch ein Mal mehr brauchen, ein lebens­gefährliches siebtes Mal auf dem Notfall, das ihr schliesslich Erleichterung und Schock zugleich bringen sollte.

Bei der Kommunikation geht es um Sekunden

Kann das tatsächlich sein: antike Vorstellungen vom wandernden Uterus, mittelalterliche Diagnosen von Hysterie – bis heute so mächtig, dass Frauen durch die Maschen fallen?

Cathérine Gebhard, Fachspezialistin für Gender­medizin an der Universität Zürich und Kardiologin, sieht es differenzierter. Sie sagt zur Republik, die Medizin­geschichte würde heute sehr wohl als solche verstanden und gelehrt. Wo sie die Probleme sieht, ist in der unterschiedlichen Kommunikation von und mit Frauen und Männern.

«Wir wissen, dass sich Frauen ausführlicher mitteilen und mehr über ihre Emotionen sprechen als Männer», sagt Gebhard. «Und wir wissen, dass der Arzt oder die Ärztin nach 14 bis 18 Sekunden das erste Mal den Redefluss der Patientin unterbricht. Da kann man sich gut vorstellen, dass wichtige Informationen verloren gehen und die Patientin auf die falsche Schiene geschoben wird.» Frauen würden zudem Symptome wie Schmerzen länger aushalten als Männer, bevor sie zu einem Arzt gehen.

Ist ein Arzt oder eine Ärztin auf diese sozio­kulturellen Unter­schiede nicht sensibilisiert, kann das im schlimmsten Fall tödlich enden.

So wie bei Annie.

Als Annie wiederum, zum siebten Mal, nach einem Anfall den Notfall aufsucht, messen die Ärzte bei ihr einen Blutdruck von über 250. Das kann lebens­gefährlich sein. Sie behalten Annie stationär. Während vier Tagen wird sie auf verschiedenste Befunde untersucht.

Ein Ultraschall zeigt eine Zyste auf ihrer Niere. An Tag fünf tritt der Assistenz­arzt an ihr Bett: «Sie, wir finden sonst nichts, wahrscheinlich müssen Sie morgen nach Hause. Ich würde mir überlegen, ob Sie nicht doch nochmals zum Psychologen gehen wollen.»

Doch dieses eine Mal kann Annie nicht mehr. Sie sagt, sie verlasse das Spital erst, wenn diese Zyste untersucht werde. Das Beharren zahlt sich aus: Am nächsten Tag hat sie nach fast drei Jahren des Leidens ihre Diagnose.

Die Zyste auf der Niere ist keine Zyste, sondern ein seltener Tumor, ein sogenanntes Phäochromo­zytom. Das sind Tumoren auf der Nebenniere, die die gefährliche Fähigkeit besitzen, die Stress­hormone Adrenalin und Noradrenalin in den Körper zu pumpen.

Annie war nicht psychisch erkrankt. Schuld an ihrem Herzrasen, ihren Kopfschmerzen, ihrem Erbrechen war ein über 5 Zentimeter grosser Gewebe­klumpen, der sie täglich und meist grundlos in einen Panik­modus versetzte und ihren Blutdruck bis auf über unglaubliche 300 peitschte.

«Bei so hohen Blutdruck­werten kann man einen Schlaganfall bekommen mit einer Einblutung im Gehirn und versterben», sagt Felix Beuschlein, Direktor der Klinik für Endokrinologie am Universitäts­spital Zürich. «Oder man kann Herzrhythmus­störungen bekommen und daran versterben.» Er habe einzelne Fälle gesehen von Menschen mit einem Phäochromo­zytom, die sich bei bester Gesundheit wähnten. «Und dann plötzlich: tot.»

Symptome führen auf die falsche Fährte

Phäochromozytome sind seltene Erkrankungen. In der Schweiz wird gemäss Felix Beuschlein bei 0,7 von 100’000 Menschen ein derartiger Tumor nachgewiesen. Dass sich die Diagnose, wie bei Annie, über Monate oder Jahre zieht, komme immer wieder vor. Oder dass die Erkrankung erst bei der Obduktion erkannt wird.

