Auf lange Sicht

Was Kinder brauchen

Gespräche zur Ehe für alle landen schnell beim Kindeswohl. Geht es Kindern weniger gut, wenn sie nicht in einer Kleinfamilie mit Mama, Papa, Schwester, Bruder aufwachsen?

Von Marie-José Kolly, 20.09.2021

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Mama und Papa? Mama und Mama und Samen­spender? Papa und Papa und Mama? Was braucht das Kind?

Die Antworten von Wissenschaftlerinnen oder Organisationen für Kinder­rechte fokussieren auf ganz andere Dinge:

Das Kind braucht erstens einen sicheren Hafen, wo es beschützt und behütet wird. Dazu gehört eine gute Bindungs­beziehung mit wichtigen Betreuungs­personen.

Ist die Bindung einmal da, braucht das Kind auch Autonomie: Es muss den sicheren Hafen verlassen und auf Erkundungs­tour gehen können. Über­behütung läuft seiner widerstands­fähigen Natur zuwider.

Drittens brauchen Kinder unstrukturierte Lebens­möglichkeiten – Momente also, in denen nicht jede Sekunde durchgetimt ist.

Margrit Stamm, Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungs­wissenschaft, am Telefon mit der Republik.

Was Kinder benötigen, sind in erster Linie Fürsorge und Liebe und verlässliche Bezugs­personen, die sich vorbehaltlos um sie kümmern.

Moralphilosophin Barbara Bleisch und Juristin Andrea Büchler in ihrem Buch «Kinder wollen – über Autonomie und Verantwortung» (2020).

– Gutes psychisches Wohlergehen

– Gute physische Gesundheit

– Fähigkeiten für das Leben

Unicef-Bericht zum Kindeswohl (2020).

Damit ist schon sehr vieles gesagt.

Nun gibt es neben dem Wissen um kindliche Bedürfnisse allerdings auch konkrete Forschung dazu, wie es um das Kindes­wohl derjenigen steht, die mit Mama, Papa und vielleicht Schwester oder Bruder aufwachsen. Und wie um das Wohl der Kinder, die in einer sogenannten Regenbogen­familie gross werden. Kurz: Forschung zu der Frage, die in der Schweiz im Vorfeld der Ehe-für-alle-Abstimmung gerade heiss debattiert wird.

Seit den 1980er-Jahren existieren solche vergleichenden Unter­suchungen. Das bedeutet: Es gibt auch Langzeit­studien, die Kinder von der Schwangerschaft bis ins junge Erwachsenen­alter begleiten konnten. Die umfassendste derartige Unter­suchung ist die US-amerikanische «National Longitudinal Lesbian Family Study».

Die Langzeitstudie

Wenige Jahre nachdem 1982 eine kalifornische Samenbank auch homo­sexuellen Paaren Zugang zu Samen­spenden eröffnete, begannen Wissenschaftlerinnen, die so entstehenden Familien zu untersuchen. Jahrelang begleiteten sie 84 Haushalte und erhoben zu sechs verschiedenen Zeitpunkten Daten, die verschiedene Aspekte der Paarbeziehung, des Familien­lebens und des Kindes­wohls widerspiegeln, insbesondere die psychische Entwicklung der Kinder.

Ihr Wohlergehen wurde mit Befragungen ermittelt, teils der Eltern, teils der Kinder selbst. Zwischen den Erhebungs­wellen wechselten die exakten Instrumente, die dieses Wohl­ergehen messen sollten; die exakten Werte auf den Achsen der folgenden Grafiken sind also von Grafik zu Grafik nicht immer vergleichbar. Sie zeigen jeweils an, wie stark die gemessenen Phänomene – etwa depressive Störungen – bei den Probandinnen ausgeprägt waren.

Die Entwicklung dieser Kinder stellten die Forscherinnen einer repräsentativen Stichprobe von Kindern gegenüber, die in hetero­sexuellen Lebens­gemeinschaften aufwuchsen.

Sie fanden heraus:

Im Alter von 10 Jahren waren Kinder mit zwei Müttern vergleichbar mit Kindern, die mit einer Mutter und einem Vater lebten, was ihre psychische Gesundheit, ihre Sozial­kompetenzen und ihr Verhalten betraf.

