Endstationen

Nach dem letzten Atemzug geht der Körper einen vorgezeichneten Weg durch die Institutionen: vom Sterbebett zum Bestatter zum Krematorium zum Friedhof. Ein Reisebericht.

Von Noemi Harnickell (Text) und Jonathan Liechti (Bilder), 13.05.2021

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Der Aufbahrungsraum im Krematorium Bern ist auch ein Ort für den Abschied.

Der Kopf von Johanna K. ist leicht zur Seite geneigt. Die Hände drücken eine Puppe an die Brust. Eine Kerze brennt. Blumen­gestecke schmücken den kühlen Raum – die letzte Station vor dem Grab.

Die Tote liegt in einer von fünf Aufbahrungs­zellen auf dem Schosshalden­friedhof in Bern. Im Flur vor ihrer Tür steht ein langes Regal mit Blumen. Rote, weisse, blaue, Geranien, Orchideen, Vergiss­meinnicht.

Nach der Beisetzung wird Niklaus Hofer die Blumen zurück ins Regal stellen, wo sie dann bereit­stehen für die nächste Toten­wache. Hofer arbeitet als Sigrist auf dem Friedhof, der Tod gehört zu seiner Arbeits­routine. Er kontrolliert die Temperatur in den Aufbahrungs­zellen, kümmert sich um Verstorbene, wenn ihre Gesichter blau anlaufen oder Blut aus den Mund­winkeln rinnt. Er führt den Trauer­zug mit Urne oder Sarg voran ans Grab und pflegt die Blumen, die fortan darauf wachsen.

Bis im Frühling 2021 sind schweizweit über 10’000 Personen an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Viele Menschen trauern im Stillen. Obwohl bis zu 50 Leute an Beerdigungen und Trauer­feiern zugelassen sind, nehmen Angehörige und Freunde oft im engsten Kreis Abschied. In Alters- und Pflege­heimen fallen die gewohnten Abschieds­rituale aus, Andachten können zum Schutz der Heim­bewohne­rinnen nicht mehr durch­geführt werden.

In der Stadt Bern ist vieles anders. Während 2020 in der ganzen Schweiz 11 Prozent mehr Menschen gestorben sind, als statistisch zu erwarten war, gab es in der Haupt­stadt eine Unter­sterblichkeit von fast 4,5 Prozent. Trotzdem: Menschen müssen bestattet, Gräber gepflegt und Leid­zirkulare verschickt werden.

Wer kümmert sich um uns, wenn das Gehirn aufhört zu denken, das Herz nicht mehr schlägt? Wer übernimmt, wenn wir sterben?

Es sind Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zu trösten und Nähe zu schaffen – von der Ärztin, die den Tod feststellt, über den Bestatter hin zur Leiterin des Krematoriums und zum Friedhofs­mitarbeitenden, der die Urne beisetzt. Es sind Berufe, in denen der Tod den Alltag durchdringt – in Bürokratie, Heiz­technik und Buchhaltung.

1. Im Krankenhaus

Sterben ist ein Prozess. Der Tod beginnt nicht erst mit einem stillstehenden Herzen, er wandert durch den Körper und schaltet nach und nach alle Organe wie Licht­schalter aus. Die Lunge ist eines der zentralen Organe, da sie, zusammen mit dem Herzen, die anderen Organe mit Sauer­stoff versorgt. Von ihr sind alle anderen Körper­funktionen abhängig. Versorgt sie den Körper nicht mehr mit genügend Sauer­stoff, hören die Nieren und das Gehirn auf zu funktionieren, das Herz steht still. Das kann schnell passieren, innert Stunden, unerwartet im Schlaf – oder es kann Tage dauern.

Hier können Angehörige von Todkranken sich erholen, Kraft suchen – …
… der Raum der Stille im Spital Thun.

Im Fall einer Covid-19-Infektion vermehrt sich das Virus im Körper, es kommt zu starken Immun­reaktionen. Abwehr­zellen töten plötzlich nicht mehr nur das Virus, sondern auch körper­eigene Zellen. Die Membranen zwischen den Lungen­bläschen und den Blutgefässen werden porös; Flüssigkeit dringt in die Lunge. Das Virus befällt andere Organe, die Leber, das Herz, auch das Gehirn.

Das Leben und der Tod liegen auf der Intensiv­station nah beieinander. Monitore überwachen die angeschlossenen kranken Körper. Jede Veränderung erfassen sie sofort. Eine Beatmungs­maschine pumpt Sauer­stoff in die Lunge und von dort in die Körpergefässe.

