An vorderster Front: Nicolas A. Rimoldi (Mitte). zvg

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Vor einem Jahr posierte Nicolas A. Rimoldi auf Fotos mit Maske. Heute will er den Bundesrat hinter Gittern sehen und träumt vom «Volks­aufstand» gegen die «faschistischen Zwangs­massnahmen». Und im Chat seines Vereins Mass-voll wird zur Gewalt gegen Politikerinnen und Journalisten aufgerufen. Die Geschichte einer Radikalisierung.

Von Daniel Ryser und Basil Schöni, 17.09.2021

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Heute beginnt die #CoronaApartheid in der Schweiz. Das ist der dunkelste Tag in der Geschichte unseres Landes.

Nicolas A. Rimoldi, Twitter, 13. September 2021.

Es war ein Abgang voller Pathos: Als die Schweizer FDP am Dienstag vor einer Woche auf Twitter verkündete, sie unterstütze die Ausweitung des Covid-Zertifikats, stammte die erste Antwort im Thread vom Luzerner Jung­freisinnigen Nicolas A. Rimoldi: «Damit bekennt sich die FDP zum Faschismus». Kurz darauf twitterte Rimoldi, er trete aus der Partei aus und von seinem Amt als Delegierter zurück. «Das einzige, was am Ende des Tages zählt, ist Treue zu sich selbst», schrieb Rimoldi über Rimoldi.

Was er nicht twitterte: dass dieser Entscheid offenbar längst feststand. «Herr Rimoldi hatte schon intern und mündlich angekündigt, dass er nicht mehr Delegierter der Jung­freisinnigen für die FDP sein will», bestätigt FDP-Kommunikations­chef Arnaud Bonvin auf Anfrage der Republik. «Da die nächste GV der Jungfrei­sinnigen Schweiz am 26. September stattfindet, wollte er dies zu diesem Zeitpunkt formell tun. Sein Tweet bestätigt, was wir bereits wussten.»

Die Republik führte in den vergangenen Monaten mehrere Gespräche mit Nicolas A. Rimoldi. Wir trafen auf einen sehr höflichen Mann, der sich als «Brücken­bauer» versteht, dem es um die «Freiheit dieses wunder­baren Landes geht» und der «am Ende des Tages einfach nur helfen will». Wir trafen einen Mann, dessen Aussagen häufig im kompletten Wider­spruch zu seinen Taten stehen: einen Brücken­bauer, der alle Brücken hinter sich nieder­brennt. Einen Mann, der seine Wortwahl komplett ändert, je nachdem, mit wem er spricht. Und der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.

Was geht in Nicolas A. Rimoldi eigentlich vor?

«Verbrennt sie!!!»

Chatverläufe aus dem Telegram-Kanal des Vereins Mass-voll, mit dem sich Rimoldi seit Februar 2021 gegen die Covid-Massnahmen wendet, zeigen eine rasante Radikalisierung von ihm selbst und seinem Umfeld. Inzwischen wird im Chat der Bewegung, die sich nach eigener Darstellung gegen die Spaltung des Landes und für Frieden und Freiheit einsetzt, offen Hass verbreitet.

«Man könnte ja auch den ein oder anderen journalisten zuhause besuchen. Dann schauen die vielleicht auch ein bisschen besser, was sie schreiben und fühlen sich nicht mehr allmächtig», schreibt User «1911».

User «Roland» über einen Meinungs­beitrag in der «Sonntags­Zeitung»: «Sollen sie nur noch mehr gas geben, so kommt der tag des jüngsten gerichts in bern oben noch schneller.»

«Sandy» dazu: «Ringier und tamedia bekommen auch anklage vom volkstribunal.»

«Herberto» zu Impfbelohnungen: «Ig glaube die hei gar nüd becho. Usser d Giftsprütze natürlich. Iinegloffe sind si wie d Jude damals i d Gaschamere»

«Sara L.» darauf: «Schlimm würkli. Diä Lüüt lönd sech nur no physisch stoppe. Eso krass was abgoht und den no alli wo mitmachet.»