Kinder: Probleme sind unabhängig von der sexuellen Orientierung der Eltern

Emotionale und Verhaltensprobleme, standardisierte Skala

Eltern homosexuell
Eltern heterosexuell
Standardabweichung
Buben0 25 50 Mädchen0 25 50

«Probleme insgesamt» gemäss der «Child Behavior Checklist», erfragt bei den Müttern von 78 Haushalten, im Vergleich zu einer für die Gesamtpopulation repräsentativen Stichprobe heterosexueller Haushalte. Quelle: Gartrell, N. et al. (2005): «The National Lesbian Family Study: 4. Interviews With the 10-Year-Old Children». «American Journal of Orthopsychiatry» 75/4.

Auch im Alter von 17 Jahren waren die Kinder aus unterschiedlichen Lebens­gemeinschaften einander ähnlich.

Teenager: Ebenfalls kein Effekt nach Haushaltstyp

Emotionale und Verhaltensprobleme, standardisierte Skala

Eltern homosexuell
Eltern heterosexuell
Standardabweichung
Buben0 20 40 Mädchen0 20 40

«Probleme insgesamt» gemäss der «Child Behavior Checklist». Quelle: Gartrell, N. & Bos, H. (2010): «US National Longitudinal Lesbian Family Study: Psychological Adjustment of 17-Year-Old Adolescents». «Pediatrics» 126/1.

Im Alter von 25 Jahren zeigte sich noch einmal: Die psychische Gesundheit der jungen Erwachsenen, die in einer Lebens­gemeinschaft mit zwei Müttern gross geworden waren, ist vergleichbar mit jener von Kindern hetero­sexueller Paare. (Der Unterschied, den die Grafik suggeriert, ist nicht bedeutsam: Die Forschenden testen innerhalb desselben Datensatzes insgesamt 24 Hypothesen. Deshalb ist die Hürde für statistisch signifikante Unterschiede gemäss wissenschaftlichen Standards grösser. Bei keiner der 24 Variablen ergab sich ein bedeutsamer Unterschied.)

Erwachsene: Immer noch kein Unterschied

Depressive Störungen, standardisierte Skala

Eltern homosexuell
Eltern heterosexuell
Standardabweichung
Eltern homosexuellEltern heterosexuell0 2 4 6 8

Gemäss dem «Achenbach Adult Self-Report», erfragt bei 77 jungen Erwachsenen aus homosexuellen Lebens­gemeinschaften, im Vergleich zu einer für die Gesamt­population repräsentativen Stichprobe hetero­sexueller Haushalte. Quelle: Gartrell, N. et al. (2018): «National Longitudinal Lesbian Family Study – Mental Health of Adult Offspring» (Letter to the Editor). «The New England Journal of Medicine» 379/3.

Die Kinder, die für diese Langzeitstudie beobachtet wurden, hatten als wichtigste Bezugs­personen zwei Mütter. Wie Forschende im Bereich der gleichgeschlechtlichen Elternschaft beobachten, setzen sich viele Frauenpaare intensiv damit auseinander, wie sie ihrem Kind auch Zugang zu engen männlichen Bezugs­personen verschaffen können.

Tatsächlich bräuchten Kinder «das männliche und das weibliche Element», sagt Margrit Stamm. Aber: «Das heisst nicht zwingend die biologische Mutter und den biologischen Vater, oder überhaupt Mann und Frau.»

Das legen auch weitere Ergebnisse aus der «National Longitudinal Lesbian Family Study» nahe: Jugendliche, die angaben, sie hätten ein wichtiges männliches Rollen­modell, unterschieden sich in ihrem psychischen Wohlergehen sowie in stereotypen männlichen und weiblichen Persönlichkeits­zügen nicht bedeutsam von Jugendlichen, die nach eigener Aussage kein solches Rollen­modell hatten. Ebenfalls fanden die Wissenschaftlerinnen keine signifikanten Unterschiede zwischen dem psychischen Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen, die ihren Erzeuger kannten, und jenen, deren Mütter eine anonyme Samenspende verwendet hatten.

