Am Gericht

Der Maler und die Mörder

Fotografieren und Filmen ist an Gerichten verboten, deshalb gibt es Gerichts­zeichner. Einer der bekanntesten – und letzten – ist Robert Honegger. «Gerechtigkeit ist etwas so Schönes wie die Liebe – und ebenso kompliziert und aufwendig», findet er.

Von William Stern, 04.08.2021

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Seit die Krise den Journalismus beutelt, geben sich immer mehr Zeitungen und Newsportale bei der Bericht­erstattung aus dem Gerichts­saal mit Symbol­bildern oder Archiv­aufnahmen zufrieden. Nur noch ein knappes Dutzend Gerichts­zeichnerinnen sitzen regelmässig in Verhandlungen, in der Romandie tendenziell mehr als in der Deutschschweiz.

Gerichts­zeichnungen werden oftmals als «Luxus» verstanden, ein Nice-to-have; weder geeignet, die Sensations­gier des Boulevards zu stillen noch die juristischen Finessen eines Prozesses zu vermitteln. Doch für Gerichts­zeichner Robert Honegger sind die Bilder aus dem Gerichts­saal ein Mittel, um die Menschen und ihre Taten ein bisschen besser zu verstehen.

Ort: Caipi-Bar, Zürich, Kreis 4
Zeit: 9. Juni 2021, 17 Uhr

Robert Honegger ist 66 Jahre alt, aber ausgestattet mit der Fantasie eines Kindes. «Ich stelle mir manchmal vor, wie ich ein Verbrechen hätte verhindern können, wie ich gerade noch rechtzeitig einschreiten würde, bevor der Abzug gedrückt oder das Messer in den Körper gerammt wird. Eine Heldentat, um das Unheil zu verhindern, so wie der Brezel-Verkäufer am Stadel­hofen, der die Menschen vor dem einfahrenden Zug rettet

Wenn er erzählt, schwingt Honegger die Arme so ausladend, dass einem angst und bange wird um den Caipirinha, der vor ihm auf dem kleinen Salontisch steht.

Ein Mittwoch­abend im Juni, wir sitzen draussen vor der Caipi-Bar an der Diener­strasse im Zürcher Chreis Cheib, Honegger zieht am farbigen Strohhalm, der Caipirinha (ohne Zucker, aber mit Assugrin) ist heil geblieben. Verhindern konnte Kunst­maler Honegger noch kein einziges Verbrechen. Was er dafür meisterhaft kann: Täter und Opfer auf Papier bannen.

Honegger ist Gerichts­zeichner. Seit 15 oder 20 Jahren, so genau weiss er das nicht mehr, bildet er die Recht­sprechung hierzulande ab – mit Bleistift, Pinsel und Aquarell­farben. Meist ist er im Auftrag der Tamedia-Zeitungen am Bezirks­gericht Zürich oder am Obergericht, manchmal auch in Winterthur oder Bern, selten im Welschland, einige Male am Militär­gericht. Pro Auftrag erhält er 350 Franken, viel Vorbereitungs­zeit gibt es nicht, üblicher­weise erhält er zwei Tage vor dem Prozess Bescheid.

Mit dem Opernglas im Gerichtssaal

Wer Honegger, schütteres Haar, kräftiger Körper, vorsichtiger Gang, vor dem Gerichts­saal sieht, muss ihn eigentlich für einen Künstler halten – und sonst hilft das Ausschluss­prinzip weiter: Für einen Anwalt ist er zu selten am Mobil­telefon, für einen Staats­anwalt ist sein Auftreten zu wenig schneidig, für einen Richter ist er zu nachlässig gekleidet, für einen Journalisten zu schüchtern. Die Uneindeutigkeit stört ihn nicht. «Ich gehöre nie wirklich irgendwo dazu, das war schon immer so, im Gerichts­saal und draussen, im echten Leben.» Für seine Arbeit ist das von Vorteil: «Die Existenz am Rand behagt mir, so kann ich ungestört beobachten.»

Üblicherweise möchte die Redaktion den Angeklagten im Mittelpunkt der Zeichnung haben. Honegger sucht sich dann einen Platz links oder rechts hinter dieser Person, sodass er eine gute Sicht auf deren Gesichts­züge hat. Wenn mehrere Zeichnerinnen im Saal sind, tauscht man in der Pause auch mal die Plätze, damit alle eine umfassendere Perspektive bekommen. «Manchmal drehen sich die Angeklagten aber auch weg, wenn sie merken, dass sie abgezeichnet werden.»

