Wie unabhängig sind die Medien in der Ukraine? Lektüre an einem Schwarzmeerhafen. Victor Boyko/Getty

Der kleine Oligarch und die grosse Zeitung (jetzt geschlossen)

In der Ukraine galt die englischsprachige «Kyiv Post» 26 Jahre lang als unabhängige Stimme in einem Land voller gekaufter Medien. Bis vorletzten Montag die Redaktion entlassen wurde.

Von Rebecca Barth, 16.11.2021

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Einige der ukrainischen Kollegen ahnten bereits Böses, als sie am Morgen die hell erleuchteten Redaktions­räume der «Kyiv Post» betraten. «Es kam noch schlimmer als gedacht», wird Anna Myroniuk, eine Kollegin aus dem Investigativ­ressort, später sagen. Statt der üblichen Themen­konferenz, die es auf einen Schlag nicht mehr brauchte, hatte Chefredaktor Brian Bonner lediglich eine Nachricht des Verlegers zu überbringen: Das gesamte Team wird gefeuert. Und zwar mit sofortiger Wirkung.

Schockstarre bei mir, Widerstand bei den Ukrainern. Ich berichte einer europäischen, dann einer ukrainischen Kollegin, was passiert: «Die ‹Post› wurde geschlossen.» Die Europäerin antwortet: «Das geht doch nicht, nicht mal in Kiew.» Die Ukrainerin: «Das ist bei uns vor zwei Jahren auch passiert.»

Der November ist ein ereignis­reicher Monat in der jüngeren Geschichte der Ukraine. Mindestens zwei Revolutionen brachte er hervor. Die letzte, die sogenannte «Revolution der Würde», begann vor acht Jahren, endete blutig und brachte – das muss man leider feststellen – weniger Veränderungen als erhofft. Die Ereignisse am Montag vor einer Woche bei der «Kyiv Post», in denen ich plötzlich drinsteckte, sind ein weiterer Beleg dafür. Ich war völlig ahnungslos. Und voller Themen­ideen für die bevor­stehende Woche.

Während ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, verfassen die Kollegen ein Protestschreiben, sie rufen den Verleger an, wollen verhandeln, kämpfen, die Zeitung retten. Ihre Reaktion ist Ausdruck der ukrainischen Lebens­realität.

Revolution, Krieg, Währungs­verfall, Pandemie und grassierende Korruption bilden den groben Rahmen. Die nächste existenz­bedrohende Krise trifft die Menschen hier meist unvorbereitet, und wer dann rumjammert, ist nicht handlungs­fähig. «Wir mussten schnell einen Plan entwickeln, das war klar», sagt Myroniuk, eine schmale junge Frau, dunkle Haare, die Augen ernst.

Viele der Journalistinnen bei der «Kyiv Post» erleben eine solche Situation nicht zum ersten Mal. In der Ukraine werden Redaktionen regelmässig geöffnet, gekauft und plötzlich wieder geschlossen, das Team vor die Tür gesetzt. Doch diesmal ist etwas anders. Wegen ihrer langen Geschichte galt die Zeitung vielen als unantastbar. Ihr Ende löste weltweit Reaktionen aus.

Eine gläserne Redaktion

Das Klima für unabhängigen Journalismus in der Ukraine war nie gut. Seit der Unabhängigkeit des Landes vor 30 Jahren sind 8 Journalisten ermordet worden, 5 weitere starben im bis heute andauernden Krieg in der Ostukraine. Auf der Rangliste der Presse­freiheit von «Reporter ohne Grenzen» belegt das Land den 97. Platz (von insgesamt 180 Ländern).

Die «Kyiv Post» war seit 26 Jahren eine Oase in der Wüste des ukrainischen Qualitäts­journalismus und eine verlässliche Quelle für Ausländerinnen, Diplomaten oder internationale Organisationen. «Ukraine’s global voice» war ihr Slogan. «Und das waren wir auch wirklich», sagt Anna Myroniuk.

Die Wochenzeitung war für ganze Generationen talentierter Nachwuchs­reporter ein Ort, um zu wachsen und Erfahrungen zu sammeln. Auf einem weitestgehend von Oligarchen kontrollierten Medien­markt galt die Zeitung als ausser­gewöhnlich unabhängig und professionell.

