Die Nacht nach der Flut: Rettungskräfte suchen in Dernau im Ahrtal, im Westen Deutschlands, nach Überlebenden (15. Juli 2021).

Mission Possible: Die Bewältigung der Klimakrise

Ist das Klimaabkommen von Paris bereits tot? Können wir die Erderwärmung überhaupt noch auf 1,5 Grad begrenzen? Vor der Klimakonferenz in Glasgow lebt die (leise) Hoffnung.

Von Elia Blülle (Text), Felix Michel (Grafiken) und Docks Collective (Bilder), 29.10.2021

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Das Glas ist nicht halb voll, nicht halb leer, sondern so trocken, dass jeder Optimismus jämmerlich zu verdursten droht.

Das Klima erhitzt sich, und die Konsequenzen – Waldbrände (Kalifornien und Australien), Dürren (Ostafrika und Europa), Hungersnöte (Madagaskar), Über­schwemmungen (Deutschland) – richten bereits heute viel Leid und Verwüstung an. Menschen sterben. Diese Realität gilt es aller­spätestens seit dem neuesten Bericht des Weltklima­rats radikal zu akzeptieren.

Bevor Sie jetzt aufhören zu lesen – keine Angst: Das hier wird keine dieser Unsere-Kinder-müssen-nun-alle-sterben-Geschichten.

Im Gegenteil. Vielleicht werden Sie am Ende der Lektüre sogar so etwas wie leise Zuversicht verspüren.

Doch zuerst ein Blick zurück: Am 12. Dezember 2015 schlug Frankreichs damaliger Aussen­minister Laurent Fabius seinen grünen Hammer auf den Resonanz­block und besiegelte den Klimavertrag von Paris. «Ein kleiner Hammer», sagte er. «Aber man kann grosse Dinge damit anrichten.»

5000 Delegierte sprangen aus ihren Sitzen und feierten Weltgeschichte.

Schliesslich hatten soeben 196 Staaten plus die Europäische Union beschlossen, die fortschreitende Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf unter 2 Grad zu begrenzen – möglichst sogar auf unter 1,5 Grad.

Das war vor sechs Jahren. Nächste Woche treffen sich im schottischen Glasgow die wichtigsten Staats- und Regierungs­chefs sowie Umwelt­ministerinnen erneut und ringen an der 26. Klima­­konferenz um eine klimaneutrale und -gerechte Welt­ordnung. Insbesondere sollen neue Regeln für internationale CO2-Märkte verhandelt werden sowie die finanzielle Unter­stützung armer Nationen für mehr Klima­schutz in den Entwicklungs­gebieten.

Glasgow gilt als die wichtigste Klima­konferenz seit 2015. Sie sei «die letzte Chance», eine ausser Kontrolle geratene Klima­erwärmung zu verhindern, sagte der britische Tierfilmer Sir David Attenborough. «Paris war ein Versprechen», sagte Alok Sharma, Präsident der Glasgower Klima­konferenz und ehemaliger britischer Wirtschafts­minister. «Glasgow muss nun liefern.»

Das ist leicht gesagt. Doch bei Klima­konferenzen verhält es sich leider ein wenig wie bei Fussball­spielen der liechtensteinischen National­mannschaft: Die Erfolgs­aussichten sind so gering, dass sich die Beteiligten nicht aufs Gewinnen, sondern vielmehr aufs Verhindern von Kanter­niederlagen konzentrieren.

Entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit gross, warnte jüngst auch Uno-General­sekretär António Guterres, dass Glasgow scheitern wird.

Wäre damit das 1,5-Grad-Ziel aus den Pariser Abkommen endgültig futsch? Das trockene Glas nur noch ein Scherben­haufen?

Ja.

Und nein.

Das Herz des Pariser Klima­abkommens sind nationale Klima­zusagen – sogenannte Nationally Determined Contributions (NDCs). Die beteiligten Staaten müssen alle fünf Jahre neue NDC-Pläne vorlegen und erklären, wie sie ihre Emissionen zu senken gedenken. Die wichtigsten Regeln dabei: Jeder neue Plan sollte ehrgeiziger sein als der vorherige. Und Industrie­staaten müssen sich mehr anstrengen als Entwicklungs­länder.