Antje Heise ist die ärztliche Leiterin der Intensiv­station des Spitals Thun. Ihr Hoch­deutsch klingt schnell neben dem gemächlichen Dialekt ihrer Schweizer Kollegen:

«Bei lebensbedrohlichen Zuständen sind die Wünsche der Patienten wichtig für die Entscheidung, wie wir mit der Therapie fortfahren. Ist er bei Bewusstsein, erkläre ich ihm, was seine Möglichkeiten sind. Will er an eine Beatmungs­maschine? Will er reanimiert werden? Je nach Vorzustand des Patienten bedeutet das für den Organismus einen grossen Stress. Der Körper braucht oftmals viele Wochen, um sich davon zu erholen.

Eine Intubation ist beispiels­weise ein nicht zu unter­schätzender medizinischer Eingriff. Wir müssen den intubierten Patienten zuerst sedieren und die Muskel­funktionen mit Lähmungs­mitteln stilllegen, damit er nicht selber atmet. Noch einschneidender ist die oftmals lang dauernde anschliessende künstliche Beatmung, in der Körper­funktionen wie die eigene Atmung ausgeschaltet sind.

Den Angehörigen erkläre ich den drohenden Tod auf der Intensiv­station so: Der kranke Mensch stirbt langsam; die Funktion der Organe verschlechtert sich. Eventuell wird der Patient schläfriger, vielleicht ein bisschen delirant, und reagiert immer weniger.

Durch die Corona-Pandemie haben viele Menschen die Vergänglichkeit ihres Lebens erst realisiert. Es wurden viele Patienten­verfügungen ausgefüllt. Oftmals steht da drin, dass der Patient nicht reanimiert werden möchte – so manche ändern aber ihre Meinung, sobald sie bei uns auf der Station liegen. Darum zählen Patienten­verfügungen erst, wenn eine Patientin sich nicht mehr zu ihren Wünschen äussern kann.

Egal, wofür sich ein Patient entscheidet: Wir brechen keine Therapie einfach so ab. Will ein Patient nicht künstlich am Leben gehalten werden, stellen wir auf eine palliative Therapie zur Linderung um, auch um ein würde­volles Sterben zu ermöglichen. Wir geben dem Patienten zum Beispiel Morphium gegen Atemnot, gegen Schmerzen und gegen die Angst.

Wenn das Herz zu schlagen aufgehört hat, stelle ich den Tod fest und ich fülle die Todes­bescheinigung aus. Ich notiere Todes­ursache und -zeitpunkt, ob es ein natürlicher Tod war oder nicht. Lauter Formalien. In einem Folge­gespräch mit den Angehörigen frage ich sie, ob sie einer Autopsie zustimmen. So können wir mit grosser Genauigkeit feststellen, woran der Mensch gestorben ist. Das kann auch den Hinter­bliebenen helfen, seinen Tod besser zu verstehen.

Als Corona-Patienten in der ersten Welle auf unsere Station verlegt wurden, hatten sie oft Bergamo und die Leichen­transporte vor Augen. Auch meinen Kolleginnen und mir im Spital Thun haben diese Bilder Angst gemacht – ob das auch auf uns in der Schweiz zukommt?

Die Intensivstation ist kein Ort, wo die Patienten lange bleiben. Drei Tage sind hier eine lange Zeit. Mit Corona-Patienten ist das anders. Die bleiben oft zehn Tage, manche auch mehrere Wochen. Kollegen in anderen Regionen und im Ausland hatten während der ersten Welle oft viel zu wenig Zeit für einzelne Patienten. Auch wir im Spital Thun stiessen in der zweiten Welle gelegentlich an unsere physischen und psychischen Grenzen.

Für mich bleibt der Tod auch nach all den Jahren, in denen ich mit vielen Facetten des Sterbens konfrontiert war, teilweise belastend. Ich denke oft an eine Frau, die kürzlich unsere Intensiv­station verliess. Sie ging durch den Flur, in ihren Händen hielt sie zwei weisse Plastik­tüten mit dem Krankenhaus-Logo drauf. Sie war nicht alt, ging aber gebückt. In den Taschen waren die Habseligkeiten ihres Mannes. Alles, was sie von ihm mit nach Hause nehmen konnte, passte in zwei Trag­taschen. Sein Leben hatte er auf der Station gelassen.»

