Selbstbewusstsein in Person: Nicola Sturgeon, First Minister of Scotland.

Unsere Nicola

Sie ist als Regierungschefin von Schottland unbestritten. Nach den Wahlen will Nicola Sturgeon ein neues Referendum zur Unabhängigkeit des Landes. Wer ist die Politikerin, an der das Vereinigte Königreich zerbrechen könnte?

Ein Porträt von Julia Smirnova, 07.05.2021

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In der Hand hält sie eine Flasche schottischen Gin, die Augen lächeln über einer Maske mit Karo­muster. Der Tartan muss sein, schliesslich sind wir hier in Schottland. Nicola Sturgeon strahlt Ruhe und Zuversicht aus auf diesen Fotos aus der Wahl­kampagne mitten in der Pandemie.

Sturgeon ist Schottlands Regierungs­chefin, auch genannt: First Minister – Erste Ministerin. Und sie ist die Spitzen­kandidatin der Scottish National Party (SNP). In den vergangenen Wochen kämpfte sie um eine Mehrheit bei der Wahl ins schottische Regional­parlament, gerade wird ausgezählt, was gestern Donnerstag entschieden wurde. Dass Sturgeon im Amt bestätigt wird, ist so gut wie sicher.

Doch Sturgeon will mehr: Schottland soll sich vom Vereinigten König­reich abspalten. Und damit die Union beenden, die seit 1707 zwischen Schottland und England besteht. Bei einer absoluten Mehrheit für die SNP wird Premier­minister Boris Johnson seiner Nemesis Sturgeon ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit nicht verwehren können. Formell braucht es nämlich die Zustimmung von Westminster, damit ein Referendum abgehalten werden kann. Je deutlicher jedoch die Mehrheit der SNP bei dieser Wahl ausfällt, desto stärker wird ihr politischer Hebel auf London.

Nicola Sturgeon steht in den Augen vieler Landsleute für Boden­ständigkeit, Umsicht, sozialen Fortschritt. Als Erste Ministerin verkörpert sie Regierungs­kompetenz und Stabilität in unsicheren Zeiten. Doch gleichzeitig will sie mit der Unabhängigkeit eine radikale Veränderung. Das britische Boulevard­blatt «Daily Mail» bezeichnete sie vor einigen Jahren als «die gefährlichste Frau in Grossbritannien».

Wird an ihr das Vereinigte König­reich zerbrechen?

Zu einem weiteren aktuellen Beitrag über Schottland

Zu den Hinter­gründen des schottischen Systems, der SNP und weiterer politischer Mitspieler in Schottland haben wir hier bereits ausführlich geschrieben: Machen die Schotten dicht?

Die 50-jährige Politikerin widerspricht klassischen Vorstellungen von nationalistischen und separatistischen Politikerinnen. Angefangen beim Programm. Es ist klar sozial­demokratisch.

Ein besseres, gerechteres und solidarisches Land verspricht die ausgebildete Juristin. Doch wie soll das konkret funktionieren? Dazu später.

Blicken wir zunächst zurück.

Einige Wochen vor der Wahl: Sturgeon präsentiert das Manifest ihrer Partei – per Video, vor der schottischen Flagge. Kleidung scharlachrot, Lippen rot, die dunkel­blonden Haare dezent gelegt – das Outfit drückt Selbst­bewusstsein aus, aus dem Rahmen fällt es aber nicht. Ungewöhnlich ist dafür ihre bewusst gewählte Transparenz in der Kommunikation. Ein Schwer­punkt in ihrem Wahlkampf war der Plan für die Erholung Schottlands von der Corona-Krise. «Ich weiss, dass nicht jede unserer Entscheidungen richtig war», sagt sie über die Politik während der Pandemie.

Eigene Fehler offen eingestehen und sich dafür entschuldigen, das ist typisch für Sturgeon. Hier wird der Kontrast zu Boris Johnson besonders deutlich.

