Welt unter: Simon Kofe, Aussenminister des Inselstaats Tuvalu im Pazifischen Ozean, steht bei seiner Rede zur Klimakonferenz im Wasser. Noch reicht es nicht bis zum Hals. Tuvalu Foreign Ministry

Wie reiche Staaten die Entwicklungs­länder (mit tiefem Bedauern) im Stich lassen

Immerhin wird jetzt versprochen, ein altes Versprechen auch zu halten. 100 Milliarden Dollar sollten eigentlich schon lange die Folgen der Klimaerwärmung lindern. Doch auch nach Glasgow wird weiter geknausert – auch von der Schweiz.

Von Elia Blülle, 18.11.2021

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Donnerstagabend, vergangene Woche in Glasgow. Die Minister und Delegierten sehen nach 12 Tagen Klima­konferenz aus wie Party­gänger, die in der Früh nach Hause torkeln: Augen­ringe, zerknitterte Hemden, zerzaustes Haar.

Die Spuren von zähen Verhandlungen. Und noch ist es nicht vorbei. Eine weitere Nacht­schicht steht an. In den nächsten Stunden entscheidet sich, ob Glasgow als Erfolg in die Geschichte eingeht – oder als eine weitere gescheiterte Klima­konferenz. Die Devise der britischen Organisatoren: Nur mit klaren Bekenntnissen ist die Begrenzung der durch­schnittlichen Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius noch möglich.

Einen Tag vor dem offiziellen Ende der Klima­konferenz sind noch keine klaren Bekenntnisse in Sicht. Bundes­rätin Simonetta Sommaruga, die für das Schweizer Klima­dossier verantwortlich ist, lädt trotzdem noch einmal zur Medien­konferenz – und sagt wieder ab, zwei Stunden nachdem die Einladungen raus sind. Der Verhandlungs­plan sei zu dicht.

Kein Wunder. In einer ganzen Reihe Fragen sind sich die an der Klima­konferenz beteiligten Parteien uneinig. Besonders gross sind die Differenzen in einer wesentlichen Frage: der Frage der Klima­finanzierung. Sie lautet: Wie viel Geld sollen die entwickelten Volks­wirtschaften künftig an arme Länder bezahlen, damit sie die Klimakrise bewältigen und entstandene Klima­schäden kompensieren können?

Die Uneinigkeit ist so gross, dass die Konferenz, die am Freitag hätte enden sollen, in die Verlängerung geht. Am Samstag, es ist bereits spät am Nachmittag, bilden sich grosse Menschen­trauben im Plenum – US-Klimaminister John Kerry und der chinesische Chef­diplomat Xie Zhenhua feilschen, Maske an Maske, um die letzten Details.

Der ganze Deal droht abzustürzen. China und Indien wollen den Beschluss zum Kohle­ausstieg verwässern; Europa und die USA wehren sich gegen neue Finanzierungs­instrumente für Entwicklungs­länder.

Am Ende des Showdowns der beiden Weltmachts­vertreter im Glasgower Stadtteil Finnieston stehen zwei Kompromisse:

  1. Das Zugeständnis an die Super­emittenten im Osten: Das neue Abkommen verspricht, die bereits zuvor von den reichen Ländern zugesicherten 100 Milliarden Dollar pro Jahr zu bezahlen und die Gelder für Klima­adaption ab 2025 zu verdoppeln. Anstatt vom schritt­weisen Ausstieg (phase-out) aus der Kohle ist dafür nun vom schritt­weisen Abbau (phase-down) die Rede.

  2. Das Zugeständnis an die reichen Länder im Westen: Ein eigen­ständiger Fonds für die Finanzierung von Klima­schäden, wie ihn 138 Entwicklungs­länder vorgeschlagen hatten, ist vom Tisch. Statt dass bare Münze fliesst, soll «ein Dialog» eingeleitet werden. Wie schon in den Jahren zuvor.

Vor Glasgow ist also nach Glasgow – zumindest in diesem Punkt.

Entsprechend gross ist am Ende der COP26 die Frustration. Sie seien «äusserst enttäuscht», sagt der Vertreter von Guinea im Plenum. Und der Kenianer Mohamed Adow von der Denkfabrik Power Shift Africa meint: «In Glasgow wurden die Bedürfnisse der ärmsten Menschen auf dem Altar des Egoismus geopfert.»