Ärztin Antje Heise: «Für mich hat der Tod auch nach all den Jahren seinen Schrecken nicht verloren.»
Ein Krankenzimmer im Spital Thun.

2. Beim Bestatter

Die Beerdigung ist der letzte soziale Auftritt von Johanna K. Die Angehörigen werden noch einmal vor ihr sitzen, vielleicht ein Gebet sprechen, vielleicht ein Lied singen, vielleicht auch einfach nur still des Lebens gedenken, das Johanna K. hinter sich gelassen hat. Auf ihrer Nase sitzt die Brille, ein blauer Seiden­schal bedeckt die Schultern, eine Brosche hält ihn vorne zusammen. Sie sieht aus, als würde sie gleich ausgehen, in ein schickes Restaurant vielleicht.

Kurz nach ihrem Tod klingelte das Telefon des Bestatters. Liegt die Verstorbene im Kranken­haus oder im Heim, kann er sich Zeit dafür nehmen, sie abzuholen. Die Pflegerinnen im Heim kümmern sich. Liegt die Verstorbene im eigenen Bett, fährt der Bestatter sofort los. Auch in der Nacht. Die Trauer­familie braucht seine Unterstützung.

Bestatter Christian Sulzer: «Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich stelle mir vielmehr die Frage, wie ich einmal sterben werde.»

Christian Sulzer, 43, ist Bestatter in Bern. Er wäscht und kleidet die Verstorbenen, entfernt Herzschritt­macher und frisiert Haare. Mit den Angehörigen bespricht er Trauer­feiern und Leid­zirkulare, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Bestattungs­arten. Er weiss Bescheid über alle Themen vom Beantragen des Todes­scheins bis hin zur Auswahl der Blumen.

«Ich verspreche der Trauer­familie immer als Erstes, dass am Ende meines Besuches keine Fragen mehr offen sein werden. Ein Todesfall ist kompliziert: Die Angehörigen müssen auf Ämtern vorbei, die Trauer­feier planen und Leidzirkulare versenden – ich bin ein Dienst­leister. Ich sorge dafür, dass die Betroffenen nicht unter unnötigen Stress geraten.

Beim ersten Kontakt möchte ich von den Angehörigen erfahren, wie der Mensch gestorben ist. Wurde er überraschend aus dem Leben gerissen, oder war sein Tod vielleicht eher eine Erlösung? Befindet sich die Familie noch im Schock­zustand? Diese Fragen definieren den Rest des Gesprächs.

Dann erst frage ich, was sie brauchen. Sind sie religiös? Wünschen sie eine Trauer­feier? Wie gross und wie schwer ist der Tote?

In unserer Geschäfts­stelle können sie einen Sarg aussuchen. Italienisches Massivholz für Erdbestattungen, leichteres Material für die Kremation. Bedruckt mit einem Motiv der Sixtinischen Kapelle oder mit Bergen. Vielleicht wollen sie ihn lieber blank, damit die Kinder oder Enkel ihn noch bemalen können?

Die Pandemie erschwert die Einsargung. Holen wir einen Corona-Toten ab, müssen wir einen Schutz­anzug tragen – eine FFP3-Maske und zwei Paar Handschuhe. Dem Verstorbenen legen wir ein Tuch auf das Gesicht, bevor wir ihn hochheben. Aus Mund und Nase kann nämlich Luft entweichen und mit ihr Aerosole. Wir betten ihn in den Sarg, nehmen das Tuch wieder weg und ziehen die äusseren Hand­schuhe aus. Sobald wir den Raum mit dem Sarg verlassen haben, ziehen wir unsere Schutz­anzüge aus, wechseln die Masken und desinfizieren unsere Hände.

Von den Angehörigen erfahre ich, woran die Person gestorben ist. Das hilft mir zu verstehen, was nun im Körper vorgeht. Gab es zum Beispiel einen Wieder­belebungs­versuch, kann es vorkommen, dass der Organismus noch immer mit Adrenalin vollgepumpt ist, das er erst verarbeiten muss. Der Tote erbricht, uriniert und stuhlt womöglich noch einmal, denn er hat keine Kontrolle über seinen Schliess­muskel mehr.

Viele Leute haben Berührungs­ängste, wenn es um Tote geht. Das ist in Ordnung.

