20 Millionen Kubikmeter Gestein sind hier in Bewegung: Felsvorsprung Spitzer Stein am Doldenhorn gleich über dem Oeschinensee fünf Kilometer oberhalb von Kandersteg.

Dieser Berg rutscht. Und könnte ein ganzes Dorf auslöschen

Die Klimazukunft in Mittel­europa: Trockenheit, Hitze und starke Niederschläge werden das neue Normal. Was bedeutet das für die Menschen vor Ort? Expedition in drei Schweizer Gefahrenzonen.

Von Flavia von Gunten, Florian Wüstholz (Text), Mathias Braschler und Monika Fischer (Bilder), 10.09.2021

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Die Wasser­massen der Unwetter­katastrophe in Deutschland Mitte Juli und das Extrem­wetter in der Schweiz haben zwei Glaubens­sätze weggespült:

1. Der Klimawandel findet später statt.

2. Der Klimawandel findet anderswo statt.

Dazu passt, dass der Welt­klima­rat vor wenigen Wochen in seinem neusten Bericht über die Auswirkungen der Klima­­­erhitzung noch einmal bekräftigte, was das bedeutet: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Klima­krise menschen­gemacht ist. Und ohne Massnahmen erwärmt sich die Erde bis 2030 um 1,5 Grad. Um jenen Wert also, den die Staaten gemäss Pariser Abkommen nicht überschreiten wollen – bis Ende des Jahrhunderts.

Realistische Fahrpläne mit griffigen Massnahmen fehlen jedoch fast überall. Auch die Schweiz tritt nach der Ablehnung des CO2-Gesetzes auf der Stelle. Abgaben auf Benzin, Öl und Flüge sind inzwischen auch für die Schweizer Umwelt­ministerin Simonetta Sommaruga vom Tisch.

Dabei haben Wissenschaftler bereits 2018 aufgezeigt, was eine ungebremste Erd­erwärmung für die Schweiz bedeuten könnte: Die Sommer würden trockener, die Nieder­schläge heftiger und die Hitze­tage zahlreicher.

Doch was heisst das konkret? Wie zeigen sich die Gefahren heute und in Zukunft? Welche Lösungen gibt es? Und: Sind die betroffenen Menschen darauf vorbereitet?

Eine Expedition zu drei exemplarischen Gefahren­orten in der Schweiz.

1. Wattenwil, Kanton Bern: «Das Wasser räumt dich weg»

Wenn sich am Gurnigel oberhalb von Wattenwil etwas zusammenbraut, ist Wattenwil eine halbe Stunde später überschwemmt.

«Für Sand­säcke bitte melden.» Darunter die Telefon­nummer des Material­warts. Diese Notiz am Eingang des Feuerwehr­magazins, von Hand mit grünem Filzstift auf weisses Drucker­papier geschrieben, lässt erahnen: Die Feuerwehr Wattenwil hat reichlich Erfahrung mit Wasser.

77 Prozent aller Häuser in der Gemeinde westlich von Thun stehen in einer Hochwasser­­gefahren­zone. Der Schweizer Durch­schnitt beträgt 13 Prozent. Ob ein Gebiet als Gefahren­zone gilt, ergibt sich aus Prognosen zu Intensität und Wahrscheinlichkeit von Ereignissen, die Menschen und Infra­struktur schädigen. In Wattenwil ist nur jede zehnte der 3000 Einwohnerinnen nicht gefährdet. Für alle anderen können die Gürbe, der Fluss im Talboden, oder die verschiedenen Bäche am Hang zur Gefahr werden.

Feuerwehr­kommandant Remo Hadorn steht im Magazin im Industrie­gebiet des Dorfes. Hinter ihm reihen sich die Garderoben­schränke des Pikett­zugs, vor jedem hängt anzugs­bereit eine Brand­schutz­hose – im Ernst­fall darf für unnötige Hand­griffe keine Zeit verloren gehen. Immer wieder unterbrechen verzerrte Stimmen­schnipsel aus dem Funk­gerät das Gespräch.

Hadorn deutet hinauf zum Gurnigel. Wenn sich dort oben am Pass etwas zusammen­braue, dauere es keine halbe Stunde, «und dann kommt es hier heftig», sagt er. Sofort rufe er dann seine Männer und Frauen an, damit sie die «Hotspots» kontrollieren. Dazu gehören vor allem die Seiten­bäche der Gürbe: Oele­bach, Mettlen­bach, Spengeli­bach, Horn­grabe. Hindern dort Blätter und Geröll das Wasser am Durch­fluss, bahnt es sich seinen Weg über Strassen und Felder ins Dorf hinein.

