Kein Stimmrecht in den eigenen vier Wänden

Am Sonntag ist Muttertag. In einem Jahr, in dem die Schweiz auf 50 Jahre Frauen­stimmrecht zurückblickt. Was das eine mit dem anderen zu tun hat – ein persönlicher Essay.

Von Jurczok 1001, 07.05.2021

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Für ihn war einst jeder Tag Muttertag: Der Autor mit seiner Mama im zürcherischen Au, 1977. privat

Viele der Geschichten kannte ich bereits, aber an diesem Tag, am Muttertag, haben sie eine zusätzliche Dimension bekommen. Plötzlich habe ich nicht mehr nur meine Mutter gesehen, wie sie in der Küche steht, den Knopf der Schürze im Rücken, ihren Oberkörper gerahmt vom Küchen­fenster, das Rüst­messer in der rechten Hand, dessen Griff mit Tesafilm zusammen­geklebt ist und das sie um keinen Preis der Welt ersetzen würde, weil es in der Hand liegt wie kein anderes, eben genau richtig! – plötzlich habe ich in diesen Geschichten auch die Schweiz der 60er- und 70er-Jahre gesehen.

Vielleicht, weil Mama einen Satz gesagt hat, den ich aus ihrem Mund noch nie gehört habe. Sie sagte ihn beiläufig, etwas abwesend, während sie die flache Plastik­kelle vorsichtig unter das Goldbutt­filet schob, damit die dünne Haut beim Wenden nicht an der Pfanne kleben bleibt – das Kochen hatte Vorrang.

Ja, Mama kocht am Muttertag. Goldbutt­filet mit Wildreis, dazu grüne und weisse Spargeln. Und nein, ich helfe ihr nicht, Mama lässt sich beim Kochen nicht helfen. Auch nicht am Muttertag. Das lässt sich nicht mehr ändern. Die Handgriffe sind so eingespielt, dass die kleinste Abweichung nur unnötige Aufregung bringt. Und das soll gerade am Muttertag vermieden werden. Es ist ihr also am meisten geholfen, wenn ich in meiner Ecke sitze und lese.

Das mach ich lieber allein, sonst muss ich es nur zweimal machen, würde Mama sagen. Küchen­ökonomie. In einer Küche, in der man sich kaum um die eigene Achse drehen kann, geschweige denn noch um eine zweite. In einer Küche, in der Ablage­flächen schlecht geplant und Stauräume kaum vorhanden sind.

Ich sitze also an meinem Platz am Küchentisch, hier bin ich ihr nicht im Weg. Ich lese die Zeitungs­artikel, die sie mir bereitgelegt hat, wie sie das immer macht, wenn ich zu Besuch komme. Kunst und Politik. Literatur und Geschichte. Das ist unsere Rollenteilung. Mama kocht, streut ab und zu eine Bemerkung zu den Artikeln ein, während es unter ihren Händen zischt und dampft. Ich lese, halte mich mit ausführlichen Antworten zurück, weil auch das Reden die Suppe versalzen kann, beziehungs­weise den Fisch anbrennen lässt – geredet wird beim Essen. So haben wir das eingeübt.

Und deshalb lasse ich den Satz unkommentiert im Raum stehen, den Mama mehr zu den Pfannen sagt als zu mir: Papa hat mich behandelt wie die Schweizer ihre Frauen – ich hatte kein Stimmrecht.

Mama schüttelt den Kopf, gemeint ist jetzt die Migros, die nicht mehr ist, was sie einmal war. Und bevor ich etwas von Bioladen und Markt besser wissen könnte, sagt Mama, die Radieschen von Aldi sind nicht nur billiger, sondern auch besser. Ich musste seinerzeit mit 600 Franken im Monat auskommen. Da lernst du, auf die Preise zu achten. Gerade bei Radieschen, du weisst, Papa liebte Radieschen.

Wie ist der Goldbutt?

Ich lobe den Dill und die Buttersauce. Mama freut sich am heissen Reis. Der Reis muss heiss sein. Das klappt im Restaurant nie. Bis die Teller auf dem Tisch stehen, ist der Reis schon wieder kalt.