Da die Klimakonferenz 2020 coronabedingt ausfiel, waren die neuen Versprechen erst vor wenigen Wochen fällig. Bis Anfang Oktober konnten die Länder ihre neuen Ziele für die nächsten zehn Jahre vorlegen.

Das heisst: Es wird nicht nur in den Kongress­zentren von Glasgow entschieden, ob und wann Klima­neutralität erreicht wird, sondern vor allem in Washington, Peking, Berlin – in den Hauptstädten der führenden Industrie- und Schwellen­länder, die zusammen 80 Prozent der weltweiten Treibhausgas­emissionen verantworten.

Wer also wissen will, auf welchem Kurs die internationale Klima­politik fährt, muss sich auf die Klima­strategien der grossen Volks­wirtschaften konzentrieren. Und weil das immer eine Frage der Perspektive ist, lassen sich diese auf ganz unterschiedliche Arten lesen – und je nach Brille sieht die Welt wieder ganz anders aus.

Modell 1: Die schwarze Brille

Beissen Sie auf Leder und halten Sie sich fest – es wird brutal. Dafür geht es nicht lang. Versprochen.

Bisher haben 116 Länder plus die Europäische Union neue nationale Ziele eingereicht, und 3 Staaten haben neue Ziele vorgeschlagen. 46 Staaten lassen mit einem Update noch gänzlich auf sich warten.

Russland, Australien, aber auch die Schweiz haben ihre Ambitionen, wie sie der Klimakrise begegnen werden, im Vergleich zu 2015 nicht erhöht. Mexiko und Brasilien haben sogar einen Gang herunter­geschaltet. Indien – die weltweit drittgrösste Emissions­schleuder – ging bisher keine neuen Verpflichtungen ein.

Fassungslos: Ahrweiler, im Juli 2021.

Zu den Bildern

Illustriert ist dieser Beitrag mit Bildern der Flutkatastrophe in Deutschland, die vom Docks Collective stammen. Das Kollektiv besteht aus fünf Dokumentar­fotografinnen. Seit dem 15. Juli 2021 berichten sie über die Umwelt­katastrophe in den deutschen Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

Immerhin: Grosse Volks­wirtschaften wie Kanada, die USA oder China verschärften ihre Verpflichtungen bedeutend und reichten im Vorfeld der Klima­konferenz aussichts­reiche Versprechen ein.

Nur: Das reicht nicht.

Zu diesem Schluss kommt der Climate Action Tracker (CAT), ein wissenschaftliches Konsortium bestehend aus unter­schiedlichen Organisationen, welches die nationalen Klimaziele und Massnahmen regelmässig auf ihre Vereinbarkeit mit dem Pariser Klima­abkommen überprüft. In die Beurteilung speist das Konsortium neben den Strategien auch Faktoren wie die historische Verantwortung und die finanziellen Möglichkeiten der jeweiligen Länder ein. Für einen reichen westlichen Staat wie die Schweiz oder Deutschland gelten folglich härtere Kriterien als für Entwicklungs­länder.

Der jüngste Bericht des Climate Action Tracker ist vernichtend: Ganz Europa und die USA werden als ungenügend eingestuft. Die Bemühungen der Schwellen­länder China, Indien, Mexiko und Brasilien sogar als stark ungenügend. Von den G-20-Staaten verdient nur die Klima­strategie von Gross­britannien das Prädikat «beinahe kompatibel». Einzig der westafrikanische Kleinstaat Gambia mit rund 2,5 Millionen Einwohnern und einer verhältnismässig marginalen Wirtschafts­leistung ist auf Kurs.

«Bei den kurzfristigen Massnahmen haben fast alle Nationen grossen Nachhol­bedarf», sagt der Wissenschaftler Niklas Höhne von der Denk­fabrik New Climate Institute, der den Climate Action Tracker miterfunden hat.