Dann heult jeweils auch schon der erste Alarm. Wasser im Keller, in der Wohnung. Die Feuer­wehr rückt aus und pumpt das Wasser aus den Häusern. Etwa 15 Keller waren es beim letzten Unwetter im Juni. Wo vorher Wiesen waren, rauschten plötzlich Bäche in Richtung Dorf.

Bei den Einsätzen hörte Hadorn, den man im Dorf entweder als Feuerwehr­kommandant oder Velo­mechaniker in vierter Generation kennt, Geschichten von älteren Dorf­bewohnern: «Einen solch starken und lange dauernden Platz­regen habe ich noch nie erlebt.» – «Zum ersten Mal ist das Hochwasser über dieses Bord geflossen.» Und das in einer Gemeinde, die seit 1850 kaum ein Jahrzehnt ohne verheerendes Hoch­wasser erlebt hat.

Niederschläge werden in der Schweiz häufiger und intensiver. Das zeigen die Klima­­szenarien des Bundes. Ohne Massnahmen im Klima­schutz tritt bis Mitte des Jahr­hunderts ein Extrem­ereignis nicht wie heute alle 100, sondern alle 20 Jahre ein. Denn mit jedem zusätzlichen Grad Celsius kann die Luft 7 Prozent mehr Wasser aufnehmen. Zudem bewegen sich Regen­­zellen langsamer und laden so noch mehr Wasser an der gleichen Stelle ab.

Die Feuer­wehren seien die Ersten, welche die Auswirkungen des Klima­wandels spüren würden, sagte der Direktor des Schweizerischen Feuerwehr­verbands kürzlich der «NZZ am Sonntag». Kommandant Hadorn pflichtet bei und verweist auf die Statistik: In neun von zehn Fällen rückt die Feuerwehr Wattenwil aus wegen Wasser. Schon zehn Jahre sei es her, dass ein Haus zuletzt in Voll­brand stand. Das Wasser hat das Feuer als Gefahr abgelöst.

So passt sich die Feuerwehr Wattenwil an: Vier zusätzliche Wasser­pumpen hat sie in diesem Jahr angeschafft. Und sie verkauft neu Sandsäcke an die Bevölkerung: 6 Franken das Stück à 15 Kilo­gramm, abgefüllt in Hand­arbeit von einigen der 76 Männer und 3 Frauen des Korps.

In neun von zehn Fällen rücke die Feuer­wehr Wattenwil wegen Wasser aus, sagt Remo Hadorn, Feuerwehr­kommandant und Velo­mechaniker, Wattenwil.
«Die Gesellschaft delegiert das Risiko an die Feuer­wehr»: Andreas Zischg, Klimaforscher.

Andreas Zischg hört interessiert zu, wenn Remo Hadorn aus der Praxis erzählt. Er ist Professor für Modellierung von Mensch-und-Umwelt-Systemen und Co-Direktor des Mobiliar Lab für Natur­risiken des Oeschger Zentrums für Klima­forschung an der Universität Bern, forscht zu Hoch­wasser und begleitet die Republik auf dieser Expedition. Zischg schätzt den Austausch mit den Menschen vor Ort sehr.

«Die Gesellschaft delegiert das Risiko an die Feuer­wehr, weil sie selbst nicht richtig baut», sagt Zischg. Er sieht die Individuen in der Verantwortung. «Wer einmal seinen Keller voll Wasser gehabt hat, dem passiert das nicht ein zweites Mal.»

Ihm schwebt vor, dass Gebäude Wasser­schutz­normen einhalten müssen, ähnlich den Feuer­schutz­normen. Er denkt dabei an Sensoren, die Garagen­tore automatisch schliessen, oder eine Auflage, dass Gebäude bis zu einer gewissen Höhe wasser­dicht sein müssten. «Eigentum verpflichtet. Da ist der Gesetz­geber gefordert», sagt Zischg. Insbesondere, weil die Gefahren nicht kleiner werden.