Die Querschnittstudie

Ergebnisse aus einer italienischen Querschnitt­studie, die zwar nur einmal Daten erhob, dafür aber viele Elternpaare und insbesondere auch Männerpaare miteinbezog, fallen ähnlich aus:

Kindern aus homosexuellen Partnerschaften geht es gut

Psychische Schwierigkeiten, standardisierte Skala

Eltern schwul
Eltern lesbisch
Eltern heterosexuell
Standardabweichung
Eltern schwulEltern lesbischEltern heterosexuell0 5 10

«Probleme insgesamt», gemäss dem «Strengths and Difficulties Questionnaire», erfragt beim Elternteil, der sich vermehrt um das Kind kümmert. Untersucht wurden die Kinder von 70 schwulen Vätern (via Leihmutterschaft), 125 lesbischen Müttern (via Samenspende) und 195 heterosexuellen Eltern (via spontane Befruchtung). Der Unterschied zwischen homosexuellen und heterosexuellen Lebens­gemeinschaften ist signifikant. Quelle: Baiocco, R. et al. (2018): «Same-Sex and Different-Sex Parent Families in Italy: Is Parents’ Sexual Orientation Associated with Child Health Outcomes and Parental Dimensions?», «Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics» 39/7.

Wie auch manche andere Studien kommt diese zum Schluss, dass es Kindern in homosexuellen Lebens­gemeinschaften sogar etwas besser geht. Das könnte einerseits mit unterschiedlichen Familien­dynamiken zusammen­hängen: Forschende beobachten etwa, dass homosexuelle Paare gleichberechtigtere Beziehungen führen. Andererseits könnte es mit den Hürden zu tun haben, vor denen diese Paare stehen: Ihre Elternschaft wurde sehr bewusst geplant und ist mit einem ganz anderen Aufwand verbunden als diejenige vieler (natürlich nicht aller) hetero­sexueller Paare.

Der Forschungs­überblick

Nun sind das einfach zwei Beispiele: für eine besonders langfristige Studie und für eine, die besonders viele verschiedene Familien untersucht hat. Die Forschung zu Kindern, die in gleich­geschlechtlichen Partner­schaften aufwachsen, ist selbst­verständlich viel breiter aufgestellt.

Wie gut ist diese Forschung? Die Erziehungs­wissenschaftlerin Margrit Stamm hat in diesem Bereich zwar nicht selber wissenschaftlich gearbeitet, sich aber intensiv mit der Literatur auseinander­gesetzt. «Hinter manche Studien würde ich ein Frage­zeichen setzen – wegen der geringen Probandenzahl oder weil die Vergleichs­gruppen nicht immer adäquat sind.» Aber grundsätzlich gebe es extrem viele Unter­suchungen aus vielen verschiedenen Ländern.

Schaue man sich die gesamte Forschungs­landschaft an, sagt Stamm, so schäle sich der Konsens relativ deutlich heraus: «Kinder, die in gleich­geschlechtlichen Lebens­gemeinschaften aufwachsen, entwickeln sich sehr ähnlich wie Kinder von hetero­sexuellen Eltern.» Viel wichtiger als die sexuelle Orientierung der Eltern sei die Beziehungs­qualität zwischen Kind und Eltern sowie die Familiendynamik.

Die Gegenstimmen, die von Gegnern der Ehe für alle gerne zitiert werden, weichen also ab vom Konsens. Das könnte auch daran liegen, dass deren Autoren mal enge Verbindungen zu katholischen Institutionen pflegen, mal Familien­strukturen miteinander vergleichen, die nicht vergleichbar sind:

Dass solche Trennungserfahrungen Spuren hinterlassen können, liegt auf der Hand. Die beobachteten Unterschiede dürften also weniger mit der Regenbogen­familie zu tun haben als mit der Biografie der Probandinnen.

Grundsätzlich gilt: Die Debatte um Regenbogen­familien ist politisch und ideologisch geprägt. Es gebe vermutlich gewisse Vorurteile auf beiden Seiten, sagt Margrit Stamm, und auf beiden Seiten viel Herzblut für die eigene Position, die man anhand von Studien bekräftigen möchte. Aber für die Position, dass sich Kinder in gleich­geschlechtlichen Lebens­gemeinschaften gleich gut entwickelten wie andere, gebe es viel mehr Studien vorzuweisen, ein viel breiteres Forschungsfeld.

Wer seine Haltung gegenüber Regenbogen­familien auf wissenschaftliche Evidenz abstützen will, der landet also bei: Gelassenheit.

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