In ihrem Theater­stück «türken, feuer» gibt Özlem Özgül Dündar den Toten eine Bühne.

Meine Haut fängt Feuer

Was geht vor im Kopf eines Menschen, der verbrennt? Die Autorin Özlem Özgül Dündar spricht es aus. Ein Besuch in ihrem Elternhaus in Solingen – der Stadt, wo 1993 fünf türkische Frauen und Mädchen durch einen rechtsextremen Brandanschlag ermordet wurden.

Von Theresa Hein (Text) und Julia Sellmann (Bilder), 09.06.2021

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Ein helles Treppen­haus in einem kleinen Wohnhaus, grosse Fenster, Pflanzen, die sich an der Wand in die Höhe ranken, zwei Wohnungs­türen im ersten Stock, die einander gegenüber­liegen. Die Frau streift die weissen Turnschuhe auf den Fliesen ab, zieht einen Schlüssel aus der Hosentasche und sperrt eine der beiden Wohnungs­türen auf. Sie nickt mit dem Kopf zur gegenüber­liegenden Seite des Flurs. «Wir haben zwei Türen zur Wohnung», sagt sie, «wir haben Angst vor Feuer. Türken halt.» Sie lacht dabei.

War aber kein Witz, sagt sie später.

Als Rechtsextreme am 29. Mai 1993 in Solingen einen Brand­anschlag auf das Haus einer türkischen Familie verübten, war Özlem Özgül Dündar zehn Jahre alt. Solingen ist nicht gross, aber auf der ganzen Welt kannte man auf einmal den kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen. «Solingen» wurde zum Synonym für Fremden­hass. Die vier Täter aus der Skinhead-Szene, die zum Teil nach Jugend­strafrecht verurteilt wurden, sind alle längst wieder auf freiem Fuss. Spontan hätten sie, wie es im Urteil heisst, «den Türken einen Denkzettel verpassen» wollen. Sie gossen Benzin in den Eingang des Hauses und zündeten es an. Einige der Bewohnerinnen konnten nicht mehr fliehen. Zwei junge Frauen und drei Mädchen kamen damals ums Leben.

Mahnmal am Abhang: Die Ruine des abgebrannten Hauses in Solingen.

In den Tagen nach der Tat zogen mehrere hundert gewalt­bereite Demonstranten durch die Solinger Innenstadt, darunter Anhänger extremistischer türkischer Gruppierungen, schlugen Fenster­scheiben ein und demolierten Bus­haltestellen. Es gab aber auch friedliche Demonstrationen: In der Woche nach dem Anschlag gingen im ganzen Land Tausende Türkinnen und Deutsche gemeinsam auf die Strasse.

Kurz vor dem Anschlag hatte der Deutsche Bundestag ein Gesetz zur Begrenzung des Zuzugs von Flüchtlingen verabschiedet, Kritiker erklärten nach dem Anschlag, die Tat sei der «flammende Applaus» der Neonazis für das Gesetz gewesen.

«Keiner, der türkische Wurzeln hatte, fühlte sich mehr sicher», erzählt Dündar heute.

Wir sitzen in ihrem Elternhaus in Solingen, ein Frühlings­tag Ende April, in der Wohnung mit den zwei Türen, in der Küche, vor uns Kuchen. Dündar hat auf dem Rückweg eines Stipendien­aufenthalts in der Nähe von Rom einen Stopp eingelegt. Bevor sie weiter in ihre Wohnung nach Leipzig fährt, bleibt sie für eine Woche bei ihren Eltern in Solingen, in ihrem ehemaligen Kinder­zimmer. Hier sprechen wir über ihre Arbeit, die sich sehr viel mit der Frage beschäftigt, warum Menschen Benzin in Haus­eingänge kippen, und noch mehr damit, was das für die Menschen hinter der Wohnungs­tür bedeutet.

Dündar erinnert sich noch an Gespräche ihrer Eltern mit befreundeten Familien, in denen es darum ging, ob man jetzt auswandern sollte oder nicht; eine befreundete Familie ging tatsächlich zurück in die Türkei. Dündars Familie entschloss sich zu bleiben. Was auch blieb, war Angst. Nicht jeden Tag als diffuses Grund­gefühl. Sondern in bewussten Entscheidungen, die für Aussen­stehende erst auf Nachfrage sichtbar werden: zwei Wohnungs­türen statt eine.