Aus seiner Forschung weiss er, dass es seit 150 Jahren nach jedem grossen Hochwasser­ereignis einen Innovations­schub gegeben hat. «Mehr als die Hälfte der Hochwasser­schutz­projekte werden nach einem Ereignis initiiert.» Das heisst aber auch: Nur in der Hälfte der Fälle schützen wir uns präventiv.

Auch in Wattenwil wurden erst nach einem Gross­ereignis Massnahmen ergriffen: «Am 29. Juli 1990 trat die Gürbe über die Ufer, riss zwanzig Meter lange Tannen mit und spülte Fische über die Strassen», erinnert sich Remo Hadorn, der das Unwetter als 13-Jähriger mit eingegipstem Bein vom Eltern­haus aus beobachtet hat. Die Kantons­­regierung rief den Katastrophen­­­fall aus, der Schaden betrug 40 Millionen Franken. Teile der Land­karte mussten neu gezeichnet werden. Personen wurden zum Glück keine verletzt.

Als Reaktion darauf wurden oberhalb des Dorfes in der Gürbe Rechen aufgestellt, sie sollen Geschiebe aufhalten, damit das Wasser genügend Platz hat im Bachbett. Die Installation erfüllt bisher ihren Zweck. Doch um auf die künftigen Stark­regen vorbereitet zu sein, investieren Bund, Kanton und Gemeinde nun 13,75 Millionen Franken in ein neues Schutz­­projekt in Wattenwil. Künftige Hoch­wasser sollen über die Felder von Bäuerinnen ausfliessen. Betroffene Landwirte würden dafür entschädigt.

Seit dem Hochwasser von 2005, das schweiz­weit Schäden von rund 3 Milliarden Franken verursacht hat, haben Bund und Kantone 4,5 Milliarden Franken in den Hochwasser­­schutz investiert, weiterhin sollen es 380 Millionen jährlich sein. Auch das Wasserbau­gesetz wird derzeit revidiert, wodurch der Hoch­wasser­schutz ausgebaut werden soll.

Andreas Zischg sagt, dass da noch mehr drinliegen würde, doch er sieht die Grenzen der Politik: «Viele Leute stehen gefühlt täglich im Stau. Da baut ein Politiker lieber eine neue Autobahn, als ein Problem zu lösen, das nur einmal pro Jahr­hundert auftaucht.»

Diese Haltung könne sich rächen, befürchtet Zischg. Er beobachtet, dass viele Schutz­bauten ihre Lebens­dauer über­schritten haben. «Man wähnt sich sicher. Aber ein Damm­bruch kann weit grössere Schäden verursachen, als wenn gar kein Damm vorhanden gewesen wäre.» Das ist kein fiktives Szenario: Im Juli drohte in Hünenberg im Kanton Zug der Reuss­­damm zu brechen. Die vermeintliche Kontrolle über die Fliess­gewässer führe ausserdem dazu, dass immer näher an sie heran­gebaut werde, sagt Zischg.

Wegen der Kombination von alter Infra­struktur, ausgedehnter Besiedelung und zunehmenden Stark­niederschlägen schätzt Zischg, dass Katastrophen wie in Deutschland, wo über 180 Menschen in den Fluten gestorben sind, auch in der Schweiz eintreten könnten. Und zwar schon heute. «Knapp 60’000 Personen wohnen in der Schweiz in einer roten Gefahren­zone, der Zone mit der höchsten Gefahr. Dort sind Menschen bei starken Unwettern nicht einmal in Gebäuden sicher.»

«In Sachen Früh­warnung ist die Schweiz Deutschland aber überlegen», sagt er. Was dort gefehlt habe, sei hier vorhanden: Menschen in den Dörfern, welche durch ihre Kenntnisse der Umgebung die Warnungen inter­pretieren und die richtigen Massnahmen ergreifen können.

Menschen wie Feuerwehr­kommandant Remo Hadorn. Doch bei aller Prävention und allen Prognosen sei die Macht der Feuer­wehr beschränkt: «Das Feuer können wir bekämpfen. Beim Wasser musst du manchmal einfach zur Seite. Sonst räumt es dich weg mit seiner Kraft.»

Die Wand­tafel mit den Sandsack-Bestellungen ist vollgeschrieben.

2. Othmarsingen, Kanton Aargau: «Die Geschwindigkeit der Veränderungen ist beispiellos»

2018 machte eine Hitzewelle dem Landwirt zu schaffen, 2021 waren historische Niederschläge das Problem: Der Steinhof von Michael Suter in Othmarsingen AG.