Nach einer umstrittenen Äusserung der Zürcher Gesundheits­direktorin Natalie Rickli über Ungeimpfte auf den Intensiv­stationen wird sie im Chat sexistisch beschimpft (wir verzichten auf eine Wieder­gabe) und teilweise offen bedroht. Der User «ReduitNational» schreibt zu Rickli: «Lasst uns ‹im Namen des Volkes› urteilen und das Urteil entsprechend unver­züglich voll­strecken.» «Alex» schreibt: «Verbrennt sie!!!»

Zu Beginn von Mass-voll hatte sich Nicolas Rimoldi noch um Sachlichkeit bemüht: Hetze werde im Chat nicht toleriert, schrieb er. Inzwischen sind alle Dämme gebrochen. Gegenüber der Republik sagt er dazu: «Es ist für uns unmöglich geworden, die Übersicht zu behalten. Der Kanal ist in kurzer Zeit extrem gewachsen. Aber ich kann mich nur wieder­holen: Derartige Dinge löschen wir, wenn wir sie entdecken. Ich distanziere mich von Gewalt.» Gewalt­aufrufe würden «innerhalb von Sekunden» gelöscht, sagt Rimoldi.

Doch diese Aussage, die Rimoldi am 13. September machte, ist falsch. Die Republik hat in den letzten Wochen den gesamten Nachrichten­verlauf des öffentlichen Mass-voll-Kanals auf Telegram (über 13’000 Mitglieder) mehrmals gesichert. Aufgrund dieser Rohdaten lässt sich leicht belegen, dass auch am 16. September, am Tag vor Publikation dieses Artikels, alle oben aufgeführten Einträge im Mass-voll-Chat nach wie vor zu lesen waren. Zum Teil stehen sie dort seit Wochen: Die Drohungen gegen Journalisten seit dem 1. August, die Gewalt­fantasien gegen Natalie Rickli seit dem 2. September.

Als die Republik Nicolas A. Rimoldi im März dieses Jahres in Liestal auf einer Demonstration gegen die Corona-Massnahmen interviewte, betonte er, wie sehr er sich vor dem Virus fürchte – während er mit Tausenden anderen an einer Kund­gebung teilnahm und wie alle anderen Teilnehme­rinnen auch keine Maske trug. Auf diesen Wider­spruch angesprochen, sagte er bloss, keine Maske zu tragen sei ein wichtiges Zeichen des Protests.

Auf derselben Demonstration distanzierte sich Rimoldi gegenüber der Republik auch von Verschwörungs­mythen. Während auf dem roten Kapuzen­pullover eines Begleiters, der ihm an jenem Tag praktisch nie von der Seite wich, die Welt als einziger Ablauf von Verschwörungen dargestellt wurde – von 9/11 über Flugzeug­abstürze bis hin zur Pandemie: «1950 – WTC 9/11 – MH370 – MH17 – Covid – What’s next?» stand auf dem Hoodie.

Immer wieder distanzierte sich Rimoldi in Gesprächen vom Verschwörungs­glauben. Dann publizierte das «Megafon», die Zeitung der Berner Reitschule, im April Screenshots aus dem alten Telegram-Chat von Rimoldis Mass-voll-Bewegung. Die Screen­shots zeigten Propaganda der gewalt­tätigen Verschwörungs­sekte QAnon, in der die Pandemie geleugnet und von einer «schrecklichen Wahrheit hinter dem Corona-Terrorismus!» gesprochen wird.

Rimoldi löschte die kritischen Teile des Chats und behauptete auf Twitter daraufhin, «Megafon» habe die Screen­shots gefälscht. «Wie niederträchtig kann man sein?», twitterte er am 5. April. Der Republik liegen allerdings die gesamten Original­verläufe aus diesem Chat vor, die das Gegenteil belegen.

