Front gegen den Juden

Er war ein enger Mitarbeiter des Schweizer Nobelpreis­trägers Carl Spitteler und stand vor einer glänzenden Laufbahn. Doch dann wurde Jonas Fränkel Opfer einer antisemitischen Kampagne, die bis hinauf in den Bundesrat reichte. Die Rekonstruktion einer Diffamierung.

Von Magnus Wieland, 15.07.2021

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Da war er im Hause Spitteler noch ein gern gesehener Gast: Jonas Fränkel (1879–1965) in den 1910er-Jahren. privat

Als der Schweizer Literatur­nobelpreis­träger Carl Spitteler in der Nacht auf den 29. Dezember 1924 stirbt, wird Jonas Fränkel sofort telegrafisch informiert, er reist unverzüglich nach Luzern zur Trauerfamilie.

Der profilierte Philologe und seine Frau Erica waren in Spittelers Villa Wilhelmina über zehn Jahre gern gesehene Gäste. Fränkel arbeitete an einer Spitteler-Biografie und an einer Spitteler-Werk­ausgabe, wobei ihn auch Spittelers Töchter Anna und Marie-Adèle, genannt Mietje, mit Abschreibe­arbeiten unterstützten. Sie hatten Fränkel schliesslich viel zu verdanken: Unermüdlich und ohne materielle Gegen­leistung oder Honorar­forderungen setzte sich Fränkel für das Werk des Autors ein, handelte günstige Konditionen mit Verlagen aus, insbesondere mit dem Diederichs-Verlag in Jena, und war massgeblich daran beteiligt, dass Spitteler 1920 rückwirkend auf das Jahr 1919 den Nobel­preis für Literatur in Empfang nehmen durfte.

Fünf Jahre nach Spittelers Tod kommunizieren die Töchter nur noch per Anwalt mit dem einstmaligen Intimus ihres Vaters und verwehren ihm jeglichen Zugang zu Nachlass­dokumenten. Die zermürbenden Rechts­streitigkeiten enden 1945 schliesslich vor Bundes­gericht: Fränkel, so der Entscheid, darf nicht über Spittelers Nachlass verfügen, weil kein entsprechendes Testament des Autors vorliegt.

Was war geschehen?

Oberflächlich betrachtet sieht der Eklat um Spittelers Nachlass wie eine normale Erbstreitigkeit aus, die aufgrund ihrer belanglosen Graben­kämpfe Stoff genug für eine Soap-Opera abgäbe. In Wirklichkeit aber verbirgt sich hinter dem Streitfall ein Stück Zeit- und Mentalitäts­geschichte der Schweiz. Es ist ein ganz reales Lehrstück über Antisemitismus und die Komplizenschaft mit diesem, und es spielt in höchsten gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Kreisen, bis hinauf zum Bundesrat.

Zwölf Koffer und Berge von Papier

Julian Schütt hat in seiner 1996 erschienenen Studie «Germanistik und Politik» über die Schweizer Literatur­wissenschaft im Zeitalter des National­sozialismus den Fall Fränkel basierend auf damals zugänglichen Quellen aufgearbeitet. Und gezeigt, wie der jüdische Philologe systematisch von Fachkollegen und Magistraten boykottiert und an seiner Arbeit gehindert wurde.

Offen blieb dabei die Rolle der Spitteler-Töchter in diesem Prozess: Wie kam es, dass sie dem Intimus ihres Vaters den Rücken kehrten und Fränkel zur Persona non grata erklärten und gegen ihn gerichtlich vorgingen?

Die Antwort darauf steckt unter anderem in zwölf Reisekoffern.

Alarmiert vom Stimmungs­umschwung der Spitteler-Töchter, hat Fränkel die ihm von Spitteler anvertrauten Manuskripte zusammen mit weiteren Unter­lagen in Reise­koffer gepackt und sie an unbekannten Orten untergebracht. So wollte er verhindern, dass sie ihm enteignet werden. Erst nach seinem Tod kehrten die Dokumente in den Besitz der Familie Fränkel zurück.

Unlängst sind diese Koffer ins Schweizerische Literatur­archiv gelangt, zusammen mit dem integralen Nachlass von Fränkel aus dessen Wohnhaus. In der Summe: ein immenser Bestand. Er erfasst ein ganzes Gelehrtenleben.