Stellen Sie sich vor, ein Feuer bricht aus. Was nehmen Sie mit? Was lassen Sie im Haus zurück?

Und: wen?

Niemand weiss, was die Opfer der rechts­extremen Brand­anschläge in den Neunzigern in ihren letzten Momenten gedacht haben. Stellvertretend für sie hat sich die Autorin Dündar diese Gedanken gemacht und sie in ihrem Theater­stück «türken, feuer» aufgeschrieben.

Im Stück wachen Frauen in einem brennenden Haus auf und formulieren ihre Panik. Sie überlegen, in welche Richtung sie fliehen sollen, ins Treppen­haus oder aus dem Fenster. Wie das sein wird, wenn man auf dem Asphalt aufschlägt, nachdem man aus dem zweiten Stock gesprungen ist, oder wenn man selbst nur noch Asche ist und sich über das ganze Haus verteilt. Sie stellen praktische Fragen. Ob man das Baby aus dem Fenster werfen soll, in die Arme seiner Gross­mutter. Oder ob man doch besser gemeinsam mit dem Baby abspringt?

Das klingt dann so:

2018 gewann Dündar für ihren Text «und ich brenne» bei den Tagen der deutsch­sprachigen Literatur den Kelag-Preis. Das Stück «türken, feuer», als eine Art Fortsetzung zu diesem Text geschrieben, wurde in der Hörspiel­fassung des WDR vergangenes Jahr von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als «Hörspiel des Jahres» ausgezeichnet. Jetzt arbeitet Dündar an einem Roman, der wiederum als Fortsetzung des Theater­stücks konzipiert ist. Darin soll es nicht allein um die Anschläge der Neunziger­jahre, sondern auch um die jüngeren rechts­extremen Anschläge in Deutschland gehen, etwa um Halle und Hanau.

Ich frage sie, wann sie sich entschieden habe, über Gewalt von rechts zu schreiben. Sie sagt, es sei ein ziemlich konkreter Moment gewesen, im Herbst 2015.

Ein Jahr zuvor hatte Dündar in Leipzig am Deutschen Literatur­institut zu studieren begonnen, wenig später erreichten die Demonstrationen von Legida (dem Leipziger Ableger des rechten Bündnisses Pegida) ihren Höhepunkt. Zu einer Demonstration im Winter 2015, bei der etwa 5000 Legida-Anhänger durch die Stadt zogen, kamen an die 30’000 Gegen­demonstrantinnen, eine von ihnen war Özlem Özgül Dündar. «Auf dem Waldplatz, auf dem wir damals standen, war es so eng, ich konnte mich kaum rühren.» Egal, in welche Richtung sie geschaut habe, überall hätten Menschen gestanden. Am Abend löste sich die Demo auf. Auf dem Nach­hause­weg fing Dündar an zu weinen.

«Aber wegen der Gegendemo», sagt sie, und lacht, als wolle sie veranschaulichen, wie absurd sie es findet, dass sie sich nicht über die vielen Leute freuen konnte. Sie setzt an, zu erklären:

«Dass man so viel Aufwand, so viel Anstrengung betreiben muss. Nur um zu zeigen: Es gibt auch Menschen, die nicht fremden­feindlich und rassistisch sind. Dass es notwendig ist, solche Massen dorthin zu bringen, die von überallher anreisen. Dass der Bürger­meister mitlaufen muss, um zu zeigen: Wir sind auch anders. Ich war total fertig.»

Im Deutschland der Neunziger­jahre reihten sich rassistische Brand­anschläge aneinander. Bei einem Brand­anschlag in Mölln auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser starben 1992 drei Menschen. Im Jahr darauf in Solingen fünf. Zweieinhalb Jahre später, in Lübeck, zehn.

In der Küche ihrer Eltern in Solingen erzählt Dündar, natürlich sei sie schockiert gewesen, als 2019 der Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt wurde; und 2020 der Anschlag in Hanau. «Aber überrascht hat es mich nicht.»

