Covid-19-Uhr-Newsletter

Danebenwirkungen

11.10.2021

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Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Selten haben sich die Menschen so intensiv mit dem Inhalt von Beipack­zetteln beschäftigt wie zurzeit, selten haben sie so sehr darauf geachtet, wie sie sich nach einer Impfung fühlen.

«ZWEIFUCKING­TAGE­NEBEN­WIRKUNGEN».

Mit dieser Wort­schöpfung hat ein Redaktions­mitglied im internen Republik-Chat seine zweite Covid-Impf­erfahrung ganz ohne Schnörkel rekapituliert.

Falls Sie auch eine Impf­erfahrung haben: Was wäre Ihr Wort? Vielleicht
– «BISSCHEN­SCHLAPP­ABER­SONST­OKAY», oder
– «FIEBERSCHÜBE­AUS­DER­HÖLLE», oder aber
– «HATTE­NICHTS­WAS­TUT­IHR­ALLE­SO»?

Bei der ersten Spritze wollten gefühlt alle wissen, was man für einen Impfstoff abbekommen hatte. Nach der zweiten Dosis war nichts gefragter als: Na, hats dich umgehauen?

Die Nebenwirkungen sind die Kosten für den höchst­möglichen Schutz, den man zurzeit vor einer Infektion mit Covid-19 bekommen kann. (Es sei denn, man schliesst sich langfristig allein in seiner Wohnung ein. Was dann aber wahrscheinlich weitaus unschönere Effekte nach sich zieht. Also lassen Sie das lieber.)

Gliederschmerzen, Kopfweh, etwas Fieber – für viele Menschen fühlten sich die Nach­wehen der Impfung wie eine kurze Grippe an, die so schnell wieder vergangen ist, wie sie gekommen war. Status: mild. So wie vom Beipack­zettel angekündigt.

Seit den ersten klinischen Studien sind weltweit sehr viele Menschen geimpft worden. Wissen wir inzwischen mehr? Muss der Zettel um ein paar Zeilen ergänzt werden?

Was sich nicht verändert hat: Eine Infektion mit Sars-CoV-2 kommt Ihre Gesundheit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit viel teurer zu stehen als die Folgen einer Impfung.

Für die allermeisten Menschen zeigen sich die Neben­wirkungen weiterhin so, wie sie das schon in den ersten grossen klinischen Studien 2020 taten. In Form von, Sie haben es gelesen: Glieder­schmerzen, Kopfweh, etwas Fieber, Abgeschlagenheit und Ähnlichem.

In den vergangenen Monaten konnte man jedoch im Zusammen­hang mit den Impfungen viel von Myokarditis lesen – also Herz­muskel­entzündungen – und von Sinus­venen­thrombosen. Das sind gefährliche Erkrankungen, die tödlich enden können.

Das macht Angst. Für manche Menschen ist es ein Grund, auf die Impfung zu verzichten. Was also ist der neueste Stand bei den Neben­wirkungen zu den drei Stoffen, die in der Schweiz verimpft werden?

Eine kürzlich erschienene und sehr, sehr grosse Studie aus Israel liefert für den Impfstoff von Pfizer aufschluss­reiche Ergebnisse. Gemäss der Studie mit fast 1,8 Millionen Probandinnen ist in der geimpften Gruppe das Risiko für eine Herz­muskel­entzündung tatsächlich erhöht verglichen mit den Ungeimpften. Es liegt gemäss den Autoren bei 2,7 zusätzlichen Personen von 100’000 (also 2,7 mehr als bei 100’000 Ungeimpften). Das ist immer noch sehr wenig. Weiter vergleichen die Forscherinnen fast 200’000 Covid-Erkrankte mit ungefähr gleich vielen nicht infizierten Personen. Hier zeigt sich ein ganz anderes Bild: Das zusätzliche Risiko für eine Herz­muskel­entzündung liegt nach einer Infektion mit Covid-19 bei 11 zu 100’000, also deutlich höher als nach einer Impfung. Hinzu kommen viele weitere schwer­wiegende Folgen, die eine Erkrankung nach sich ziehen kann, nicht aber eine Impfung.

