Zu spät

Die Schweiz bewegt sich gerade auf den zweiten tödlichen Corona-Winter zu. Jetzt bleiben noch drei Optionen. Keine davon ist schmerzfrei.

Eine Analyse von Elia Blülle, Oliver Fuchs und Marie-José Kolly, 26.11.2021

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Die Lage ist als sehr ungünstig einzustufen, mit einer Tendenz zu einer weiteren Verschlechterung.

23.11.2021: Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisen­bewältigung beim Bundesamt für Gesundheit, an einer Pressekonferenz.

Zurzeit sind schweiz­weit 20 Prozent der Intensiv­betten durch Covid-19-Patienten belegt. Die Bedingungen für Massnahmen­verschärfungen sind nicht gegeben.

24.11.2021: Alain Berset, Bundesrat und Gesundheits­minister, an einer Pressekonferenz.

Was wir alle kaum mehr für möglich gehalten haben, ist tatsächlich eingetroffen: Corona-Alarm­zustand. Zum … ja, wievielten Mal?

Die Zahl der Infektionen und Spital­eintritte mit Covid-19 steigt in der Schweiz wieder exponentiell.

Noch hoffen der Bundesrat und die Kantons­regierungen auf ein Wunder. Darauf, dass der erneute Appell an die Eigen­­verantwortung wirkt, sich die Menschen besinnen, impfen lassen, von selbst einschränken. In der Presse­­konferenz vom vergangenen Mittwoch betonte Bundesrat Alain Berset wiederholt die Verantwortung jeder und jedes Einzelnen.

Doch die Eigen­verantwortung, strapaziert von der ersten, zweiten, dritten, vierten Welle, wird sich nun erst recht nicht mehr einstellen.

Viele Geimpfte fragen sich: Wieso sollten sie jetzt noch einmal zurück­stecken, wo man ihnen doch back to normal versprochen hatte?

Und viele Ungeimpfte werden nach einem halben Jahr Bedenk­zeit wohl kaum in einem sofortigen Akt der unvermittelten Einsicht ihre Impf­termine buchen. Die Schweizer Politik hat es verpasst, sie kommunikativ früh mit ins Boot zu holen. Dieses Versäumnis jetzt noch aufzufangen – das wird mindestens schwierig, und es ist wahrscheinlich unmöglich.

Die wissenschaftliche Taskforce rechnet damit, dass die Spitäler bereits im Dezember an ihre Grenzen kommen werden. Was jetzt? Was gibt es noch für Optionen? Reale, nicht irgend­welche Luftschlösser?

Keine, die man wirklich wollen kann. Denn alle Auswege, die noch zur Verfügung stehen, kollidieren jetzt entweder mit fundamentalen Grund­rechten oder sie sind sehr ungerecht. Es sind im Kern drei.

1. Der Shutdown: Die Kollektivierung aller Konsequenzen

Seit Montag gelten in Österreich wieder die ganztägigen Ausgangs­beschränkungen. Ohne triftigen Grund darf niemand vor die Tür. Ein Déjà-vu: Die Intensiv­stationen drohen überfüllt zu werden, und die Regierung zieht mit dem Shutdown die Notbremse.

Sollte in der Schweiz die Inzidenz – also die Zahl der Infektionen pro 100’000 Einwohnerinnen – auf dasselbe Tempo beschleunigen wie in Österreich, droht auch uns wieder dasselbe Szenario wie vor einem Jahr: geschlossene Restaurants, abgesagte Konzerte und Homeoffice.

Von solchen Inzidenz­­werten sind wir nicht mehr allzu weit entfernt. Wobei in der Schweiz gleichzeitig viel weniger getestet wird – und viele Fälle unentdeckt bleiben.

Mittlerweile wissen wir, dass ein Shutdown zwar ein effektives Instrument ist, um die Pandemie kurzfristig unter Kontrolle zu bringen, eine Über­lastung des Gesundheits­wesens abzuwenden. Doch die finanziellen und psychischen Konsequenzen sind – je nach Bevölkerungs­gruppe – massiv.