Hellbraune Weiden. Vertrocknete Pflanzen auf den Feldern. Tiefstände bei Flüssen und Seen. Alp­wirtschaften, die per Helikopter mit Wasser beliefert werden mussten. Ganze Wälder, die sich bereits im Juli braun verfärbten. So präsentierte sich die Schweiz, als 2018 die letzte Hitze­welle über sie rollte.

Drei Jahre später erholt sich die Land­wirtschaft von historischen Nieder­schlägen. Felder standen unter Wasser, Hagel verwüstete ganze Land­striche. Nun befallen Pilze Tomaten und Kartoffeln und gefährden die Ernte.

Michael Suter ist trotz der Schwierigkeiten dankbar. Der 29-jährige Land­wirt hat erst letztes Jahr den Familien­betrieb vom Vater übernommen. «Der Schaden hält sich in Grenzen», sagt er. «Andere hat es viel schlimmer erwischt.» Auf seinem konventionellen Hof im beschaulichen aargauischen Othmarsingen wachsen auf 30 Hektaren Getreide, Mais, Zucker­rüben, Raps, Sonnen­blumen und Gemüse. Im Stall stehen 25 gefleckte Holstein-Milch­kühe und fressen frisches Heu. Über ihnen verläuft eine Wasser­leitung. Wird es zu heiss, rieselt Wasser auf die Tiere.

«Ich beobachte den Klima­wandel Tag für Tag», erzählt Suter. Dieses Jahr war mit den heftigen und häufigen Nieder­schlägen besonders heraus­fordernd. «Wenn es zu wenig regnet, kann man bewässern. Doch bei zu viel Regen kann man nichts machen.» Auf trockene Jahre, wie es sie 2018 und 2020 gab, ist er mittler­weile stets gefasst. Damit könne er umgehen. Zu seinem Glück ist der ganze Betrieb mit Bewässerungs­anlagen ausgerüstet. Im Notfall kann Suter die ein paar hundert Meter entfernte Bünz anzapfen und seine Kulturen bewässern – «sofern das die Durchfluss­menge zulässt».

Was nicht immer der Fall ist. «In den letzten Jahren war die Wasser­menge oft zu gering», erinnert er sich. Dann müsse er auf die Trinkwasser­versorgung ausweichen. «Es ist natürlich ein Privileg, dass wir in der Schweiz unsere Felder mit Trink­wasser bewässern können.» Im Jahr 2023 läuft Suters Bewilligung zur Wasser­entnahme aus dem Bach aus. Ob der Kanton sie verlängert, ist ungewiss.

Trockenheit und Hitze­­wellen werden die Zukunft der Schweizer Land­wirtschaft bestimmen. Vor allem im Sommer nimmt die Niederschlags­summe in den nächsten 50 Jahren ab. Mit einem Rückgang um 39 Prozent bis Ende des Jahr­hunderts rechnet der Bund in seinen Klima­­szenarien – sofern die Treibhaus­gas­emissionen ungebremst steigen. Besonders für die land­wirtschaftlich wichtige Region des Schweizer Mittel­lands sieht es düster aus.

Kaum jemand hat sich in der Schweiz intensiver mit Hitze­wellen und Trockenheit beschäftigt als Sonia Seneviratne. Die 47-jährige ETH-Professorin am Institut für Atmosphäre und Klima blickt entsprechend skeptisch in die Zukunft: «Wir wissen, dass Extrem­ereignisse wie Hitze und Trockenheit zunehmen», sagt sie, während sie mit Suter am Küchen­tisch sitzt. «Sie werden häufiger und intensiver.» Seneviratne zeigt – wie so oft während des Gesprächs – auf eine Statistik auf ihrem Laptop: Bereits heute kommen Trocken­perioden in anfälligen Regionen, wozu auch West­zentral­europa gehört, 70 Prozent häufiger vor. Bei einer weiteren Klima­erhitzung um 1 Grad gegenüber heute würden diese gar doppelt so oft und doppelt so intensiv auftreten wie heute.