Neben dem Inhalt der zwölf Koffer wird derzeit im Literatur­archiv also auch die kolossale Papier­ablage erschlossen, die Fränkel in seinem Wohnhaus gepflegt hat: über mehrere Zimmer in Kommoden, Schränken, Regalen und Truhen verteilt oder schlicht und einfach auf Tisch und Boden gestapelt.

Voller Schriften, Dokumente, Bücher: Jonas Fränkels Arbeitszimmer in seinem Haus in der Nähe von Thun. Simon Schmid/Schweizerische Nationalbibliothek

Immer deutlicher wird anhand der nun zugänglichen Quellen: Wenngleich Fränkels jüdische Herkunft selten offen thematisiert worden ist, spielte Antisemitismus bei seiner Ausbootung eine zentrale Rolle.

Im Unterschied zum Judenmord von 1942 in Payerne, dem der Autor Jacques Chessex als erschütterndes Zeugnis des helvetischen Faschismus mit «Ein Jude als Exempel» ein literarisches Denkmal setzte, verhält sich der Fall Fränkel scheinbar harmloser, doch ungleich heimtückischer. Persönliche Antipathien und struktureller Antisemitismus spielten sich gegenseitig in die Hände, sodass sich eine latent juden­feindliche Gesinnung hinter Diplomatie und sachlichen Differenzen verstecken konnte.

Wer war dieser Fränkel, dessen Name heute nur noch wenigen ein Begriff ist?

Scharfsichtig und scharfzüngig

Fränkels akademischer Lehrer, der Literatur­wissenschaftler Oskar Walzel, der von 1907 bis 1921 als Ordinarius an der Uni Bern amtierte, schrieb in seinen Lebens­erinnerungen über seinen Schüler, er sei «aus dem Schweizer Geistes­leben des beginnenden 20. Jahr­hunderts nicht wegzudenken».

Walzel irrte in diesem Punkt.

Denn es gab in der Schweiz ausreichend Kräfte, die alles daransetzten, den aus Krakau stammenden Gelehrten tatsächlich «wegzudenken» und aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen.

Während Walzel im Zweiten Weltkrieg unter ungeklärten Umständen bei einem Bomben­angriff in Bonn ums Leben kam und seine Frau die Deportation ins KZ nach Theresien­stadt nicht überlebte, war Fränkel im Schweizer Exil zwar existenziell gesichert, er fiel dort aber einer umso perfideren damnatio memoriae zum Opfer. Als es 1932 nach heftigen Streitigkeiten schliesslich darum ging, den Spitteler-Nachlass der Eidgenossenschaft zu vermachen, wollte Anna Spitteler «am liebsten den ganzen armen Fränkel seinem Schicksal überlassen und vergessen» – und fügt an: «ihm und mir wäre es wohler dabei». Hier artikuliert ein schlechtes Gewissen deutlich den Wunsch nach Verdrängung, auch um der eigenen Schuld nicht länger ins Auge blicken zu müssen.

Dabei sah die Situation noch gänzlich anders aus, als Fränkel und Spitteler 1908 zum ersten Mal in Kontakt traten: Rasch entstand zwischen beiden ein Vertrauens­verhältnis, und Spitteler machte den exzellenten Philologen, der als Übersetzer von Schnitzler und als Goethe-Heraus­geber erste Meriten vorweisen konnte, zu seinem engen Mitarbeiter. Durch diese Zusammen­arbeit erfuhr Spitteler nochmals einen gewaltigen Schaffens­schub. Längst im Pensions­alter, machte er sich gemeinsam mit dem tatkräftigen Fränkel an die Über­arbeitung des Epos «Olympischer Frühling», für das er später den Nobel­preis erhalten sollte. Auch sein verunglücktes Jugend­werk «Prometheus und Epimetheus» vollendete er nun.

Undatierte Aufnahme von Carl Spitteler (1845–1924) auf einem Ausflugsschiff. Photopress-Archiv/Keystone

Kurz: Für Spitteler war die Bekanntschaft mit Fränkel in allen Belangen eine glückliche Fügung. Für den eine Generation jüngeren Germanisten war es eine nachgerade schicksalhafte Begegnung. Als frisch habilitierter Literatur­wissenschaftler verschrieb sich Fränkel in der Blüte seiner akademischen Karriere und mit gerade einmal dreissig Jahren einem einzigen Autor. Neben seiner eigentlichen Lehrtätigkeit an der Universität Bern investierte er in Spittelers Werk viel Energie und Zeit, die seiner eigenen Profilierung abträglich war. Und spätestens nach dem Tod des Dichters musste er an allen Fronten die bittersten Kämpfe ausstehen.

