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Minenfelder, Geheimagenten, Superwaffen

08.11.2021

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Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Constantin Seibt mein Name. Freut mich, sind Sie hier.

Heute hat die nationale Impfwoche angefangen. Das nehmen wir zum Anlass, der brutalsten, komplexesten Kriegsmaschine dieses Planeten ein paar Zeilen zu widmen: Ihrem Immunsystem.

Die Pandemie kam zwar für Sie überraschend – aber für Ihren Körper kaum. Eine Schlacht auf Leben und Tod, das ist für unsere Körper so alltäglich wie für ihre Inhaber der Gang zur Arbeit, zur Migros oder aufs Klo.

Nur haben die wenigsten von uns eine Ahnung. Etwa davon, dass unsere Haut eine Rüstung aus toten Zellen ist, eine lebensfeindliche Wüste, überzogen mit tödlicher Säure. Dass gleich unter der Haut ganze Minenfelder von mit Giftbomben gefüllten Mastzellen auf Eindringlinge warten. Dass durch ein zusätzliches Abwehrsystem Tausende winzige Mordmaschinen aus Proteinen gebaut werden, die Löcher in Ihre Körper reissen. Oder dass oktopusartige Geheimagenten unser Blut trinken und erbrechen, bis sie im Fall einer Invasion genug Leichenteile toter Feinde gesammelt haben, um im nächsten Lymphknoten von Spezialisten massgeschneiderte Superwaffen bauen zu lassen.

Schon eine kleine Schnittwunde bahnt Hunderttausenden Bakterien den Weg in Ihr Inneres, was zu einer Schlacht mit Millionen toter Organismen und Körperzellen führt, ein Mikroweltgemetzel von der Grausamkeit eines Weltkriegs …

Wie zentral der Krieg gegen Mikroben für uns ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das menschliche Immunsystem – gleich nach unserem Gehirn – das zweitkomplexeste Gebilde im Universum ist. Zumindest in dem kleinen Teil des Universums, den wir schon erforscht haben.

Das ist auch kein Wunder. Denn Ihre Gegenspieler sind die zwei erfolgreichsten Organismen des Planeten:

Auf Platz 2: Die Bakterien. Sie besiedeln fast jeden Millimeter der Erde – ihr addiertes Gewicht beträgt rund das Zehnfache aller höher entwickelten Tiere. Ihre beste Waffe: Eine Bakterie teilt sich etwa jede halbe Stunde – rein theoretisch – ohne Gegner und mit genug Nahrung könnte man bereits nach drei, vier Tagen sämtliche Weltmeere mit ihren Nachkommen füllen.

Platz 1: Die Viren. Zwar ist nicht mal klar, ob sie leben, aber sie sind der perfekt aufs Minimum reduzierte Parasit – nichts als ein winziger Strang Erbgut in einer Eiweisshülle. Weil sie keinen Stoffwechsel haben, brauchen sie auch keine Energie – sprich: nichts zu essen. Viren gleichen Samen im Wind – ihre Arbeit erledigen der Zufall und die Wirtszellen. Findet ein Virus die passende Zelle, dockt es daran an, injiziert sein Erbgut, worauf die Zelle neue Viren baut, bis sie platzt. Würde jemand sämtliche Viren in eine Reihe legen, wäre sie hundert Millionen Lichtjahre lang – fünfzigmal unsere Milchstrasse.

Für die Eindringlinge ist unser Körper ein neuer Planet: voller Chancen, Feinde und Nährstoffe. Das Wichtigste bei der Invasion ist Tempo – als Parasit sollte man schneller als die Abwehrtruppen sein. Deshalb sind Viren auch häufig gefährlicher als Bakterien: Sie pflanzen sich noch schneller fort.

Am schwierigsten für sie ist die Landung: Ein Grossteil der Virenarmee bleibt oft in der mit chemischem Kampfstoff (Rotz) bekleisterten Nase stecken und wird rausgeschmissen. (Aktuell schaffen viele es oft nicht mal bis dorthin. Wegen Ihrer Maske.)

Doch wenn genügend durchkommen, werden die passenden Zellen in den Schleimhäuten von Rachen, Augen, Geschlechts­teilen oder Lunge befallen.

Die gekaperten Zellen versuchen, sich zu wehren: Bevor sie bei lebendigem Leib umgepolt werden, stossen sie in Panik Zytokine aus: Millionen winziger Proteine, halb Rauchmelder, halb Sprinkleranlagen. Die Zytokine alarmieren Immunzellen auf Patrouille, weisen umliegende zivile Zellen an, die Aktivität zu drosseln (damit sie nach Befall nur noch langsam Viren produzieren) und funktionieren als Kampfstoff, der die Fortpflanzung der Viren behindert.