Die Enttäuschung ist nachvollziehbar. Wortwörtlich, denn die aktuellen Debatten zur Klima­finanzierung gehen auf ein altes, uneingelöstes Versprechen zurück.

Hässliche Kaninchen und ein Hoffnungs­schimmer

Schon 12 Jahre bevor sich die Minister der Welt in Glasgow trafen, versuchten die USA und die EU, die Entwicklungs- und Schwellen­länder mit Geld für mehr Klima­schutz zu ködern. Das war am Klimagipfel 2009 in Kopenhagen.

Der damals vorgeschlagene Deal: Die Schwellen- und Entwicklungs­länder sollen ihre Treibhausgas­emissionen transparent ausweisen, senken, und im Gegenzug erhalten sie von den Industrie­nationen künftig Hunderte Milliarden für mehr Klima­schutz und Anpassungs­massnahmen.

Doch die Klimakonferenz in Kopenhagen verlief desaströs. Wie verfahren die Verhandlungen waren, veranschaulicht insbesondere eine Episode.

Die Rahmenhandlung: China blockierte. Genauer: China blockierte alles.

Obwohl das Land längst zur Industrie­macht aufgestiegen ist und am Tisch nicht fehlen durfte, blieb der damalige Premier Wen Jiabao den wichtigen Verhandlungen fern. Er war unauffindbar – soll sich laut Gerüchten in seinem Hotel­zimmer verbunkert haben – und verweigerte sich allen bilateralen Gesprächen mit den USA.

Dann die Überraschung: An einem der letzten Verhandlungs­tage tauchte Premier Wen doch noch auf. Für eine informelle Sitzung mit Brasilien, Indien und Südafrika, die ein neues Abkommen ebenfalls torpedieren.

Sie besprachen gerade ihre neue Taktik, als US-Präsident Barack Obama wutentbrannt in das konspirative Meeting platzte. «Herr Premier», schnauzte er den Chinesen an. «Sind Sie jetzt bereit, mit mir zu reden?»

Diplomatie mit der Brechstange – respektive mit dem grossen Megafon. So beschreibt der ehemalige US-Präsident die Episode in seinen 2020 veröffentlichten Memoiren. Darin erzählt er, wie er den wider­spenstigen Ländern drohte:

«Wenn ich diesen Raum ohne eine Einigung verlasse, dann renne ich als Erstes nach unten, wo die gesamte internationale Presse auf Neuigkeiten wartet.» Und weiter: «Ich werde sagen, dass ich bereit war, mich zu einer grossen Reduktion unserer Treibhaus­gase und zu Milliarden an neuer Unter­stützung zu verpflichten. Und das werde ich dann auch den armen Ländern sagen und allen Menschen in Ihren Ländern, die am meisten unter dem Klima­wandel leiden.»

Daraufhin legte Obama gemäss seinen eigenen Schilderungen den anwesenden Ministern einen Vertrags­entwurf vor, den sie während 30 Minuten überarbeiteten und letztlich auch akzeptierten.

Später im Flugzeug zurück nach Washington habe er sich gut gefühlt, schreibt Obama: «Auf der grössten aller Bühnen, bei einem wichtigen Thema und mit tickender Uhr, hatte ich ein Kaninchen aus dem Hut gezogen.»

Ein Kaninchen, so mickrig – jedes Publikum würde entsetzt die Vorstellung verlassen.

Denn China und die USA formulierten die «Übereinkunft von Kopenhagen» schwammig und unter Ausschluss aller anderen Parteien. Der Minimal­kompromiss ist dermassen unbeliebt, dass ihn die Konferenz letztlich nur «zur Kenntnis» nahm. Das ist diplomatisch für: fuck off.

Der einzige Hoffnungs­schimmer aus Kopenhagen: Die Industrie­länder verpflichteten sich 2009, jährlich Gelder zu sprechen, um die Klimakrise zu bekämpfen und sich an sie anzupassen. Geldbeträge, die laufend erhöht werden sollen – bis spätestens 2020 auf insgesamt 100 Milliarden Dollar pro Jahr.

Eine gigantische Summe. Aber eine Summe, die auch ankommt?

Die Zech­preller aus dem Westen

Die Klimafinanzierung ist eines der zentralsten Themen der Klimapolitik. Auch deshalb, weil sie die viel zitierte Forderung nach Klima­gerechtigkeit direkt erfüllt und die historische Verantwortung der reichen westlichen Länder adressiert.