Was der Verstorbene bei der Beisetzung trägt, entscheidet die Familie. Privat­kleidung oder lieber ein schlichtes Toten­hemd? Wenn sie uns die Kleidung zurecht­legen, ziehen wir sie dem Verstorbenen an. Natürlich darf die Familie das auch selber tun. Im Heim macht es in der Regel das Pflege­personal.

Haben Sie sich für eine Kremation entschieden, organisieren wir womöglich das Entfernen eines Herz­schritt­machers. Die Lithium­batterie ist entzündbar und könnte im Ofen explodieren. Das ist nur ein kleiner Eingriff: ein Schnitt mit dem Skalpell, das Gerät kommt raus, und die Wunde wird wieder zugenäht. Das dauert etwa zehn Minuten.

Dann stelle ich schon die nächsten Fragen: Wie möchten die Angehörigen die Trauer­feier gestalten? Wollen sie eine Todes­anzeige aufschalten? Leid­zirkulare versenden?

Seit Corona stellen sich diese Fragen weniger. Es dürfen nur 50 Leute zur Beerdigung kommen, aber ich rate davon ab, so viele Menschen einzuladen. Erstens muss die Familie entscheiden, wer überhaupt kommen darf und wer nicht. Zweitens haben wir die Erfahrung gemacht, dass es viele Menschen oft nicht mehr wagen, zu Beerdigungen zu kommen. Es ist nicht schön, eine grosse Trauer­feier vorzubereiten und dann doch nur zu viert am Grab zu stehen.

Eine andere Frage, die ich stellen muss: Wie viel Geld darf die Bestattung kosten? Selbst wenn Sie das günstigste Angebot nehmen, müssen Sie mit 1800 Franken nur für unsere Dienste rechnen. Die Kosten für das Krematorium, die Aufbahrung, den Blumen­schmuck und die Grab­pflege kommen noch dazu.

Eine Todesanzeige in der Zeitung? Das kostet noch einmal zwischen 300 und 1500 Franken, in über­regionalen Zeitungen sogar noch mehr.

Bevor ich mich auf die Stelle des Bestatters bewarb, hatte ich noch nie bewusst einen Toten gesehen. Wer sich vor Toten ekelt, hat hier nichts verloren. Es kommt vor, dass ich nach einem Selbst­mord die Schuss­wunde zunähen muss. Einmal räumten wir eine Viertel­stunde lang Müll zur Seite, bevor wir überhaupt zum Verstorbenen gelangen konnten. Fliegen und Maden sassen auf dem verwesenden Körper. Wir trugen militärische Gasmasken. Das Auto mussten wir danach übrigens einen Tag lang lüften. Zum Glück passiert so etwas aber nur selten.

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich stelle mir vielmehr die Frage, wie ich einmal sterben werde. Nach einer langen Krankheit oder im Stehen? Viele Menschen, die ich abhole, sehen zufrieden aus; ihre Gesichts­züge sind entspannt, und ich denke mir: Die Menschen sind in Frieden gestorben. Dafür setzen sich Spitäler und Heime ein.»

3. Im Krematorium

Ein lautes Rauschen dröhnt aus dem Hinter­grund, metallenes Klappern, das Hochfahren eines Lifts. Der Lärm dumpf hinter den verschlossenen Türen. Auf den Fenster­simsen stehen Blumen­gestecke, hier und da brennt eine Kerze. Das Krematorium und Ort der Andacht. Und Verbrennungs­anlage.

Silvana Pletscher, 57, ist seit sieben Jahren Geschäfts­führerin des Krematoriums. Sie organisiert, erstellt Arbeits­pläne, steht in Kontakt mit den Behörden und betreut Angehörige. 2020 unterstützte das Krematorium Bern punktuell auch die Waadt und das Wallis und bewältigte den Arbeits­anfall im Eineinhalb-Schicht-Betrieb.

Im Krematorium Bern schiebt eine Mitarbeiterin den Sarg zum Ofen.
Die Asche wird in beschrifteten Urnen aufbewahrt.

«Der Verbrennungs­vorgang wird elektronisch überwacht. Da stehen Kontroll­nummer und Gewicht des Sargs, aber auch die Temperatur im Ofen.

Wir fahren den Sarg bei ungefähr 750 Grad auf die glühenden Schamott­steine ein. Sobald das Holz die Steine berührt, entzündet sich der Sarg von selber. Das ist die erste Stufe. Sie dauert 50 Minuten. In der zweiten Stufe kommt es zur Nach­verbrennung. Der Ofen wird bis zu über 1000 Grad heiss. Zum Schluss fällt der Knochen­kalk in die Asche­schublade und kühlt ab. Mithilfe von Magneten filtern wir Metalle aus der Asche. Nur medizinische Implantate aus Edel­metallen entfernen wir von Hand – eine Spezial­firma recycelt sie.

