Wie viel von diesen Büchern ist Gold?

Anti-Western, schwule Liebes­geschichte und ein Empowerment-Roman: Drei jüngst auf Deutsch erschienene Bücher werden international gefeiert. Zum Glück sind sie raffinierter als die Jubelprosa der Verlagskataloge.

Von Daniel Graf, 26.08.2021

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«Absolut einzigartig.»

«Ein Meisterwerk.»

«Das kühnste Debüt des Jahres.»

Dass Romane, besonders aus dem anglofonen Raum, gerne mit Presse­schnipseln im Superlativ beworben werden, ist an sich nichts Neues. Ebenso wenig, wie austauschbar die Formeln dabei sind.

Die Welle der Begeisterung, mit der gerade mehrere internationale Roman­debüts auf den deutsch­sprachigen Buch­markt kommen, ist allerdings auch für Literatur­betriebs­verhältnisse bemerkens­wert. Und die Themen und Figuren­konstellationen dieser Bücher sind es auch.

  • C Pam Zhang, eine chinesisch-amerikanische Autorin, bürstet mit ihrem Erstling «Wie viel von diesen Hügeln ist Gold» den US-Mythos vom gold rush gegen den Strich. Mit Helden, die keine weissen Cowboys sind, sondern chinesische Einwanderer und, mitunter, queer. «Das Buch ist ein Wunder», verkündet der Autor und Literatur­kritiker Garth Greenwell. Und Barack Obama, so lässt der Verlag wissen, zählte den Roman zu seinen Lieblings­büchern des Jahres 2020.

  • Caleb Azumah Nelson erzählt in «Frei­schwimmen» von Liebe und Selbst­findung, von Rassismus, Trauma und Black Pride. «Was für ein Debüt! Was für ein aufwühlendes Lese­erlebnis!», schreibt der Zürcher Verleger Daniel Kampa im Vorwort seiner Verlagsvorschau. Dass der Roman dort selbst für einen Spitzen­titel ungewöhnlich viel Platz bekommen hat, zeigt, wie viel der Verlag diesem Buch zutraut.

  • Bryan Washington legt mit «Dinge, an die wir nicht glauben» eine schwule Lovestory vor. Aufgespannt zwischen Houston und Osaka, ist das Buch Liebes-, Familien- und Einwanderer­roman auf einmal. «Wirklich anders als alles, was ich bisher gelesen habe», urteilt die Autorin Ann Patchett. Und Ocean Vuong, selbst erst vor wenigen Jahren zu einem der weltweit meist­gefeierten Debütanten geworden, meint gar: «Dieses Buch ist eine neue Vision für den Roman des 21. Jahrhunderts.»

Wieso eigentlich bauen Verlage so sehr auf Autoritäts­argumente? Und so wenig auf die Beschreibung dessen, was die Texte aus der Masse heraushebt?

Die Listen an überschwänglichen Kritiken und Auszeichnungen, die die drei Autorinnen vorzuweisen haben, reichen jedenfalls weit über solche blurbs, also Güte­siegel von Promis, hinaus. Und die Geschichten, die sie erzählen, treffen ins Zentrum gegenwärtiger Identitäts­debatten.

Wie gut also sind die Romane tatsächlich? Und vor allem: Was genau macht sie besonders?

Den Weste(r)n durchkreuzen: C Pam Zhang

«Zwei Silberdollars. Auf Kredit.» Die 12-jährige Lucy imitiert den Tonfall ihres Vaters, sie weiss, sie muss jetzt überzeugend auftreten. Ohne das Silber können sie Ba nicht begraben, ihm nicht die Augen verschliessen. Und Sam ist erst 11, besser, die grosse Schwester verhandelt mit Jim.

Aber Jim, der Besitzer des Gemischtwaren­ladens und Herr über das Kassen­buch, hat Lucys «Sprüchlein schon von vielen Berg­leuten gehört». Und in all den Jahren sind etliche Gruben­arbeiter bei ihm auf Granit gestossen, Leute, «arm wie Lucy», «dreckig wie Lucy», «genauso verzweifelt» wie Lucy.

Mit «Wie viel von diesen Hügeln ist Gold» hat C Pam Zhang einen fulminanten Anti-Western geschrieben. Cayce Clifford/The New York Times/laif

«Aber keiner wirklich wie Lucy.»