Die 23 reichsten Länder verantworten die eine Hälfte aller historischen Treibhausgas­emissionen. Alle restlichen Staaten – über 150 – die andere.

Das Pariser Klimaabkommen von 2015 spricht deshalb von der «differenzierten Differenzierung». Das heisst, es berücksichtigt bei der Bekämpfung der Klimakrise die jeweilige ökonomische Situation der beteiligten Parteien.

Industrienationen müssen demnach ihre Klima­neutralität viel schneller erreichen und weniger wohlhabende Staaten unterstützen. Einerseits bei der Mitigation, also der Senkung von Emissionen. Andererseits aber auch bei der Anpassung an die Folgen der ungebremsten Klima­erwärmung.

Zum Beispiel soll das Unterstützungs­geld auf Karibik­inseln die Errichtung von stabilen Schutz­bauten finanzieren, damit die Bevölkerung in ihren Holz­hütten den immer häufiger auftretenden Extrem­wettern nicht schutzlos ausgeliefert ist.

Bald wird aber klar: Die reichen Länder halten ihr 100-Milliarden-Versprechen von Kopenhagen nicht ein.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (OECD) stellte jüngst fest, dass die Industrie­länder 2019 nur rund 80 Milliarden in die internationale Klima­finanzierung steckten – zwei Drittel davon als Darlehen, die irgendwann wieder zurück­bezahlt werden müssen und die Entwicklungs­länder weiter in bereits hohen Schulden ertränken.

2019 fehlten mehr als 20 Milliarden zum versprochenen Finanzierungs­ziel. Um das in eine Relation zu stellen: Mit diesem Betrag könnte die Schweiz beinahe nochmals zwei Basistunnel durch das Gotthard­massiv bohren.

Die OECD geht zudem davon aus, dass zwischen 2016 und 2018 ein Grossteil der Finanzmittel – rund 70 Prozent – an Schwellen­länder wie China, Brasilien, Indien oder Südafrika floss. Die am wenigsten entwickelten Staaten, mehrheitlich afrikanische Länder, erhielten gerade einmal 14 Prozent des Kuchens. Sie aber hätten das Geld am bittersten nötig.

Indien und China erhalten am meisten Geld aus der bilateralen Klimafinanzierung

Die grössten Geldgeber und -empfänger (US-Dollar) für klimarelevante Entwicklungsprojekte

Multilaterale GeldgeberWeltbank13,7 Mrd. Asiatische Entwicklungsbank5,49 Mrd. Interamerikanische Entwicklungsbank3,81 Mrd. Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung3,51 Mrd. Europäische Investitionsbank3,36 Mrd. Entwicklungsbank Lateinamerikas2,22 Mrd. Afrikanische Entwicklungsbank1,84 Mrd. EU-Institutionen (ohne EIB)1,57 Mrd. Green Climate Fund1,51 Mrd. Asiatische Infrastrukturinvestmentbank1,34 Mrd. Bilaterale GeldgeberDeutschland4,13 Mrd. Frankreich1,97 Mrd. USA604 Mio. Norwegen594 Mio. UK477 Mio. Japan399 Mio. Schweden363 Mio. Kanada319 Mio. Niederlande264 Mio. Österreich174 Mio. Empfänger aus bilateraler KlimafinanzierungIndien5,55 Mrd. China2,65 Mrd. Brasilien2,37 Mrd. Bangladesh1,75 Mrd. Türkei1,53 Mrd. Indonesien1,51 Mrd. Marokko1,46 Mrd. Ägypten1,29 Mrd. Mexiko1,26 Mrd. Pakistan1,15 Mrd.

Quelle: Berechnung auf Basis von OECD-Daten, Durchschnitt der Zahlungen aus den Jahren 2018 und 2019. Schätzungen enthalten nur die Daten, die klimarelevant sind.

Wie drastisch die Situation bereits heute ist, machte in Glasgow die erste weibliche Premier­ministerin von Barbados, Mia Amor Mottley, in ihrer Eröffnungsrede klar:

«Meine Freunde», sagte sie, «das Versagen, diese kritischen Finanz­mittel zu stellen (…), kostet in unseren Gemeinschaften Leben und Existenzen. Das ist unmoralisch. Und es ist ungerecht.»