An meinem ersten Tag in der Redaktion bin ich überrascht: «Ich dachte, ihr seid grösser», sage ich einer Kollegin. «Wirklich?» Sie grinst. «Die meisten denken, wir seien kleiner.» Erst vor kurzem ist die Redaktion aus einer zusammen­gelegten Altbau­wohnung in der Kiewer Altstadt weggezogen, wo heute mehr und mehr europäische Touristen die Strassen und Techno­clubs fluten. Nur wenige Meter entfernt wurde vor vier Jahren ein ehemaliger russischer Abgeordneter auf offener Strasse erschossen. Reporter der «Kyiv Post» waren damals als Erste am Anschlagsort. Die neuen Räume befinden sich in einem Bürogebäude jenes Unternehmers, der jetzt das gesamte Team vor die Tür setzt. Es ist ein junges Team, international, Staats­angehörigkeiten aus den USA, Gross­britannien, Russland und der Ukraine, Arbeits­sprachen Englisch, Ukrainisch, Russisch. 50 Leute im offenen Grossraum­büro, glänzende Fliesen, ein paar Glastüren. Keine Rückzugs­möglichkeiten, keine verschlossenen Büros. Nicht einmal für den Chef. Eine gläserne Redaktion.

Wie ich sind Dutzende ausländische Reporterinnen und Korrespondenten in ihrer Karriere zumindest für kurze Zeit einmal bei der «Kyiv Post» gewesen, ob als Gastautoren oder freie Mitarbeiter.

Zur Autorin

Rebecca Barth war im Rahmen eines internationalen Austausch­programms für Medien­schaffende in den vergangenen vier Wochen Teil der Redaktion der «Kyiv Post». Sie ist freie Journalistin, lebt in Berlin und schreibt unter anderem für «Correctiv», die TAZ, die «Süddeutsche» und den «Tagesspiegel».

Die Glastüren sind so schlecht zu sehen, dass ich an meinem ersten Tag mit voller Wucht dagegenlaufe. Gott sei Dank kein Riss in der Scheibe, denke ich mit einer kleinen Beule mitten auf der Stirn. «Das passiert hier jedem mal. Herzlich willkommen», sagt der Kriegs­reporter der Zeitung, ein junger Typ aus der Ostukraine mit einer Vorliebe für Whisky. Was für ein Einstand.

Der Chef, so erzählen sie, habe sich dagegen gewehrt, Aufkleber an den Scheiben anzubringen. Journalisten müssten die Augen offenhalten! Seit die Zeitung 2018 vom Bauunternehmer Adnan Kiwan übernommen wurde, erfüllt Brian Bonner nicht nur die Aufgabe des Chefredaktors, er ist auch Geschäftsführer.

Wie soll eine Trennung von Redaktion und Verlag unter diesen Umständen möglich sein? «Ich habe das damals schon für einen Fehler gehalten», sagt ein Politik­redaktor am Montagabend, an dem Tag, an dem die «Kyiv Post» implodierte. «Brian Bonner hat alles in seiner Macht Stehende für uns getan», erwidert der Kriegsreporter. Er sei kein einfacher Boss gewesen, aber man habe viel von ihm gelernt, darin sind sich alle einig.

Jemand hatte literweise Wein im Super­markt um die Ecke gekauft, eine Kollegin kramt selbst gebrannten Schnaps hervor. «Den hatte ich eigentlich für einen besonderen Moment aufbewahrt.» Die anderen nehmen ihre Titel­geschichten von den Wänden, die in hellen Holzrahmen dort gehangen hatten. Was genau war da eigentlich gerade passiert?

Wütende Anrufe aus Regierungs­kreisen

Je nach Perspektive begann der Niedergang vor drei Jahren, spätestens aber vor wenigen Wochen. Vor drei Jahren kaufte der Bauunternehmer Adnan Kiwan das Blatt für über 3 Millionen Dollar. Seitdem hätten sich die Arbeits­bedingungen verändert. Das Team war von Anfang an skeptisch.

«Schon 2018 hat er mich aufgefordert, meine Kritik an der Regierung zu reduzieren, weil er unter Druck gerate und keine Probleme haben wolle», erzählt Reporter Oleg Suchow, der seit 2014 bei der «Kyiv Post» arbeitete.

Das gefeuerte Team ist sich sicher: Kiwan wolle die vollständige Kontrolle über die Redaktion, was in der Ukraine eher die Regel als die Ausnahme ist.

Die ukrainische Medienlandschaft ist seit Jahrzehnten fest in der Hand von einigen wenigen Oligarchen. Die meisten dieser Geschäfts­männer wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion vor 30 Jahren viel zu reich und viel zu mächtig. Sie verfügen über eine ganze Reihe an Wegen und Mitteln, die Politik des Landes in ihrem Sinne zu beeinflussen oder, wie manche sagen, zu kontrollieren. Medien sind eines dieser Mittel.