Gemäss der CAT-Berechnung dürfte sich das Klima bei der versprochenen Politik um 2,1 bis 2,4 Grad Celsius erwärmen. Die Vereinten Nationen sehen die Lage noch pessimistischer und schreiben in einem Bericht vom Dienstag, die durch­schnittliche Temperatur werde mit der gegen­wärtigen Politik bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 2,7 Grad ansteigen – selbst wenn alle Länder ihre versprochenen Netto-null-Reduktionen einhielten.

Kurz: Alle Industrie­länder verletzten das Pariser Klima­abkommen.

Und zwar so massiv, dass der Uno-General­sekretär im September vor der Vollversammlung dramatische Worte wählte. Die Welt befinde sich auf einem katastrophalen Kurs, warnte António Guterres in New York mit eindringlicher Stimme. «Wir stehen am Rande eines Abgrunds.»

Bevor Ihnen nun von der Aussicht in diesen Abgrund schwindlig wird – atmen Sie durch und wechseln Sie die Brille.

Modell 2: Die rosarote Brille

Trotz der katastrophalen Klima­bilanzen hat sich die internationale Politik in den vergangenen Jahren so stark bewegt, wie es vor wenigen Jahren noch viele für unmöglich gehalten hätten.

Das geht in den Diskussionen oft unter. Und das hat einen Grund: Wir werden ständig mit Informationen bombardiert, die wir unmöglich alle verarbeiten können. Deshalb trennt unser Hirn relevante von irrelevanten Daten – und konzentriert sich dabei auf mögliche Gefahren, die uns schaden könnten.

Das ist, wie so vieles, evolutionsbedingt. Denken Sie an einen Höhlen­menschen, der ein Rascheln im Busch hört. Das könnte womöglich ein Säbelzahn­tiger sein. Nun heisst es: rennen!

Dieser auf Gefahren fokussierte Filter ist eine kognitive Verzerrung, die auch heute noch Leben retten kann – aber im Kontext der Erderwärmung zunehmend auch ein Problem darstellt. Denn bei der Klima­krise ist der Wald voller Büsche, die nicht aufhören zu rascheln.

Viele Menschen reagieren mit Ohnmacht und Schock­starre auf diese nicht abreissende Flut von schlechten Nachrichten. Der US-Klima­forscher Michael E. Mann schreibt in seinem neuesten Buch, die Propheten des Untergangs («doomists») stellten heute eine grössere Gefahr dar als die Klimawandel­leugner. Die Vorstellung, die Welt sei nicht zu retten, paralysiere und führe zu Passivität.

Das ist schlecht. Denn wer einfach geschockt auf den Busch starrt, statt zu rennen, wird früher oder später vom Tiger gefressen.

Michael E. Mann kritisierte deswegen auch Greta Thunberg – deren Aktivismus er unterstützt –, als sie 2019 in ihrer Rede am World Economic Forum in Davos klagte, gegen die Klimakrise sei bisher «im Grunde nichts unter­nommen» worden. Das sei schlichtweg falsch, schreibt Mann in seinem Buch. «Sie ignoriert damit alle Massnahmen, die Länder, Staaten, Städte, Unter­nehmen und Einzel­personen in den vergangenen Jahren ergriffen haben, um den Ausstieg aus der fossilen Energie voran­zutreiben.»

Das Pariser Klimaschutz­abkommen habe ein fundamentales Umdenken in der Klima­politik bewirkt, sagt Klimaexperte Niklas Höhne im Gespräch mit der Republik: «Erstmals haben die Länder beschlossen, aus den fossilen Energien auszusteigen. Vor Paris war man sich darüber noch nicht einig.»

Höhne sagt, entscheidend für den Erfolg des Pariser Abkommens sei die nationale Klima­politik von China, den USA, Indien und der Europäischen Union; gemeinsam verantworten sie über die Hälfte der gegenwärtigen globalen Treibhausgas­emissionen. Ihre Klima­bilanzen fallen düster aus, die jüngsten Ambitionen lassen indes aber zumindest vorsichtige Zuversicht zu.

So hat Chinas Präsident Xi Jinping 2020 vor der Uno-Vollversammlung angekündigt, sein Land wolle die CO2-Neutralität vor 2060 erreichen. Damit bekannte sich die chinesische Regierung – immerhin verantwortlich für ein Viertel der globalen Emissionen – erstmals zu einem Klimaziel.