Das hat nicht zwingend mit der Seltenheit zu tun. Phäochromo­zytome werden jeder Medizin­studentin in der Schweiz gelehrt. «Wenn man nun einen Internisten dazu fragt, hat er wahrscheinlich noch nie eines gesehen, aber im Studium davon gehört», sagt Endokrinologe Beuschlein. Weil die Erkrankung so selten ist, bei Menschen jeglichen Alters vorkommt und für heftige Symptome sorgen kann, ist sie eben auch interessant. «Ein typischer Kolibri, mit bunten Federn», sagt Beuschlein. Das hat dem Tumor schon Auftritte in Arztserien wie «Grey’s Anatomy» oder «Dr. House» verschafft.

Es ist die vielschichtige Symptomatik, die eine Diagnose schwierig macht. «Ich sage den Studierenden immer: Es gibt fast nichts, was es nicht gibt bei einem Phäochromo­zytom», so Beuschlein. Bluthochdruck, schneller Herzschlag und Kopfschmerzen seien die drei klassischen Symptome. Es gibt aber auch Menschen, die haben zum Beispiel Durchfall oder Fieber. «In 30 Prozent der Fälle gibt es gar keine Symptome», so Beuschlein.

Frauen und Männer sind gleich häufig von Phäochromo­zytomen betroffen. Doch ist die Symptomatik nicht zwingend gleich. Und genau hier wird es kritisch.

Bei Phäochromozytomen zeigten Frauen wie Annie häufig stärkere Symptome als Männer, sagt Gender­medizinerin Cathérine Gebhard. Exakt darin sieht sie die Gefahr. Die Symptome können denen von Panik­attacken ähneln, und darum werden Frauen – bei denen Angst­attacken viel häufiger diagnostiziert werden als bei Männern – schnell in diese Schublade gesteckt. Die Erklärung Angst­erkrankung sei grundsätzlich nicht abwegig, sagt Gebhard.

«Angstattacke» ist eine Diagnose, die zu gut in die jahrhundertealte Erzählung von Frauen passt, die psychisch halt oft angeschlagen seien. Sie kann die Suche nach einem physischen Befund im Keim ersticken. Selbst wenn auch bei Angst oft physische Faktoren mitwirken, etwa Hormon­schwankungen oder eine aus der Balance geratene Schilddrüse.

Endokrinologe Beuschlein beschreibt die Symptome bei Phäochromo­zytomen als ein «phänotypisches Mimikry». Das Erscheinungs­bild ahmt ein anderes nach, in diesem Fall jenes von Panik­attacken. Und das kommt eben gar nicht so selten vor: Er bekomme immer mal wieder Anrufe aus der Psychiatrie in seine Abteilung, sagt Beuschlein. Weil aufmerksame Mediziner vermuten, dass mehr oder anderes hinter den angeblichen Panik­attacken steckt. Bei den Abklärungen werde dann im Blut nach Metanephrinen gesucht, einem Abbau­produkt von Stress­hormonen, an dem man die beiden Erkrankungen unterscheiden könne.

«Freie Metanephrine im Blut erhöht», schreiben die Ärzte auch in die Krankenakte von Annie, als sie im Sommer 2020 im Spital liegt. Zwei Wochen später wird sie operiert. Dreimal stirbt sie beinahe auf dem OP-Tisch.

Körper von Männern sind in der Medizin deutlich besser untersucht

Lebensgefährlich kann nicht nur sein, dass Symptome von Frauen aus soziokulturellen oder historischen Gründen anders gelesen und eingeordnet werden. Eine Tatsache ist auch, dass wir über Frauen und ihre Körper ganz grundsätzlich viel weniger wissen.

In Medikamentenstudien sind Frauen seit jeher stark untervertreten. Was dazu führt, dass sie, sobald eine Arznei auf dem Markt ist, deutlich häufiger Neben­wirkungen erleiden als Männer. Oder dass die Dosis für Frauen viel zu hoch ist. Oder dass ein Medikament bei ihnen, anders als angenommen, gar nicht wirkt.

Die regelmässige Einnahme von Aspirin zum Beispiel wurde viele Jahre als Herzinfarkt-Prophylaxe angepriesen. Was auch zutrifft – für Männer. Bei Frauen unter 65 hingegen, das zeigte 2005 eine zehnjährige Studie in den USA mit 40’000 Probandinnen, bleibt der Effekt aus. (Dafür scheint Aspirin bei ischämischen Schlag­anfällen bei Frauen eine vorbeugende Wirkung zu zeigen.)

Forscher und Pharmafirmen argumentieren, dass der komplizierte Hormon­haushalt bei Frauen und, in frühen Studien­phasen, bei weiblichen Mäusen die Forschung erschwere und Resultate verfälsche (bei Letzterem handelt es sich wohl um eine Behauptung ohne Fundament, wie 2014 eine Analyse von fast 300 wissenschaftlichen Artikeln zeigte).