«Ich kann mich nicht erinnern, das geschrieben zu haben»

Will man wissen, was Rimoldi wirklich denkt, muss man ständig abgleichen. Was sagt er öffentlich? Was schreibt er auf Telegram und Twitter? In einem doppelseitigen Interview mit der NZZ sagte er: «Ein Liberaler würde seine Politik niemals an einem idealistischen Einheits­menschen ausrichten. Mein Ideal ist ein anderes: Jedes Individuum soll sich unabhängig von sozialen Konstrukten, Hautfarbe, Geschlecht et cetera verwirklichen können.» Wenn er in seinem Kanal zu einer Demonstration aufruft, bedient er sich des Slogans von QAnon («We are the storm»): «Wir sind friedlich, wir sind im Recht, wir sind der Sturm!», schrieb er am 12. August im Mass-voll-Chat.

Darauf angesprochen, sagt er vier Wochen später zur Republik: «Ich kann mich nicht erinnern, den Eintrag geschrieben zu haben. Mir war auch nicht bewusst, dass es sich bei diesem Slogan um einen QAnon-Slogan handelt.»

Am 27. Dezember 2020, als in Laax Skifahrer mit Masken­dispens eine Armbinde erhielten, damit diese sich nicht ständig ausweisen mussten, twitterte er: «Im April wurde als Aluhut beschimpft, wer vor solchem faschistoiden Wahn warnte. Diese Wette wollte ich nicht gewinnen. Fehlt nur noch eine Armbinde für Nicht-Geimpfte.»

Am 15. Januar 2021, als «Bild» titelte, dass in Sachsen ein «Knast für Quarantäne-Verweigerer» geplant werde, schrieb Rimoldi: «Deutschland baut wieder Lager.» Ebenfalls im Januar benutzt er die Rhetorik von Joseph Goebbels’ Sportpalast­rede von 1943 («Wollt ihr den totalen Krieg?») für einen Vergleich mit der Schweizer Corona-Politik: «Wollt ihr den totalen Lockdown?»

Am Mittwoch dieser Woche zog Nicolas A. Rimoldi einen direkten Vergleich von der heutigen Politik zum National­sozialismus (mit «violette Zone» sind Aufkleber seines Vereins Mass voll gemeint, die in Geschäften angebracht werden können, um gegen die Zertifikats­pflicht zu protestieren): «Freiheit hat man in der #violetteZone, Unfreiheit da, wo #Zertifikatspflicht herrscht – also in der braunen Zone.»

Die Zertifikatspflicht sei «Faschismus in Reinkultur», sagte er gegenüber «20 Minuten», als er ebenfalls am Mittwoch dieser Woche in einem Café gegen die Zertifikatspflicht verstiess und gebüsst wurde. «Jetzt habe ich diese Busse und auch gerade Einsprache erhoben. (...) Dem Faschismus darf man sich nicht beugen.»

Rimoldi weist Holocaust­vergleiche und Vergleiche mit dem National­sozialismus in Gesprächen mit der Republik deutlich von sich. Dann macht er sie selbst. Alles scheint möglich, wenn kein Anspruch auf Konsistenz im Weg steht.

So auch bei den letzten Abstimmungen. Noch im Frühjahr engagierte sich Rimoldi stark im Abstimmungs­kampf zum Bundes­gesetz über polizeiliche Massnahmen zur Bekämpfung von Terrorismus (PMT). Das Gesetz müsse unbedingt abgelehnt werden. Sein Haupt­argument: Mit der neuen Terror-Definition, die den Begriff von einer schweren Straftat abkoppelt, könnten auch normale Proteste als Terrorismus klassifiziert werden und so jegliche politische Opposition aus dem Weg geräumt werden. Dagegen gelte es sich zu wehren. Mehrfach führte Rimoldi im Abstimmungs­kampf den «Klima­streik» als Beispiel an, dessen Recht zu protestieren es zu verteidigen gelte. «Grundrechte stehen allen unabhängig ihrer politischen Gesinnung zu – auch und insbesondere dem politischen Gegner», schrieb er am 8. Juni auf Twitter.