Und liess auf die Worte Taten folgen: Fünf Wochen vor der Welt­klima­konferenz in Glasgow kündigte China an, keine neuen Kohle­kraftwerke mehr im Ausland bauen zu wollen. Das Land investierte im In- und Ausland so viel Geld wie kein anderes in den extrem klima­schädlichen Kohlestrom. Hält sich China an sein Versprechen, wäre das ein grosser Fortschritt.

2020 errichtete China mehr Wind­kraftwerke als die restliche Welt zusammen. Ausserdem hat China im vergangenen Jahr rund 50 Gigawatt an Solarkapazität zugebaut; das entspricht der gesamten heutigen Solar­kapazität von Frankreich und Deutschland. Das sind Massnahmen, die nicht nur dem Klimaschutz zugute­kommen – sondern auch dem Staats­haushalt.

Freiwillige bergen heil gebliebene Flaschen in einem Lagerhaus der Winzergenossenschaft Mayschoss, in einer Gemeinde im Landkreis Ahrweiler.
Die Wassermassen haben in Erftstadt-Blessem (Nordrhein-Westfalen) eine Kiesgrube überflutet.
Heimkehr: Schweinheim in der Eifel war tagelang evakuiert, manche durften auch danach nur kurz in ihr Haus, um das wichtigste Hab und Gut zu holen.

Erneuerbare Energien gelten als einer der grössten globalen Zukunfts­märkte. Wer sie konsequent ausbaut, kann mit mehr Versorgungs­sicherheit, sinkenden Energie­kosten und zusätzlichen Einnahme­quellen rechnen. China spielt auf diesen Märkten zuvorderst mit und führt sie teilweise sogar an. Auch deswegen sind global die Produktions­kosten für Solar- und Windenergie im letzten Jahrzehnt um ein Vielfaches gesunken.

Erneuerbare Energie kostet so wenig wie nie zuvor und ist mittlerweile günstiger als die meisten fossilen Brenn­stoffe. Will heissen: Ohne staatliche Subventions­zahlungen wäre Kohle zur Strom­produktion längerfristig wirtschaftlich nicht mehr rentabel.

Die zweite asiatische Supermacht, Indien, reichte bisher kein überarbeitetes Klima­versprechen ein. Premier­minister Narendra Modi wird aber wohl – davon gehen Beobachterinnen aus – die grosse Bühne von Glasgow nutzen, um neue Ambitionen auszurufen. Das Land mit über einer Milliarde Bewohner hat sich noch nicht zum Netto-null-Ziel bis 2050 bekannt. Möglich, dass sich das ändern wird. John Kerry, der US-Klimabeauftragte, hat Modi in den letzten Monaten zweimal besucht, um ihn von einer Verpflichtung zu überzeugen.

Die diplomatischen Anstrengungen von Kerry und seinem Korps entspringen Joe Bidens neuer Agenda. Der US-Präsident hat die brachliegende Klima­politik zur obersten Priorität erklärt. Im Januar, noch keine 24 Stunden im Weissen Haus, beantragte er als Erstes den erneuten Beitritt zum Pariser Klima­vertrag, der im November 2019 von seinem Vorgänger Donald Trump aufgekündigt worden war.

Biden will die jährlichen Emissionen seines Landes bis 2030 im Vergleich zu 2005 halbieren. Mit einem Gesetzes­paket, dem Build Back Better Act, plant er gerade, die US-Infrastruktur klimagerecht zu modernisieren. So will er zum Beispiel entlang der US-Küsten sieben neue Mega-Windparks bauen, die Strom für 10 Millionen Haushalte liefern sollen.

Noch vehementer als die USA treibt die Europäische Union ihre Klimawende voran. In Brüssel haben im Frühling die drei wichtigsten EU-Institutionen beschlossen, in den nächsten 30 Jahren die Treibhaus­gase auf netto null zu senken. EU-Kommissions­chefin Ursula von der Leyen präsentierte daraufhin ihren Masterplan zum radikalen Umbau der EU-Volks­wirtschaften. So sollen zum Beispiel alle ab 2035 zugelassenen Neuwagen komplett emissionsfrei sein und importierter Stahl und Zement aus CO2 verursachender Produktion bei der Einfuhr in die EU mit Zöllen belegt werden.