Auch heute würde ein Shutdown die Intensiv­stationen wohl vor einer Überlastung schützen. Doch anders als vor einem Jahr müsste sich die Bevölkerungs­mehrheit dabei nicht mehr mit den besonders gefährdeten Personen solidarisieren. Sondern mit den Ungeimpften – also jenen, die sich gegen den Schutz entschieden und so ein erhöhtes Risiko eingehen.

Anders gesagt: Vor einem Jahr schützte die Mehrheit eine Minderheit, die keine Wahl­möglichkeit hatte und sich vor der drohenden Gefahr einer schweren Erkrankung nicht schützen konnte. Heute hingegen schützt sie die Minderheit, die eine Wahl hatte und hat.

Neben Patientinnen, deren Immun­system wegen ihres Alters oder einer Erkrankung trotz Impfung keinen starken Immun­schutz aufgebaut hat, liegen grösstenteils Ungeimpfte im Spital. Mit einem erneuten Shutdown müssten alle gemeinsam deren selbst gewähltes Risiko tragen.

Das wäre ein Schlag ins Gesicht der Mehrheit, die sich hat impfen lassen. Eine Kollektivierung der Konsequenzen. Das Versprechen, mit der Impfung die Normalität zurück­zuerlangen, würde gebrochen. Das Problem nur vertagt: Bleibt die Impfquote und damit die Gesamt­immunität in der Schweizer Bevölkerung tief, werden wir in absehbarer Zeit keinen endemischen Zustand erreichen – also jenen Zeitpunkt, bei dem die meisten Menschen immun sind und die Zahl der Erkrankungen nicht mehr exponentiell wächst.

«Wir müssen die Impflücken schliessen», sagte der Virologe Christian Drosten kürzlich zum Norddeutschen Rundfunk. Sonst wird der nächste Winter wieder zum Problem. Zu einem noch grösseren, falls eine noch ansteckendere Virus­variante entstehen sollte.

So hangeln wir uns von Welle zu Welle zu Welle zu Welle zu Welle, bis wir alle entweder geimpft, genesen – oder gestorben sind.

2. Das Impf­obligatorium: Ein schwerer Eingriff in die Grund­rechte

In Österreich soll die Impfung ab Februar obligatorisch sein. Und auch in Deutschland denken Politikerinnen laut über eine mögliche Impf­pflicht nach. Bundesrat Alain Berset unterband ähnliche Diskussionen früh und bekräftigte am Mittwoch erneut, der Impf­entscheid würde «freiwillig» bleiben.

In der Schweiz sieht das Epidemien­gesetz vor, dass Bund und Kantone Impfungen von gefährdeten Personen­gruppen und bestimmten Personen unter engen Voraus­setzungen für obligatorisch erklären könnten.

Gemäss geltendem Recht kann aber niemand gezwungen werden, sich impfen zu lassen.

Die Bundes­verfassung garantiert die persönliche Freiheit und schützt damit die Bevölkerung vor staatlichen Eingriffen in die körperliche und geistige Integrität. Eine allgemeine Impf­pflicht würde Heer­scharen von Möchtegern-Märtyrern schaffen, wirkte in einigen Milieus wohl kontra­produktiv auf die Impf­motivation und wäre ein schwerer Eingriff in die Grundrechte.

Einfacher wäre es, den Impfdruck zu erhöhen, indem nur noch Genesene und Geimpfte ein Zertifikat erhielten und der Nachweis ausgeweitet würde – etwa auf den öffentlichen Verkehr. Aber auch dafür dürfte es bereits zu spät sein. Das haben die Ereignisse in Österreich gezeigt. Die dortige Regierung hat in der Verzweiflung einen harten Lockdown erst nur für Ungeimpfte beschlossen. Und ist damit bereits nach wenigen Tagen gescheitert.

3. Triage nach Impf­status: Radikale Eigen­verantwortung

Ohne erneuten Shutdown oder einen explosiven Anstieg der Impf­quote blieben noch zwei Szenarien: Entweder schrammen wir an der Katastrophe vorbei – mit geschlossenen Augen, gekreuzten Fingern, Zehn­tausenden Booster-Impfungen und dem Selbst­schutz derjenigen, die noch mögen.