Für speziell ungünstige Bedingungen hat Robert einen Feld­stecher dabei, eine Art Opernglas – «gerichtlich abgesegnet».

Der Gerichtssaal aus der Perspektive der Richterin – mit dem Zeichner rechts aussen. Robert Honegger

Die meisten stehen aber gerne Modell. Dabei kommt Honegger auch die Eitelkeit mancher Juristinnen entgegen. Viele verstehen den Gerichts­saal recht eigentlich als Bühne, auf der es sich zu profilieren gilt. Nicht selten kann er deshalb ein Bild mehrmals verkaufen: einmal der Redaktion und einmal – das Original – der Staats­anwältin, dem Verteidiger oder, auch das ist schon vorgekommen, der Angeklagten.

«Viele bedanken sich dafür, dass ich mir so viel Mühe gegeben und so viel Zeit für sie aufgewendet hätte. Andere sagten, endlich projiziere mal jemand nicht nur Negatives in sie hinein. Aber ich versuche einfach, ohne übertriebene Sympathie oder Hass zu zeichnen. Mehr kann ich nicht.»

In seiner Arbeits­tasche hat Honegger Bleistifte, Pinsel, einen Stoff­lappen, einen Becher fürs Wasser, Papier und einen Aquarell­block. Viele Gerichts­zeichnerinnen malen mit Pastell, vor allem in den USA ist diese Tradition verbreitet. Pastell schält die Kontraste besser heraus, sorgt für einen fast kitschigen Touch, man kann so ein Blitzlicht auf die Richterin werfen oder dem Angeklagten Schweiss­perlen auf die Stirn träufeln, bis sie fast platzt. Aquarell hingegen ist ein ästhetisches Beruhigungs­mittel, «mit Aquarell fliesst alles, bis eine Ruhe sonder­gleichen in die Sujets kommt».

Zurück in den Chreis Cheib

Nicht nur am Bezirks- und Obergericht, auch im Zürcher Chreis Cheib gehört Honegger seit einigen Jahren zum Ortsbild. An einem schönen Tag im Sommer kann man ihn mit seiner Staffelei an der Kern­strasse sehen, wo er Anwerbe­versuche der schwarz­afrikanischen Sexarbeiterinnen dokumentiert. Oder an der Piazza Cella, wo er die Menschen­traube vor dem «Palestine Grill» zeichnet. Die Töffgarage an der Feld­strasse hat er auch schon gemalt und jüngst das Impf­zentrum auf dem Kasernenareal.

Draussen, auf der Strasse, malt der «Störmaler» ein Gegen­programm zu den Szenen, die sich ihm im Gerichts­saal eingebrannt haben: Kinder­schändung, Prostituierten­morde, Abrechnungen im Drogen­milieu. Die Gerichts­fälle, für die er aufgeboten wird, sind oft diejenigen, die die Bürgerinnen in diesem Land bewegen. Es sind die grossen Kriminal­storys, die den Gerechtigkeits­sinn der Menschen aktivieren, sie den Kopf schütteln und «grässlich» murmeln oder von Todes­strafe und Kerker­haft fabulieren lassen.

Der Gerichtssaal ist ein Abbild der Gesellschaft, aber wie immer, wenn man hinein­zoomt, drohen die Unschärfen am Rand aus dem Blick zu geraten. «Vor Gericht werden viele Ausländer verurteilt, viele Secondos, Schwarze, Migrantinnen. Es ist mir wichtig, auch bei mir selber Ordnung zu schaffen, das negative Bild einer Bevölkerungs­gruppe heraus­zunehmen und das Menschliche wieder hinein­zubringen.»

Ein Schutzschild gegen die Grausamkeiten

Der Spätnachmittag neigt sich in der Caipi-Bar dem Abend zu, ein Messer­verkäufer biegt um die Ecke und bietet seine Ware feil: einen Koffer voller fein geschliffener potenzieller Mord­werkzeuge. Honegger wehrt ab, verwirft die Hände, viel zu gefährlich seien die Dinger. Am Nebentisch lachen sie.

Das erste Mal hätten sie ihn auch hier, in der Caipi-Bar, für einen Spinnsiech gehalten, erzählt Honegger, wegen der Sache mit dem Assugrin im Caipirinha. Aber mittlerweile kennen sie ihn hier alle, die brasilianische Barfrau, die jungen latein­amerikanischen Sexarbeiterinnen, die alten, ausgemusterten Glüschteler und die Stenze. Und auch wenn sie nicht genau wissen, was er da macht, mit seinem Notiz­buch und den Bleistiften, gehört er irgendwie dazu. Honegger ist für sie einfach ein weiterer Pensionär, einer, der ihnen keine Konkurrenz macht, weil er beim Malen auch mal vom Schemel fällt und aus dem Strassen­graben gehievt werden muss.

