Nein, Instagram hört (sehr wahrscheinlich) nicht Ihr Handy ab

Sie haben am Telefon über Verhütungs­mittel geredet und sehen danach im Internet Werbung für Verhütungs­mittel. Ist das Zufall? Oder werden Sie von Facebook und Co. belauscht? Was wir darüber wissen.

Von Adrienne Fichter und Marie-José Kolly (Text) und Doug Chayka (Illustration), 27.10.2021

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Chef von Facebook, zu dem auch Instagram gehört: Was weiss Mark Zuckerberg über uns?

Bei vielen Fragen foutierte sich Mark Zuckerberg, er vertröstete auf später oder wusste schlicht die Antwort nicht: «I can have my team follow up with you», sagte er etwa. Als Senator Gary Peters den Facebook-Gründer in den Tech-Hearings von 2018 aber fragte, ob Facebook seine Nutzer über die Smartphone-Mikrofone abhöre, antwortete Zuckerberg ganz klar: «Nein.»

Wirklich nicht?

Der Verdacht hält sich. «Mein Phone hört mit» ist eine der hartnäckigsten Legenden des Internets. Auch die Redaktion der Republik erreichen immer wieder Zuschriften zu dieser Frage. Etwa: Sie haben gestern beim Kaffee über einen bestimmten Staub­sauger gesprochen (ja, das bedeutet auch: Sie sind nicht mehr ganz so jung, wie Sie gerne wären). Und nun zeigt Ihnen Facebook ausgerechnet heute Werbung für dieses Produkt.

Wir haben die technische sowie die psychologische Literatur dazu gelesen und mit Privacy-Forscherinnen gesprochen. Viele Teilantworten können wir Ihnen am Beispiel des Facebook-Universums geben: weil es dank vieler Medien­enthüllungen am besten dokumentiert ist und weil einige seiner Dienste Werbung anzeigen. Werbung – vielleicht für einen Staub­sauger, vielleicht für ein Verhütungs­mittel –, die eben den Verdacht weckt, dass die App via Smartphone­mikrofon mitgehört hat, als man sich am Vorabend in intimer Runde über ein bestimmtes Produkt unterhalten hatte.

Belauschen also Facebook, Google, Amazon und Co. Sie rund um die Uhr?

Die kurze Antwort Stand jetzt: mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht.

Erstens aus einem sehr einfachen Grund nicht: Die grossen Techfirmen haben das gar nicht nötig. Ihre Browser-Historie, Ihre Suchmaschinen­abfragen, Ihre App-Nutzungs­daten, Ihre Standort­daten, Ihre Einkäufe: Sie alle verraten mehr als genug. Sie verraten insbesondere, was Sie zurzeit interessiert, woran Sie gerade denken. Und das sind gute Hinweise auf das, worüber Sie auch mit anderen reden. «Man kann durch die Über­wachung des Stand­orts, der Surf­gewohnheiten, der Interaktion mit Anwendungen und vieler anderer Metadaten zuverlässig und ausser­ordentlich präzise auf die Vorlieben einer Person schliessen», sagt der Privacy-Forscher und Professor Juan Tapiador, der an der Universität Carlos III de Madrid lehrt.

Zweitens müssen wir auf eine weitere bittere Wahrheit verweisen, die erklären kann, warum Sie jene Staubsauger­werbung sehen. Sie denken zwar, es könne kein Zufall sein, dass ausgerechnet Sie – Sie mit Ihrem ganz spezifischen Geschmack, Ihren individuellen Interessen, Ihrem Wissen und Ihren Gesprächen –, dass eben Sie diese Werbung sehen und nicht eine andere. Höhere Mächte müssten das geplant haben, denn es passt einfach zu perfekt. Wir müssen Sie enttäuschen: Wie wir noch sehen werden, sind Sie leider nicht ganz so einzigartig, wie Sie denken könnten.

Drittens spielt Ihnen Ihre Kognition den einen oder anderen Streich. Sie sind leider auch nicht ganz so vernunft­getrieben, wie Sie denken könnten.

Und viertens müssen wir, ebenfalls leider, sagen: Dass Sie abgehört werden, ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Aber die Belauschung kommt vermutlich nicht aus der Richtung, in die Sie bisher geschaut haben.

Lassen Sie uns die detaillierteren Antworten Schritt für Schritt durchgehen.