Mia Amor Mottley ist eine Frau, die eigentlich immer lacht, breit und mit Zahnlücke. Ausser sie spricht über die Klimakrise, dann weicht alle Freude aus ihrem weichen Gesicht. Überflutung, Zyklone, Küsten­erosion, heftige Nieder­schläge, Dürren, häufigere und intensivere tropische Wirbel­stürme bedrohen Barbados, den kleinen Inselstaat in der Karibik.

Im Juli 2021 streifte ein tobender Hurrikan die Insel. Er beschädigte über 1300 Häuser, sorgte für flächen­deckende Strom­ausfälle und riss Hunderte Bäume aus.

Barbados kam aber verhältnis­mässig glimpflich davon. Andere hatten weniger Glück. Als der Tropensturm Erika 2015 über die Karibik­insel Dominica hinweg­fegte, zerstörte er innert vier Stunden 90 Prozent ihres Brutto­inland­produkts und stürzte den Insel­staat in eine tiefe Krise.

Besonders heftig traf es in den letzten Jahren auch einige Regionen in Afrika.

Im Herbst 2020 traten in der Sahelzone die Flüsse Niger und Nil über die Ufer. Die braunen Fluten verschlangen Häuser, Felder, Tiere. Noch nie in der jüngeren Geschichte erlebten die Menschen in diesen Gebieten so extreme Über­schwemmungen. Hunderte starben; Hundert­tausende mussten fliehen.

Der afrikanische Kontinent erwärmt sich deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Im Süden von Madagaskar geht gerade wegen einer Dürre Tausenden Menschen die Nahrung aus. Die Uno spricht – nicht unumstritten – von der ersten Hungersnot, die durch die Klima­erwärmung verursacht worden sei.

«Sind wir so verblendet und verhärtet, dass wir die Schreie der Menschen nicht mehr hören?», fragte Premier­ministerin Mottley ihre Amts­kollegen an der Klimakonferenz.

Eidgenössisches Knausern

Alle Geberländer gestanden in Glasgow «mit tiefem Bedauern» ein, dass sie die versprochene Klima­finanzierung verpasst haben.

Damit hörten dann aber die Zugeständnisse auf.

Wie die 100 Milliarden verteilt und bezahlt werden sollen, ist weiter unklar. Es besteht keine Einigkeit darüber, wie sichergestellt werden kann, dass die Gelder effektiv eingesetzt werden. Und die Länder streiten sich auch immer noch darüber, welche Entwicklungs­hilfe überhaupt zur Klima­finanzierung gezählt werden darf.

Die Konsequenz ist ein grässliches Chaos. Ein Beispiel: die helvetische Eidgenossenschaft.

Die Schweiz muss pro Jahr 450 bis 600 Millionen US-Dollar an die internationale Klima­finanzierung bezahlen. Wobei «müssen» etwas übertrieben ist, denn entschieden hat das nicht die Uno-Konferenz, sondern der Bundesrat selbst (mit dem Segen von National- und Ständerat).

Jedes Land kann selbst­ständig bestimmen und berechnen, wie hoch sein Beitrag an die Klima­finanzierung sein soll. Das ist ein wenig so, als würde die Gemeinde einem die Steuer­rechnung schicken mit der Aufforderung: Zahle doch bitte, was du für richtig hältst. Eine Bankrott­erklärung in Raten.

Für die Berechnung des Schweizer Anteils hat die Regierung die wirtschaftliche Leistungs­fähigkeit sowie die von der Schweiz verursachten Treibhausgas­emissionen berücksichtigt. Nur: Auch diese Rechnung bildet die Spitze des Eisbergs ab. Der fette Teil darunter – also alle Emissionen, die etwa durch Nahrungs­mittel­importe entstehen – entfällt. Und die vor 1990 getätigten Emissionen spielen in der Rechnung ebenfalls keine Rolle.

Im Jahr 2018 bezahlte die Schweiz nach eigenen Angaben rund 550 Millionen Dollar für ausländische Klima­projekte an multilaterale Organisationen wie etwa die Weltbank oder direkt über bilaterale Partnerschaften. Der Bundesrat gab vor einem Jahr bekannt, die hiesige Klima­finanzierung sei auf Kurs.

Ganz anders sehen das die Schweizer Umwelt- und Entwicklungs­organisationen.