Oder das Gesundheits­wesen gerät wieder an den Anschlag. Das bereits ausgebrannte Personal ginge noch einmal durch die Hölle. Und die Spitäler müssten ethisch schwierigste Entscheide fällen: selektionieren, wer nach den üblichen Schweizer Standards behandelt werden sollte – und wer nicht.

Es droht eine Situation, in der Spitäler ihre Patienten priorisieren müssen, und im schlimmsten Fall sogar die Triage. Gibt man auf einer vollen Intensiv­station einem geimpften 75-jährigen Covid-Patienten den Vorzug oder einer ungeimpften schwangeren Covid-Patientin? Einer Person, die dringend eine Herz­operation bräuchte? Oder einem ungeimpften 40-Jährigen, dessen Infektion einen schweren Verlauf nimmt?

Überlastung bedeutet auch, dass eine Patientin die Intensiv­station nach einer Tumor­operation früher verlassen muss, weil sie die spezialisierten Mediziner und Pflegerinnen weniger dringend benötigt als der intubierte Covid-19-Patient. Zusätzlich droht bei Engpässen in den Spitälern auch eine sogenannte «stille Triage» – dabei werden Menschen mit niedrigerer Lebens­erwartung gar nicht mehr vom Alters­heim ins Spital gebracht.

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat ihre Richt­linien während der Pandemie mehrmals überarbeitet und um Kriterien für die Triage bei Ressourcen­­­knappheit ergänzt. Im letzten Halbjahr ertönte im Wider­spruch zu diesen Richt­linien immer wieder die radikale Idee, Geimpfte bei einer schweren Covid-19-Erkrankung auf den Intensiv­stationen zu bevorzugen. Vonseiten der Politik, aber auch im Republik-Dialog.

In letzter Konsequenz würde die Eigen­verantwortung – so, wie sie der Bundes­rat propagiert – genau das verlangen: Der geimpfte 75-Jährige, dessen geschwächtes Immun­system auf die Impfung ungenügend reagiert hat, müsste den Vortritt bekommen. Und jene, die sich bewusst gegen den Immun­schutz entscheiden, müssten ihm diesen Vortritt auch gewähren.

Eine solche Ungleich­behandlung von Ungeimpften ist mit den Werten unserer Gesellschaft (und der Medizin) jedoch ebenso wenig vereinbar wie eine Verweigerung ärztlicher Behandlung und Pflege für Raucherinnen und andere Menschen, deren Erkrankung unter anderem durch ihren Lebens­stil hätte zustande kommen können.

So oder so: Jede Form von Triage ist eine Bankrott­erklärung des Staates.

Die Quittung

Ungeimpfte nicht behandeln: geht nicht. Impfpflicht: geht kaum. Und die Geimpften in einen weiteren Shutdown zu schicken, wäre ungerecht und würde all jene bestrafen, die sich vernünftig an die Empfehlungen halten.

Die Langzeit­folgen von Ungerechtigkeit kennen wir: Zynismus, Misstrauen, Verständnis­losigkeit und irgendwann dann auch Wut.

Die Politik reagierte in der Schweiz immer wieder, anstatt zu agieren. Sie schreckte davor zurück, eine laute, wissenschafts­skeptische Minderheit zu verärgern, anstatt auch die Bedürfnisse der stillen Mehrheit zu gewichten. Und die Verantwortungs­diffusion hat sich nie aufgelöst: Am Mittwoch verlangte der Bundesrat Massnahmen von den Kantonen, die ihrerseits am Donnerstag den Bund zum Handeln aufriefen. Die gleiche alte Leier. Jedes. Verdammte. Mal. Von. Neuem.

Jetzt, nach fast zwei Jahren Pandemie, kommt die Quittung dafür. Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes rechnet damit, dass die Schweiz in drei Wochen ähnliche Inzidenzen verzeichnen wird wie Österreich heute. Und steigen sie weiter an, dürften die Spitäler bereits im Dezember voll sein.

Frohen Advent allerseits.

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