1. Ich habe gestern beim Kaffee zum ersten Mal über diesen Staub­sauger gesprochen, heute sehe ich auf Facebook Werbung für das Ding. Das kann doch kein Zufall sein?

Kann es doch. (Zu den technischen Details kommen wir gleich. Lassen Sie uns aber kurz über den Zufall sprechen.)

Wir Menschen sind Expertinnen im Erkennen von Mustern. Wir sind geradezu dafür geschaffen, aus solchen Mustern Zusammen­hänge abzuleiten: So lernen wir von Geburt an, wie unsere Umgebung funktioniert. Und so eignete sich unsere Spezies im Lauf ihrer Geschichte immer mehr Wissen an.

Eine sehr nützliche Fähigkeit also, die aber einen Nachteil hat: Wir interpretieren Begebenheiten, die nur zufällig gemeinsam auftreten, zu häufig als bedeutsamen Zusammen­hang. Und je mehr wir über die Welt schon wissen – je mehr Zusammen­hänge wir schon kennen –, desto häufiger begegnen wir auch Regel­mässigkeiten, die eben nicht durch einen Kausal­zusammenhang entstanden sind, sondern durch Zufall.

Es entspricht unserer Natur, mutmassliche Zufälle tendenziell mit Argwohn zu betrachten. Wir tun aber ganz gut daran, diese Tendenz im Hinter­kopf zu behalten: Denn vieles von dem, was auf den ersten Blick nach einer Verschwörung aussieht, kommt durch ganz banale Zufälle zustande.

1a. Okay, vielleicht ein Zufall. Gibt es alternative Erklärungen?

Sie haben also den Namen dieses Produkts oder der Produkt­kategorie gestern zum ersten Mal verbal ausgesprochen. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie – vielleicht unbewusst – vorher schon damit in Kontakt gekommen sind. Die cleveren Techniken der Werbe­industrie sind gut dokumentiert: Sie verfolgt Ihre digitale Reise mittels Ihrer Browser-Historie und mittels geräte­übergreifender Identifizierung. Das heisst: Was Sie auf dem Smartphone suchen und sehen, weiss auch Ihr Tablet oder Ihr Laptop. Sämtliche Tracker – kleine Programme, die Ihnen im Internet folgen – sind in Websites von Medien­unternehmen, E-Commerce-Shops und in fast alle öffentlich zugänglichen Websites integriert. Dasselbe gilt für Smartphone-Apps. All diese Dienste wissen sehr gut darüber Bescheid, wann Sie sich wo im Internet herum­treiben und was Sie dabei tun.

Rekonstruieren wir dies doch am Beispiel Facebook: Der soziale Riese integriert seit 2014 ganze Browser-Historien in die Nutzer­profile. Also quasi: Ihre ganzen Reisen ausserhalb des Facebook-Universums werden mitverfolgt und in den Daten­kosmos eingespeist.

Doch wie ist das möglich? Jeder «Gefällt mir»- oder «Teilen»-Button sowie das allgemeine Facebook-Pixel, das ja auch auf vielen Websites ausserhalb von Facebook integriert ist, übermitteln die URL der entsprechenden Seite und damit auch die Information darüber, was Sie gerade lesen, an Facebook.

Der Konzern weiss dann zum Beispiel, welche politischen Seiten Sie angesurft haben (zumindest wenn die entsprechende Partei das Pixel integriert hat). Und er weiss, dass Sie sich gerade für Haushalts­geräte interessieren. All das geschieht, damit Parteien oder Unter­nehmen Ihnen «relevantere» Werbung auf Instagram und Co. ausspielen können.

Sie brauchen also den Namen des Staub­saugers nicht laut ausgesprochen zu haben – Facebook hat andere Mittel, um zu wissen, dass Sie für dieses Haushalts­gerät zum jetzigen Zeit­punkt sehr empfänglich sein könnten.

1b. Aber Ähnliches ist auch meiner Cousine passiert. Und sie hat weder ein Facebook-Konto noch die Instagram-App

Dennoch ist sie leider nicht vor dem Daten­hunger des Facebook-Universums geschützt. Es spielt keine Rolle, ob sie Instagram oder Facebook überhaupt nutzt. Das Facebook-Pixel aus anderen Websites folgt ihr dennoch, denn Facebook erstellt für jede Nicht-Nutzerin ein Schatten­profil. Übrigens kommt es bei Ihnen, die Sie Facebook und Instagram nutzen, auch nicht gross darauf an, ob Sie dabei eingeloggt sind oder nicht: Ihre Bewegungen im Netz gehen so oder so an Facebook (sofern eben die von Ihnen besuchten Websites die kleinen Daten­spione integriert haben).