Zu kämpfen verstand Fränkel, der sich zeitlebens weigerte, als «Opfer» zu gelten, allerdings con brio: Mit seinen brillant formulierten, ebenso scharf­sichtigen wie scharf­züngigen Kommentaren hielt er, zu seinem eigenen Leidwesen, selten hinter dem Zaun.

Wer Fachkollegen öffentlich ein «Versagen auf der ganzen Linie» nachweist, ihre «liederliche Arbeitsweise» «ertraglos und unfruchtbar» nennt oder mit dem Prädikat «nichts als bedrucktes Papier ohne Wert und Sinn» belegt, der besitzt ein gerütteltes Mass an Chuzpe. Selbst Spitteler erkannte, dass sein «hilfreicher unentbehrlicher Berater» im Feuer­eifer selten «davor zurück­schreckt», sich «mit aller Welt zu überwerfen». Der Zürcher Spezialist für Schweizer Literatur Charles Linsmayer, von dem einer der wichtigen Texte zu Fränkel stammt, nannte ihn einen «Polemiker von einer Schärfe, einer Treff­sicherheit und einer argumentativen Virtuosität, wie es ihn in diesem Lande vor ihm nicht gegeben hat».

Mit Verve stellte Fränkel etwa 1918 den Zürcher Ordinarius Emil Ermatinger und dessen Keller-Biografie in den Senkel; in der Folge wusste Ermatinger eine Umhabilitierung Fränkels nach Zürich zu vereiteln. Mit seinem provokanten Auftreten und sachlich schonungs­losen Angriffen wurde Fränkel zu einem Feindbild von Fachkollegen, die einer kritischen Auseinander­setzung nicht standhielten und es stattdessen vorzogen, ad personam gegen Fränkel vorzugehen.

«Hebräische Bosheit»

Besonders hervorgetan haben sich dabei zwei direkte Konkurrenten, der Genfer Ordinarius Gottfried Bohnenblust und der Zürcher Professor Robert Faesi, die mit Fränkel um die Deutungs­hoheit bei Spitteler wetteiferten und zu diesem Zweck vor Verunglimpfungen nicht zurück­schreckten. Dabei kamen ihnen die völkische Mentalität der Zeit und ein teils latenter, teils offener Antisemitismus sehr entgegen. Nach 1933 unterhielten beide gute Kontakte zu national­sozialistischen Literaten und traten, wie Fränkel eigens bemerkt, eine «gemeinsame Pilgrimschaft nach dem Reiche Hitler» an.

Begleitet wurden sie dabei vom katholisch-konservativen Bundesrat Philipp Etter, der wiederum später in seiner Funktion als Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern von staatlicher Seite gegen Fränkel vorging, ihn als Menschen und Wissenschaftler verunmöglichte – und stattdessen den beiden Konkurrenten, Faesi und Bohnenblust, die Mitarbeit bei der Spitteler-Werkausgabe zuschanzte.

Fränkel registrierte diese unheilige Allianz zwischen Germanistik und Politik sehr wohl und scheute sich nicht, sie offen zu thematisieren. Als er mit seinem Essay «Gottfried Kellers politische Sendung» (1939) dezidiert gegen den National­sozialismus Stellung bezog, musste er sich im Gegenzug vom Zürcher Regierungsrat Karl Hafner «hebräische Bosheit» vorwerfen lassen.

Antisemitische Ressentiments bestimmten allerdings schon viel früher das Vorgehen gegen den jüdischen Gelehrten.

Eine besonders unrühmliche Rolle in diesem Kontext spielte Eugen Diederichs, der Mann, der Spittelers Werk herausbrachte.

Der Verleger aus Jena

Fränkel war Diederichs von Anbeginn ein Dorn im Auge. Fränkel vertrat Spitteler gegenüber dem Verleger quasi als Literatur­agent. Bei der Kontrolle von Abrechnungen etwa trat er verhandlungs­stark und souveräner auf als der an Geschäfts­dingen offenbar wenig interessierte Dichter. Und er verstand es, wie er selbst schreibt, notfalls auch «ganz energisch [zu] protestieren».