Das Bild des komplizierten Frauenkörpers führte in der Vergangenheit zuweilen zu absurden Entscheiden. So beriefen sich Wissenschaftler der Rockefeller University darauf, als sie in den 1980ern die Auswirkungen von Übergewicht im Hinblick auf Brust- und Gebär­mutterkrebs – es klingt wie ein schlechter Scherz – nur an Männern untersuchten.

«Zusammengefasst», schreibt Journalistin Maya Dusenbery in ihrem Buch «Doing Harm», «war es einfacher und billiger, nur ein Geschlecht zu untersuchen. Und die Männer waren die Auserwählten. Denn die weiblichen Körper, so dachte man, waren zu kompliziert.»

Frauen bauen Medikamente anders ab als Männer; sie spüren Schmerzen anders, haben bei Erkrankungen andere Symptome. Gemäss Gender­medizinerin Cathérine Gebhard würden jedes Jahr 8000 bis 9000 Studien diese Unterschiede klar aufzeigen.

Die Evidenz ist also erdrückend. Frauen nun in Studien aussen vor zu lassen und die Ergebnisse nicht nach Geschlecht zu differenzieren, «in einem Zeitalter der personalisierten Medizin, in der wir Therapien schon auf einzelne Gene abstimmen», sagt Gebhard, «das kostet eine Menge.»

Zeit, Geld und im schlimmsten Fall Leben.

Es stürben deutlich mehr Frauen an einem Herzinfarkt als Männer, sagt Gebhard. Geschuldet ist das unter anderem dem noch immer vorherrschenden Bild eines Mannes, der zuerst Schmerzen im Arm verspürt und sich dann mit verzerrtem Gesicht an die Brust fasst. Bei Frauen sieht ein Herzinfarkt häufig anders aus. Er zeigt sich bei ihnen eher mal durch Rücken- und Bauch­schmerzen oder Übelkeit. Ein Herzinfarkt bleibt bei einer Frau deshalb häufiger unerkannt, weil Ärzte (öfter als Ärztinnen) wie auch die betroffenen Frauen selber die Symptome falsch deuten.

Im Jahr 2000 hat eine Studie aus den USA mit über 10’000 Patienten gezeigt, dass vor allem Frauen unter 55 Gefahr laufen, trotz Herzinfarkt von der Notfall­station nach Hause geschickt zu werden. Und im Spital erhalten Frauen zudem deutlich häufiger als Männer eine unzureichende Behandlung, das zeigen Studien von Australien bis Europa.

Auch bei Autismus-Spektrums-Störungen sollen Frauen unter dem Radar fliegen, weil sich die Störung bei ihnen anders zeigt. Eine führende britische Neuro­wissenschaftlerin geht von bis zu mehreren hundert­­tausend unentdeckten Fällen in Gross­britannien aus.

Wenn nur jemand zugehört hätte

Bei Endometriose, einer oft sehr schmerzhaften Erkrankung, bei der die Gebärmutter­schleimhaut im Körper wuchert, kommt es gemäss dem Unispital Zürich «nicht selten zu einem Leidensweg von über fünf Jahren», bis eine Frau die Diagnose erhält. Und das, obwohl bis zu 280’000 Frauen in der Schweiz und eine von zehn Frauen weltweit daran erkrankt sein sollen.

Es sind nun aber nicht nur die Frauen, die die Folgen des gender bias ausbaden müssen. Auch bei Männern kennt die Medizin blinde Flecken. Zum Beispiel bei Osteoporose, wo sich die Studien für einmal vor allem auf Frauen abstützen. Oder, wie Kardiologin Cathérine Gebhard sagt, bei Depressionen. «Männer geben beim Arzt oft körperliche Beschwerden vor. Und so wird verpasst, dass sie eine Depression haben», sagt Gebhard. Psychische Beschwerden werden eher als körperliche Erkrankung fehlinterpretiert.

Es ist das Spiegelbild zu Frauen mit körperlichen Beschwerden wie Annie, die dafür kämpfen müssen, nicht für verrückt erklärt zu werden.

Sie hätte sich gewünscht, dass sich jemand wirklich für sie verantwortlich fühlt, sagt Annie, heute tumorfrei. Dass sich eine Ärztin mit Ehrgeiz ihres Falls angenommen hätte.