Das sind Gesetzesvorschläge, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären.

EU-Deserteur Gross­britannien geht derweil sogar noch ein gutes Stück weiter als Brüssel. 2015 schrieb der heutige britische Premier­minister und Teilzeit-Klimaerwärmungs­skeptiker Boris Johnson in einer Kolumne noch, es möge viele Gründe geben, warum er beim Tischtennis schwitze, aber die globale Erwärmung gehöre sicherlich nicht dazu. Und heute treibt ausgerechnet dieser Boris Johnson die Energie­wende mit voller Kraft an.

«Erinnern Sie sich, als Kermit der Frosch sang, es sei nicht leicht, grün zu sein?», fragte der rechte Politiker kürzlich die verdutzten Uno-Delegierten in New York. «Ich möchte, dass Sie wissen: Der Frosch lag falsch. Es ist nicht nur einfach, es ist lukrativ und es ist richtig, grün zu sein!»

Im Vorfeld der Klimakonferenz präsentierte Gross­britannien den fortschrittlichsten Klima­plan, den Europa je gesehen hat. Mit einer «grünen Revolution» will die Regierung die jährlichen Emissionen des Landes im nächsten Jahrzehnt um mehr als zwei Drittel reduzieren.

Die vergangenen sechs Jahre sowie die Corona-Pandemie haben gezeigt, wie schnell Regierungen auf Krisen reagieren können. Seit Paris haben mehr als zwei Drittel aller Länder weltweit versprochen, bis Mitte des Jahrhunderts ihre jährlichen Treibhausgas­emissionen auf netto null zu senken.

Klimaabkommen hat den globalen Klimaschutz verschärft

Prognose der globalen Treibhausgas­emissionen in Gigatonnen CO2-Äquivalent (Gt CO2e) pro Jahr und der Erderwärmung bis 2100 im Vergleich zur vorindustriellen Zeit

Emissionspfad vor Pariser Klimaabkommen (3,6 °C bis 4,7 °C)
Aktueller Emissionspfad (2,7 °C bis 3,1 °C)
Aktuelle Ziele und Verpflichtungen (2,1 °C bis 2,4 °C)
Pariser Klimaziel (1,5 °C)
1990202020502100−50050100 Gt CO₂e

Quelle: Climate Action Tracker, Mai 2021. Bis 2016 ist die bisherige Entwicklung eingezeichnet.

Sprich: Das Glas füllt sich wieder – noch dazu mit feinstem Brandy?

Nun: Versprechen sind so schnell gebrochen wie gesprochen. Zeit für die nächste Brille.

Modell 3: Die hellblaue Brille

Wie fragil langfristige Klimaversprechen sind, zeigt sich gerade vielerorts. Ambitionierte Absichten scheitern an Trägheit, politischem Opportunismus und Partikular­interessen – von der Erdöl­lobby über Jahre erfolgreich in die Parlamente und Regierungen eingewoben.

Die Schweiz hat im Frühling, nach jahrelanger Beratung, als eines der reichsten Länder der Welt, als erstes Volk überhaupt, an der Urne gegen ihr völker­­rechtliches Versprechen «netto null bis 2050» votiert.

In den USA drohen derweil die milliarden­schweren Klima­massnahmen mit hauchdünner Mehrheit im Senat zu scheitern. Kyrsten Sinema und Joe Manchin, zwei demokratische Senatoren, Letzterer mit engen Beziehungen zur Erdöl­wirtschaft und Anteilen an einer Firma, die mit Kohle handelt, stellen sich quer. Sollten die Demokraten bei den Zwischen­wahlen im Herbst 2022 ihre Mehrheit ganz verlieren, droht Biden dasselbe Schicksal wie seinen demokratischen Vorgängern: jahrelanger Stillstand und Verlust der diplomatischen Glaub­würdigkeit.