Am 22. Juni dann, ganze neun Tage nach der verlorenen Abstimmung, war es vorbei mit den noblen Worten. Und Rimoldi tat genau das, was er FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter im Abstimmungs­kampf vorgeworfen hatte: Er wendete den Terrorismus-Begriff auf Klima­aktivistinnen an, die dazu aufgerufen hatten, «friedlich eine Hauptstadt lahmlegen» zu wollen. Wer so agiere, twitterte PMT-Gegner Rimoldi in Richtung der Klima­aktivistinnen, «klassifiziert sich als Terror-Organisation».

Rimoldi verkauft sich selbst ein Inserat

Am 17. Juli 2020 nahm er am Kongress der Jungfreisinnigen in Bern teil. Elf Tage vorher wurde in der Schweiz die erste allgemeine Masken­pflicht eingeführt. Damals noch auf den öffentlichen Verkehr beschränkt, galt die Masken­pflicht für den Kongress des Jungfreisinns nicht. Umso erstaunlicher das jungliberale Gruppenfoto, das an diesem Tag entstand: Elf Personen, alle unmaskiert. In ihrer Mitte ein einziger freiwilliger Masken­träger: Nicolas Rimoldi. Die hand­geschneiderte Maske aus Mailand hatte er schon Anfang Juli auf Twitter präsentiert: «Wenn schon, dann mit Stil. #TeamMaske».

Schutzbedürftig: Nicolas A. Rimoldi als vorbildlicher Maskenträger am Kongress der Jungfreisinnigen im Juli 2020. Marc Bührer

Heute trägt Rimoldi keine Maske mehr. Er habe Asthma und ein ärztliches Attest, wie er gegenüber der «Zeit» sagte.

Seinen Weg vom #TeamMaske zum «Freiheits­kämpfer» begründet Rimoldi mit den Massnahmen. Das habe ihn radikalisiert. Er könne gar nicht anders. Er wolle, so sagte er im März in einem Telefon­gespräch mit der Republik, die Stimme erheben für jene, die es nicht könnten.

An einem Abend kann er erzählen, er verstehe sich als «Brückenbauer», die Freiheit sei das «oberste Gut». Am nächsten Tag liest man bei Nau.ch, dass Rimoldi ohne jeden Beleg behauptet, «Juso-Mitglieder haben in Wohlen wie auch in Liestal vermummt ältere Menschen hinter­rücks angegriffen».

Wer ihn aus dem Jungfreisinn kennt, sieht in Rimoldis Radikalisierung weniger aufopfernde Selbst­losigkeit als Narzissmus. «Seine Meinungen sind eigentlich irrelevant. Er orientiert sich danach, was am meisten Aufmerksamkeit generiert», sagt ein ehemaliger politischer Weggefährte aus Luzern.

Der «Nebelspalter» schreibt diesen März in einem Porträt über Rimoldi: «Nicolas A. Rimoldi ist ein Mann der Widersprüche. Er ist ein guter Geschichten­erzähler, hat ein freundliches Auftreten, spricht mit leiser, angenehmer Stimme. Er studiert Ethnologie, interessiert sich für die Welt. Aber er reicht auch ungefragt Zitate nach, die er gerne über sich lesen würde. Das Porträt, so der Eindruck, ist in seinem Kopf bereits geschrieben.»

Zuerst habe er sich heftig mit den Jungfreisinnigen zerstritten, sagen zwei ehemalige politische Weggefährten, dann mit der Mutter­partei. Und so habe er sich mit Beginn der Pandemie einfach eine neue Bühne gesucht. Ein Merkmal von Rimoldi sei: Er ziele bei einem politischen Streit immer direkt auf Personen, was ihm viel Feindschaft eingebracht habe.