Im Gerichtssaal aber bewegt er sich mit der Arglosigkeit eines verträumten Kindes. «Ich habe manchmal das Gefühl, ich sei da unsichtbar.» Es kann vorkommen, dass der Gerichts­vorsitzende ihn auffordern muss, die Mal­utensilien zusammen­zupacken, weil die Mittags­pause angebrochen ist und der Saal geräumt werden muss. Honegger befindet sich in diesen Momenten im «Träumli­land», so wie früher, als er in der Schule vom Lehrer mit Gesang geweckt werden musste, weil er sich wieder in Tagträumen über den Schmuck seiner Mitschülerinnen verlor.

Die Verträumtheit hat im Prozess­saal aber auch einen handfesten Nutzen: «Sie ist ein Schutz­schild, um die manchmal grausamen Schilderungen und Schicksale nicht zu nahe an mich heranzulassen.»

Die Schönheit der Gerechtigkeit

Ein paar Schritte nur sind es von der Caipi-Bar zu Honeggers Wohnung. Die Einrichtung als spartanisch zu bezeichnen, wäre untertrieben. Die Räume werden dominiert von unzähligen Honegger-Gemälden, «kleinen Fenstern zur Welt», und von den Puppen­theatern und Figuren­apparaten, für die Honegger in der Zürcher Kunst­szene bekannt ist.

Er zeigt mir eine Reihe seiner Gerichts­zeichnungen. Nach eigener Schätzung hat er zwischen 200 und 250 Prozesse verfolgt. Eine Auswahl: der Fall des sogenannten Schacht­deckel-Werfers, der Galeristen­sohn, der im Drogen­rausch einen Freund getötet hat, die Schaffhauser IS-Zelle, der Pfäffiker Vater­mörder, der Kaufleuten-Messer­stecher, «Schnee­könig» Reinhard Lutz, Finanz­jongleur Dieter Behring, «Parkhaus­mörderin» Caroline H., der Zolliker «Eltern­mörder» und immer wieder Brian alias «Carlos».

Die Arbeit als Gerichts­zeichner ging nicht spurlos an ihm vorüber. In den 20 Jahren, in denen Honegger am Gericht zeichnet, hat sich sein Menschen­bild verändert. «Ich bin heute vielleicht ein wenig vorsichtiger gegenüber den Menschen. Früher war ich naiver, habe immer an das Gute geglaubt. Heute ist alles komplizierter.»

Honegger nennt den Vierfach­mord von Rupperswil als einen Wende­punkt. «Dass einer, der ein unauffälliges Leben führt, jahrelang als Junioren­trainer ehren­amtlich tätig ist, zu solch einem Verbrechen fähig ist, das hat mich erschüttert.» Er habe realisiert, so Honegger, «dass die ewig Guten nicht immer gut sind und die ewig Schlechten nicht immer schlecht». Und gleichzeitig hat er mehr Bewunderung für die Menschen, die am Gericht arbeiten, sich um Gerechtigkeit bemühen. «Gerechtigkeit ist etwas so Schönes wie die Liebe – und ebenso kompliziert und aufwendig.»

Kann Honegger mit seinen Bildern auch eine Art Gerechtigkeit herstellen? In der Übertragung auf Papier passiert jedenfalls eine Art vorweg­genommene Läuterung: «Bei mir kommt im Malprozess immer etwas Positives heraus. Ich kann das nicht ändern. Ganz gleich, ob Gegenstände, Landschaften oder Menschen: Wenn ich Hässlichkeiten und Kontraste male, werden sie plötzlich schön.»

Er sei von Empathie durchdrungen, sagt Honegger, auch gegenüber den Menschen, die sich schrecklicher Taten schuldig gemacht hätten. «Das hat mir auch Kritik eingebracht. Einmal sagte jemand zu mir: ‹Robert, du hättest sogar Hitler gemalt.›»

Und, hätte er?

«Ich weiss es nicht. Aber ich male ja nicht, um mir Vorteile zu verschaffen. Ich male, um die Welt ein bisschen besser zu verstehen.»

Illustration: Till Lauer

Zu den Zeichnungen

Eine Auswahl von Honeggers Gerichts­zeichungen ist bis Ende August in der Galerie Art Dock in Zürich zu sehen.

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