Denn Lucy und ihre Familie, das sind die, die man in den Saloons und auf den Strassen dieser gottverlassenen Gegend die «Schlitz­augen» nennt. Und jetzt, direkt nach Bas Tod, ist die Familie nur noch halb: nur noch Lucy und Sam, Bas Lieblings­kind.

Die Mutter ist schon längst nicht mehr da. Gestorben, denkt die Leserin zunächst, aber so ganz sicher ist das bald nicht mehr in dieser Geschichte. Sicher ist nur,

  • dass auch die Mutter einst China verlassen hatte, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in gold rush America,

  • dass sie sich später fast zu Tode gehungert hatte, ausgezehrt von Heimweh, Ausgrenzung und Armut,

  • dass ihr Mann denselben Traum geträumt hatte und bei der Suche nach Gold vor allem Ausbeutung fand,

  • dass Lucy und Sam nun also ganz auf sich gestellt sind nach dem Tod von Ba, von dem noch niemand wissen darf, wer soll ihnen sonst den Kredit gewähren?

Allerdings hat Jim nur ein paar rassistische Kommentare für die beiden übrig und schickt sie zur Bank – wo es ihnen genauso ergeht. Und wo nun Sam, mit dem «schmalen, giftigen Blick von Ba», zuerst das Heft und bald auch Bas Revolver in die Hand nimmt.

So beginnt dieser Roman mit einer spektakulären Flucht: Völlig mittellos, nur mit einem gestohlenen Pferd unterwegs durch die Weiten einer unwirtlichen Gegend, treiben die Geschwister «umher wie die Geister, vor denen Ma sie gewarnt hat». Ihr Reise­gepäck: eine Truhe, in der der tote Vater liegt, dem sie eine letzte Ruhe­stätte suchen.

Sich durchschlagen, endlos weiter­ziehen, das wird von nun an ihr Leben bestimmen. Und das «Versprechen von schnellem Reichtum und grossem Glanz», dem schon der Vater gefolgt ist, lässt als Erlösungs­fantasie auch sie den Wilden Westen durchqueren.

C Pam Zhang, 1990 in Peking geboren, als Kind in die USA gekommen und heute in San Francisco lebend, hat einen Anti-Western vorgelegt. Einen Roman, der tief in der amerikanischen Erzähl­tradition verankert und in dem zugleich alles entscheidend anders ist. Ein Debüt, das deshalb so aufregend ist, weil es den Bruch mit der traditionellen Perspektive ganz konkret im Figuren­personal und im erzählerischen Fokus vollzieht.

Zhang erzählt einerseits eng entlang ihrer Haupt­figur Lucy. So kann sie etwa während einer Rück­blende ganz aus Lucys Kinder­augen auf eine nächtliche Szene blicken, in der das Mädchen in der kargen Holz­hütte der Familie etwas Unerhörtes beobachtet:

Ma sitzt rittlings auf Ba, ihr Bauch erdrückt ihn. Ihr Nacht­hemd fällt über beide, und sie hat ihn mit den Beinen in der Zange, presst ihn auf die Matratze. Sie tut ihm weh. Er atmet hektisch und zitternd. …arten, sagt Ma. Sie bewegt sich hoch, drückt ihn nieder. Er stöhnt unter ihrem Gewicht. Fahr­karten. Ba legt ihr eine Hand auf die Brust, damit sie aufhört. Schönheit ist eine Waffe, hat Ma gesagt, und so langsam versteht Lucy. Mas Macht liegt im Reich der Nacht. Lucy bricht der Schweiss aus, wo Haut an Haut reibt: in den Ellen­beugen, zwischen den Ober­schenkeln. Feuchte Hitze, die Regenzeit ist da. Ba verdreht die Augen.

Aus: C Pam Zhang, «Wie viel von diesen Hügeln ist Gold».

Andererseits bleibt die Autorin – mit Ausnahme eines Kapitels, in dem der tote Vater das Wort ergreift – konsequent in der dritten Person. Die Erzählung schaut damit immer auch von aussen auf die Figur.