Für Sturgeon ist klar: Das grösste Hindernis für ein besseres Schottland sitzt in London; in Gestalt der regierenden Konservativen Partei – der Tories – und des britischen Premier­ministers. Die Regierung in Westminster entscheide über das Verhältnis zwischen Schottland und Europa, kritisiert die SNP. Beim Brexit-Referendum 2016 stimmten zwei Drittel der schottischen Wählerinnen für den Verbleib in der EU. Nun würden diese gegen ihren Willen von Europa abgekoppelt.

Johnson ist in Schottland unpopulär. So unpopulär, dass er sich während der Wahl­kampagne nicht einmal hier blicken liess. Derweil profitiert Sturgeon davon, dass viele auch den Vergleich zogen, ohne dass er persönlich vorbeikam.

Die Pandemie bot auch so genug Gelegenheit.

Johnson ist eine Spielernatur, geht gerne Risiken ein. Zu Beginn der Pandemie schien er die Lage nicht im Griff zu haben, er machte eine Kehrt­wende nach der anderen. Er pokerte hoch und versprach stets viel zu viel, etwa das «weltbeste» Contact-Tracing (das nie richtig funktionierte). Im Herbst 2020 zögerte er zunächst mit einem erneuten Lockdown und kommunizierte anschliessend unklar.

Sturgeon hingegen berichtete täglich in persönlichen Briefings über die Covid-Lage und versuchte, die Massnahmen und die Logik dahinter so gut wie möglich zu erklären. Sie punktete bei der Bevölkerung mit Demut im Angesicht der Jahrhundert­krise. Dabei machte auch die schottische Regierung Fehler. Die Todes­raten sind im Grossen und Ganzen mit anderen Teilen des König­reichs vergleichbar.

Unschlagbar war jedoch Sturgeons Kommunikations­strategie: Im November glaubten 74 Prozent der Schottinnen, dass Sturgeon die Corona-Krise gut bewältigte. Mit Johnson waren nur 19 Prozent zufrieden. Gleichzeitig stieg die Unter­stützung für die Unabhängigkeit auf ein Rekord­hoch von 58 Prozent. Seither hält sich Sturgeon auf dem Podest der populärsten Politikerin des Landes.

Das schüchterne Mädchen aus Irvine

Um ihren Aufstieg zu verstehen, muss man an den Ort fahren, wo ihre politische Karriere begann: Irvine. Das Städtchen liegt an der schottischen Küste, rund 40 Kilometer von Glasgow entfernt. Hier ist sie geboren, im nahe gelegenen Dorf Dreghorn aufgewachsen. Vater: Elektriker. Mutter: Assistentin in einer Zahnarzt­praxis. Die Familie lebte in einer Sozial­wohnung – wie eine Mehrheit der Schottinnen in den Siebzigerjahren.

Als 16-Jährige las Nicola Sturgeon viel, hörte Duran Duran, ging samstags Schlittschuh laufen. Sie trug gerne schwarze Doc Martens und einen schwarzen Mantel. Ein normaler Teenager in den Achtzigern also, wenn auch ein ruhiger: Sehr ernst sei sie gewesen und sehr schüchtern, erinnert sich Marie Burns, Gemeinde­rätin in Irvine und bis heute mit der Ersten Ministerin befreundet. Die bescheidenen Verhältnisse ihrer Jugend streicht Sturgeon nicht besonders heraus – doch sie sind ein Grund, warum sich viele Schotten mit ihr identifizieren können.

Politisiert von Margaret Thatcher: Nicola Sturgeon mit 21 Jahren, als Kandidatin der Scottish National Party in Glasgow Shettleston für die Unterhauswahl. PA Images/Getty Images

Irvine ist immer noch nicht wohlhabend. Die Gegend gehört zu den am stärksten benachteiligten Regionen Schottlands. Ein Hafen, um die Stadt herum sanfte Hügel. Die Innenstadt: Beton­klötze und ein Einkaufs­zentrum. Die Gebäude wurden in den 1970er-Jahren aus dem Boden gestampft, als mehrere Gross­unternehmen hierhin­zogen. Es brauchte Sozial­wohnungen für die Arbeiter.