Diederichs beklagte sich deshalb relativ unverblümt bei seinem Autor, indem er die Verhandlungs­weisen seines Kompagnons monierte, «die stark nach dem Osten Preussen schmeckten», wie auch seine «Manieren, die wohl aus seiner östlichen Vergangenheit herstammen». Noch deutlicher wird er in einem weiteren Brief an Spitteler, der allerdings nicht auf Fränkel selber gemünzt ist, sondern auf einen anderen Geschäfts­partner, den Diederichs abfällig als «der schlaue Jude» bezeichnet – was sich Fränkel später, als er den Brief zu Gesicht bekommt, mit zwei Ausrufe­zeichen anstreicht. Hier taucht bereits das negativ konnotierte Stereotyp vom geschäfts­tüchtigen, ja raffgierigen Juden auf, das Diederichs später auch Fränkel anhaften wird.

«Der schlaue Jude»: Brief von Eugen Diederichs an Carl Spitteler. Fabian Scherler/Schweizerische Nationalbibliothek

Solche antisemitischen Untertöne verwundern indes nicht, wenn man sieht, welchen ideologischen Nährboden Diederichs mit seinem Verlag kultivierte.

Das Verlagshaus in Jena setzte starke Akzente auf das Früh­germanentum, nordische Mythologie sowie Publikationen zum National­gedanken und zum deutschen Volksgeist. Zum «Fahnen­träger seiner Volkstums­bewegung», so die Verlags­biografin Irmgard Heidler, erklärte Diederichs den Kultur­philosophen Paul de Lagarde, einen der fanatischsten deutschen Antisemiten im 19. Jahr­hundert, der überdies ein glühender Nationalist und Imperialist und ein erbitterter Gegner der Frauen­emanzipation war. Auf ihn beruft sich Diederichs mitunter öffentlich, als er sich im Februar 1916 gegen den von national­völkischer Seite erhobenen Vorwurf verteidigen will, er verfehle sein «Führer­amt» für das «wahrhaft reine Deutschtum».

Diederichs’ Antwort, so dialektisch sie sich auch aus der Schlinge ziehen will, entlarvt sich selbst und verrät, welches Gedanken­gut sie mittransportiert: Deutschtum, erläutert Diederichs, auf Lagarde rekurrierend, liege nicht «im Geblüte, sondern im Gemüte», was bedeute, dass auch andere «Rassen» (O-Ton Diederichs) nach deutscher Mentalität umerzogen werden könnten: «Denn ‹deutsch› sein heisst in der meta­physischen Kraft des deutschen Wesens stehen, und dieses Ereignis kann jederzeit auch bei einem Slawen, Kelten oder Juden eintreten …»

Ausgerechnet Shylock

In Diederichs’ Augen zählte auch Spittelers Werk fraglos zu den Erzeugnissen waschechter deutscher Mentalität. Mehrfach versuchte er, Spittelers Texte für seine ideologischen Zwecke zu instrumentalisieren.

In der 1913 bei Diederichs heraus­gegebenen Festschrift zum Ersten Frei­deutschen Jugend­tag auf dem Hohen Meissner wird Spitteler von seinem Verleger im volks­tümelnden Kontext freimütig zum Wort­führer des «kommenden Geschlechts» stilisiert. Selbst als Spitteler wenig später bei Kriegs­beginn 1914 mit seiner notorischen Rede zum Schweizer Stand­punkt die politischen Nachbarn zu «Schurken» erklärte, ihre «kriegerischen Schlagworte» kritisierte und damit reichsweit als «Deutschen­feind» galt, hielt sein Verleger, selbstredend auch aus merkantilen Interessen, weiterhin daran fest, Spitteler zum «Muster deutscher Gesinnung» zu erklären.

Diese Zuschreibung wiederholt Diederichs mehr als ein Jahrzehnt später, im Juli 1928, gegenüber Hans Bodmer, dem Präsidenten der Schweizerischen Schiller­stiftung, der zu Lebzeiten auch Spitteler angehörte. Hier ist dann nicht nur vom «stets germanisch empfindenden Spitteler» die Rede; die Aussage dient Diederichs sogleich als Invektive gegen «Herrn Fränkel»: Dieser sei nicht nur der germanischen Gesinnung gänzlich fremd, sondern habe auch postum «das Vertrauen Spittelers missbraucht», indem er weniger dessen Interessen als vielmehr seine eigenen vertreten habe.