Am meisten wünscht sie sich, man hätte ihr zugehört.

Nach der Operation entschliesst sie sich, die Kardiologin, die sie trotz des aufgezeichneten Herzrasens und der Schilderungen von Annie zum Psychologen wies, zu konfrontieren. Sie hat die EKGs anderen Kardiologen gezeigt, die hätten nicht geglaubt, dass keine weiteren Unter­suchungen, wie zum Beispiel eine 24-stündige Blutdruck­messung, angeordnet worden seien.

Eine Stunde sitzen sich die beiden im Behandlungs­zimmer gegenüber, und Annie zeigt ihr auf, was für Daten sie ignoriert hat. «Sie hat sich rausgeredet, rausgeredet, rausgeredet. Bis ich ihr gesagt habe: Entweder entschuldigen Sie sich, oder ich gehe vor Gericht.»

Annie bekommt ihre Entschuldigung.

Die Patientenorganisation hatte ihr zur Anzeige geraten. Annie hat sich dagegen entschieden. «Ich müsste mich wieder intensiv mit dieser Zeit befassen. Ich glaube, das wäre nicht gesund für mich.»

Annie muss heute alle drei Monate zur Blutkontrolle und alle sechs Monate zum MRI. Sie sagt, wenn sie nicht über zwei Jahre auf ihre Diagnose hätte warten müssen, wenn sie den Tumor früher entdeckt hätten, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass er wiederkommt, kleiner. Gemäss ihren Ärzten, erzählt Annie, liege diese bei ihr bei fast 50 Prozent. Sie wirkt aufgewühlt, als sie das sagt, traurig, wütend. «Mein Leben wäre ein anderes», sagt sie. Aber, sie sagt es selber: Was für ein Glück, dass sie noch ein Leben hat.

Damit es weniger Frauen ergeht wie Annie, muss noch einiges gehen in der Schweiz. Denn bisher geht sehr wenig.

In der Schweizer Politik tut sich etwas

«Die Schweiz hinkt bei der Gendermedizin extrem hinterher», sagt Cathérine Gebhard von der Uni Zürich. Institute zu Gender­medizin wie in Deutschland, ein eigener Facharzttitel wie in Österreich oder gender­spezifische Gesundheits­zentren wie in den USA: Fehlanzeige. Seit diesem Jahr ist die Gendermedizin immerhin in den Lehrplan verschiedener Schweizer Hochschulen integriert. Die Uni Zürich und die Uni Bern haben zudem einen Weiterbildungs­studiengang für Gendermedizin gestartet. «Männer haben sich leider kaum angemeldet.»

Was auch fehlt in der Schweiz, sind, im Gegensatz zum Beispiel zu den USA, Richt­linien für die Forschung zum Einbezug von Frauen. «Erst gerade wieder wurde eine Studie publiziert zu einer Herz-Kreislauf-Erkrankung mit 85 Prozent Männeranteil», so Gebhard. «In einem Zusatzartikel – nicht einmal im Hauptartikel der Studie – stand dann, dass das Medikament bei Frauen gar keine Wirkung hat.» Trotzdem sei es in Kanada für beide Geschlechter zugelassen worden.

Auch wenn die Schweiz in der Gendermedizin hinterher­hinkt, immerhin hinkt sie: Seit 2019 zeichnet sich langsam Bewegung ab in Bundesbern. Mehrere Motionen wurden im Parlament lanciert (allesamt von Frauen). So fordert die Grünen-Politikerin Léonore Porchet, den Einbezug von Frauen in den Studien in den Kriterien­katalog des Schweizerischen Nationalfonds aufzunehmen. An der Frauen­session diesen Herbst wurde die Exekutive zudem damit beauftragt, ein nationales Forschungs­programm zu Gender­medizin zu lancieren.

Es ist ein guter Zeitpunkt für diese Forderungen. Denn auch die Covid-Pandemie zeigt auf, dass Gender in der Medizin eine Rolle spielt. Ob nun die häufigeren Todesfälle bei Männern; die stärkeren Impf­­nebenwirkungen bei Frauen oder die Tausenden von Meldungen über eine veränderte Menstruation: Weltweit wurde auf einen Schlag deutlich, dass es zwischen Frauen und Männern gewichtige Unter­schiede gibt, die zu kennen Leben retten kann.

Und dass es sich lohnt, immer, Patientinnen ernst zu nehmen.

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