Angesichts ihres Fussabdrucks im Ausland und der Wirtschafts­kraft müsste die Schweiz ihren Beitrag mindestens auf eine Milliarde Dollar erhöhen, sagt etwa Stefan Salzmann vom katholischen Hilfswerk Fastenopfer und Co-Präsident der Klima-Allianz Schweiz am Rande der Klima­konferenz.

Florian Egli forscht an der ETH zum Thema Klima­finanzierung, und auch er meint, die Schweiz befinde sich im internationalen Vergleich am unteren Ende mit ihrem Beitrag. Vor allem müsse man aber in der internationalen Klima­finanzierung eine Sache immer sehr kritisch anschauen:

Wie viel Geld hat der Bund zusätzlich zur bereits gesprochenen Entwicklungs­hilfe bezahlt?

Eine 2020 veröffentlichte Studie, die der entwicklungs­politische Thinktank Alliance Sud in Auftrag gegeben hatte, kommt zum Schluss, dass der Anstieg der Schweizer Klima­finanzierung von 2011 bis 2018 weniger auf zusätzliche Gelder, sondern auf die Veränderungen in der Anrechnungs­praxis zurück­zuführen ist.

Kurz: Die Schweiz hat ihre Beiträge zwar nominell erhöht, aber deswegen nicht wirklich viel mehr Geld ausgegeben.

Die Mittel für die Klima­finanzierung fliessen aus den gedeckelten Rahmen­krediten für die Entwicklungs­hilfe. Die Gefahr besteht, dass dabei Gelder aus anderen, nicht direkt klima­relevanten Bereichen wie allgemeine Schul­bildung abgezogen werden.

Ein gutes Zeugnis stellt die Alliance-Sud-Studie der Schweiz dafür in anderen Punkten aus. So hat sie, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, einen beträchtlichen Teil ihrer Finanz­hilfe auch in die Adaption gesteckt – etwa in Frühwarn­systeme für Erdrutsche und Gletschersee­ausbrüche im Himalaja – und fast das ganze Geld als A-fonds-perdu-Beiträge gesprochen.

Anders als etwa Frankreich und Japan, die beinahe ihre gesamte Klima­finanzierung über Darlehen abwickeln und die Entwicklungs­staaten so zusätzlich verschulden.

Schweiz finanziert bilaterale Klimaprojekte primär in armen Ländern

Die wichtigsten Geldempfänger (US-Dollar) der Schweizer Klimafinanzierung im Jahr 2019.

Bilaterale EmpfängerPeru17,7 Mio. Tschad16,5 Mio. Benin12,9 Mio. Burma11,3 Mio. Haiti11,0 Mio. Ukraine10,8 Mio. Indien9,68 Mio. Albanien9,20 Mio. Honduras8,34 Mio. Bolivien7,59 Mio. Multilaterale EmpfängerInternationale Entwicklungsorganisation26,1 Mio. Globale Umweltfazilität22,4 Mio. Multilaterale Entschuldungsinitiative18,5 Mio. Afrikanische Entwicklungsbank16,1 Mio. Uno-Anpassungsfonds15,1 Mio. Büro für Projektdienste der Vereinten Nationen14,3 Mio. Regionale Entwicklungsbanken13,9 Mio. Asiatische Entwicklungsbank8,90 Mio. Kapitalentwicklungsfonds der Vereinten Nationen8,75 Mio. Internationaler Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung8,24 Mio.

Quelle: Berechnung auf Basis von OECD-Daten, Durchschnitt der Zahlungen aus den Jahren 2018 und 2019.

ETH-Forscher Egli betont, die Schweizer Klima­finanzierung habe eine grosse Legitimität und Durch­setzungs­kraft, weil sie die Bundes­versammlung abgesegnet habe – anders als in anderen Ländern, in denen Regierungen solche Gelder ausgeben, ohne dafür vorher das Parlament zu konsultieren.

Ausserdem bewerte und evaluiere die Schweiz im internationalen Vergleich ihre bilateralen Projekte sehr seriös, sagt Egli: «Andere Länder wie Japan haben ihre Entwicklungs­zusammenarbeit lange sehr grosszügig als klimarelevant eingestuft»

Ein Bunker auf der falschen Seite des Flusses

Doch es hapert international nicht nur bei der Mobilisierung der Gelder, sondern auch bei der Implementierung. Umfassende Daten dazu, wie effektiv die bilateralen und multilateralen Klima­projekte sind, gibt es nicht wirklich.