So weitet Zhang die Perspektive immer wieder mit grosser Eindring­lichkeit ins Landschafts­panorama:

Sie blickt nach Osten. Der Himmel ist immer noch tiefblau wie ein Blut­erguss, aber sie trödelt, als könnte sie es sich leisten, auf den Sonnen­aufgang zu warten.

Komplementär zu den Natur­beschreibungen: Szenen, mit denen die Autorin durch einen präzisen soziologischen Blick gesellschaftliche Strukturen und Macht­mechanismen erfasst. Wie der Rassismus in Gesetze gegossen wird. Wie xenophobe Ressentiments von den Eltern an die Kinder weiter­gegeben werden. Wie die ums Überleben kämpfenden Arbeiter sich auch deshalb Söhne wünschen, weil Töchter in den Kohle­gruben nur ein Achtel des Lohns bekommen. Und auch, wie der Hass die Verrohung der Diskriminierten hervorbringt.

Ein Text ohne Schwächen ist dieses beeindruckende Debüt zwar nicht.

Zhang verdeutlicht die Figuren­psychologie stellen­weise mit dem Holz­hammer, das Goldmotiv wird überstrapaziert, und der Text hat manchmal ein Problem mit der Erzähl­ökonomie. Nicht nur wegen einiger Redundanzen, sondern auch weil die Autorin früher oder später jede entstandene Lücke im chronologischen Ablauf nachträglich auffüllt, anstatt darauf zu vertrauen, dass nicht alles ausbuch­stabiert werden muss.

Aber die Bedeutung dieses Romans reicht weit über hand­werkliche Detail­fragen hinaus.

«Wie viel von diesen Hügeln ist Gold» hat literatur­geschichtliches Gewicht, weil der Roman einem der grossen identitäts­stiftenden Narrative der USA, dem Mythos von frontier und gold rush, eine Korrektur verpasst: indem er ihn als Erzählung vom «weissen Amerika» infrage stellt und den Zehn­tausenden chinesischen Immigrantinnen, die im 19. Jahr­hundert in die USA kamen, ihren Platz in der Geschichte zurückgibt.

Zhang schreibt sich damit in die amerikanische Literatur­geschichte ein, die, von William Faulkner bis Cormac McCarthy, bis heute von diesem Mythos gespeist wird – und deren literarische Errungen­schaften Zhang zugleich fortführt und erweitert.

Es hat deshalb etwas Sinn­bildliches, wenn Sam und Lucy zunächst über die Hügel «nach Osten, ins Landes­innere» ziehen – um nach etlichen Wendungen schliesslich doch am äussersten westlichen Rand anzukommen:

Das Ende des Westens. Hier. Eine Land­faust schlägt ins Meer, und oben­drauf hat man eine Stadt gebaut, so weitläufig, dass manche sie Gross­stadt nennen.

Mindestens ebenso nachdrücklich ist die Korrektur, die Zhang am überlieferten Bild einer männer­dominierten, hetero­normativen Wild-West-Mythologie vornimmt – nicht nur, weil sie Frauen und Kinder ins Zentrum ihrer Erzählung stellt. Sondern auch, weil sie mit einem ihrer virtuosesten erzählerischen Kniffe ihren Roman auch zu einem Text über Queerness macht. (Was hier leider nicht näher erläutert werden kann, weil das tatsächlich ein echter Spoiler wäre.)

Ein Letztes: Wenn Zhang von sengender Hitze, versehrten Land­schaften und bedrohten Lebens­räumen erzählt, sind die Assoziationen zu unserer Gegenwart durchaus einkalkuliert. Der Roman spielt bewusst mit dem Changieren zwischen den Jahr­hunderten. «XX62» oder «XX42» lauten hier die Jahres­zahlen – ein Kunstgriff, inspiriert von Haruki Murakamis «1Q84». Das passt bestens zu diesem west-östlichen Buch.

Kontinente überspannend ist indes auch die Geschichte, die Caleb Azumah Nelson erzählt, ein Brite mit ghanaischen Eltern – genau wie der Held seines Romans.