Und ich weiss, ohne dass sie es noch einmal erzählt, dass sie in diesen Jahren keinen einzigen Kaffee auswärts getrunken hat. Dass der Reis in den Restaurants kalt serviert wird, hat auch etwas Gutes: Man kommt erst gar nicht auf die Idee, etwas zu wollen, das man sich ohnehin nicht leisten kann.

In meinem Geburtsjahr, 1974, kostete ein Café crème 1 Franken 80. Mit einem Kaffee auswärts konnte man zu Hause ein Mittagessen kochen. Der Kaffee auswärts war die Einheit, in der Mama rechnete. Und sie wusste, je länger sie in der Küche stand, desto preiswerter wurde das Essen. Küchen­ökonomie, Kapitel zwei, Zeit-Leistungs-Verhältnis: Je mehr Zeit die Hausfrau in das Kochen und Backen investiert, desto mehr hat das Familien­portemonnaie davon.

Klammer auf: Eine Packung ganze Mandeln ist billiger als eine Packung gemahlene Mandeln. Also: ganze Mandeln kaufen, Mandeln aufkochen, Mandeln einzeln enthäuten, Mandeln mahlen. Es ist ausserdem ein schönes Gefühl in den Fingern der Hausfrau, wenn die nackten Mandeln aus der Haut schiessen. Das Aroma der frisch gemahlenen, feuchten Mandeln lässt sich nicht vergleichen mit den trockenen, geriebenen Mandeln aus der Packung. Kein Zweifel! So gut, wie die selbst gebackenen Vanille­gipfeli sind, kann ein Kaffee auswärts gar nicht sein! Klammer zu.

Fertigprodukte sind das Schlimmste. Da driftet das Zeit-Leistungs-Verhältnis vollends auseinander. Die Zeit für vier Maggi-Quick-Lunchs ist so teuer, so viel Leistung kann sich selbst Mama nicht leisten. Denn die Zeit, um das Geld für vier Quick-Lunchs durch noch mehr Selberkochen wieder hereinzuholen, hat Mama nicht. Die Zeit wird ja auch woanders gebraucht: Betten machen, Staubsaugen, Wäsche waschen, Wäsche bügeln, Möbel­politur auftragen, Kleider abändern …

Die 50 Rappen für das Postauto ins Dorf­zentrum legte Mama auf die Seite. Sie ging zu Fuss in die Migros. Zeit sparte sie damit nicht. Ins Dorf runter: eine Viertelstunde. Mit den vollen Einkaufs­taschen wieder hoch: zwanzig Minuten. Auto? Ja, gute Idee!

Ein Auto fuhr mit Papa zum Arbeitsplatz und stand dann den ganzen Tag auf dem Firmenparkplatz.

Der Mann (Papa) fährt mit einem Auto zur Arbeit. Die Frau (Mama) geht zu Fuss zum Einkaufen. Kommt der Mann (Papa) von der Arbeit nach Hause, steht das Eingekaufte – der Reis ist heiss! – auf dem Tisch. Auch dann, wenn Papa viel zu spät (manchmal gar nicht) zum Abend­essen erscheint.

Bleiben wir bei der Zeit, beim möglichen Geld also. Das Geld, das der Mann verdient und der Frau gibt, hat einen eigenen Namen: Haushalts­geld. Das ist das Geld, das die Frau, also Mama, für den Haushalt bekommt. Nicht für die Zeit, die die Arbeit im Haushalt in Anspruch nimmt, nein, nein, für den Haushalt an sich: für Essen, Putzmittel und Kleider.

Haushalt. Das klingt so aufgeräumt. So unpersönlich. Beinahe so, als würde er sich von selbst erledigen. Ganz automatisch. Kein Wunder, regt sich Papa auf, wenn er ausnahms­weise etwas davon mitbekommt: Musst du gerade jetzt staubsaugen? Das ist doch gar nicht nötig! An einem Samstag! Staubsaugen!