Zudem besteht bei Entwicklungs­hilfe immer die Gefahr, dass die Gelder wegen Korruption versickern. Die Weltbank geht davon aus, dass korrupte Eliten in wenig entwickelten Ländern 7,5 Prozent aller Entwicklungs­hilfe abschöpfen.

Bei einer Untersuchung hätten sie in Bangladesh bei einem Drittel aller Klimaprojekte Anzeichen von Korruption entdeckt, sagt Brice Böhmer, der sich für die Anti-Korruptions-NGO Transparency International mit der Klima­finanzierung beschäftigt.

So soll ein Lokalpolitiker den für die Bevölkerung bestimmten Sturm­bunker in seinem eigenen Hinterhof gebaut haben. Die Gemeinde aber, die darin Schutz finden soll, liegt auf der anderen Flussseite. Im Notfall wäre der Bunker also nutzlos.

«Es braucht dringend ausgebaute Standards, damit die Gelder auch wirklich in klimarelevante Projekte fliessen», fordert Böhmer und sagt, die Schweiz könnte dabei als Vorbild dienen. Sie habe viele ihrer Anti-Korruptions-Empfehlungen in die Entwicklungs­hilfe integriert.

Dennoch, betont Böhmer, seien die Korruptions­gefahr und die mangelnde Implementierung keine Gründe, die Klima­finanzierung zu vernachlässigen. Um das in Glasgow erneut versprochene 100-Milliarden-Ziel zu erreichen, müssten fast alle Länder noch einmal in die Taschen greifen.

Das Overseas Development Institute, eine britische Denkfabrik, schreibt in einem Arbeits­papier vom September, die Schweiz würde mit ihrer momentanen Klima­finanzierung auch künftig ihren fairen Anteil nicht erfüllen. Als genügend wertet die Analyse einzig die Beiträge von Deutschland, Schweden und Norwegen. Die Norweger bezahlen neu 1,6 Milliarden Dollar, obwohl ihre Wirtschafts­leistung im Vergleich zur Schweiz um ein Drittel geringer ist.

Das Abkommen von Glasgow, das die Schweiz unterschrieben hat, fordert nun die entwickelten Vertrags­parteien «nachdrücklich» dazu auf, das 100-Milliarden-Dollar-Ziel unverzüglich und vollständig zu erreichen.

Doch wird die Schweiz nun mehr Geld in die Hand nehmen? Ihre Beiträge erhöhen?

Die Falschen profitieren

Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagt an der Konferenz in Glasgow, die Geldgeber seien in der Pflicht, die 100 Milliarden aufzutreiben. Sie sieht die Schuld für das verpasste Ziel aber nicht bei der Schweiz. «Bei der Klima­finanzierung haben wir unseren Beitrag geleistet. Die Schweiz hat seit 2010 ihren Anteil immer bezahlt, und wir werden das auch weiterhin tun.»

Andere Staaten hingegen hätten sich nicht immer an ihre Versprechen gehalten, sagt Sommaruga und nennt unter anderem die USA.

Die Vereinigten Staaten haben das ursprüngliche 100-Milliarden-Dollar-Ziel selbst formuliert und verantworten historisch ein Viertel aller Treibhausgas­emissionen. Trotzdem kündigte der ehemalige US-Präsident Trump 2019 das Pariser Klimaabkommen auf und stellte die Klima­finanzierung fast gänzlich ein.

Die Bundesrätin sieht nun jene Staaten in der Pflicht, die deutlich zu wenig bezahlt haben. Aber auch solche, die unter dem Klima­abkommen noch als Entwicklungs­länder gelten, jedoch längst zu blühenden Volks­wirtschaften aufgestiegen sind. Etwa China, Saudiarabien oder Singapur.

Mit dieser Position hat die Schweiz bereits im Vorfeld der Konferenz für Aufsehen gesorgt.

In Kommentaren zum neuesten Bericht des Weltklima­rates (IPCC), die der Republik vorliegen, bat die Schweiz um Abschwächungen von Formulierungen, in denen Wissenschaftler für eine ausgebaute Klima­finanzierung plädierten. Die Schweizer Kommentare zielten darauf ab, den Eindruck zu verhindern, die Entwicklungs­länder könnten ihre Emissionen nur dann senken, wenn sie auch ausreichend Geld erhielten.