Ins offene Wasser: Caleb Azumah Nelson

Boy meets girl. Auf den ersten Blick ist «Frei­schwimmen» eine klassische Liebes­geschichte. Er ist Fotograf, sie Tänzerin, beide lernen sich auf einer Party kennen. Noch ist sie ausgerechnet mit seinem Kumpel Samuel zusammen, aber sie sehen sich bald regel­mässig. «Zwischen euch ist etwas», sagen die Umstehenden. Und die beiden jungen Menschen, «wie verhedderte Kopfhörer­kabel», sind «gefangen in diesem Etwas», das auch der Protagonist noch nicht recht benennen kann. «Ein glücklicher Zufall. Ein chaotisches Wunder.»

«Freischwimmen» von Caleb Azumah Nelson ist auch eine Hommage an Black Achievement. Adama Jalloh/The New York Times/laif

Doch gleich im Prolog macht der Roman deutlich, dass es hier noch um etwas anderes geht als um romantischen Überschwang.

Du solltest bald lernen, dass die Liebe dir Sorgen macht, aber sie hat dich auch schön gemacht. Die Liebe hat dich Schwarz gemacht, das heisst, in ihrer Gegenwart warst du es am stärksten. Das war kein Grund zur Besorgnis, im Gegenteil! Ihr konntet ihr selbst sein.

Aus: Caleb Azumah Nelson, «Freischwimmen».

Es ist denn auch weniger die Dreiecks­geschichte, die Nelsons Roman voran­treibt (sie löst sich im Fortgang relativ geräuschlos auf). Der Glutkern des Textes ist vielmehr das Ineinander von Liebes- und Identitäts­erfahrung in einer von Rassismus durch­zogenen Gesellschaft.

Die Liebenden – beide bleiben sie den gesamten Roman über namenlos – teilen die universelle Erfahrung, dass sich in der emphatischen Beziehung zum anderen auch das eigene Selbst­verhältnis verändert. Zugleich steht ihre Beziehung unter der spezifischeren Voraus­setzung, dass sie als Schwarze im Süden von London prägende Erfahrungen teilen. Dieses Verhältnis von universeller und partikularer Erfahrung ist die Basslinie von Nelsons Roman.

Es gibt zahlreiche, meist knappe Szenen, in denen Nelson die alltäglichen Erscheinungs­formen des Rassismus einfängt (die, mit Fokus auf Gross­britannien, zuletzt etwa Reni Eddo-Lodge in einem Sach­buch historisch und systematisch thematisiert hat). Ausserdem Szenen, mit denen Nelson die tief greifenden Auswirkungen verdeutlicht:

Du versteckst dich, weil du manchmal vergisst, dass du nichts verbrochen hast. Manchmal vergisst du, dass du gar nichts in den Taschen hast. Manchmal vergisst du, dass du zu sein bedeutet, nicht gesehen und nicht gehört zu werden, oder jedenfalls auf eine Art, um die du nicht gebeten hast. Manchmal vergisst du, dass du zu sein bedeutet, ein Schwarzer Körper zu sein und nicht viel mehr.

Da sich die Figuren jedoch nicht allein von ihren Rassismus­erfahrungen bestimmen lassen, behauptet auch die Liebes­geschichte als Haupt­strang des Romans ihren ureigenen Raum. Wobei die Sinnlichkeit der Liebes­szenen unmittelbar mit Nelsons mutigster erzählerischer Entscheidung zu tun hat: dass er nämlich konsequent auf ein Ich verzichtet und, ähnlich wie Claudia Rankine, auf innovative Weise im Du-Modus erzählt. Wie in der Beschwörung einer Erinnerung, in der das eigene Wissen um das Gewesene den staunenden Blick nur verstärkt:

Dein Gesicht liegt auf dem Kissen, sie legt ihres an deinen Hals. Eure Beine sind gleichmässig ineinander verschlungen, ihres, deins, ihres, deins, und eure Arme um den Rücken des anderen gelegt. Du passt, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Mit einer kleinen Verneinung lässt sich auf diese Weise auch transportieren, was im Moment ungesagt geblieben ist:

Du erzählst ihr nicht, dass das Album der Sound­track deines letzten Sommers war. Du erzählst ihr nicht, dass du «Brenda», eine Ode an seine Grossmutter, so oft gehört hast, dass du weisst, wann die Bassline sich unter die Gitarren­akkorde schiebt, wann die Trompete ihr halliges Riff spielt (…). Du erzählst ihr nicht, dass du in diesen kurzen Pausen Luft holen konntest, obwohl dir nicht mal klar war, dass du sie vorher angehalten hast (…).