106 Todes­opfer rechter Gewalt zählt die Bundes­regierung in Deutschland seit 1990, die gemeinnützige Amadeu-Antonio-Stiftung kommt auf mehr als doppelt so viele. Allein in den vier Nachwende­jahren, heisst es auf Nachfrage, habe es 55 Morde aus menschen­verachtenden Motiven gegeben. Die Stiftung kritisiert, dass im polizeilichen Erfassungs­system nur solche Taten als rechts­extrem eingestuft werden, bei denen die rechte Motivation «tatauslösend und tatbestimmend nachweisbar» sei. Vorfälle, bei denen Rassismus lediglich «tatbegleitend und tateskalierend» eine Rolle gespielt habe, würden in der Statistik nicht erfasst, solche Gewalt­taten dadurch völlig entpolitisiert.

Özlem Özgül Dündar lässt erst mal die Opfer zu Wort kommen, um die Täter wird es dann in ihrem Roman gehen.

Dündar gibt nun gerade denen eine Stimme, die nichts mehr sagen können, die durch rechte Gewalt umgekommen sind, wie die Opfer der Brand­anschläge in ihrem Stück «türken, feuer».

Wie stellt man das an? Ohne dass es pietätlos, ohne dass es pathetisch wird?

Dündar umgeht beide Gefahren. Das hat zum einen damit zu tun, dass der Einsatz von Sprache selbst zum Thema wird. Ihre Figuren reflektieren das Sprechen mit: Wenn sie etwas verstehen wollen, wiederholen sie sich, setzen von vorne an, formulieren um und betonen dadurch, wie schwierig es ist, in Worte zu fassen, was um sie herum geschieht. Und dort, wo sie nicht selbst, sondern über andere sprechen, machen sie klar, dass Erzählung über andere nie das eigene Erleben ersetzen kann, sondern immer nur Hilfs­mittel bleibt. Manchmal führt das zu faktisch unmöglichen, aber beeindruckenden Sätzen, etwa wenn eine Frau erklärt:

«Was ich damit eigentlich sagen will ist dass ich tot bin»

In anderen Momenten dient die Sprache der Selbst­beruhigung: Etwa wenn die Mutter des Täters sich noch während des Sprechens erst darüber klar werden muss, was ihr Sohn getan hat – denn etwas allzu Schlimmes kann es ja nicht gewesen sein, oder?

Der zweite Trick, der Dündars Texte vor der Pathos-Falle schützt, ist die Beobachtung zweiter Ordnung: Als Leser schaut man den Figuren dabei zu, wie sie das Geschehen einordnen. Dündar schafft durch die Aussagen ihrer Figuren eine Pluralität von Erzählungen, die einander wider­sprechen, ähnlich wie die Aussagen des Brand­stifters in ihrem Stück, der vor Gericht sagt:

«Erst hab ich das dann das dann das gesagt»

Menschen verdrängen, egal, ob sie etwas Schlimmes getan haben oder ob ihnen etwas Schlimmes widerfahren ist, also nutzt Dündar diesen Abwehr­mechanismus, um klarzumachen: Nichts muss genau so passiert sein, wie sie es schreibt. Wie im Bericht des Fenster­sprungs einer jungen Mutter, die sich noch im Fall dreht, um ihr Kind zu retten. Erst durch die Nach­erzählung einer Figur wird der Sprung von der Verzweiflungs- zur Helden­tat und bekommt Mythos-Potenzial.

Und dann ist da natürlich die Frage, wer sprechen darf, in einem Text, in dem es um rechts­extreme Anschläge geht. In «türken, feuer» kommen die zu Wort, die nicht mehr erzählen können, und die, die Glück hatten. Die Täter selbst sprechen in Dündars Stück nur wenig, für den Moment zumindest soll die Bühne den Toten gehören.

Im Roman solle es mehr um die Täter gehen, auch um die Fragen von Vergebung und Schuld, erzählt Dündar. «Wann ist ein Täter der Täter?», fragt sie, «und für wen? Kommt es vielleicht nur auf die Perspektive an, weil er ja zugleich noch so viel anderes ist – Sohn, Bruder, Mensch?» Eine der Szenen im Roman hat sie ganz aus der Wahr­nehmung des nieder­gebrannten Hauses geschrieben.

Für das Stück aber sei ihr die Perspektive der Toten wichtig gewesen, weil diese einfach abgeschnitten worden sei, sagt Dündar. Und derart drastisch und konkret und brutal musste es deshalb werden, weil die Autorin deutlich machen wollte, was man Menschen zufüge, wenn man sie anzünde. «Für den Täter hört es ja erst mal auf in dem Moment, wo er wegläuft.»