Nicht alle Viren sind dagegen wehrlos – einige wie das Influenzavirus (aber vermutlich auch das Coronavirus) können den Zytokin-Ausstoss der überfallenen Zellen hemmen. Um möglichst lange verborgen zu bleiben.

Schnell sind Tausende, dann Millionen Zellen befallen. Die Standard-Immunabwehr kann die Invasion zwar verlangsamen, aber nicht stoppen. Zeit zu gewinnen, ist in diesem Krieg das Wichtigste. Denn die braucht das Immunsystem, um massgeschneiderte Spezialwaffen herzustellen.

Die Pläne dafür, die finden sich in der grössten Bibliothek des Universums. Die Antwort auf alle früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Krankheits­erreger.

Gebaut werden sie durch eine nach der Geburt in Betrieb genommene Giga­fabrik von Killer-T-Zellen mit einem individuellen Rezeptor, der aus einem Set von zufällig kombinierten Proteinen besteht. Abermilliarden von verschiedenen Rezeptoren entstehen.

Und alle durchlaufen sie eine tödliche Universität: den Thymus.

Der Thymus ist ein Organ oberhalb Ihres Herzens – etwa so gross wie eine Hühnchenbrust. Dort werden die Killer-T-Zellen darauf getestet, ob ihre Rezeptoren zu irgendeinem körpereigenen Rezeptor passen. Ist das der Fall, wird die Zelle sofort getötet. Denn sonst bestünde die Gefahr, dass Ihr Immunsystem die eigenen Organe angreifen würde – mit üblen Folgen.

Nur etwa 2 Prozent der T-Zellen überleben die Prüfung. Und warten. Bis eines Tages eine mit Feindesleichen beladene Geheimagenten­zelle den passenden Rezeptor vorbeibringt.

Bis die richtige T-Zelle gefunden ist, braucht es meist zwei, drei Tage – doch dann geht es schnell: Die aktivierte T-Zelle teilt sich wie wild und designt (mit B-Zellen) den Plan für die passenden Antikörper, die bei den Viren den spezifischen Andockrezeptor verstopfen.

Gleichzeitig begeben sich die T-Zellen mit einem Steckbrief des Feindes auf Patrouille, um alle gekaperten Körperzellen zu eliminieren, bevor sie platzen und die neuen Viren weitere Zellen befallen. Meist ist die Schlacht dann schnell vorüber – und Milliarden Immunzellen begehen Selbstmord, um keine weiteren Schäden anzurichten.

Doch einige der T-Zellen bleiben. Und überwintern im Knochenmark – als Gedächtniszellen, damit bei Rückkehr desselben Invasors der Gegenwehr­bauplan sofort zückbar ist – oder umgangssprachlich: Sie sind jetzt immun.

Das ist der Mechanismus jeder Impfung. Man jagt eine zwar harmlose, aber für das Immunsystem alarmierende Variante eines Krankheits­erregers in den Körper, damit das System nach kurzem Kampf Erinnerungszellen bildet. Was heisst, dass der Körper nun viel besser vorbereitet ist.

Ziemlich genial das alles, oder?

Allerdings: So genial das Immunsystem ist, so gefährlich ist es auch. Etwa weil bei jeder Invasion gezielt Entzündungen provoziert werden – erstens weil durch Flutung von Blut schneller Soldaten antransportiert werden, zweitens weil die Hitze die Eindringlinge lähmt.

Fieber ist übrigens genau dazu da. Der Körper verengt dann die Blutgefässe unter der Haut – deshalb friert man auf der Haut auch, während man innerlich kocht. Ausserdem stoppt der Appetit, damit die Eindringlinge weniger Nährstoffe im Blut vorfinden. (Heftiges Fieber ist erstaunlich effektiv – so heilte man, bevor es Antibiotika gab, todkranke Syphilis-Patienten, indem man sie mit Malaria infizierte.)

Doch zu viel Krieg ist tödlich. Schlachten in der Lunge etwa führen zur Beschädigung der dünnen Schutzschicht: Die zarten Lungenbläschen werden freigelegt, zerstört und mit Flüssigkeit geflutet. Dann ertrinkt man im eigenen Saft. Und stirbt an Lungenentzündung.

Eine andere Covid-Gefahr ist, dass sich überall im Körper Kämpfe und Entzündungen entwickeln. Was brandgefährlich ist. Technisch stirbt die Hälfte aller Menschen letztlich an einer Entzündung.

Deshalb ist es auch keine gute Idee, in der Pandemie auf sein «gut funktionierendes Immunsystem» zu bauen. Das weil eine Überreaktion genauso zerstörerisch sein kann wie eine zu schwache. (Bei der Spanischen Grippe etwa starben nicht die Kinder und die Alten, sondern die Leute in den mittleren Jahren. Also die mit dem stärksten Immunsystem. Das bei vielen Amok lief.)