Hinzu kommt: Je regel­mässiger und heftiger Trocken­perioden werden, desto weniger Zeit haben die Grund­wasser­pegel, um sich zu erholen. Flüsse und Bäche werden weniger Wasser haben. Bereits heute funktioniert die Land­­­wirtschaft in manchen Regionen nur noch dank intensiver Bewässerung.

«Ich beobachte den Klimawandel Tag für Tag»: Michael Suter, Landwirt, Othmarsingen.
«Extremwetterereignisse werden häufiger und intensiver»: Sonia Seneviratne, Klimaforscherin.

Das macht Suter Sorgen. «Wir haben hier leichten und kiesigen Boden», erklärt er. «Dieser kann nicht besonders viel Wasser speichern.» Bei starken und lang anhaltenden Regen­fällen ist das ein Vorteil. Bleibt der Regen aus, wird der Boden zur Hypothek. «Ein trockener Boden wird wärmer, was wiederum zu mehr Trockenheit führt», sagt Sonia Seneviratne.

Suter nickt. Er erinnert sich an die Trockenheit von 2018: «Mancherorts waren die Felder so trocken, dass es zum Total­ausfall kam.»

Der Steinhof von Michael Suter ist ein Parade­beispiel für die ambivalenten Auswirkungen der Klima­erwärmung auf die Land­wirtschaft in der Schweiz. Die höheren Temperaturen, gepaart mit relativ verlässlichen Bewässerungs­quellen, können sich gemäss Schweizer Bauern­verband bei manchen Sorten positiv auf die Erträge auswirken. «Nichts­desto­trotz dominieren langfristig die negativen Effekte», schreibt der Bauern­verband in seinem Fokus­magazin «Schweizer Land­­wirtschaft im (Klima)wandel». Mehr Kulturen müssen bewässert werden, das Getreide leidet unter den warmen und feuchten Wintern, Schädlinge breiten sich aus und Futter­engpässe sind zu erwarten.

Auch für die Menschen könnte die Nahrung knapp werden. «Mit zunehmender Erwärmung steigt das Risiko, dass land­wirtschaftliche Gebiete in unter­schiedlichen Regionen gleichzeitig von Klima­extremen betroffen sind. Das könnte zu globalen Ausfällen führen», sagt Seneviratne. In einer solchen Situation könnten selbst reiche Länder nicht darauf vertrauen, Nahrung zu erhalten, wenn sie nur genügend Geld bezahlen. «Sobald es zu wenig Essen gibt, schaut jedes Land für sich.»

Wie kann sich die Land­wirtschaft dagegen wappnen? Neue Sorten sollen mit Trockenheit besser umgehen und den zunehmenden Hitze­stress besser verkraften können. Michael Suter versucht vor allem auch, den eigenen ökologischen Abdruck zu verringern. Eine Holz­schnitzel­heizung versorgt den Hof und die drei Wohn­häuser mit Wärme, der neue Mäh­drescher verbraucht weniger Diesel, obwohl er grösser ist. «Ich würde auch gerne mal eine CO2-Bilanz des Hofes machen lassen, damit ich weiss, wo das grösste Einspar­potenzial ist», sagt er. Bei einem Neubau­projekt ist die Foto­voltaik auf dem Dach bereits eingeplant.

«Aber vieles kann ich nicht beeinflussen», sagt er. «In der Land­wirtschaft sind wir darauf angewiesen, dass die Natur funktioniert. Ohne Insekten gibt es keine Bestäubung. Und ohne Wasser wachsen die Pflanzen nicht.»

3. Kandersteg, Kanton Bern: «20 Millionen Kubik­meter Gestein sind in Bewegung»

Nach jedem Sturz folgen früher oder später Murgänge, die bis nach Kandersteg reichen können: Der Oeschinensee unter dem Doldenhorn (rechts).

An einem sonnigen Mittwoch im August strömen die Menschen in Scharen nach Kander­steg im Berner Oberland. Schul­klassen, Familien, Bikerinnen und Wanderer machen sich per Gondel auf den Weg zum Oeschinen­see unterhalb der mächtigen Wände der Blüemlis­alp. Doch der beliebte Wander­weg zum See ist gesperrt. Ebenso die normalen Zugänge zu Dolden­horn- und Fründen­hütte. Denn im touristischen Kander­steg droht wegen der steigenden Temperaturen der Berg vom Foto­sujet zur Gefahr zu werden.