Dündar steht auf und macht Espresso, sie entschuldigt sich dafür, dass sie nicht mit der Kanne umgehen könne. In ihrem Stück nennt Dündar den Ort Solingen kein einziges Mal. Und doch geht es natürlich um Solingen, die Verbindung kann und will Dündar gar nicht abstreiten, sie kommt ja aus dem Ort, sie arbeitet viel mit ihrer Erinnerung an die Tat, hat alte Zeitungs­artikel gelesen und in der Stadt recherchiert.

Mit den Hinter­bliebenen sprechen wollte sie nicht, aus Sorge, sie könnte, wenn sie ein zu präzises Bild von den Menschen bekäme, den Angehörigen mit der Fiktion nicht mehr gerecht werden. «Und mir wäre es lieber, wenn man es abstrahiert betrachtet. Es könnte eins zu eins irgendein anderer Brand­anschlag in der Welt sein.»

Eine kleine Frau erscheint in der Tür der Küche, es ist Dündars Mutter. Dündar stellt mich vor, die Mutter bleibt im Türrahmen stehen und winkt. Sie unterhält sich kurz mit ihrer Tochter auf Türkisch, darüber, worüber sich alle Eltern gerade mit ihren Kindern unterhalten, übers Impfen; sie sagt die Worte «zweite Spritze» auf Deutsch. Dündar zeigt auf den Kuchen, ihre Mutter sagt, «hm, Diät», aber sie sagt es in einem Ton wie ihre Tochter, die im Gespräch mit mir zwischen Humor und Ernst abwechselt, so, dass man manchmal nicht ganz weiss, ob das Gesagte nun ein Scherz war oder nicht. Die Mutter verabschiedet sich und lässt uns wieder allein.

Es ist eine Begegnung, wie sie auch in Dündars Theater­stück passieren könnte. Dort, wo die Figuren nicht mit ihrer Verzweiflung und ihren Fragen allein sind, sondern einander begegnen, kann Dündars Werk auf einen Schlag sehr lustig werden.

Begegnungen wie diese sind Dündar wichtig, alle Figuren sollen immer gleichzeitig auf der Bühne stehen, heisst es auch in einer der seltenen Regie­anweisungen in ihrem Theater­stück. Dündar verzichtet auch komplett auf Inter­punktion im Text. Das macht das Stück nicht leicht zu lesen, aber man gewöhnt sich daran; nach einer Weile passt es gut zu den Gedanken­strömen der Figuren, als würden sie sich in der Lage, in der sie sich befinden, nicht mit Kommas aufhalten wollen.

Am Küchentisch erzählt die Autorin weiter von den unter­schiedlichen Bedeutungen, die Gesten oder Mimik in unter­schiedlichen Kontexten haben. Dass ein Nicken in der Wüste bedeuten könne, dass vom anderen keine Gefahr ausgehe, zum Beispiel. So etwas fasziniert sie.

Für die Leserin von Dündars Texten werfen die Begegnungen weitere Fragen auf. Wie die, ob der Mann, der den Brandsatz geworfen hat, vorher die Frau mit ihren Kindern auf der Strasse hat spielen sehen. Ob die Mutter des Täters und die Mutter der Opfer zur selben Zeit auf dem Wochen­markt waren? Ob man sich schon einmal zugenickt hat. Oder angelächelt?

Mindestens genauso wichtig ist aber die Begegnung, die ausbleibt: die zwischen Mörder und Ermordeten.

«Bei den Anschlägen in den Neunzigern wurden Brände gelegt, und dann sind die Täter weggerannt», erzählt Dündar, «sie wollten nicht gefasst werden. Die letzten Anschläge und auch die vom NSU waren anders. Die Taten sind auf offener Strasse passiert, mit Waffen, die nachverfolgt werden können.»

Dündar sagt, das beschäftige sie sehr, es sei doch noch mal eine andere Grenz­überschreitung, ob man anonym einen Brandsatz werfe oder auf offener Strasse Menschen umbringe.

Rechtsextreme Gewalt­taten passieren in Deutschland immer noch jedes Jahr. Das politische Bildungs­werk der Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg hat ein Projekt ins Leben gerufen, das unter anderem auf einer Website visualisiert, wo im Land überall Menschen durch rechte Gewalt ums Leben gekommen sind. Das Projekt trägt den Namen «Deutschland­problem».