Die Urnen sind aus allen möglichen Materialien gefertigt. Wir haben zum Beispiel eine Öko-Urne, die aus einer Zellulose-Lignin-Verbindung besteht. Sie löst sich in der Erde auf. Dann haben wir auch hoch und niedrig gebrannte Urnen aus Ton. Hoch gebrannte Urnen lösen sich nicht auf. Wird jemand im Gemeinschafts­grab beigesetzt, stellen wir eine wieder­verwendbare Urne zur Verfügung. An jeder Urne haftet ein Urnen­zeugnis – es begleitet die Urne bis zum Schluss. Quasi die Quittung.

Das Krematorium ist auch ein Ort für den Abschied. In unseren Aufbahrungs­räumen beherbergen wir die Verstorbenen für ein paar Tage. Manche Angehörigen begleiten den Sarg auch bis vor den Ofen. Während er eingefahren wird, sprechen manche ein Gebet, andere singen oder lesen einen Text vor.

Stirbt jemand an Covid oder an einer anderen Infektion, schreiben wir das auf den Sarg. Wir haben in den vergangenen Monaten immer wieder Anfragen von Medien erhalten. Die Journalistinnen gingen alle davon aus, dass sich bei uns die Särge türmen. So weit ist es zum Glück nicht gekommen. In der Regel hatten wir zwischen 25 und 30 Kremationen am Tag – diese Zahl ist bis Ende Jahr stabil geblieben. Inzwischen sind die Zahlen etwas zurück­gegangen. An einem Arbeitstag von achteinhalb Stunden äschern wir im Durchschnitt 16 Verstorbene ein.»

4. Auf dem Friedhof

An einem Dienstag im April wird Johanna K. beerdigt. Die Familie bahrt ihren toten Körper in einer Aufbahrungs­zelle auf dem Schosshalden­friedhof auf. Ein kleiner Raum, Johanna K. auf der einen Seite, die Familie auf der anderen. Zwischen ihnen eine Glaswand. Eine Woche wird sie hier liegen.

Viel länger geht das nicht, da die Verwesung bald nach aussen tritt. Es ist ein Prozess, der bereits Sekunden nach dem Tod beginnt. Die Muskeln verkrampfen sich, die Leichen­starre tritt ein. Das Immun­system versagt, Darm­bakterien zersetzen die Gedärme. Davon sieht man in den ersten Tagen nichts. Aber weil der Körper das Blut nicht mehr durch die Adern pumpen kann, sammelt es sich an den Körper­stellen, die dem Boden am nächsten sind. Die Haut läuft dort lila an, während der Rest blass bleibt. Haare und Nägel sehen aus, als würden sie weiter­wachsen, weil die Haut austrocknet und schrumpft.

Ein Körper darf frühestens 48 Stunden nach dem Tod verbrannt oder begraben werden – um sicher zu sein, dass der Tote auch wirklich tot ist. So will es ein altes Gesetz. Die Menschen hatten früher besondere Angst, sie könnten lebendig begraben werden. Bis Mitte des 20. Jahr­hunderts hat man den Verstorbenen darum im Sarg einen Klingelzug um die Hand gebunden, damit sie sich im Falle eines Schein­tods aus dem Grab retten konnten.

Erdbestattungen machen noch 10 Prozent aller Bestattungen auf dem Schosshalden­friedhof in Bern aus. Die katholische Gemeinde in Oster­mundigen gehört zum Einzugs­gebiet. Bei Katholiken sind Erd­bestattungen bis heute verbreiteter als Kremationen. Das hat mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung von Jesus zu tun.

Die Friedhofsanlage erstreckt sich über 17 Hektaren. Niklaus Hofers Arbeits­platz liegt hinter der Friedhofs­kapelle. Zwei Türen trennen den Sigrist von den Trauer­feiern. Sobald der Pfarrer sein Signal gibt, spielt Hofer Musik ab. An einem Kasten, der über dem Schreib­tisch an der Wand hängt, kontrolliert er die Temperatur in den Katafalken und Kühlzellen.