Nils Hählen blickt zum Spitzen Stein, einem Fels­vorsprung unterhalb des Dolden­horns, der jederzeit ins Tal runter­donnern könnte. «20 Millionen Kubik­meter Gestein sind dort in Bewegung.» Hählen, mit Sport­sonnenbrille und Trail­running­schuhen, leitet die Abteilung für Natur­gefahren des Kantons Bern und berät die Gemeinde Kandersteg im Umgang mit der drohenden Gefahr.

Wie gross diese ist, zeigt ein Vergleich mit dem verheerenden Berg­sturz am Piz Cengalo vor vier Jahren: 3 Millionen Kubik­­meter Fels lösten sich dort, verschütteten 8 Wanderer, und die folgenden Murgänge verwüsteten das Dorf Bondo mehrmals. 99 Häuser wurden beschädigt, ein Drittel davon musste abgerissen werden.

Ein Gleitschirm­flieger entdeckte vor drei Jahren neue Risse am Spitzen Stein und alarmierte die Gemeinde. «Es hat sich dann schnell gezeigt, dass die Veränderungen ausser­gewöhnlich sind», sagt Hählen. Zwar wäre das Dorf wohl auch bei einem grossen Absturz nicht direkt betroffen. Wegen der Topografie käme das Gestein rechtzeitig zum Stehen. «Aber nach jedem Sturz folgen früher oder später Murgänge, die bis ins Dorf reichen könnten.» Je grösser der Sturz, desto mehr Material gelangt ins Tal.

In Kander­steg befinden sich deshalb zwei Drittel des Dorfs in einer Gefahren­zone. Der Entwurf der aktualisierten Gefahren­karte zeigt, dass fast nirgendwo mehr gebaut werden dürfte. Das passt der Bevölkerung nicht. Es sei übertrieben und treffe das vom Tourismus abhängige Kander­steg hart, finden viele.

«Es gibt Indizien, dass auftauender Perma­frost am Spitzen Stein eine wesentliche Rolle spielt», sagt Robert Kenner. Der 35-jährige Permafrost­forscher der Eidgenössischen Forschungs­anstalt für Wald, Schnee und Landschaft kommt gerade von Messungen am Oeschinen­see. «Etwa 2 bis 3 Meter bewegt sich der Fels pro Jahr», sagt er. Im Schutt weiter unten sei es das Dreifache. «Für einen Geologen ist das Licht­geschwindigkeit.»

Kenner ist vorsichtig mit Prognosen und Erklärungen. «Die Zusammen­hänge sind sehr komplex. Es gibt keine einfachen Antworten und klare Auslöser.» Das zeigt nur schon der Perma­frost, der eine «sehr ambivalente Rolle hat». Mit der Klima­erwärmung gelangt er ins Visier. Obwohl der Perma­frost vielerorts das Gestein versiegelt, sorgt er doch zuerst dafür, dass der Fels sich auflockert. Das Eis frisst sich über Jahr­tausende regelrecht in die feinen Spalten des Gesteins. «Taut das Eis auf, erhöht dies die Wahr­scheinlichkeit für Instabilitäten.»

Und es wird weiter tauen. Bis 2060 rechnet der Bund mit bis zu 17 weiteren «sehr heissen Tagen» pro Jahr. Am heissesten Tag des Jahres könnte es bis zu 5,5 Grad wärmer werden. Ein Trend, der sich in den vergangenen Jahr­zehnten beobachten liess und sich auch in Zukunft fortsetzen wird.

«Während einer Erwärmungs­phase erwarten wir eine Häufung von Berg­stürzen», sagt Kenner. «Aber wir wissen nicht, wie lange das anhält.» Grosse Ereignisse, wie sie in Kander­steg drohen, sind so selten, dass keine statistischen Aussagen möglich sind.

Klar ist jedoch: Die Nullgrad­grenze hat sich in den letzten 60 Jahren um 300 bis 400 Meter in die Höhe geschraubt, das Gletscher­volumen hat seit 1850 um 60 Prozent abgenommen. Und Hitze­wellen sind dreimal so häufig und intensiv wie vor 120 Jahren. Das macht auch den Alpen zu schaffen. Die Instabilität nimmt zu und führt zu gefährlichen Situationen wie hier in Kandersteg.

«Wir überwachen die Bewegung rund um die Uhr»: Nils Hählen, Leiter Abteilung Naturgefahren Bern.
«Etwa 2 bis 3 Meter bewegt sich der Fels pro Jahr»: Robert Kenner, Permafrost­forscher.