Hinzu kommt: Ihre Cousine nutzt vielleicht keine Facebook-Dienste, dennoch aber Google oder Amazon oder andere Tech-Dienst­leister. Unangefochtener Platz­hirsch im Tracking-Business ist Alphabet, die Dach­gesellschaft von Google. Eine Studie der Universität Oxford zeigt, dass Googles Tracker in über 88 Prozent der analysierten Apps integriert waren. Google sieht also, ähnlich wie Facebook, auch ausserhalb von Google.com verdammt viel von dem, was vor sich geht. (In einer jüngst veröffentlichten Anklageschrift aus den USA wird übrigens deutlich, wie sehr die beiden Konzerne anhand von Absprachen ihre Monopole im Online-Werbe­markt gegenseitig stärkten.) Und das alles, weil Sie für den Download Ihrer Gaming-App ein Häkchen unter die Nutzungs­bedingungen gesetzt haben und damit Google, Werbe­firmen und Co – wahrscheinlich unwissentlich – eine Lizenz zur freien Daten­verwertung erteilten.

Folgendes passiert zum Beispiel, wenn Ihre Cousine etwa am Morgen beim Kaffee die Website Tagesanzeiger.ch aufruft:

  • Die Analyse­tools von Google untersuchen ihr Verhalten auf dem Nachrichten­portal.

  • Zudem wird Ihre Cousine vom Google-Subunternehmen Double­click einer Kunden-ID zugeordnet.

  • Nun stürzt sich eine ganze Armada von Akteuren auf ihre Daten, sobald sie einen Artikel aufruft. All diese Akteure nehmen an einer millisekunden­schnellen Echtzeit­auktion teil (noch während der Artikel auf ihrem Smart­phone geladen wird).

  • Die Aufmerksamkeit und die Daten Ihrer Cousine werden dann an jenes Unternehmen «versteigert», in dessen Werbe­gruppen sie passt.

  • Dieses Unternehmen darf Werbung an Ihre Cousine ausspielen (und bezahlt dafür), doch alle anderen profitieren ebenfalls mit: Sowohl der Auktions­vermittler Double­click wie auch Daten­händler und digitale Werbe­dienstleister sowie weitere mitbietende Unter­nehmen wissen von ihrem Besuch beim «Tages-Anzeiger» und integrieren dieses «Interesse» in das Werbe­profil über Ihre Cousine. Auch ohne dafür bezahlt zu haben.

2. Kann ich mich vor diesem Tracking schützen?

Jein. Es gibt zwar durchaus wirksame Blocker wie etwa Privacy Badger oder uBlock Origin (auch um die unliebsame Werbung von Ihnen fernzuhalten). Doch die daten­hungrige Werbe­industrie hat leider eine Reihe von Ausweich­taktiken erfunden. Etwa das Browser-Finger­printing, also die Grund­einstellungen in Ihrem Browser, der alle von Ihnen angesteuerten Websites weiter­verrät und Sie ziemlich zuverlässig identifizieren kann. (Mit diesem Tool finden Sie selber heraus, wie einzigartig Ihr Browser ist.)

Auch wenn Sie tunlichst darauf achten, weder in sozialen Netzwerken noch auf Such­maschinen Spuren zu hinterlassen: In jedem neuen Android-Smartphone gibt es eine Reihe von vorinstallierten Apps. Sie erkennen diese gleich, wenn Sie Ihr neues Smart­phone zum ersten Mal in Betrieb nehmen. Einige davon haben sogar die Relevanz einer System­komponente, wie etwa die vorinstallierte Telefon-App, sind also verwoben mit der Hardware Ihres Geräts. Andere wirken eher beliebig, wie Wetter-Apps.

Doch was nach Beliebigkeit aussieht, geht auf handfeste geschäftliche Deals zwischen Smartphone­herstellern (Samsung), Betriebs­system­anbietern (Android gehört Google), Mobilfunk­unternehmen (zum Beispiel Swisscom) und Big-Tech-Konzernen (Amazon) zurück.