1979 war Margaret Thatcher mit ihrem ultraliberalen Wirtschafts­programm an die Macht gekommen. Auch in Irvine verloren Menschen ihre Arbeit, es traf auch Eltern von Sturgeons Freunden und Schul­kameradinnen. Heute sagt sie in Interviews, dass sie wegen Thatcher in der Politik gelandet sei: «Ich hasste alles, wofür sie stand. Das war der Ursprung meines Nationalismus. Ich hasste die Tatsache, dass sie das tun konnte, was sie tat; doch ich kannte in meinem Leben niemanden, der für sie gestimmt hatte.»

Sie wollte das Gegenteil von Thatcher sein.

«Die Thatcher-Jahre waren eine sehr aufwühlende Zeit», erinnert sich ihre Freundin Burns. Regel­mässig habe sie sich mit ihrer kleinen Tochter, der jungen Nicola und einer weiteren Mitstreiterin in den grünen Hillman Hunter gesetzt: «Jedes Mal, als eine Fabrik geschlossen wurde, sind wir hingefahren, um dagegen zu demonstrieren.»

Es gibt ein Lied des schottischen Duos The Proclaimers, das von der Auswanderung in der Thatcher-Zeit handelt: «Letter from America», und darin heisst es: «Irvine no more» – nie wieder Irvine:

When you go, will you send back a letter from America?
Take a look up the rail track from Miami to Canada
Bathgate no more, Linwood no more
Methil no more, Irvine no more

Sturgeon würde später einmal sagen: «Dieses Lied, das ist der Sound­track für mein politisches Erwachen geworden.»

Doch dem Erwachen folgte die Ernüchterung: Mit 16 arbeitet Sturgeon als Wahl­helferin der SNP-Kandidatin aus Irvine, Kay Ullrich. Dass diese 1987 nicht ins britische Parlament gewählt wurde, enttäuschte sie. Später kandidierte sie mehrfach selbst und verlor jedes Mal gegen den Labour-Kandidaten. In Schottland witzelte man damals, dass die Labour-Stimmzettel nicht gezählt, sondern gewogen würden. «Es war frustrierend», sagt Marie Burns. «In jedem Wahlkampf wussten wir, dass wir verlieren werden.» Sturgeon lernte früh, mit politischen Nieder­lagen umzugehen.

Doch dann ging es plötzlich aufwärts: 1999 wurde das schottische Regional­parlament nach einer Dezentralisierungs­reform in Gross­britannien neu eingerichtet. Die junge Politikerin aus Irvine wurde Abgeordnete. Die SNP etablierte sich als regierungs­fähige Partei links der Mitte und bot enttäuschten Labour-Anhängern eine neue Gemeinschaft. Der Pitch: Die wirkliche Sozial­demokratie sei schottisch – und nicht von England importiert.

«Menschenleben waren für sie wichtiger als die Wirtschaft»

Besuch im Wahlkreis Glasgow Southside: Er ist fest in Sturgeons Hand; bei der letzten Wahl bekam sie hier 61 Prozent der Stimmen. Der Wahlkreis ist vielfältig, es gibt wohlhabende Villen­quartiere und ärmere Viertel. Pollokshields East ist Letzteres. Hier leben überwiegend pakistanische Einwanderer­familien.

Auf vielen Schaufenstern von Barbieren und Läden mit bunten Süssigkeiten kleben rote Plakate des Labour-Kandidaten Anas Sarwar. Sein Vater war hier in den Achtzigern Stadtrat, später wurde der aus Pakistan eingewanderte Unter­nehmer zum ersten muslimischen Abgeordneten Gross­britanniens. Viele wählen hier deshalb Labour. Wie der ältere Metzger Rafiq, der sagt, die Sarwars kenne er schon so lange. Doch viele Jüngere, die in seiner Metzgerei einkaufen, wollen Sturgeon wählen – «unsere Nicola».