Anfang Monat legte Papa jeweils ein Couvert mit 600 Franken auf den Küchen­tisch. Mehr war in dieser Zeit für den Haushalt nicht drin. Die Eigentums­wohnung musste abbezahlt werden. Das Auto musste abbezahlt werden. Und da ist er wieder, Mamas Stimmrechts­vergleich: Der Wohnungs­vertrag lautete nur auf Papas Namen. Das hat Mama erst viel später erfahren. Beim Unterschreiben war sie nicht dabei. Das war damals keine unübliche Praxis.

Beides, Auto und Kaufvertrag, hätte man anders regeln können. Wenn Mama in die Entscheidungen miteinbezogen worden wäre. Wenn sie etwas zu sagen gehabt hätte. Wenn sie, im engeren Sinne, ein Stimmrecht gehabt hätte, ein Stimmrecht in den eigenen vier Wänden.

Einbürgerung war kein Thema. Viel zu teuer. Und darum ging es ihr auch gar nicht.

Mama hat einen Umschlag mit zwei Fotos wiedergefunden, die sie schon lange vergessen hatte: zwei fast identische Fotos, zwei Fotografen­fotos. Sie trägt ein weisses Top, die Haare sind hochgesteckt. Eine junge Frau Anfang zwanzig, gerade in der Schweiz angekommen. Neugierig, aufgeweckt, keck. Die erste Stelle im Ausland! 1963. Sie hatte sich von Regensburg aus bei der Sulzer AG in Winterthur beworben und wurde prompt genommen. Mama hält die beiden Bilder in den Händen, schaut sich selbst an, prüfend, nachdenklich. Ich weiss nicht, wohin ihre Gedanken dabei schweifen. Mama ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet.

Die Firma, in der Papa arbeitete, lag direkt beim Bahnhof Au. Von unserer Überbauung am Hang fuhr das Postauto in sechs Minuten zum Bahnhof Wädenswil. Die Zugverbindung Wädenswil–Au dauerte drei Minuten. Fussweg und Wartezeit eingerechnet, wäre Papa in rund zwanzig Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bei der Arbeit gewesen.

Mama lief in der gleichen Zeit vom Dorf nach Hause. Dafür verlernte sie das Autofahren. Und selbst wenn man berücksichtigt, dass Papa das Auto an gewissen Tagen für Kunden­besuche brauchte: Absprechen wäre möglich gewesen. Aber Absprechen passte damals nicht zu einem Mann (Papa). Oder müsste ich sagen: Absprechen hätte dem Mann (Papa) nicht in den Kram gepasst?

Im Strandbad von Wädenswil. privat

Zurück zum Haushaltsgeld. 600 Franken, über die Mama verfügen konnte und die sie sich einteilen musste. Kein einziges Mal ging ihre Rechnung nicht auf. Kein einziges Mal musste sie vor Monats­ende bei Papa um Geld betteln. Darauf ist sie bis heute stolz. Man hat ja von Frauen im Quartier gehört, die nicht haushalten, nicht wirtschaften konnten.

Doch dann geschah das Unvorher­gesehene: Mama musste zum Zahnarzt.

Sie brauchen eine Brücke!

Eine was? Und viel wichtiger: Was kostet eine Brücke?

Mama wärmt den Reis noch einmal auf, giesst etwas Weisswein in die Dill-Butter-Sauce, rührt mit dem stumpfen Holzlöffel auf dem Teflon. Es gehört zu den Eigenheiten des Alters, dass man über das Durchgemachte schmunzeln kann. Schmunzeln ist nicht das richtige Wort. Irgendwie hat sie es geschafft. Und jetzt stossen wir an, alles Gute zum Muttertag, Mama!

Mama musste also Papa fragen, ob sie, ob sie beide, konkret: ob Papa sich diese Brücke leisten kann. Papa antwortete knapp:

Wie wärs mit Arbeit?

Ich wusste nicht, wo ich das hinschlucken soll, sagt Mama heute, Jahrzehnte später.