Eigennutz und Profitgier lautet also der Vorwurf. In diesem Zusammen­hang bringt Diederichs erneut das antisemitische Stereotyp des raffsüchtigen Juden ins Spiel: «Fränkel […] unterscheidet nicht zwischen innerem Anstand und juristischen Paragraphen. Es hat ihn jemand mal mit Shylock verglichen, und ich kann nur sagen, er kann seine Rasse nicht verleugnen.»

Wie Hans Mayer in seinem Standard­werk über «Aussen­seiter» darlegt, dient die Figur Shylock aus Shakespeares Komödie «Der Kaufmann von Venedig» in einer langen literatur­historischen Tradition zur Denunziation von Juden als «monströse» Wucherer und zur Legitimierung ihres gesellschaftlichen Ausschlusses. Meyers Studie zeigt aber auch, wie diese Projektion auf Gerüchten und Unverständnis beruht und bei Shakespeare am Ende die Pointe darin liegt, dass Shylock Opfer eines unfairen Schieds­spruchs wird.

Ähnliches geschieht auch Fränkel, dem 1945 durch das Bundes­gericht von staatlicher Seite ein historisches Unrecht angetan wird.

Der Gerichtsentscheid steht am Ende einer Eskalation, für die Diederichs die Lunte gelegt hat. Im selben Brief an Bodmer, in dem er Fränkel als Shylock identifiziert, ereifert er sich über die «Unanständigkeiten und Intriguen Fränkels» und beklagt die Schwäche der «Schweizer Redakteure», die vor ihm kuschen und in ihrer Verantwortung «kneifen» würden, wenn es darum gehe, «ihn zur Strecke zu bringen». Auch die Familie Spitteler sei «viel zu pietätvoll, um ihn abzudanken, natürlich auch hilflos, und ausserdem auch noch mit Fränkel befreundet». Es sei da, schreibt er, «nichts zu machen».

In Wirklichkeit lässt Diederichs allerdings nichts unversucht und intrigiert gegen Fränkel auch gegenüber der Familie Spitteler. Bei einem Besuch in Luzern brüskiert er die Tochter Anna mit der Bemerkung, ihr Vater habe «sein literarisches Lebens­werk in die unrechten Hände gegeben». Mühelos geht Diederichs von antisemitischen zu misogynen Äusserungen über, wenn er wiederum an Bodmer schreibt, die Nach­kommen Spittelers hätten Anlass, sich zu wehren, «aber es sind Frauen».

Von Jena aus wird also ordentlich Druck gemacht – was nicht wirkungslos bleibt. Bodmer macht sich in der Folge doppelt dienstbar. Zum einen, indem er Diederichs Absicht ideell unterstützt, «mit Fränkel endgültig abzurechnen». Zum anderen, indem er den Spitteler-Töchtern die von ihm präsidierte Schiller­stiftung als Treuhand­stelle empfiehlt, «um mit strenger Unparteilichkeit, ohne Rücksicht auf Personen und Sonder­interessen, dem Dichter vor der Nachwelt zu seinem Recht verhelfen». Dass mit den pauschal genannten Personen und ihren Sonder­interessen vor allem eine Person, nämlich Jonas Fränkel, gemeint war, liegt auf der Hand.

Und rücksichtslos war das Vorgehen gegen ihn dann tatsächlich.

«In böseste Geschichten»

Diederichs’ Insinuationen fallen auf fruchtbaren Boden. Allmählich schleichen sich vernehmbare Misstöne in die Korrespondenz zwischen Fränkel und den Erbinnen, auch wenn es sich vorerst eher um Lappalien handelt. So moniert etwa Anna Spitteler Anfang 1927: «Es kränkt mich, dass Sie nachdem Sie wissen wie sehr ich den 2. Band meines Shakespeares ersehne, sich nie entschliessen konnten ihn mir zurück­zugeben.» Ob es sich um den «Kaufmann von Venedig» handelte, ist nicht bekannt.

Das Misstrauen jedenfalls wächst. Wenige Wochen später gibt sich Anna unterkühlt und geht auf Distanz zu Fränkel, indem sie einen temporären Abbruch der Beziehungen signalisiert.