Das erste Mal traf die Republik Rimoldi 2019 im Rahmen der Vorbericht­erstattung zum Wahlkampf. Wir erwarteten einen radikalen Libertären und trafen auf einen zurück­haltenden Ethnologen, der weder Friedrich August von Hayek noch Ludwig von Mises gelesen hatte, dafür ägyptische Sagen. Er verwies freundlich und wenig streitlustig auf Schopenhauers «Die Welt als Wille und Vorstellung», und als wir ihn fragten, worum es denn in den beiden Bänden gehe, da sagte er: «Einmal geht es um die Welt als Wille, und einmal um die Welt als Vorstellung.» Und wir waren uns danach nicht mehr sicher, ob er das Buch, das er soeben anpries, überhaupt je gelesen hatte.

Beruflich ist Rimoldi inzwischen beim «Schweizer Monat» tätig. Er ist dort für das Marketing zuständig, für Werbung. Und auch da geht es nicht ohne sein Engagement gegen die Corona-Politik: Im Juli erschien im «Schweizer Monat» ein ganzseitiges Inserat seines Vereins Mass voll: Hatte Mass-voll-Rimoldi die Spenden seines Vereins dafür benutzt, bei sich selbst ein Inserat zu schalten? Hatte Mass-voll-Rimoldi dem «Schweizer Monat»-Rimoldi ein Inserat verkauft? «Ja, das habe ich», sagt er zur Republik. «Aber ich habe mir keinen Rabatt gegeben und den vollen Preis bezahlt: 3600 Franken.»

«Ich kann mich nicht erinnern, das gelikt zu haben»

Rimoldis heutige, einzige Mission: alle Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor dem Corona­virus aufheben. «Sein Liberalismus meint nicht Freiheit und Verantwortung, sondern nur Freiheit. Den Teil mit der Verantwortung gibt es bei ihm nicht», sagt ein enger Weggefährte beim Jungfreisinn. Man habe in seinem früheren Umfeld auch darüber diskutiert, ob Rimoldi inzwischen eigentlich gefährlich sei. «Ich glaube nicht, dass er physisch gefährlich ist», sagt ein ehemaliger Partei­kollege. «Aber in seinem Umfeld tummeln sich zahlreiche wirklich gefährliche Rechts­radikale, die sich offensichtlich von seinen markigen Worten aufputschen lassen.»

Rimoldi distanziert sich von Gewalt, auch gegenüber der Republik. Mass-voll sei eine friedliche Bewegung, sagt er. Die Frage ist bloss, was solche Beteuerungen wert sind, wenn sich die eigene Anhängerschaft im Mass-voll-Chat immer noch weiter radikalisiert und unwidersprochen von Gewalt gegen Journalisten und Politikerinnen fantasiert?

Je länger die Pandemie dauert, desto schriller wird Rimoldis Ton – als wolle er damit, so ein ehemaliger Jungfreisinn-Weggefährte, gegen den drohenden Bedeutungs­verlust antreten. Gegen das drohende Nichts, in das er sich selbst manövriert habe, wenn die Pandemie vorbei sei.

Schrill wurde es zum Beispiel am 11. August. Einen Tag vor der ersten, von ihm selbst organisierten Demonstration auf dem Bundesplatz trat Rimoldi im Livestream von «Bittel TV» auf. «Morgen erobern wir uns die Bundes­stadt zurück», sagte Rimoldi und klang plötzlich ganz anders als in den Gesprächen mit der Republik über die Pandemie. Als der Moderator festhielt, die neusten Aussagen des Bundesrats seien «Verrat am Schweizer Volk», sagt Rimoldi: «Absolut. Das ist Hochverrat. Wir sehen, dass der Bundesrat, egal wie die Realität ausschaut, er macht weiter. Macht als End­zweck. (…) Egal, wie schlimm das Land leidet. Die Bevölkerung leidet. Der Bundesrat macht weiter. Und er wird nicht aufhören, ausser, wenn wir ihn dazu zwingen.»