Farzana ist 62 und arbeitet in einem Shop der Wohltätigkeits­organisation Islamic Relief. Auch sie will diesmal Sturgeon wählen. «Ich stimmte mein ganzes Leben für Labour, aber dieses Mal werde ich die SNP wählen», sagt sie. «Die Pandemie hat alles verändert. Wir haben gesehen, dass sich Nicola um einfache Menschen kümmert. Menschen­leben waren für sie wichtiger als die Wirtschaft.» Beeindruckt habe sie der Besuch der Politikerin in ihrem eigenen Laden während des Wahl­kampfs: «Sie hörte sehr aufmerksam zu.» Es sei ihr nicht um sich gegangen, sondern «um uns», sagt Farzana.

Kommunikation und Empathie. Diese Fähigkeiten hat Sturgeon im Laufe ihrer politischen Karriere bewusst ausgebildet. Früher wurde sie als nippy sweetie bezeichnet – so nennen sie in Glasgow eine junge Frau, die viel redet, angriffig und direkt ist. Sie habe damals unbewusst das aggressive Gebaren der Männer im Polit­betrieb nachgemacht, sagte Sturgeon kürzlich: «Ich habe mich dem Umfeld angepasst.»

Das Umfeld? Weisse Männer mittleren Alters, erklärte Sturgeon und fügte hinzu, sie sei «angetrieben von einer Versagens­angst, die für die Arbeiter­klasse typisch und sehr schottisch ist». Ihre Angriffigkeit richtet sie heute noch gegen politische Gegner. Ansonsten aber propagiert sie eine Politik der kindness – sozusagen der Menschen­freundlichkeit. Privat sei sie zurück­haltend und schüchtern, sagen Menschen, die sie gut kennen. «Sie wirkt wie eine durch­schnittliche Frau, und das ist eine sehr starke politische Qualität», findet Gerry Hassan, ein schottischer Politik­kenner aus ihrem Wahlkreis. Er forscht an der University of Dundee im Bereich zeitgenössischer schottischer Geschichte.

Damit stellt sich Sturgeon in eine Reihe mit anderen weiblichen Regierungs­chefinnen, etwa Jacinda Ardern in Neuseeland oder Sanna Marin in Finnland. Sie alle verorten sich links der Mitte, fokussieren auf sozialen Fortschritt. Was sie jedoch am spürbarsten von anderen Regierungs­chefs unter­scheidet: ihre ruhige Art, Politik zu machen, das Gegenteil charismatischer Alpha­männer wie Boris Johnson, Donald Trump, Jair Bolsonaro.

Ein Drama, das Sturgeon fast das Amt kostete

Genau so ein charismatischer Alphamann hat Sturgeons Karriere kürzlich gefährdet. Er heisst Alex Salmond, ist ehemaliger Chef der SNP und ehemaliger Erster Minister Schottlands – ihr Vorgänger.

Sie war seine Stellvertreterin, in der Partei wie auch in der Regierung. Jahrelang bildeten die beiden ein unzertrennliches Duo: Der charmante und visionäre Salmond und die detail­verliebte, pflicht­bewusste Sturgeon ergänzten sich scheinbar perfekt. Als die SNP 2014 das erste Referendum über die Unabhängigkeit knapp verlor, trat Salmond zurück. Sturgeon übernahm.

Eine enge politische Beziehung, die heftig in die Brüche ging: Nicola Sturgeon mit Alex Salmond, ihrem Vorgänger an der Spitze der SNP. David Cheskin/PA Images/Getty Images

Die Entfremdung begann 2017, als Salmond bei Russia Today eine eigene TV-Show übernahm und Sturgeon ihn dafür öffentlich kritisierte. Kurz darauf erreichte #MeToo die schottische Regierung – und mittendrin stand Salmond.

Er habe mehrere SNP-Beamtinnen und -Mitarbeiterinnen begrapscht und zu vergewaltigen versucht, so die Vorwürfe. Die schottische Regierung unter Sturgeon leitete eine interne Untersuchung ein. Es folgten polizeiliche Ermittlungen, Salmond kam vor Gericht. Im Frühling 2020 wurde er, teilweise mangels Beweisen, freigesprochen, und er begann einen Rache­feld­zug gegen seine ehemalige Verbündete, weil diese ihn partei­intern nicht in Schutz genommen hatte.