Ihr Brief vom 29. Mai 1927 schliesslich spricht eine deutliche Sprache: «Solange Papa lebte, haben Sie für ihn getan, was Sie getan haben, Sie haben ihm gegeben, jedoch nicht bloss gegeben, sondern auch reichlich empfangen. Das wird sich wohl aufwiegen, nicht wahr? Nun haben Sie es mit uns zu tun; und wir müssen erst erfahren, ob Sie auch unser Freund sind.»

«Wir sind keine bösen Menschen» … Fabian Scherler/Schweizerische Nationalbibliothek
… «Nun haben Sie es mit uns zu tun»: Brief von Anna Spitteler an Jonas Fränkel. Fabian Scherler/Schweizerische Nationalbibliothek

Shylock lässt grüssen. Von Dankbarkeit bei Spittelers Nach­kommen keine Spur. Hinter dem brüsken Ton versteckt sich vielmehr derselbe Vorwurf, den auch Diederichs formulierte und der Fränkel zutiefst gekränkt haben dürfte: Indirekt wird er als Schmarotzer dargestellt, der vom Renommee Spittelers in eigennütziger Weise profitiere. Der Vorwurf macht hellhörig, zumal das Bild des Parasiten eine traditions­reiche antisemitische Metapher darstellt, die gerade in den 1920er-Jahren wieder Konjunktur erlangte, als sie Adolf Hitler in seiner Hetzschrift «Mein Kampf» (1925) prominent ausführt.

Am 8. Mai 1929 – nicht zufällig nach dem Tod von Spittelers Frau, die das letzte Bindeglied zum engen Freund ihres Mannes war – berichtet die Tochter Anna an Bodmer, was dieser längst geahnt, weil vorsätzlich geschürt hat: «Nun ist leider geschehen was Sie voraus­sahen – mit unseren freundschaftlichen Beziehungen zu Fränkel ist es zu Ende.»

Wie sehr dieser Konflikt nicht bloss antizipiert, sondern auch strategisch herbei­geführt worden ist, lässt sich anhand der überlieferten Zeugnisse verfolgen, zumal die entscheidenden Schritte, die zum endgültigen Bruch mit Fränkel führten, auf das Drängen «mehrere[r] wohl­meinende[r], erfahrene[r] Männer» geschehen sind, wie Anna gegenüber Fränkel gleicher­massen naiv wie freimütig bekennt. Nun: Wohlmeinend waren die Männer schon, bloss nicht gegenüber Fränkel, den sie systematisch ausgebootet haben.

«Mir scheint», schreibt Erica Fränkel im November 1928 wohlweislich an Anna Spitteler, «alle schlechten und minder­wertigen Männer, die die Schweiz momentan aufbringt, machen sich jetzt an Euch heran und hetzen Euch in die bösesten Geschichten hinein.»

Angriff aufs Hause Fränkel

Neben Diederichs und Bodmer zählte zu diesem Kreis auch Werner Lauber, seines Zeichens Bundes­richter. Über seine Frau, die Schriftstellerin Cécile Lauber, war Lauber einst lose mit Spitteler befreundet. Nun soll er als Mittels­mann mit Fränkel über dessen Arbeit an der Biografie und am Nachlass verhandeln und ist schliesslich dafür verantwortlich, dass zu diesem Zweck ein Anwalt eingesetzt wird.

Lauber ist es auch, der in resoluter Art in den gesamten Prozess einschreitet. Anfang November 1928 kündigt er via Anna Spitteler aus heiterem Himmel seinen Besuch an mit der Forderung, ihm auf alle Fragen «den gewünschten Aufschluss zu geben» und ihm «Einsicht in Briefe oder Manuskripte zu gestatten». Kurz vor dem Besuch folgt dann per Telegramm formlos die Instruktion, den «ganzen Tag zu reservieren», was seine Wirkung einer drohenden home invasion nicht verfehlte.

Wie stark die Drucksituation auch psychologisch auf der Familie Fränkel lastete, lässt sich aus einem Brief ermessen, den Fränkels Frau an Anna Spitteler richtet: «Als Folge dieses Briefes stellte sich in der Nacht ein Herzkrampf ein, und siehst Du, während ich mit Bangen an seinem Bett sass und in dem bleichen Gesicht vor mir auf Besserung wartete, da sagte ich mir, wenn die Sache in dieser überspannten Weise weitergeht mit solchen Briefen wie der von Lauber, so wird dieses Leben eines Tages einfach auslöschen.»