«Freischwimmen» ist nicht nur voller Referenzen an Songs. Musikalische Wiederholungs­strukturen sind auch zentrales literarisches Mittel des Romans. Sie steigern die Sprache immer wieder ins Ekstatische, um jene Momente euphorischer Lebens- und Selbst­bejahung einzufangen, die dem Trauma des Rassismus abgetrotzt und entgegen­gesetzt werden: «Das hier ist Ritual, Heiligtum, ekstatischer Vortrag», heisst es an einer Stelle.

Nelsons Text, so stark er das Thema Identität ins Zentrum rückt, ist gerade kein theorie­durchwirkter Diskurs­roman wie Mithu Sanyals «Identitti», und er bearbeitet das Thema auch nicht in der multi­perspektivischen Komplexität der Romane von Bernardine Evaristo oder Sharon Dodua Otoo. «Freischwimmen» ist ein Roman der Erlebens-Intensität, angeschrieben gegen den Umstand, dass sich emotionale Unmittelbar­keit sprachlich nie direkt abbilden lässt.

Darin liegt die Kraft des Buches. Aber die erzählerischen Entscheidungen haben auch einen Preis – literarisch und thematisch.

Literarisch kann die Intensität am einen Ende des Spektrums übersteuern ins zumindest Kitsch­verdächtige («süsse Worte von sauren Lippen», «Er riecht nach ihr: süss wie gepflückter Lavendel in der Sommer­blüte», «Du willst seufzen vor gestilltem Hunger»). Anderseits macht das Emphatische durch den Kontrast gnadenlos sichtbar, wo die Dialoge des Romans allzu nah am Alltags­realismus entlang­geschrieben sind und dramaturgisch wie atmosphärisch ins Leere laufen. Essayistische Passagen gegen Ende des Romans wirken ein wenig angeklebt, weil der Du-Modus und die szenisch vergegen­wärtigende Erzähl­weise deren Integration kaum zulassen.

Das führt zurück auf die Identitäts­thematik und die Frage nach der Vielfalt an Perspektiven.

Nelsons Liebespaar hat auch ein gemeinsames künstlerisches Projekt: schwarze Menschen fotografisch dokumentieren. Diesem Vorhaben auf der Figuren­ebene entspricht auf Autoren­ebene Nelsons literarisches Verfahren, in den Roman zahlreiche Verweise auf schwarze Künstlerinnen einzubauen: Fotografen, Literatinnen, Regisseure, Malerinnen und vor allem Musiker von Isaiah Rashad über Frank Ocean und Walt Dickerson bis zu Solange oder Kendrick Lamar (es gibt auch eine Playlist zum Roman). Das Anliegen dahinter ist fraglos triftig: Empowerment und eine Hommage an Black Achievement.

Was dabei allerdings ebenso wenig Aufmerksamkeit erhält wie in den Dialogen des Romans: Unter­schiede. Für die Frage nach verschiedenen Ästhetiken und künstlerischen Positionen ist in «Frei­schwimmen» kein Raum. Nirgendwo im Roman werden zwischen den Figuren einmal divergierende ästhetische Haltungen oder identitäts­politische Ansichten verhandelt.

Während andere identitäts­politisch engagierte Autorinnen – von Klassikern wie James Baldwin bis zur Gegenwarts­literatur von Olivia Wenzel oder Tommy Orange – sich gerade auch für die Konflikt­linien innerhalb des anti­rassistischen Diskurses und die Vielfalt an Positionen ihrer jeweiligen In-Group interessieren, kommt es bei Nelson zu einem beinah paradoxen Effekt: Das Thema schwarze Identität ist zwar omni­präsent. Doch entgegen der Autor­intention entsteht womöglich eher der Eindruck von Homogenisierung als der eines höher aufgelösten Bildes. Die Konturen der Individualität von Stilen, Denk­weisen und Haltungen verschwimmen. Zugleich bleibt die universelle Dimension, gerade der Künste, unter­akzentuiert.

Oder wäre das in diesem konkreten Fall gerade nicht zu bedauern, weil das Empowerment stärker zu gewichten ist? Sind Einwände wie die obigen überhaupt nur die Bedenken eines weissen Literatur­kritikers, der sich als solidarisch versteht, aber hier dennoch daneben­liegt? White­splaining mit Denkfehler?