Entsprechend schwer ist es, unabhängigen und kritischen Journalismus zu machen in der Ukraine. Die «Kyiv Post» war immer eine seltene Ausnahme. Sie war zwar auf Geldgeber angewiesen, die Beeinflussung der Redaktion hielt sich für ukrainische Standards aber in Grenzen. Krisen aber gab es sehr wohl. Vor 10 Jahren feuerte der damalige Verleger Chefredaktor Bonner wegen redaktioneller Streitigkeiten, das Team trat in Streik, und nur wenige Tage später kehrte der Amerikaner an die Spitze des Blattes zurück. Und ja, es gab auch immer mal wieder wütende Anrufe aus Regierungs­kreisen oder vom Verleger selbst. «Wenn du eine Zeitung heraus­bringst und sich niemand beschwert, wenn niemand versucht, dich unter Druck zu setzen, dann machst du eine ziemlich langweilige Zeitung», sagt Chefredaktor Bonner.

Adnan Kiwan, der Besitzer der «Kyiv Post», ein Baulöwe mit syrischen Wurzeln, gehört laut der «Forbes»-Liste zu den 50 reichsten Personen des Landes. In seiner Heimat­stadt am Schwarzen Meer besitzt er bereits einen Fernseh­kanal. Doch er ist weit davon entfernt, ein Top-Oligarch zu sein. Vor der Übernahme der «Post» war er in Kiew kaum bekannt. In Odessa hingegen, der drittgrössten Stadt des Landes, zählt er zu den einfluss­reichsten Personen.

«Ohne unabhängigen Journalismus kann es keine Demokratie geben», hatte Kiwan in einem Interview gesagt, als er die Zeitung übernahm. Bonner glaubt ihm das bis heute, zumindest sagt er das. «Er ist Syrer, er hasst Diktatoren. Er engagiert sich für Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit.»

Noch vor drei Wochen hatte Adnan Kiwan Expansions­pläne verkündet: Er wolle die «Kyiv Post» einem breiten Publikum zugänglich machen, auch auf Ukrainisch publizieren, einen zusätzlichen Fernseh­kanal eröffnen. Dann vermeldete plötzlich eine Journalistin des von Kiwan kontrollierten TV-Senders 7 Kanal auf Facebook, sie werde neue Chefredaktorin der ukrainischen «Kyiv Post». Ohne Wissen der Kollegen in Kiew.

Die wiederum vermuten nun, der Verleger wolle die «Kyiv Post» mit loyalen Leuten neu besetzen. Noch am Tag der Schliessung bieten sie ihm an, die Zeitung zu verkaufen oder ihnen wenigstens die Marke zu überlassen, damit sie als NGO die Arbeit fortführen könnten. Er habe abgelehnt. «Das zeigt mir, dass er die volle Kontrolle will. Das lassen wir nicht zu», sagt Anna Myroniuk.

In der Woche nach der Schliessung werden Myroniuk und die anderen so viel arbeiten wie selten zuvor. Sie geben nationalen wie internationalen Medien Interviews und hetzen von Gespräch zu Gespräch. Darunter sind der einfluss­reiche amerikanische Thinktank Atlantic Council, die OSZE und die EU-Delegation in der Ukraine. Hauptsache Aufmerksamkeit generieren, Druck machen. Exakt eine Woche nach der Entlassung veröffentlicht das Team den Newsletter «Ukraine Daily», ein erster Schritt zu einem neuen Medien­unternehmen, welches das Team gründen will.

In ukrainischen Journalisten­kreisen wird schnell der Vorwurf laut, aus dem Umfeld des Präsidenten Wolodimir Selenski sei Druck auf Adnan Kiwan ausgeübt worden. Chefredaktor Bonner weist die Vorwürfe zurück, ebenso ein Sprecher des Präsidenten.

Es hätte diesmal alles anders kommen sollen

Ich kann mich gut an meine erste Reise nach Kiew erinnern. Sommer 2014, 30 Grad, drohender Staats­zerfall. Der Krieg in der Ostukraine hatte gerade begonnen. In Europa hatte plötzlich jeder eine Meinung zur Ukraine, und die wenigsten hatten eine Ahnung. Ich blickte in von einer Revolution gegen Korruption, Vettern­wirtschaft und Oligarchie gezeichnete Gesichter voller Traumata und Hoffnung. Diesmal sollte nun wirklich alles anders werden.

Acht Jahre später ist vieles beim Alten geblieben. Während das Team der «Kyiv Post» am Montag­abend trinkt, streitet, kämpft, sitzt der Chef in seinem gläsernen Büro und ist trotzdem kaum zu sehen.

Dann klingelt bei einem Reporter das Handy. Igor Kolomoisky ist dran, einer aus der Riege der Top-Oligarchen.

Er sagt, er wolle die Zeitung kaufen.

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