Eine Studie von 2019 zeigt zum Beispiel, dass diese «privilegierten» Apps gespickt sind mit allerlei Daten­spionen für die Big-Tech-Firmen und die Werbe­industrie. Das bedeutet im Klartext: Obwohl Sie Ihr nigelnagel­neues Smart­phone erst taufrisch gekauft haben, ist es bereits voll mit Code von Amazon, Twitter, Facebook, Microsoft und Netflix. Und dieser Code saugt einiges ab, dem Sie vorher nicht zugestimmt haben.

Big Tech und zahlreiche weitere beteiligte Firmen erhalten im Hinter­grund automatisch «Sonder­berechtigungen» auf persönliche Kennungen wie Ihre IMEI-Nummer (das ist Ihre eindeutige Mobile ID, die eindeutige Serien­nummer jedes Telefons) oder Ihre Advertising ID (Ihre Werbe­identität). Und sie haben teilweise Zugriff auf SMS-Metadaten und Ihre Netzwerk­konfiguration: Sie wissen also, wem Sie wann geschrieben haben und wer Ihnen. Und noch schlimmer: «Diese Berechtigungen können auf den Geräten nicht zurück­gesetzt werden», sagt Juan Tapiador.

Zwar können Sie versuchen, diese Apps manuell zu deaktivieren, aber es ist fraglich, ob Ihr Smartphone danach noch richtig funktioniert.

3. Ich habe auf meinem Smart­phone den Stand­ort nicht freigegeben. Wie kann Google wissen, dass ich in diesem Kleider­geschäft war?

Unsere Mobilität ist eine wahre Daten­goldgrube. Ihren Aufenthalts­ort werden Sie kaum vor Big Tech, Ihrem Mobil­funk­anbieter oder Werbe­unternehmen verbergen können. Da können Sie sich noch so bemühen.

Sollten Sie zum Beispiel regelmässig eine Freundin in Ihrem Lieblings­café treffen, so verraten Ihre gemeinsamen GPS-Daten Ihre Verbindung. Und plötzlich werden Ihnen die neuen Kopfhörer irgendwann angezeigt, die Ihre Freundin ein paar Mal googelte.

3a. Ich habe doch gesagt: Den Standort NICHT frei­gegeben

Genau, wir haben Sie gehört. Sie haben die Standortfreigabe ausgeschaltet. Aber Ihre IP-Adressen und Ihre MAC-Adressen (die Adressen Ihres Geräts) können Sie nicht verbergen. Und die sind verräterisch: In Kombination mit anderen sogenannten identifiers lässt sich immer sicher­stellen, dass Sie auch tatsächlich Sie sind. Sofern Sie kein VPN oder den Tor-Browser beim Aufruf von Websites benutzen, kann Ihr Gerät mit wenigen Klicks geortet werden.

Anhand solcher Ortsdaten lassen sich ganze Bewegungs­profile erstellen – und die verraten eine ganze Menge über Sie. Sie geben Aufschluss über Ihre sexuelle Orientierung (vielleicht waren Sie gestern in einer Gay-Bar), Ihren Gesundheits­zustand (Sie waren mehrmals beim Arzt), Ihren Reichtum (Sie verkehren in bestimmten Milieus) wie auch Ihre Religion (wie oft waren Sie in welchem Gottes­haus?). Alles wertvolle Informationen, die an App-Entwicklerinnen, an Google, Facebook und viele Werbe­unternehmen fliessen werden, die Sie, vielleicht nach dem Besuch in einer Szenebar oder einer Kirche, mit «passender» Werbung beliefern möchten.

Und auch wenn Sie in Ihrem Lieblings-«Starbucks» im öffentlichen WLAN niemals Instagram aufrufen und schon gar nicht auf Amazon.com surfen, sondern lediglich ab und zu die News checken und sonst einfach ein Buch lesen: Die auf den News­portalen integrierten Tracking-Pixel – Sie erinnern sich – werden Ihren Stand­ort trotzdem an Big-Tech-Unternehmen ausliefern. Und diese ziehen das Fazit: Sie mögen wohl «Starbucks»-Kaffee.