Im Hinblick auf dieselbe Demonstration schrieb User «D N» im Chat «Freie Linke Schweiz», wo Rimoldi ebenfalls Mitglied ist: «Wir können nur gewinnen, wenn wir den Staat übernehmen. Wenn wir diesen Staat in den Händen der Geimpften lassen, wird die Impf-Anakonda das Leben aus den Ungeimpften quetschen. Wir erleben im Moment einen Genozid.» 324 der damals 325 Chat-Mitglieder ignorierten diese offensichtlich von Verschwörungs­mythen getriebene Nachricht. Ein User ignorierte sie nicht: Nicolas A. Rimoldi. Stattdessen reagierte er mit einem Emoji: Daumen hoch.

«Ich kann mich nicht erinnern, das gelikt zu haben», sagt Rimoldi dazu. «Es entspricht auf jeden Fall nicht meiner Meinung. Jeder soll machen, wie ihm genehm ist. Ich kenne viele Leute, die geimpft sind. Ich will einfach das Recht haben, nicht geimpft zu sein.» Zwei Tage danach meldet er sich bei einem der Autoren via Twitter-Direkt­nachricht: Dieser Like sei ein Versehen gewesen, «ich habe ihn entfernt». Aber 24 Stunden später, bei Redaktions­schluss, war der Like noch immer dort.

Am 29. August und 12. September likte er auf Twitter mehrere Tweets von Leuten, die sich längst vom demokratischen Diskurs verabschiedet haben.

Medien berichteten, der Schweizer Geheim­dienst warne vor möglichen Anschlägen auf Impf­zentren. «FranMu» twitterte daraufhin, wenn solche Anschläge passieren würden, sei das eine «False Flag, um gegen uns vorgehen zu können».

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Eine Person namens «Evil B» twitterte: «These: Wir hätten diese ‹Pandemie› ohne Test und Propaganda nie bemerkt. Da bin ich sicher. Und ihr?»

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Helene Schulthess twittert: «Diese Pandemie offenbart, was Politiker gegen das eigene Volk im Schilde führen.»

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Wie wollen Sie die Regierung stürzen, Herr Rimoldi?

Dieser unermüdliche Einsatz für das, was in Nicolas Rimoldis Augen Freiheit ist, ruft auch Kritik hervor. Kritik, gegen die er sich längst immunisiert hat.

Am 8. September in Bern, an einer der Demonstrationen, die Rimoldi selbst organisiert hatte, zeigt ein Teilnehmer den Hitler­gruss in Richtung einer Gegen­demonstration. Rimoldi dazu: «Wohl eine gezielte Provokation. Der steht ganz brav kamera­wirksam da, wirkt gestellt.»

Am 31. Juli verletzt ein Corona-Demonstrant in Luzern einen Polizisten mit einer Flasche am Kopf. Rimoldi: «Heute haben Bürger­­rechtler, nach einer Störaktion der #Antifa, einem verletzten Polizisten erste Hilfe geleistet.»

Als sich eine Woche zuvor in Olten ein Gegendemonstrant und einer der Trychler, also ein Kritiker der Corona-Massnahmen mit Kuhglocke, hin und her schubsten, schlug ein weiterer Teilnehmer der Demonstration dem Gegen­demonstranten eine Glasflasche über den Kopf. Dieser Ablauf der Geschehnisse ist durch Bild- und Video­material belegt. Nicolas Rimoldi hat trotzdem eine andere Version parat. Ein Twitter-User schrieb: «Wo führt es hin? Jedenfalls wurde einem Gegen­demonstranten bereits eine Flasche über den Kopf gezogen.» Rimoldi antwortete: «Nachdem dieser einen Trychler brutal angriff. (…) Bitte sachlich bleiben, danke. Sonst schaukelt sich die Lage noch gefährlicher hoch.»