Zu Recht beklagt sich Erica über Laubers invasives Vorgehen: «Du musst doch auch wissen, dass es etwas ganz anderes wäre, wenn Du Deinen Besuch für einen ganzen Tag ansagst, als wenn dieser fremde Mensch sich da mir nichts Dir nichts für einen ganzen Tag einlädt, worüber, ganz abgesehen von allem anderen, ich persönlich sehr empört war. Ich meine in die Familie und in sein Haus einführen wird man mir einen bewährten Freund, aber ein Fremder hat gar kein Recht so zu sprechen. Herr Lauber hätte meinen Mann ja auch in Bern sehen können.»

Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die Familie Fränkel überfallartig heimgesucht wird.

Am 9. Oktober 1948 steht unangemeldet die sogenannte «Vollstreckungs­kommission» des eidgenössischen Schieds­gerichts vor der Türe, die Fränkel drei Jahre zuvor das Verfügungs­recht über Spittelers Nachlass abgesprochen hatte. Auf Gesuch des Eidgenössischen Departements des Innern sollten nun die bei ihm befindlichen Manuskripte beschlagnahmt werden. Man unter­liess es in letzter Konsequenz jedoch, bis ins Haus vorzudringen, was vermutlich ohnehin vergeblich gewesen wäre, da die Dokumente längst in den Koffern verpackt und in Sicherheit gebracht waren.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, lag daran, dass die Spitteler-Töchter auf Anraten von Lauber und Bodmer den Nachlass ihres Vaters 1933 der Eidgenossenschaft schenkten und diese Schenkung an eine Bedingung knüpften: «nötigenfalls» sollte der Bund «auf dem Wege des Rechts in den Besitz der durch Professor Fränkel zu Unrecht zurück­gehaltenen Nachlass­akten» gelangen. In defätistischer Voraussicht schrieb Erica Fränkel bereits 1929 an die Töchter Spittelers: «Wenn Ihr Furien sein müsst, so seid es in Gottes Namen.»

«Damit sind … alle Beziehungen, die je zwischen uns und Euch bestanden haben gebrochen»: Brief von Erica Fränkel an Anna Spitteler. Fabian Scherler/Schweizerische Nationalbibliothek

Die Apostrophe spielt direkt auf ein Diktum Spittelers an, der Nietzsches Schwester Elisabeth Förster einst als «Nachlass­furie» bezeichnet hat. National­sozialistischem Gedanken­gut alles andere als abhold, war Förster nicht bloss ideologisch skrupellos mit Nietzsches literarischem Erbe umgegangen. Sie hatte auch dafür gesorgt, dass Nietzsches langjähriger Freund und Mitarbeiter Heinrich Köselitz alias Peter Gast keinen Zugang mehr zum Nachlass erhielt. Die Analogie zum Fall Fränkel ist frappant.

«Sehn Sie, lieber Herr Fränkel, wir sind keine bösen Menschen, wie Sie es vielleicht meinen», schreibt Anna Spitteler am 29. Mai 1927, «aber wir sind Menschen, die das Bedürfnis haben unabhängig und frei zu bleiben.»

Nein, böse, auch wenn sich hier Hannah Arendts Diktum einer «Banalität des Bösen» aufdrängen mag, waren sie vermutlich tatsächlich nicht, die beiden Spitteler-Töchter. Sie waren gewöhnliche Menschen, die tendenziös falsch beraten wurden und einem Zeitgeist erlagen, der antisemitisch gestimmt war.

So aber trugen auch sie zu einem Unrecht bei, das Jonas Fränkel in seinem Buch «Spittelers Recht» in gewohnt polemischer Zuspitzung folgender­massen formulierte: «Die Art aber, wie der Bund das Erbe des Dichters verwaltet, ist ganz gewiss nicht ‹geistige Landes­verteidigung›, eher – Mord an geistigem Gute der Schweiz.»

Zum Autor

Magnus Wieland ist promovierter Literatur­wissenschaftler und als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dienst «Forschung und Vermittlung» des Schweizerischen Literatur­archivs in Bern tätig. Dort ist er unter anderem für den Nachlass von Carl Spitteler zuständig und an der Aufarbeitung des Gelehrten­bestandes von Jonas Fränkel beteiligt.

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