Bereits 2017 prognostizierte das Bundes­amt für Umwelt: «Instabiler Perma­frost führt zu häufigeren Berg­stürzen.» Auch Rutschungen wie am Aletsch­gletscher oder bei Guttannen am Grimsel­pass sind auf den Klima­wandel zurück­zuführen. 6 bis 8 Prozent der Gebiete in der Schweiz schätzt das Bundes­amt als «instabil» ein und rät, «den Gefahren möglichst auszuweichen». Wo dies nicht möglich sei, müsse die Situation überwacht werden.

So wie in Kandersteg. «Wir überwachen die Bewegung rund um die Uhr», sagt Hählen. Zweimal am Tag, bei Regen noch häufiger, schaut er sich die Daten an und überprüft die Gefahren­situation. Im Juli herrschte zwischen­zeitig die zweit­höchste Gefahren­stufe. Fels­abbrüche von mehreren hundert­tausend Kubik­metern sind dann möglich. «Bei grösseren Ereignissen haben wir zum Glück eine Vorlauf­zeit von wenigen Tagen», sagt Hählen. Im letzten Jahr neu gebaute Schutz­dämme entlang des Öschi­bachs können zwar einen Teil des Materials zurück­halten, aber längst nicht alles. Eine Evakuierung der 1322 Einwohnerinnen sei eine reale Möglichkeit. «Ein Abbruch von wenigen tausend Kubik­metern kündigt sich aber kaum an. Darum ist ein Teil des Gebiets oben dauerhaft gesperrt.»

Auch anderswo in der Schweiz rutscht der Berg. Aber es ist schwierig vorher­zusehen, wo Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung nötig sind. «Im Wallis haben wir zum Beispiel Fels­wände identifiziert, die im kritischen Temperatur­bereich sind und die bei einem Sturz Infra­strukturen treffen könnten», sagt Kenner. Auf der Liste stehen etwa 100 Standorte. «Aber eine so aufwendige und teure Überwachung wie in Kander­steg ist nicht grossflächig möglich.»

Kenner und Hählen wissen, dass die Klima­erhitzung in den Alpen zu diversen Gefahren führt. Betroffen sind nicht nur Dörfer und Wander­wege. Sondern auch Lawinen­verbauungen, Hoch­spannungs­leitungen, Strassen­verbindungen. In Guttannen am Grimsel­pass war 2010 die internationale Gasleitung der Transitgas AG wegen Fels­­abstürzen während eines halben Jahrs blockiert.

«Das Einzel­ereignis ist aber nicht unbedingt das Problem», sagt Nils Hählen von der Abteilung für Natur­gefahren. Wenn solche Ereignisse während des ganzen Sommers geschehen und sich über Jahre wieder­holen, füllen sich Bachbette mit Geschiebe, es kommt zu Über­schwemmungen, Infra­strukturen und Häuser werden zerstört. «Das ist ein Prozess, der nicht so schnell aufhört.»

Starkniederschläge, Trockenheit und Hitze: Die Besuche in Wattenwil, Othmarsingen und Kandersteg zeigen, dass die Schweizer Klima­gefahren bereits heute aufflackern. Zwar lässt sich das Schlimmste vorläufig mit lokalen Massnahmen verhindern. Doch die Szenarien mit einer ungehemmten Klima­erhitzung belegen: Eine drastische Reduktion des Ausstosses von Treibhaus­­gasen ist zwingend. Und diese ist nur möglich, wenn die weltweiten CO2-Emissionen drastisch gesenkt werden.

Nur: Bei der Abstimmung vom Juni lehnten alle besuchten Gemeinden das CO2-Gesetz ab. Wie viele Liter Wasser wohl die Ufer der Gürbe übersteigen müssen, wie viele Ernten ausfallen und Steine den Berg runterdonnern müssen, bis ein neuer Plan steht?

Wohl nicht allzu viel, mutmassen Politik­wissenschaftler der Universität Zürich. Unmittelbar nach Unwettern nehme die Unter­stützung für Klimaschutz­vorlagen zu. Hätte die Abstimmung zwei Wochen nach der Hochwasser­katastrophe in Deutschland stattgefunden – das CO2-Gesetz wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit angenommen worden.

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