Die Kunst des Dialogs: Bryan Washington

Eigentlich hatte Mike Schluss machen wollen. Seine Beziehung mit Ben kriselt schon länger, und der ständige Wechsel aus Streit und Versöhnungs­sex ist auch nur eine weitere Routine. «Als vögelten wir weg, was sich uns auf die Brust setzte.»

Seit vier Jahren leben sie nun zusammen: Ben, der Kinder­gärtner, black American aus gut situierter Mittelstands­familie. Und Mike, der Koch, Sohn von japanischen Ein- und wieder Auswanderern, der, wie Ben erzählt, nur «ganze zwei Dates» gebraucht hatte, «um auf das Thema Hautfarbe zu kommen». Das war damals, als sie noch nicht ständig «wie zwei Teebeutel» auf ihrer Matratze lagen und über ihnen die Klima­anlage keuchte.

Bryan Washington legt mit «Dinge, an die wir nicht glauben» einen vielschichtigen, tiefgründigen, witzigen Debüt­roman vor. Antonio Chicaia/The New York Times/laif

Aber dass Mike nun die gemeinsame Wohnung im Third Ward von Houston verlassen will, liegt nicht an der Beziehungsroutine.

Sein Vater liegt im Sterben, Bauch­speichel­drüsen­krebs im End­stadium. Also fliegt Mike kurz entschlossen und auf unbestimmte Zeit nach Osaka und quartiert seine Mutter, die soeben erst aus Japan gekommen ist, um ihren Sohn zu sehen, bei ihnen ein. Ab morgen muss Ben sich um sie kümmern.

«Du magst deinen verdammten Vater nicht mal», sagt Ben. «Stimmt», sagt Mike. «Aber ich hab das Ticket schon.»

Bevor Mike abfliegt, bleibt ihnen noch eine Nacht.

Es ist das erste Mal seit Wochen, dass wir uns küssen, und dann lutsche ich Mike, als er die Knie anhebt.
Ich zeige zum Wohnzimmer rüber.
Werd erwachsen, sagt er.
Und bevor er noch was anderes sagen kann, habe ich bereits einen Finger drin, dann vier. Als würde ich Teig kneten. Er lacht. Hört damit auf, als ich mit dem Schwanz in ihm bin.
Es ist eng, aber ich passe rein.
Ich wünschte, es würde länger dauern.
Hinterher wackelt Mike ins Bad, und ich starre auf seine gepackte Tasche.

Aus: Bryan Washington, «Dinge, an die wir nicht glauben».

Es gehört zu den grossen Stärken des Autors Bryan Washington, dass er schwule Sexszenen mit genau der Selbst­verständlichkeit schreibt, die längst selbst­verständlich sein sollte. Und er zeigt zugleich prägnant und illusionslos, dass das in Teilen der Gesellschaft noch immer nicht ganz so selbst­verständlich ist.

«Meine Eltern tun so, als wäre ich nicht schwul», erzählt Ben. «Das ist leichter für sie, als es klingt.» Nachdem man ihn einst «dabei erwischt» hat, «wie mir irgendein Typ einen runter­geholt hatte», verfiel der Vater in lebens­langes Schweigen, und die Mutter meinte: «Du weisst, dass du mit uns reden kannst.»

Apropos reden.

Als Mike abgeflogen und Ben mit dessen Mutter, Mitsuko, allein in der Wohnung ist, versucht er ein Gespräch zu beginnen mit der Frau, die er nicht kennt, die ihn bisher kaum eines Blickes gewürdigt hat und die am Morgen nur knapp erwähnte, Ben sei ja nachts mit ihrem Sohn ziemlich laut gewesen.

Wie ihr Tag war? Aber Mitsuko ist nicht zu Small Talk aufgelegt:

Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen, sagt sie, und er geht sich um meinen Ex-Mann kümmern, der in diesem Moment an Krebs verfault.

Mein Tag war scheiss­phänomenal, sagt Mitsuko.

Ende des Gesprächs.

Ben geht schlafen. Und liegt nachts wach:

Ich schreibe Mike eine Nachricht.
Ich schreibe: Ich bin fertig mit dir
Ich schreibe: Fick dich
Ich schreibe: Es ist vorbei, Arschloch
Ich schreibe: Wie geht es dir, und das schicke ich ab.