Ebenso ist es Fakt, dass alle Menschen leicht verschiedene Immunsysteme haben. (Es gibt sogar Theorien, dass sich Menschen häufiger in jemanden verlieben, dessen Immunsystem sich stark von dem eigenen unterscheidet. Was erstens mehr Gesundheit verspricht. Und zweitens weniger Inzest garantiert.) Dazu haben verschiedene Immunsysteme eine höchst praktische Funktion: Dass ein raffinierter Erreger nicht gleich eine ganze Bevölkerung weghauen kann.

Das heisst aber auch: Einige Leute sind jung, gesund, aber haben ein Immunsystem, das weit schneller und härter reagiert als andere. Und geraten dadurch bei einer Corona-Infektion in tödliche Gefahr.

Was heisst: Es lohnt sich auch für Gesunde, seine komplexe Kampfmaschine im Voraus zu beruhigen: durch eine Impfung.

In Wahrheit ist alles noch unendlich komplexer. Aber falls Sie wollen: Hier noch drei gut verständliche Videos zu:

Und ein Buchtipp: «Immun», von Philipp Dettmer.

Und damit zu:

Was Sie diese Woche wissen sollten:

  • Abstriche in der Nase reichen nicht mehr für ein Covid-Zertifikat. Das hat der Bundesrat letzte Woche beschlossen. Stattdessen muss das Wattestäbchen beim Schnelltest jetzt bis ganz nach hinten in den Rachen. Damit soll es weniger falsche Resultate geben. Am Preis der Tests sollte das nicht viel ändern, sagen Branchen­vertreterinnen.

  • Wer glaubt, er habe Covid-19 durchgemacht, kann einfacher ein «Genesen»-Zertifikat bekommen. Bis jetzt ging das nur, wenn während der Infektion ein PCR-Test gemacht worden war. Neu lässt sich die Erkrankung auch später mit einem Bluttest auf Antikörper belegen. Dann erhält man ein Zertifikat, das 90 Tage gültig ist – aber nur in der Schweiz.

  • Ab heute gelten in Österreich für Ungeimpfte strenge neue Verbote. Sie dürfen nicht mehr ins Restaurant, zum Coiffeur, ins Theater oder Kino, auf keine Veranstaltung, bei der mehr als 25 Personen zusammenkommen. Sie dürfen auch nicht mehr zu Besuch ins Krankenhaus oder ins Altersheim. Nachdem die Regierung das am Freitag ankündigte, haben sich alleine tags darauf mehr als 30’000 Menschen impfen lassen.

  • … bei Pfizers Studiendaten lohnt es sich, noch genauer hinzuschauen als sowieso. Wie das britische Fachmagazin «British Medical Journal» berichtet, hat ein Subunternehmen offenbar gewisse Studiendaten unsauber erhoben. Allerdings versichern uns Menschen, die sich damit auskennen, dass das an der Sicherheit und Wirksamkeit des Pfizer-Impfstoffes nichts ändert.

Und zum Schluss: Bye-bye Plexiglas

Seit Anfang Oktober politisieren sie in Bundesbern wieder ohne Plastik vor dem Kopf: Covid-Zertifikat sei Dank, konnten die Parlamentsdienste die Plexiglas-Schutzvorrichtungen aus dem Nationalratssaal, dem Stöckli und den Kommissionszimmern entfernen.

Für ganze 200’000 Franken hatte man das Parlament im September 2020 pandemiesicher gemacht. Viereinhalb Tonnen Material seien das gewesen, erfährt die Republik nun auf Anfrage. 600 Sitzplätze und circa 1500 Scheiben­elemente hätte man damals verbaut und nun wieder abgebaut. Es sei halt «zu berücksichtigen, dass zumindest in den beiden Ratssälen jeder Arbeitsplatz individuell ausgearbeitet werden musste aufgrund der in diesem historischen Gebäude vorgegebenen Raumgeometrie». Die «detaillierte Ausmessung und die Planung durch ein Architekturbüro sowie die Montage» seien halt teuer gewesen, so die Antwort auf die Frage, wie man die Fünftelmillion rechtfertige. Jetzt lagert das Plastik artgerecht, damit es «im Bedarfsfall schnellstmöglich aufgebaut werden» könne.

Und die «Kunst am Plexiglas»? Die durch die Parlamentarier teils mit Liebe dekorierten Scheiben seien «wo nötig gereinigt» worden. Schade eigentlich, finden wir. Hätte doch zumindest das Werk «I LOVE UDC SVP» (Lippenstift auf Plexiglas, 2020) von Nationalrätin Céline Amaudruz auf dem nationalen Kunstmarkt mit Bietern wie Kunstliebhaber Christoph Blocher die Fünftelmillion locker wieder eingespielt.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Oliver Fuchs, Constantin Seibt und Cinzia Venafro

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Das dürfte eine unerfreuliche Premiere sein: Die Niederlande haben als erstes Land die Pandemie un-beendet. Da’s zware kloten.

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