Sie hatte vielleicht gerade die Schürze umgebunden, und der Küchen­ventilator dröhnte über den Pfannen. Vielleicht stand sie auf dem Balkon neben dem Vogel­häuschen und sah den Meisen­knödel im Abendwind baumeln, dieses gelbe Netzchen mit der angepickten Futtermasse. Sicher musste sie irgendwohin mit ihren Gedanken, und ebenso sicher musste alles wie gewohnt weiterlaufen. Das war bei Papa ganz wichtig. Alles musste laufen wie geschmiert.

Wie wärs mit Arbeit?

Arbeit. Sicher. Nur welche? Sie hatte ja bereits alle Hände voll zu tun. Und an dieser Stelle erwähnt Mama jeweils den Herrgott, der ihr immer dann, wenn es keinen Ausweg mehr gab, eine Tür öffnete. Zuerst im Kopf.

Eine Nachbarin fiel ihr ein, die samstags im Globus in Zürich arbeitete. Das könnte sie doch auch, und sie ging die Geschäfte entlang der Zuger­strasse durch.

Im Haushalts­geschäft, in dem Mama selbst nie etwas kaufen würde, brauchten sie niemanden. Aber die Frau im Kiosk meinte, ja, eine Verstärkung wäre ideal. Da wäre nur eine Sache: Es gebe keine Toilette. Man müsse dafür rasch ins Wirtshaus auf der anderen Strassen­seite. Mama stellte sich die Mannsbilder am Stammtisch vor, ihre Blicke, ihre Sprüche.

Sie fragte im Lampen­geschäft gegenüber der ABM, und als sie meinte, sie könne auch samstags arbeiten, strahlte der Geschäftsführer der Brupbacher AG über das ganze Gesicht: Sie können gleich nächste Woche beginnen. Die Frauen, die sich bisher vorgestellt haben, können am Samstag alle nicht – da will sie der Mann zu Hause.

Papa hatte nichts dagegen, dass Mama arbeiten wollte. Er hatte es ihr ja selbst nahegelegt. Andere Männer aus der Nachbarschaft wollten das auf keinen Fall. Man könnte daraus schliessen, sie würden nicht genug verdienen.

Seit Dezember 1980 arbeitete Mama also zwei Tage die Woche als Verkäuferin.

Ja, Papa war tatsächlich damit einverstanden – aber auf seine Weise. Und davon erzählte mir Mama an jenem Muttertag zum ersten Mal.

Es hatte damit begonnen, dass Papa meinte, am Samstag­vormittag wolle er ausschlafen und gefälligst keinen Wecker hören. Er verbot Mama, einen Wecker zu stellen. Mama sollte also möglichst lautlos aufstehen.

Mein Bruder, der zum Glück ein Frühaufsteher war, klopfte dann jeweils ganz leise an die Schlafzimmer­wand, um sie zu wecken. Als sie einmal aus der Morgen­dusche kam, fragte Papa, ob sie für den Lampen­laden duschen müsse, und wurde konkreter, als sie an einem Freitag­abend die Nägel feilte: ob sie das für ihren Chef mache.

Der Zahnarzt war übrigens grosszügig. Mama durfte in Raten zahlen. Sie verdiente 450 Franken im Monat. Einen Haufen Geld, wie sie sagt. Doch bevor sie die Brücke bekam, machte Mama eine Liste: was mein Bruder und ich brauchten. Wofür das Haushalts­geld aber bei weitem nicht reichte.

Für den Muttertags­kaffee setzen wir uns ins Wohnzimmer. Mama hat einen Streusel­kuchen gebacken, Rahm geschlagen. Und bevor sie mir einen weiteren Stapel mit gesellschafts­politischen Artikeln hinlegen kann, sage ich: Nein, Mama, danke, für heute ist genug.

Zum Autor

Jurczok 1001, mit bürgerlichem Namen Roland Jurczok, ist Autor, Sänger und gehört zu den Spoken-Word-Pionieren der Schweiz. Seit 1996 gab es zahlreiche Performances von ihm, unter anderem am woerdz Luzern, im Kaufleuten Zürich, beim Poesie­festival Berlin und im Deutschen Haus at NYU. Tourneen in Indien und Russland. 2018 erschien «Spoken Beats», eine Sammlung seiner Spoken-Word-Texte in der Edition Patrick Frey Zürich.

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