Auf kritische Nachfrage der BBC ergänzte das Bundesamt für Umwelt, dass alle Vertrags­parteien des Pariser Abkommens, die dazu in der Lage sind, diejenigen unterstützen sollten, die finanzielle Unter­stützung benötigten.

Florian Egli von der ETH Zürich hat Verständnis für diese Position: «Einige Entwicklungs- und Schwellen­länder mit sehr grosser Wirtschafts­kraft behaupten immer noch, sie könnten nur ambitionierte Klimaziele ergreifen, wenn sie Geld bekommen. Das stimmt aber definitiv nicht mehr.»

2019 haben China und Indien, die längst Grossmacht­ansprüche für sich reklamieren, am meisten Mittel aus der bilateralen Klima­finanzierung erhalten – insgesamt 8 Milliarden Dollar für jene zwei Länder, die in Glasgow den Kohle­ausstieg sabotierten.

Eine Ungerechtigkeit, von der man sich als Land auf der Geberseite entmutigen lassen kann.

Oder man kann es handhaben wie die Premier­ministerin von Schottland und sagen: jetzt erst recht.

Der Widerstand wächst

Die Schweiz hat an der Konferenz in Glasgow zusätzliche Beiträge im Umfang von über 50 Millionen Franken für diverse Klima­fonds gesprochen.

Das entspricht 238 Metern Gotthard-Basistunnel – womit die Schweiz immer noch kilometer­weise davon entfernt ist, einen fairen Anteil an die Klima­finanzierung zu entrichten.

Andere Länder gingen in Glasgow bedeutend weiter: Italien, Japan, Dänemark, Gross­britannien oder Norwegen haben ihre Klima­finanzierung massiv aufgestockt.

Auch US-Präsident Joe Biden hat bereits im September angekündigt, die US-Beiträge bis 2024 auf 11,4 Milliarden Dollar zu verdoppeln. Das ist immer noch zu wenig angesichts ihrer Vergangenheit – die USA verantworten ein Viertel aller historischen Treibhausgas­emissionen –, aber besser als die vorherige Position.

Diese Ankündigungen werden letztlich wohl reichen, das überfällige Versprechen verspätet einzuhalten. Indessen wehren sich die USA, die Europäische Union, aber auch die Schweiz immer noch vehement gegen einen neuen Fonds, der explizit für Klima­schäden eingesetzt werden soll.

Bundesrätin Sommaruga sagte direkt nach der Klima­konferenz vor den Medien: «Für die Schweiz ist absolut klar, dass man die ärmsten Länder bei Klima­schäden unterstützen muss. Aber wir wollen nicht noch einmal einen zusätzlichen Fonds schaffen, sondern stattdessen die bestehenden Instrumente – etwa die Katastrophenhilfe – weiter ausbauen.»

Umweltorganisationen hingegen sagen, die reichen Nationen würden die ausgebaute Finanzierung von Klima­schäden aus anderen Gründen so resolut verwerfen. Sie wollten um jeden Preis einen Haftungs­mechanismus verhindern, mit dem die ärmsten, von Klima­schäden betroffenen Länder früher oder später vor Gerichten auf Reparations­zahlungen klagen könnten.

Denn dann würde es richtig teuer. Studien prognostizieren ab 2030 jährliche Kosten durch Klimaschäden von 290 bis 580 Milliarden Dollar – allein in Entwicklungs­ländern. Für das Jahr 2050 rechnen die Forscherinnen bereits mit Schäden in Höhe von bis zu 1,8 Billionen Dollar – das ist eine Zahl mit 11 Nullen und entspricht ungefähr der gesamten jährlichen Wirtschafts­kraft von Italien.

Schreitet die Klimaerwärmung ungebremst voran, droht ungeschützten Ländern mit tiefem Einkommen das Wegbrechen eines beträchtlichen Teils ihrer Wirtschafts­leistung. Eine 2020 veröffentlichte Studie des Internationalen Roten Kreuzes schätzt ausserdem, dass durch Extrem­wetter und Klima­katastrophen allein im letzten Jahrzehnt 410’000 Menschen gestorben sind – die meisten davon in sehr armen Weltregionen.

Um die am wenigsten entwickelten Länder nicht komplett allein­zulassen, will das Abkommen von Glasgow nun das 2019 gegründete «Santiago-Netzwerk» operationalisieren und fordert die Industrie­nationen auf, dafür weitere Gelder zu sprechen.