Eine Analyse der US-Arzneimittel­­behörde FDA hält basierend auf noch nicht bestätigten Daten fest, dass besonders junge Männer ein erhöhtes Risiko für eine Myokarditis aufzeigen. Doch selbst beim schlimmst­möglichen Szenario einer solchen Entzündung überwiegt gemäss der Behörde der Nutzen der Impfung. Denn nach einer Myokarditis erholten sich die allermeisten rasch.

Ein höheres Risiko nach der Impfung als nach der Krankheit zeigt die Studie aus Israel für Lymph­adeno­pathie (eine Schwellung der Lymph­knoten), Gürtelrose­erkrankungen und Blinddarm­entzündungen.

Beim Impfstoff von Moderna bleibt das Nutzen-Kosten-Profil unverändert: Das hält die Europäische Arznei­mittel-Agentur (EMA) fest, welche die Neben­wirkungen überwacht.

Beim Impfstoff von Johnson & Johnson, der seit kurzem auch in der Schweiz gespritzt wird, wurden die Sinus­venen­thrombosen zum Thema. Mehrere Länder, darunter die USA, sowie die EU hatten deshalb die Impf­kampagne im Frühjahr gestoppt. Gemäss dem jüngsten Sicherheits­update der EMA sind diese Thrombosen jedoch «sehr selten». Dasselbe gelte für das Guillain-Barré-Syndrom, eine Nerven­erkrankung, die bei 108 von 21 Millionen geimpften Personen aufgetreten sei (Stand Ende Juni).

«Die autorisierten Covid-19-Impfstoffe sind sicher und effektiv», hält die Behörde fest.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich am Sicherheits­profil der Impfungen noch Jahre später ganz grund­legend etwas ändern wird. Dass aber einzelne neue Neben­wirkungen entdeckt werden, ist durchaus möglich. Das bedeutet nicht, dass die Hersteller in ihren klinischen Studien geschlampt haben. Denn je mehr Menschen geimpft werden, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sehr seltene Folgen plötzlich zutage treten – schwer­wiegende wie milde. Bei Impfungen ist das nicht anders als bei anderen Arzneimitteln.

Deshalb ist und bleibt das Monitoring der Impf­kampagnen so wichtig. Konkret: Es braucht beim Verdacht auf neue Neben­wirkungen Meldungen von Geimpften und ihren Ärzten. Das betont auch die EMA. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto eher lassen sich mögliche Zusammen­hänge zwischen einem ungewohnten Phänomen und der Impfung einschätzen.

In der Schweiz nun wurden gemäss der Zulassungs­­­stelle Swissmedic bisher etwas über 7500 Fälle von Neben­wirkungen der Impfungen gemeldet – bei über 5 Millionen vollständig geimpften Personen.

Das sind sehr, sehr wenige.

Dazu eine kurze Zwischen­frage: Wissen oder wussten Sie, wo Sie Ihre Neben­wirkungen melden können?

Eben.

Unsere Tech-Reporterin Adrienne Fichter hat sich auf die Suche gemacht. Und ist in einem Labyrinth gelandet, das sie in diesem kurzen Republik-Beitrag beschreibt. (Dort finden Sie übrigens auch die Links zu den entsprechenden Formularen der Swissmedic.)

SCHWEIZER­BÜROKRATIE­HALT.

Was Sie diese Woche wissen sollten

  1. Bund veröffentlicht Daten zu den Impf­durchbrüchen nach Vakzin. Von 100’000 Personen, die in der Schweiz eine Biontech/Pfizer-Impfung erhalten haben, infizierten sich trotzdem 101 mit Sars-CoV-2, wie das Bundes­amt für Gesundheit bekannt gibt. Bei der Moderna-Impfung waren es nur 41 Personen. Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, da nicht jeder Impf­durchbruch erkannt wird. Trotzdem zeigen sie aber zwei Dinge. Erstens: Beide Impfungen wirken sehr gut, und es gibt nur wenige Impf­durchbrüche. Zweitens: Die Impfung mit Moderna schützt möglicher­weise etwas besser gegen eine Infektion als jene von Pfizer. Die Schweizer Resultate decken sich mit Erkenntnissen aus einer amerikanischen Studie und aus den Daten der US-Behörden.