Am vergangenen Samstag, dem 11. September, berichtete «20 Minuten» von einer nicht bewilligten Demonstration in Luzern, die Rimoldi anführte. «Aufgrund der wiederholten tätlichen Angriffe auf einen Live-Reporter mussten wir die Live-Bericht­erstattung beenden», hiess es irgendwann. Auf Twitter wurde Rimoldi daraufhin von einer «Zora» gefragt: «Mich würde wunder nehmen, wie du dazu stehst, dass DemoteilnehmerInnen auf JournalistInnen losgehen. Ist das jetzt diese viel gepriesene Freiheit?» Antwort Rimoldi: «Ich bezweifle sehr stark, dass das stimmt. Ich erlebe, wie Journalisten von vielen Medien­häusern gut gelaunt berichten. Auch heute.»

Als Mitte August in der «SonntagsZeitung» ein Artikel erschien, der einen «Impfzwang» forderte, twitterte Rimoldi, dass hinter dem Kommentar die «faschistische Terror­organisation Antifa» stecke. Der Beleg für seine Behauptung: Er verwies auf das Medien­archiv der Seite Antifa.ch, das einen Artikel von 1999 aufführt, den der betreffende Journalist, «Sonntags­Zeitung»-Politik­chef Denis von Burg, vor 22 Jahren für den «Bund» geschrieben hatte.

Rimoldis Behauptung löste einen Shitstorm gegen den Journalisten aus. Denis von Burg «gehört auf den Scheiterhaufen – as simple as this», twitterte «Egal 123456» als Antwort auf Rimoldis Tweet. Als einer der Autoren dieses Republik-Beitrags Rimoldi auf den Fehler aufmerksam machte, antwortete Rimoldi mit: «lächerliche Hetze». Kurz darauf löschte er seinen Tweet und sagte später gegenüber dem Medien­branchen­portal «Kleinreport», er habe den Tweet von sich aus gelöscht: «Ich fand meine Wort­wahl nicht optimal.»

Wohin führt der Weg dieses Mannes, der sich offen­sichtlich in eine Welt verabschiedet hat, wo in einer Art post­modernem, post­apokalyptischem Durch­einander Wahrheit und Schlüssigkeit keine Rolle mehr spielen?

Wo Fehler keine Fehler sind, sondern legitime Widerstands­handlungen gegen den «Faschismus»? Wo man sich vom Staat Demonstrationen bewilligen lässt, um gleichzeitig demselben Staat vorzuwerfen, er sei «Faschismus in Reinform», unterdrücke andere Meinungen und habe das Land in eine Diktatur verwandelt und müsse deswegen gestürzt werden? Wo sich Anhänger in Chats immer mehr aufstacheln und Gewalt als legitimes Mittel betrachten? Und wie eigentlich soll dieser Sturz einer demokratisch legitimierten Regierung aussehen?

«Wie wollen Sie die Schweizer Regierung stürzen, Herr Rimoldi?»

«Mit friedlichen Massen­demonstrationen. Oder dann 2023 bei den Wahlen.»

«Regierung stürzen – das klingt irgendwie anders, als auf Wahlen zu setzen. Was machen Sie, wenn Sie weiter demonstrieren und der Bundesrat nicht abtritt, wie Sie das fordern? Dann kann ja von Sturz keine Rede sein.»

«Meine grosse Hoffnung liegt auf der Abstimmung Ende November gegen das Covid-Gesetz. Wenn ich sehe, wie stark wir wachsen, dann macht mir das Hoffnung.»

«Was machen Sie, wenn Sie die Abstimmung verlieren?»

«Das weiss ich nicht. Aber ich gehe nicht davon aus, dass wir die Abstimmung verlieren.»

«Haben Sie eigentlich keine Bedenken, dass Sie mit Ihrem Gerede von Faschismus, Aufstand, Unter­drückung, Totalitarismus Menschen aufhetzen?»