Übrigens gibt es noch einen Twist: Auch ohne diese Ortung können Detailhandels­unternehmen Sie mit lokaler Werbung in den sozialen Netzwerken beliefern. Denn bei Facebook gibt es die sehr umstrittene Funktion «Custom Audiences»: Damit lassen sich Offline- und Online-Welt verknüpfen, etwa indem ein Schuh­geschäft sein Kunden­bonus­programm (denken Sie an das Migros-Cumulus-Programm oder die Coop-Supercard) in das Facebook-Daten­universum einspeist. Durch den Abgleich der Kunden­listen mit der Facebook-Nutzer­datenbank (Name, Vorname, E-Mail-Adresse oder Geburts­datum reichen) erfährt Facebook, dass Sie soeben bei diesem Schuh­geschäft eingekauft haben. Das Geschäft – ein Werbe­kunde von Facebook – könnte Ihnen nun auf Instagram die neuesten Sneaker­schuhe als Werbung präsentieren. Und das, obwohl Sie auf keinem digitalen Gerät nach irgend­welchen Schuhen gesucht haben.

4. Ich habe ein Produkt auf meinem Computer angeschaut. Nun sehe ich Werbung dafür auf dem Smart­phone

Auch wenn Sie zum Beispiel Netflix-Serien nur auf einem internet­fähigen Samsung-Fernseher schauen, ist es trotzdem möglich, dass Sie danach auf Ihrem Computer Serien­tipps dieser Streaming­plattform erhalten.

Das kann mehrere Gründe haben:

  1. Sie nutzen für das Benutzer­konto Ihres Fernsehers und das Ihres Computers dieselbe E-Mail-Adresse.

  2. Wenn nicht: Sie sind mit Computer und Fernseher im gleichen Netzwerk eingeloggt. Damit kommunizieren Ihre Geräte nach aussen dieselbe IP-Adresse.

Sie sehen: Es gibt immer eindeutige identifiers, die Sie als Sie und damit als Besitzer unter­schiedlicher Geräte identifizieren und orten. Sollten Sie das eine ausschalten, so weicht die daten­sammelnde Armada auf ein anderes aus. Sie verknüpft, kombiniert und sammelt weiter.

5. Ich habe gestern mit einer Freundin telefoniert und über ein neues Verhütungs­mittel gesprochen. Heute sehe ich Werbung für das Produkt. Woher wissen die Big-Tech-Unter­nehmen vom Gespräch?

Falls Ihre Freundin ein Android-Smartphone besitzt, so hat Facebook die Berechtigung, ihre Anrufe und auch den Versand ihrer SMS mitzuverfolgen – voraus­gesetzt, sie hat der Firma eine Freigabe für ihr Adress­buch und ihre Telefonie­funktion gestattet. Indem sie vor Jahren bei der Anmeldung auf Facebook ein Häkchen gesetzt hat beim «Kontakt-Upload» (weil sie vermutlich wissen wollte, welche ihrer Freundinnen und Bekannten sich ebenfalls auf Facebook tummeln).

Zwar protokolliert Facebook damit «nur» ihre Meta­daten: Den Inhalt der SMS speichert die Firma also nicht, das Gespräch hört sie nicht mit. Doch auch Meta­daten geben allerlei preis: Ihre Identität und die Ihrer Freundin. Von wo Sie anrufen. Wann das Gespräch begonnen hat und wann es endete. Damit also: die Länge des Gesprächs und damit die Intensität der Beziehung. Ach ja, und falls Sie über Whatsapp mit Ihrer Freundin telefonieren, ist die Beziehung zwischen Ihnen für Facebook noch offensichtlicher. Denn der Konzern verknüpft alle Ihre Profil­­informationen und Ihre Adress­­bücher auf Facebook, Instagram und Whatsapp (die Facebook gehören) zu einer einzigen Super-ID in seiner Daten­bank, sofern Sie dem nicht aktiv wider­sprechen und das ständig auftauchende nervige Kästchen wegklicken.

Der Slogan des investigativen Portals «Netzpolitik.org» heisst nicht umsonst: «Wer hat uns verraten? Metadaten».

6. Okay, Metadaten. Aber warum wissen Instagram oder Werbe­kunden, dass wir über Verhütung gesprochen haben? Das ist Inhalt, nicht Meta

Genau. Und damit kommen wir zur eingangs erwähnten bitteren Wahrheit: Sie sind gar nicht so individuell, wie Sie vielleicht denken. Sorry.