Bisher war dieses Netzwerk nicht viel mehr als eine Website.

Nun soll es aber Ressourcen zur Bewältigung von Klima­schäden aufbauen, um betroffenen Ländern «technisch» zu assistieren – indem es sie etwa dabei unterstützt, von Überflutungen bedrohte Gemeinden und Menschen, die an Küsten leben, umzusiedeln und an sicherere Orte zu bringen.

Ferner leitet die Konferenz in Glasgow einen «Dialog zu Klimaschäden» ein. Was das konkret bedeutet und wie der Dialog aussehen soll, weiss niemand so genau.

Ähnliche «Dialoge» versickerten in der Vergangenheit meistens in der Bedeutungs­losigkeit.

Die reichen Nationen feierten diese Beschlüsse als Erfolg. Einzig die schottische Regierungs­chefin Nicola Sturgeon störte mit ihrem «Jetzt erst recht» die selige Einigkeit unter den europäischen und amerikanischen Verbündeten.

In Glasgow offerierte sie einer Stiftung umgerechnet 1,2 Millionen Schweizer Franken, explizit mit dem Auftrag, damit «Klimaschäden» zu reparieren. Ein Tabubruch, eine gezielte Provokation. Letzte Woche stockte sie die Summe noch einmal auf. Schottland sei ein relativ kleines Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern, und dennoch könne es mit gutem Beispiel vorangehen, sagte Sturgeon. «Es gab noch nie einen wichtigeren Zeitpunkt, dies zu tun.»

Viele Entwicklungsländer ertrinken gerade in Schulden. Die Pandemie hat sie hart getroffen. Dutzende von ihnen stehen vor schmerzhaften Spar­runden. Impfungen fehlen. Die globale Ungleichheit hat zugenommen.

Noch einmal haben die am wenigsten entwickelten und am meisten bedrohten Staaten in Glasgow eine bittere Pille geschluckt. Oft werden sie das nicht mehr tun.

Die von den Industrie­staaten befürchteten Haftungs­klagen kommen. Eine Koalition von Inselstaaten, angeführt von Antigua und Barbuda sowie Tuvalu, hat letzte Woche angekündigt, vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag die Haupt­verursacher der Klimakrise auf Schaden­ersatz zu verklagen.

In Glasgow im Fokus der Medien stand der Kenianer Mohamed Adow von der Denkfabrik Power Shift Africa; der Mann, der sagte, die Bedürfnisse der ärmsten Menschen würden auf dem Altar des Egoismus geopfert.

Als am letzten Freitag absehbar wurde, dass der geforderte Fonds für Klima­schäden abstürzen würde, umkreisten ihn vor dem Presse­zentrum in Glasgow Dutzende Journalistinnen: «Wir gehen mit leeren Händen, aber moralisch gestärkt und mit der Hoffnung, den Schwung beizubehalten», diktierte er ihnen in die Aufnahme­geräte. «Klimaschäden stehen nun endgültig auf der politischen Agenda.»

Die Familie von Adow hat 2000 fast ihre gesamte Kuhherde verloren. In Kenia grassierte damals eine Dürre. Adow half bei der Verteilung von Lebens­mittel­paketen an hungernde Menschen, wohl wissend, dass die Vorräte nur bis zur nächsten Dürre­periode reichen.

«Im Norden von Kenia hat es früher nur alle zehn Jahre eine Dürre gegeben», schreibt Adow in einem Text für «Foreign Affairs». «Aber in den letzten paar Jahrzehnten hat deren Intensität und Häufigkeit aufgrund der Klima­erwärmung stark zugenommen. Dürre­perioden treten jetzt alle zwei bis drei Jahre auf, und sie werden wahrscheinlich noch häufiger.»

Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat unlängst angekündigt, die nächste Klima­konferenz müsse ein radikaler Wendepunkt im Namen der afrikanischen Länder werden. Im nächsten Herbst treffen sich die Minister aller Länder mit ihren Diplomaten zu weiteren Verhandlungen.

In Ägypten. Einem afrikanischen Land. Mit einer ganz anderen Agenda als Glasgow.

In einer früheren Version schrieben wir, das die schottische Regierungs­chefin einer Stiftung 1,2 Milliarden Franken offeriert hat – richtig sind 1,2 Millionen Franken. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

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