  2. Pfizer und Biontech machen vorwärts mit der Impfung für 5- bis 11-Jährige. Der Pharma­konzern Pfizer hat in den USA eine Notfall­zulassung seines zusammen mit dem Unternehmen Biontech entwickelten Corona-Impfstoffs für 5- bis 11-jährige Kinder beantragt. Bereits im September hatten Pfizer und Biontech bei der US-Arznei­mittel­behörde FDA Daten aus klinischen Studien eingereicht, die zeigen sollen, dass der Impfstoff auch für Kinder «sicher und wirksam» sei. Am 26. Oktober wird sich die Behörde erstmals mit dem Antrag befassen. Pfizer und Biontech kündigten an, die Daten bald auch bei der Europäischen Arznei­mittel-Agentur einzureichen. Wann ein Antrag bei der Zulassungs­behörde Swissmedic erfolgen soll, ist derzeit noch unklar.

  3. Junge Schweizerinnen leiden unter der Pandemie. Die neuesten Erhebungen des Bundes­amts für Statistik über Einkommen und Lebens­bedingungen zeigen, welche Folgen die Pandemie für die Bevölkerung hat. Interessant: 2021 gaben vorwiegend junge Menschen (55,1 Prozent der 16- bis 24-Jährigen) an, dass sich ihre Stimmungs­lage aufgrund der Covid-19-Pandemie verschlechtert hat. Trotzdem bleibt ihr Vertrauen in das politische System der Schweiz im europäischen Vergleich unverändert hoch und ist zeitweise sogar gestiegen. Über alle Generationen hinweg ist die Schweizer Wohn­bevölkerung mit ihrer Lebens­situation trotz Pandemie sehr zufrieden.

Und zum Schluss: Der lustigste Witz der Welt

Mit diesem Newsletter wollen wir Sie durch die Pandemie begleiten und Ihnen nützliche Informationen liefern. Aber wir möchten Sie auch immer wieder einmal aufheitern. Und so fragten wir uns letzte Woche in einer Mittags­pause, ob es so etwas wie den ultimativen Witz gibt, der Menschen wie im berühmten Monty-Python-Sketch «The Funniest Joke in the World» tot umfallen lässt vor Lachen.

Wir googelten, recherchierten, und tatsächlich: Der britische Psychologe Richard Wiseman hat vor 20 Jahren in einer Studie untersucht, was Menschen zum Lachen bringt, und dabei auf einer Website mehr als 40’000 Witze von fast 2 Millionen Menschen aus aller Welt bewerten lassen.

Hat der Gewinner tatsächlich den Titel für den lustigsten Witz der Welt verdient? Wir sind nicht ganz sicher. Aber urteilen Sie selbst:

Zwei Jäger sind im Wald auf der Jagd, plötzlich bricht einer von ihnen zusammen. Er scheint nicht mehr zu atmen. In Panik ruft der andere von seinem Handy den Notruf an und stottert: «Ich glaube, mein Freund ist tot. Was soll ich bloss tun?» Da sagt die Stimme vom Notruf: «Beruhigen Sie sich erst einmal, und dann gehen Sie sicher, dass er tatsächlich tot ist.» Nach einem Moment ertönt ein Schuss. Zurück am Telefon fragt der Jäger: «Okay, und was jetzt?»

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Ronja Beck und Elia Blülle

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Im letzten Newsletter schrieben wir, die budgetierten Ausgaben des Bundes für Covid-Tests für 2021 (2,4 Milliarden Franken) betrügen etwa ein Fünftel der jährlichen land­wirtschaftlichen Direkt­zahlungen. Das ist nicht korrekt. Die budgetierten Ausgaben für Land­wirtschaft und Ernährung für 2022 betragen 3,7 Milliarden Franken – die Testkosten also etwa zwei Drittel davon. Wir bitten um Entschuldigung.

PPPPS: Jep, es ist eine Zumutung: die Pandemie, die Masken, die Spritzen, die Zoom-Konferenzen, die Giftigkeit in der öffentlichen Debatte, die mögliche Ansteckung, die erfolgte Ansteckung. All das ist ein guter Grund für gereizte Laune und doch irgendwie auch keiner. Warum zur Hölle nicht? Es gibt die schöne Anekdote vom österreichischen Landarzt, zu dem ein Bauer kam, der Masern hatte. «Was soll ich tun?», fragte der Bauer. Worauf der Landarzt sagte: «Seien Sie glücklich. Denn wenn Sie nicht glücklich sind, werden Sie immer noch Masern haben.»

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