«Ich habe einen Sargwagen mit Automatik, den ich allein steuern kann. Der Sarg liegt auf zwei Draht­seilen, mit denen ich ihn ins Grab hinunterlasse. Manche Leute bestehen darauf, den Sarg selber zu tragen. Das ist oft eine kulturelle Frage. Ich fahre sicherheits­halber mit dem Wagen mit. So ein Sarg aus Massiv­holz wiegt um die 80 Kilogramm, plus die Leiche. Das darf man nicht unterschätzen!

Wir haben etwa zwei Beisetzungen pro Tag, freitags manchmal bis zu neun, weil das ein beliebter Tag ist. Wir haben auch ein Pandemie­feld, das bisher zum Glück leer liegt, für einen möglichen Super-GAU, dass plötzlich viele Menschen auf einmal sterben sollten und die Kapazitäten der Krematorien nicht mehr ausreichen. Diese Vorkehrung gibt es auf vielen Friedhöfen – und nicht erst seit der Corona-Pandemie. Da könnten wir dann mehrere Lagen übereinander in langen Reihen beisetzen, die Namens­nennung würde dann erst im Nachhinein erfolgen.

Ein Grab müssen wir regelmässig pflegen. Dreimal im Jahr braucht es eine neue saisonale Bepflanzung, alter Grab­schmuck muss entsorgt werden. Das erfordert Ressourcen, die immer weniger Menschen haben oder aufwenden wollen. Dazu kommen immer mehr Menschen, denen Friedhöfe zu konservativ sind. Das ist ein Image­problem, an dem wir arbeiten müssen.

Eine Alternative sind die Themen­gräber. Bei uns gibt es die Themen Bäume und Sträucher, andere Friedhöfe haben auch Rosen- oder Schmetterlings­gräber. Dem Schosshalden­friedhof gehört ein Stück Wald. Ähnlich wie beim Gemeinschafts­grab gibt es hier wenig zu pflegen, aber der Name steht am Grab, und Angehörige können es besuchen.

Die Gräber heben wir nach zwanzig Jahren wieder auf. Das ist keine besonders lange Zeit, vor allem wenn eine junge Person stirbt. Aber wir brauchen den Platz. Sie können nach zwanzig Jahren natürlich einen neuen Grabplatz kaufen. Dazu empfehle ich Ihnen aber, eine Urne zu wählen, die sich in der Erde nicht auflöst. Der neue Grabplatz wird womöglich woanders sein, und so können wir die Urne einfach neu beisetzen.

Ansonsten bleibt die Urne, wo sie ist. Das neue Grab wird etwas versetzt darüber angelegt. Das Gleiche gilt auch für Särge. Deshalb sind die Gräber heute auch nicht mehr 1,80 Meter tief, sondern nur noch 1,50 Meter.

Trauerfeiern finden im Moment nur im kleinen Rahmen statt. Meistens kommt nur der engste Familien­kreis zum Begräbnis. Ich höre aber von vielen Familien, dass sie das schön finden. Es ist intimer und gibt ihrer Trauer mehr Raum.

Für Beisetzungen in tamilischen Gemeinschaften ist das ein grösseres Problem. Es ist nicht ungewöhnlich, dass mehrere hundert Menschen an eine Beerdigung kommen. Wie soll man sich da auf 50 Leute beschränken?

Vor einigen Wochen starb ein bekannter tamilischer Pastor. Die Angehörigen setzten eine Gästeliste auf und stellten zwei Securitas-Angestellte vor die Kapelle. Dann filmten sie die ganze Trauer­feier auf hoch­professionellem Niveau mit Regisseur, Schein­werfern und verschiedenen Kameras. Das übertrugen sie dann live auf Youtube.»

Auf der Wiese beim alten Gemeinschafts­grab auf dem Schosshalden­friedhof stehen Blumen­gestecke und Kerzen. Darunter sind die Grabplatten mit den Urnen. Angehörige merken sich bei der Beisetzung den Abstand zum Weg, zählen Schritte.

Die Aufbahrungs­zelle neben jener von Johanna K. ist leer. Sigrist Hofer hat sie dennoch geschmückt. Geranien und Orchideen, eine weisse Kerze daneben. Oft bringen ihm Bestatter unangemeldet Verstorbene.

Hofer ist vorbereitet.

Der letzte Gang – auf dem Schosshaldenfriedhof in Bern.

Zur Autorin

Noemi Harnickell ist freie Journalistin. Sie schreibt über Umwelt, Kultur und gesellschafts­politische Themen. Ihre Texte erscheinen unter anderem in der «Zeit».

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