«Wenn ich von Aufstand rede, dann meine ich damit: Initiativen und Referenden. Wir haben in der Schweiz den Volks­aufstand institutionalisiert. Das meine ich mit Volks­aufstand. Ich zitiere Wikipedia: ‹Der Begriff wird heute im übertragenen Sinn für nicht gewaltsame Vorgänge gebraucht.›»

«Der Bundesrat gehört ins Gefängnis»

«Sollte der Bundesrat heute mit dem Covid-Zertifikat die Schweiz spalten wollen, wird ein Volks­aufstand unabdingbar», twitterte Nicolas Rimoldi am 8. September im Hinblick auf den anstehenden Entscheid des Bundesrats zur Ausweitung des «faschistischen Covid-Zertifikats». «Friedlich – selbst­verständlich», fügte er an. Wenige Stunden später war der Bundesrats­beschluss dann definitiv. Rimoldi: «Der faschistische Bundesrat provoziert den Volks­zorn. Dann sei es so! Bundesplatz!»

Die Demonstration am Abend war von der Stadt Bern bewilligt worden. Mehrere tausend Personen hatten sich angeschlossen. Vor dem Bundeshaus angekommen, wandte sich Rimoldi an die «senkrechten Schweizer» vor ihm: «Wir alle haben genug. Genug vom Bundesrat, genug von der Unter­drückung und genug von der Tyrannei! Was der Bundesrat heute beschlossen hat, ist ein historisches Verbrechen am Schweizer­volk! (…) Der Bundesrat hat heute eine rote Linie überschritten. Mit dem Covid-Zertifikat gehört der Bundesrat vor Gericht und ins Gefängnis!»

Die Menge jubelte. Der Redner nickte bedeutungsvoll.

Ein paar Tage später: Die Republik trifft Nicolas A. Rimoldi an einer seiner Demonstrationen in Luzern.

«Herr Rimoldi, Sie haben in Bern gesagt, der Bundesrat gehört ins Gefängnis. Welchen Verbrechens hat sich der Bundesrat schuldig gemacht?»

«Der Spaltung der Gesellschaft. Unermessliches Leid, das diese Zwangs­massnahmen auslösen.»

«Aber was wäre der Straf­tatbestand?»

«Wo fangen wir an? Volks­verhetzung beispiels­weise. Schauen Sie, ich bin kein Richter. Aber der Bundesrat verursacht riesiges Leid. Vergangenen Samstag, an einer Demonstration zum Beispiel: Da hat eine Teilnehmerin einen Anruf bekommen von ihrem Bruder, der sich umgebracht hat. Weil er das Restaurant hatte schliessen müssen wegen der Massnahmen.»

«Sie meinen es also ernst, wenn Sie sagen, dass der Bundesrat ins Gefängnis gehört?»

«Ja, das meine ich ernst. Und ich meine es auch ernst, wenn ich sage, dass er eine totalitäre Politik betreibt.»

Beim Gegenlesen seiner Zitate für diesen Republik-Beitrag (ein Vorgang, bei dem es darum geht, zu prüfen, ob sich bei der Abschrift des Gesprächs Fehler eingeschlichen haben) schreibt Rimoldi seine Original­aussagen zunächst komplett um, und zwar ausschliesslich mit Sätzen, die im Interview nicht gefallen waren. Die Redaktion weist diesen Vorgang zurück. Allerdings ist interessant, wie Rimoldi seine Aussagen zum Bundesrat im Gefängnis nachträglich schriftlich relativiert: «Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig für die gesellschaftliche Gesundung, dass die Opfer der Zwangs­massnahmen eine gerichtliche Aufarbeitung erleben. Dabei sollte nicht die Bestrafung der Schuldigen im Vorder­grund stehen», schreibt er.

Das war am Dienstagmorgen dieser Woche. Noch während die Republik ihn zum wieder­holten Mal darauf aufmerksam macht, dass nachträgliche Änderungen an einem Interview nicht akzeptabel seien, twittert er am Mittwoch, also nur 24 Stunden später: «@alain_berset, die Schuld dafür trägst Du. Der Bundesrat gehört vor Gericht.»

Zum Co-Autor

Basil Schöni ist freier Journalist und Informatiker. Er arbeitet ehren­amtlich für die Zeitschrift «Megafon».

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