Die Werbe­industrie teilt uns Internet­nutzer in Segmente auf. Also konkret: «Menschen, die zu einer bestimmten Zeit derselben Gruppe angehören, sich dieselben Inhalte im Netz ansehen und dieselben Interessen haben», sagt Privacy-Forscher Tapiador. Diese Segmente sind so detailliert, dass wir denken könnten, wir seien mit den entsprechenden Charakteristika einzig­artig. Mitnichten. Lassen Sie uns das wieder anhand von Facebook erklären.

Die «New York Times» hat die Granularität dieser Nutzer­­segmente anschaulich aufgeschlüsselt. Und zeigt, dass Sie auf Facebook als Werbe­kundin, wenn Sie mögen, etwa folgende Zielgruppe erreichen können:

Jeden, der in Philadelphia lebt, Philosophie studiert, 21 Jahre alt ist, im letzten Jahr ein blaues T-Shirt gekauft hat, neurotisch ist, weniger als 28’000 Dollar im Jahr verdient, wahrscheinlich in den nächsten sechs Monaten einen Minivan kaufen wird, sich für Camping interessiert und dessen Interessen mit denen von Afro­amerikanern übereinstimmen. Ausserdem jeden auf Facebook, der Ihnen ähnlich ist.

Lassen Sie uns diesen Abschnitt im Detail analysieren:

  1. Facebook weiss relativ leicht Bescheid über Alter, Wohnort und besuchte Universitäten, den Kauf des Shirts und Interessen wie Camping. Dies dank seiner eigenen Daten­quellen, also aufgrund der Informationen, die Sie selber der Plattform mitteilen. Aber auch aufgrund Ihrer Surf­aktivitäten und via die Unternehmen, die Kunden­listen auf Facebook hochgeladen haben (Sie erinnern sich an das Schuh­geschäft).

  2. Das Attribut «neurotisch» und die Höhe Ihres Einkommens erhält Facebook mit der Hilfe weiterer data broker – oder Big-Data-Firmen –, in den USA früher etwa durch die Firma Cambridge Analytica. (Es sei hier aber auch erwähnt, dass Facebook die Integration externer Daten­quellen aufgrund des öffentlichen Drucks einstellte und auch die Zugriffs­berechtigungen für die App-Entwicklerinnen restriktiver handhabt.)

  3. Vielleicht haben Sie den letzten Satz im oben erwähnten Nutzer­segment überlesen oder schon vergessen. Es ist der eigentliche Killer­satz: «Ausserdem jeden auf Facebook, der Ihnen ähnlich ist.» Diese berühmte Facebook-Funktion «Lookalike Audiences» könnte dafür verantwortlich zeichnen, dass das Verhütungs­mittel, von dem Ihre Freundin sprach (und das sie vorher gegoogelt hatte), nun auch Ihnen angezeigt wird. Weil Sie und Ihre Freundin einander vermutlich in vielen Attributen (Alter, Ethnie, Interessen, Lebens­situation) ähnlich sind.

7. Okay, aber warum sehe ich die Werbung ausgerechnet am Tag nach dem Gespräch? Das kann doch kein Zufall sein

Sie haben insofern recht, als der Zufall nicht die einzige Erklärung für das zeitliche Aufeinander­treffen ist. Einfach eine von mehreren:

Vielleicht sehen Sie die Werbung nur zufällig heute.

Vielleicht sehen Sie sie heute, weil Facebook (und damit auch Instagram) weiss, dass Sie gestern mit Ihrer Freundin telefoniert haben, die ja im Netz nach dem Verhütungs­mittel gesucht hatte.

Und vielleicht funktioniert auch Ihr Erinnerungs­vermögen nicht ganz so einwand­frei, wie Sie denken. Wir Menschen können zwar gut logisch, vernünftig, abwägend denken. Insbesondere dann, wenn wir uns Zeit lassen können. Unsere Kognition hat aber noch eine Strategie: eine, die sehr schnell reagiert – dafür aber weniger präzise.

Eine solche Strategie kommt möglicher­weise auch zur Anwendung, wenn Sie (und wir!) eine Werbung sehen und dann denken: «Ha! Darüber haben wir doch gestern erstmals gesprochen, und wir hattens nie gegoogelt. Insta hört offensichtlich mit!»