Die schottische Regierungs­chefin geriet von mehreren Seiten unter Druck. Salmond warf ihr ein Komplott vor, andere fragten laut: Wie kann es sein, dass Sturgeon nicht früher vom Fehl­verhalten ihres Chefs und Mentors wusste?

Während der Anhörungen im Parlament hatte sie Daten und Treffen durch­einander­gebracht. Die sonst für ihre Genauigkeit bekannte Sturgeon sagte, sie habe Details vergessen. Damit habe sie gegen den Ministerial Code verstossen – gegen die Verhaltens­regeln für Regierungs­mitglieder –, ätzte die Opposition. Und forderte den Rücktritt.

Ein juristisches Gutachten wurde erstellt und kam zum Schluss: Sturgeon hatte nicht absichtlich Fehler gemacht und keinen Einfluss auf die Unter­suchung gegen Salmond genommen. Doch der Skandal wirkt nach. Kurz vor der Wahl gründete Salmond eine eigene Partei.

Zudem warf die Affäre ein Licht auf den SNP-Filz: Sturgeons Mann, Peter Murrell, ist Geschäfts­führer der Partei. Entscheidungen in der SNP würden in einem kleinen Kreis getroffen, heisst es. «Auch Menschen in der Partei, die sicher nicht zu Querulanten gehören, werden dadurch in den Wahnsinn getrieben», sagt Politik­kenner Gerry Hassan. «Murrell ist ein sehr talentierter Mann, warum konnte er nicht zur Seite treten, als sie Partei­vorsitzende wurde? Er hätte zu einer schottischen NGO gehen können.»

Machtkonzentration also. Damit halte die Erste Ministerin – die zum Mikro­management neigen soll – die Partei unter Kontrolle, sagt Hassan. Doch da gebe es ein noch grösseres Problem: «Es gibt eine Diskrepanz zwischen der glänzenden Rhetorik der SNP und der alltäglichen Erfahrung der Menschen.» Die Partei ist inzwischen seit 14 Jahren an der Macht in Schottland. Für Bereiche wie Gesundheits­wesen und Bildung sind die Regional­regierungen zuständig. Doch ausgerechnet hier gibt es anhaltende Probleme.

Schottland hat die niedrigste Lebens­erwartung in Gross­britannien. Nirgendwo in Europa gibt es so viele Drogen­tote pro Kopf wie hier. Und zwischen den Leistungen von Schülerinnen aus armen und aus reichen Familien gibt es grosse Unterschiede. Dabei hatte Sturgeon bereits bei den letzten Wahlen versprochen, diese Ungleich­heiten zu reduzieren.

Und was passiert, wenn es zur Unabhängigkeit kommt? Dann wirft die konkrete Umsetzung Fragen auf:

Wenn Schottland der EU beitritt – wie soll dann die Grenze zu England aussehen? Schliesslich sind andere Teile des König­reichs die wichtigsten Handels­partner Schottlands. Soll Schottland eine eigene Währung bekommen? Kann es sich das Land überhaupt wirtschaftlich leisten, unabhängig zu sein? Forscher der London School of Economics rechneten aus: Die Unabhängigkeit könnte die schottische Wirtschaft zwei- bis dreimal härter treffen als der Brexit.

Auf diese Fragen hat Sturgeon keine Antworten. Zumindest keine befriedigenden. Kurz vor der Wahl gab sie in einem BBC-Interview zu: Sie habe noch keine wirtschaftlichen Modell­rechnungen über die Folgen einer Unabhängigkeit durchgeführt. Das werde man später tun – vor dem Referendum. Also nach der Wahl.

Der Wahlsieg ist das eine. Falls es in der Folge tatsächlich zu einem Referendum kommen sollte, so müsste Sturgeon überzeugend gewinnen. Und dafür braucht sie mehr als das Versprechen einer solidarischen Nation.

Zur Autorin

Julia Smirnova arbeitete als Korrespondentin in Moskau und ist heute als freie Journalistin in London tätig. Sie schreibt unter anderem für deutsch­sprachige Medien wie «Der Spiegel», «Zeit online» und «Welt».

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