Das Deutschland­problem kann auch so aussehen: Als der NSU-Prozess in München zu Ende ging, im Jahr 2018, klatschten Neonazis von der Besucher­tribüne Beifall.

Oder auf Regierungs­ebene zum Beispiel so: Innen­minister Horst Seehofer bezeichnet Migration mit Blick auf die Erfolge der AfD als «Mutter aller politischen Probleme».

Das Deutschland­problem im Alltag kann so auftreten wie vor einigen Wochen in Erfurt: Ein Syrer wird in der Strassen­bahn bespuckt und gegen den Kopf getreten, und niemand der Anwesenden mischt sich ein.

Oder in Form von Drohbriefen, die mit «NSU 2.0» unterzeichnet sind und über Jahre hinweg bei Menschen im Brief­kasten landen, die sich gegen rechts engagieren.

Ich frage Dündar, ob sie manchmal resigniert, weil es einfach immer weitergeht.

«Manchmal schon», sagt sie. Und beeilt sich anzufügen, es gebe aber ja genügend Menschen, die anders denken.

Sie glaubt, man könne viel tun, an Schulen, in Bildungs­einrichtungen, vielleicht müsse man über Rassismus genauso aufklären wie über Drogen. Es wundert sie nicht, dass immer wieder Menschen durch rechts­extreme Anschläge sterben. «Ich bin eher verwundert, wie verwundert alle immer darüber sind. Ich meine, was wollen denn Menschen, die Flüchtlings­heime anzünden – wollen die, dass man ein bisschen Angst bekommt, oder wollen die Leute töten?»

Darum schreibt sie seit 2015 darüber: weil sie denkt, es sei eine Frage von Leben und Tod.

Es ist früher Abend geworden, wir stehen auf, weil wir noch zu der Stelle fahren wollen, an der der Brand­anschlag passiert ist. Dündar war selbst schon lange nicht mehr dort, sie zögert. Als wir die Wohnung verlassen, gehen wir durch die zweite Tür nach draussen.

Die Strasse liegt klein und unscheinbar in der Abend­sonne im Solinger Stadtteil Mitte, ein ganz normales Wohngebiet, Einfamilien­häuser wechseln ab mit Wohn­blöcken. Die ausgebrannte Ruine des Hauses wurde kurz nach dem Feuer abgerissen, heute erinnern ein kleiner Stein mit den Namen der Opfer und eine Lücke in der Häuser­reihe an die Tat. Zum Gedenken wurden auf das Grund­stück, das steil an einem Hang liegt, fünf Kastanien gepflanzt, eine für jede Tote.

Was übrig blieb: Verkohlte Steinstufen.
Der kleine Stein mit den Namen der Opfer.

Eine der Kastanien ist auffallend kleiner als die anderen. Im Jahr 2014 wurde einer der Bäume geklaut, schnell pflanzte die Stadt ein Ersatz­bäumchen, das jetzt dünn und tapfer mahnend (zumindest kann man sich das einbilden) zwischen den dreissig Jahre alten Schwestern steht und blüht, wie an diesem Tag im April.

Gleich hinter dem Maschen­draht, mit dem das Gelände abgesperrt ist, befinden sich ein paar massive Stein­stufen, die beim Abriss übrig gelassen wurden, sonst ist alles weg. Was noch da ist, ist dieser steile Abhang, an dem mal ein Haus stand, in dem mal Menschen gelebt haben, die entweder heute woanders leben oder ermordet wurden. Es ist nur einer von den vielen Schand­flecken dieses Landes, zu denen Dündar noch so viel zu sagen hat. Und irgendwie passt das auch, dass man, wenn man hier am Hang steht, den Blick nicht nach oben richten muss, um etwas zu sehen.

Sondern nach unten.

Zur Hörspiel­fassung von «türken, feuer»

Das Hörspiel «türken, feuer» ist eine Produktion des WDR unter der Dramaturgie von Gerrit Booms und der Regie von Claudia Johanna Leist. «türken, feuer» ist von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Jahres 2020 gewählt worden und ist noch bis Herbst 2021 in der Mediathek des WDR verfügbar.

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