Psychologen kennen eine kognitive Verzerrung, die sie survival bias nennen: Wir Menschen tendieren dazu, uns auf Dinge zu konzentrieren – Menschen, Firmen, Objekte –, die einen Auswahl­prozess «überlebt» haben. Die anderen Dinge, die bei dieser Auswahl gescheitert sind, vergessen wir gern.

Im konkreten Fall: Vielleicht haben Sie mit Ihrer Freundin nicht nur über ein spezifisches Verhütungs­mittel gesprochen, sondern auch über Schwangerschafts­tests, eine Lampe, die Ihnen gefällt, und über eine bestimmte Laufschuh­marke. Vermutlich führen Sie, ohne gross darüber nachzudenken, ständig Gespräche, in denen Produkte vorkommen, die Ihnen nie als Werbe­anzeige begegnen: weil diese Produkte den Auswahl­prozess – daten­getriebene Algorithmen erachten es als sinnvoll, sie Ihnen als Werbung zu zeigen – nicht bestanden.

Sie wundern sich aber nicht darüber, dass das Internet Ihnen keine Werbung für Lauf­schuhe anzeigt. Sie konzentrieren sich auf das Produkt, das den Auswahl­prozess überlebte. Ihre Kognition hat Ihnen einen Streich gespielt.

Weiter könnte es sein, dass wir Menschen es als besonders auffällig und besonders störend empfinden, wenn so ein Muster – erst das Gespräch, dann die Werbung – intime Bereiche betrifft. Hätten wir auch einen Zusammen­hang vermutet, hätte es sich beim Produkt um Lauf­schuhe gehandelt? Oder hätten wir die Werbung einfach gedankenlos weggeklickt?

8. Brauche ich vor Belauschung also heute keine Angst zu haben?

Es wäre also wirtschaftlich unsinnig für Facebook, Google und Co., die absolut enorme Menge an Audio­daten samt allen Hinter­grund­geräuschen ständig nach bestimmten Schlüssel­wörtern (Staubsauger, Verhütung, Schuhe) abzuhören, um sie für Werbe­zwecke in Echtzeit auszuwerten – wenn sie doch quasi die gleichen Informationen, wie beschrieben, viel billiger erhalten können. «Eine Sprach­verarbeitung für Werbe­zwecke wäre viel zu ressourcen­intensiv. Vom technischen Stand­punkt aus gesehen ergibt das überhaupt keinen Sinn», sagt Tapiador. Ein ähnlich geringes Risiko sieht auch Sandy Parakilas, ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter, der die Werbe­abteilung aufbaute und heute dem sozialen Riesen sehr kritisch gegenübersteht: «Audio­aufnahmen wären viel zu daten­lastig und aufwendig», sagt er. Die Qualität dieser Daten sei schlecht.

Stand jetzt also: Nein, Big-Tech-Unternehmen hören Sie wohl kaum ab.

9. Und wie ist das in Zukunft …?

Nun kommt das kleine Aber: Es gibt heute noch einige unbekannte Variablen bei diesem Thema und einige Entwicklungen, die auf eine dystopische Zukunft hindeuten.

Facebook hatte in der Tat ein Patent angemeldet für die Aktivierung von Handy-Mikrofonen: und zwar zur Erkennung von Inter­aktionen mit TV-Werbung, also ob Sie sich zum Beispiel einen TV-Werbespot bis zum Ende ansehen, voraus­gesetzt, Ihr Smart­phone oder Ihr Notebook liegt in Nähe. Die künstliche Intelligenz Ihrer Facebook-App würde dann die laufende Reklame für ein Haar­shampoo und die Firma erkennen (wieder voraus­gesetzt, dieses Patent würde tatsächlich umgesetzt).

Ausserdem: Facebook hatte 2014 eine Funktion namens «Audio Recognition» lanciert, mit der er auf Mikrofone zurück­greifen kann. Sie ist dazu da, die im Hinter­grund laufende Musik in Ihrem Wohn­zimmer oder die Musik, die aus Ihrem Fernseher schallt, nach Songtitel und Band zu erkennen (vielleicht kennen Sie die Funktion von der App Shazam). Das Magazin «Business Insider» vermutet, dass diese Funktion sogar der Haupt­grund für die «Abhör-Legende» rund um unsere Smart­phones ist.