Nun also spaltet sich ihr Paar­leben zwischen zwei Kontinenten auf. Und zwar für Wochen, vielleicht sogar Monate, denn Mike will bei seinem Vater bleiben bis zu dessen Tod. Eine Bewährungs­probe für die Beziehung. Und womöglich ihre Rettung, weil sie ohne diese Reise wohl schon zu Ende wäre.

In Houston:

Mitsuko beginnt zu kommunizieren – aber eben auf ihre Art.

Du bist also schwarz, sagt sie.
Du hast es gemerkt, sage ich.

Und als ein wenig Zeit vergangen ist, sind zwar Ben und seine Quasi-Schwieger­mutter eng. Aber er beginnt auch andere Männer zu daten, so wie Mike schon immer eine etwas freizügigere Auslegung ihrer Beziehung hatte.

In Osaka kommt es derweil zu einer Annäherung zwischen Mike und seinem Vater, für den einst die Emigration in die USA ein Fiasko gewesen ist, der zu trinken, zu schlagen und sein neues Leben zu verfluchen begonnen hat, bis er schliesslich zurück nach Osaka ging. Nun hat ihm die Krankheit die Wut ausgetrieben – abgesehen von dem Moment, als er erfährt, dass sein Sohn «eine Schwuchtel» ist. Die Bar, die er betreibt und die sein Lebens­werk ist, will er trotzdem an Mike vermachen.

Und seinem Sohn, der mit seinem holprigen Japanisch nun «auf dieser verfickten Insel» klarkommen muss, die «gleichzeitig meine, meine, meine, meine, meine, meine, meine war und am weitesten entfernt von allem, was ich kannte» – dem aus Houston eingeflogenen Mike also kommt die Idee mit der Bar, je länger er nachdenkt, desto weniger absurd vor.

Bryan Washington erzählt seinen Roman in drei grossen Teilen, bei denen Ben und Mike sich als Ich-Erzähler abwechseln. So fängt er nicht nur die Erlebnis­gegenwart der Figuren an zwei verschiedenen Orten ein, sondern auch ihre Familien­geschichte und die verschiedenen Versionen, mit denen sie die eigene Liebes­geschichte erzählen.

All das ist grossartig orchestriert. Washington schafft es, gleich zwei Settings plastisch vor die Leser­augen zu stellen. Und verknüpft die beiden story­lines nicht allein durch die Fern­kommunikation zwischen den Figuren, sondern auch durch unaufdringlich heraus­gearbeitete Parallelen ihrer Lebens­situation. So hat etwa auch Ben mit seinem ebenfalls erkrankten Vater noch alte Gräben zu überwinden, widersetzt sich aber den dringlichen Bitten seiner Schwester und der Mutter, auf ihn zuzugehen. Bis Mitsuko sich einmal während des Abwaschs räuspert und sagt:

Es geht mich ja nichts an. Aber mein Sohn hat für seinen Vater den Ozean überquert.

«Dinge, an die wir nicht glauben» ist ein vielschichtiger Roman voll hinter­gründigem Witz. Washingtons Text hat Tiefgang – und ist trotzdem von einer staunens­werten Leichtigkeit. Seine Figuren­zeichnung und allem voran seine Dialog­kunst sind schlichtweg fulminant.

Man kann also Ocean Vuongs eingangs zitierte Begeisterung über diesen Roman bestens nachempfinden. Auch wenn man den Text deswegen nicht gleich als visionär bezeichnen muss. Vielleicht ist «Dinge, an die wir nicht glauben» einfach ein sehr gutes Buch und ein heraus­ragendes Roman­debüt. Das reicht vollkommen.

Zu den Büchern

Caleb Azumah Nelson: «Frei­schwimmen». Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Kampa, Zürich 2021. 208 Seiten, ca. 27 Franken.

Bryan Washington: «Dinge, an die wir nicht glauben». Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. Kein & Aber, Zürich 2021. 384 Seiten, ca. 30 Franken.

C Pam Zhang: «Wie viel von diesen Hügeln ist Gold». Aus dem Amerikanischen von Eva Regul. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 352 Seiten, ca. 31 Franken.

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