In Brüssel kommt die neue Klima­gesetzgebung unter Beschuss, weil die Energiepreise – besonders der Gaspreis – rasant ansteigen. Die Mitglieds­staaten Polen und Ungarn machen dafür (fälschlicher­weise) den Klima­schutz verantwortlich. Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán behauptete, die Energie­preise würden «die europäische Mittel­schicht umbringen». Er rief die EU-Kommission auf, ihre Vorschläge «vollständig zu überdenken», weil es sich teils um «utopische Fantasien» handle.

Studien haben gezeigt, dass Regierungen in der Covid-Pandemie Billionen an Hilfs­zahlungen den emissions­intensiven Unternehmen und der Fossil­wirtschaft zuschanzten – oft ohne Auflagen zur CO2-Reduktion.

Das Pariser Klimaschutz­abkommen ist völker­rechtlich nicht bindend. Wer es verletzt, wird nicht bestraft. Trittbrett­fahrer haben nichts zu befürchten. Das Abkommen ist nur so stark wie die Ambitionen der jeweiligen Länder.

«Wir beobachten eine positive Dynamik in der internationalen Klima­politik», sagt Niklas Höhne. «Der ganze Prozess funktioniert aber nur, wenn nun ein grosses Industrie­land wie die USA und andere wohlhabende Nationen – wie etwa die Schweiz – entschieden voranschreiten.»

Laut dem sechsten Sachstands­bericht des Weltklimarats dürfte sich die Welt bis in gut zehn Jahren bereits im Durchschnitt um 1,5 Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung erwärmt haben – somit wäre das Pariser Klimaziel verpasst. Ohne sofortige, wuchtige Emissions­reduktionen verkommt das historische Pariser Abkommen zu einem gebrochenen Versprechen.

Damit das nicht passiert, muss US-Präsident Joe Biden im Senat gewinnen und die Klima­konferenz in Glasgow mindestens den definitiven Kohle­ausstieg und höhere Unter­stützungs­zahlungen für Entwicklungs­länder beschliessen.

Die nächsten Wochen entscheiden also über das Schicksal der Pariser Klimaziele.

Im Haus von Jessica und Julian Kay in Ahrweiler waren die beiden unteren Stockwerke überflutet, sie retteten sich auf den Balkon des Nachbarhauses, indem sie eine Tür als Brücke nutzten. Die Eltern von Jessica, die im Nachbarhaus wohnten, überlebten die Flut nicht.

Die ehemalige Uno-Klimachefin Christiana Figueres empfiehlt angesichts der Lage in ihrem 2020 erschienenen Buch «The Future We Choose» «sturen Optimismus». Die Schwierigkeit sei es, alle schlechten Nachrichten anzuerkennen und dennoch zu würdigen, dass eine andere Zukunft nicht nur möglich sei, sondern sich bereits in unseren Alltag einschleiche.

Sie schreibt: «Unmöglich ist keine Tatsache, sondern eine Einstellung.»

So unrealistisch das Pariser Klimaziel aus heutiger Warte erscheinen mag, so wichtig ist es, daran festzuhalten. Jedes Zehntel­grad zählt. Und ob sich die Welt um 2 oder um 1,5 Grad Celsius erhitzt, ist ein Unterschied.

Hoffnung sei nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgehe, sagte Schrift­steller Václav Havel, als Dissident immer wieder inhaftiert und später erster Staats­präsident der Tschechischen Republik. «Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.»

Wären Figueres und ihr Team nach der katastrophalen Klima­konferenz von Kopenhagen im Jahr 2009 («Hopenhagen») in Schock­starre gefallen, würde nächste Woche in Glasgow vermutlich immer noch über ein erstes, grund­sätzliches Abkommen verhandelt.

«Miss Figueres», fragte ein Reporter 2010 die costa-ricanische Diplomatin an ihrer ersten Presse­konferenz, nachdem sie zur Uno-Klimachefin ernannt worden war. «Glauben Sie, dass ein globales Klima­abkommen jemals möglich sein wird?» Ohne eine Sekunde zu zögern antwortete sie: «Nicht zu meinen Lebzeiten.»

Fünf Jahre später führte Figueres in Paris 196 Staaten zum Weltklima­abkommen.

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