Doch auch hier gilt: Facebook erkennt nur Musik «aus der Konserve», sprich: keine Livemusik, sondern nur ab Band. Diese Funktion soll der Stimmungs­auswertung für Status­meldungen dienen. Dasselbe gilt für die Töne und Laute der abgespulten TV-Reklame aus dem Fernseher. Ob sie aber effektiv Gesprochenes auswerten kann, ist bis dato nicht bekannt. (Sie können die Mikrofon­aktivierung bei allen Apps manuell in den Einstellungen Ihres Smart­phones deaktivieren).

Dann wären da noch die smarten Assistenten Alexa (Amazon), Siri (Apple), Google Assistant (Google) und Cortana (Microsoft), die auf unsere Sprach­befehle reagieren: Wir wissen, dass Mitarbeiterinnen von Amazon, Microsoft und Apple Ihre Gespräche mittels smarter Lautsprecher belauschen und transkribieren. Angeblich nur zur «Verbesserung des Dienstes». Wie und in welcher Form die Transkripte auch für Werbe­profile mit weiteren Daten angereichert werden, ist aber bis dato nicht bekannt.

Und noch zuletzt: Facebook arbeitet seit langer Zeit daran, seine Investitionen in Augmented Reality (erweiterte Realität) und Virtual Reality endlich in konkrete Produkte umzumünzen. So präsentierte Mark Zuckerberg vor einigen Wochen die erste Facebook-Daten­brille in Zusammen­arbeit mit dem Brillen­hersteller Ray Ban. In dieser Brille sind allerlei Sensoren verbaut, die unsere ganze Umgebung via Video und Ton aufnehmen. Auf den Brillen-Bild­schirmen werden künftig zum Beispiel Zusatz­informationen zum historischen Gebäude eingeblendet, vor dem man gerade steht. Gemäss eigenen Angaben soll das Audio­material – also Töne durch Video­aufnahmen – nicht in die entsprechenden Werbe­profile fliessen.

Genau, «gemäss eigenen Angaben», was bei Facebook immer etwas mit Vorsicht zu geniessen ist, wie wir aus der Vergangenheit wissen: Der Konzern hat eine unrühmliche Geschichte von gebrochenen Datenschutz­­versprechen.

Das soziale Netzwerk ist übrigens mit dieser «Vision» nicht allein: Ziemlich alle Big-Tech-Unternehmen arbeiten am sogenannten Metaverse – an der kompletten Verschmelzung der Realität, also der Offline-Welt, mit dem Internet. Sie nutzen dazu smarte Brillen und andere Innovationen. Die Erkennung und Verarbeitung von menschlichen Stimmen und anderen Live­geräuschen ist damit nur noch eine Frage der Zeit.

10. Wer also hört heute mit, wenn nicht Big Tech?

Zum Beispiel: Ermittlungs­behörden, Fussball­ligen, vielleicht auch Ihr Partner.

Ein Trost: Die brisantesten Abhör­fälle kommen in der Regel ans Licht, wie etwa die App der spanischen Fussball­liga. Damit wollten die Funktionäre illegale Über­tragungen von Fussball­spielen in Bars und Kneipen überwachen, um Gastronominnen ohne Lizenz zu erwischen. Die App verschaffte sich dafür Zugriff auf die Mikrofone der Handys von Fussball­fans. Die Abhör­aktion sorgte für einen kleinen Skandal in Spanien.

Zuletzt ein weiterer, schwacher Trost: Sollte man Sie tatsächlich überwachen, werden sich die Überwacher tunlichst darum bemühen, Sie das nicht wissen zu lassen. Kantonale Polizei­­behörden, der Nachrichten­­dienst und auch die eidgenössische Bundes­­polizei könnten tatsächlich eingekaufte Spionage­software auf Ihr Smart­phone lotsen und damit Ihr Mikrofon aktivieren (sofern man Sie einer terroristischen Aktivität verdächtigt). Es wäre nicht schlau, wenn diese Institutionen Ihnen danach Werbung unterjubeln würden. Da es sich um eine Art verdeckte Ermittlung handelt, werden Straf­verfolgerinnen penibel darauf achten, dass diejenigen, die sie belauschen, keinen Verdacht schöpfen. Dasselbe gilt auch für sogenannte Stalkerware-Apps, mit denen sich Partner in Beziehungen gegen­seitig verfolgen können.

Fazit: Bleiben Sie ruhig wachsam. Und seien Sie öfter mal ohne Ihr Telefon unterwegs, wenn Sie mögen.

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